Die seltsame Entstehung von (meinen) erotischen Geschichten

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julia07
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Die seltsame Entstehung von (meinen) erotischen Geschichten

von julia07 (28.10.2007, 07:14)
Als Autorin von erotischen Geschichten wird mir sehr oft die leidige Frage gestellt, ob ich "das auch alles selbst erlebt" habe. Genauso regelmäßig frage ich dann zurück, ob sie denn annehmen würden, dass ein Kinderbuchautor auch auf Besen reiten, sich in einen Zwerg oder eine alte Hexe verwandeln würde, um einen einigermaßen glaubhaften Text zustande zu bringen.

Da auch diese Erklärung die Neugier selten befriedigt, kommt dann meistens die nächste Frage: "Ja und wie kommt man denn dann auf all diese Geschichten?"

Ich erkläre meinen Zuhörern dann immer, dass es für mich tagtäglich viele Ideenquellen gibt. Oft sind das Fotos, TV-Spots, Menschen, manchmal ist es nur ein einziges Wort, das mir die Idee zu einer erotischen Geschichte gibt. Natürlich sage ich dann auch immer, dass ich aus diesem Stoff auch andere Geschichten machen könnte, mich interessiert aber nun mal dieses Thema.

Obwohl ich mir immer viel Mühe mit meinen Erklärungen gebe, bin ich in den Augen vieler sicher nicht wirklich "normal".

Nun war ich zufällig kürzlich mit einer guten Bekannten, die einige der Diskussionen miterlebt hat und sich immer wieder, genauso wie ich, über diese seltsame Neugier amüsiert, auf einem Kramermarkt (Jahrmarkt). Wir hatten einen Glühwein getrunken und bummelten bestens gelaunt durch die Budengassen mit den üblichen Ramschangeboten und machten zwischendurch unsere ironischen Bemerkungen zu den Dingen, die dort feilgeboten wurden.

Und dann standen wir vor dem Stand, vor dem seit Jahrzehnten einfach alle stehen: dem Vogeljakob!
Unserer war relativ jung, etwas rundlich, hatte eine verdächtig rot eingefärbte Gesichtsfarbe und erfreute die Zuschauer mit den gleichen dämlichen Sprüchen, wie es alle seiner Kollegen seit eh und je tun. Alles war uns vertraut, nur der Name nicht, denn er hieß nicht "Vogeljakob", sondern "Vogelpfeifer".

Natürlich machten wir uns auch hierüber lustig und plötzlich vertat sich meine Freundin in einem Wort und sagte versehentlich "Vögelpfeifer". Daraus ergab sich sehr schnell bei mir die Kombination: "Mit dem Vogelpfeifer vögeln", die ich mir umgehend in mein kleines Büchlein, das ich ständig mit mir herumschleppe, aufschrieb. Da sagte meine Begleiterin sofort: "Jetzt habe ich selbst erlebt wie Du Ideen sammelst! Wenn das die anderen hören..."

Ja, so einfach ist das mit der Fantasie!

hwg
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Re:

von hwg (28.10.2007, 08:44)
Bei der von Lesern immer wieder angestellten Gleichung Autor = Text = Autorenrealität muss ich, darauf angesprochen, stets schmunzeln.

"Glaubst Du, dass jeder Krimi-Autor tatsächlich eine echte Leiche im Keller hat?" antworte ich dann und hoffe, dass der Leser bzw.
Fragensteller kapiert, was ich meine.

Besonders lustig ist es nach eine veröffentlichten Glosse mit fiktiven Personen. Es sprechen mich dann Passanten deswegen an und wollen unbedingt wissen, welche reale Person aus seiner (unserer) Umgebung wohl gemeint sei?

Manche Leute haben einen gewissen Zeitgenossen dann bereits derart "fixiert", dass alle meine Beteuerungen, es handle sich um keine real existierte Person, sondern um ein Beispiel von Verhaltenweisen, als nicht glaubwürdig angesehen werden.

Was bleibt mir da anderes übrig als zu :lol: ?!

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PvO
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Re:

von PvO (28.10.2007, 09:11)
:lol: :lol: :lol:
"Ja und wie kommt man denn dann auf all diese Geschichten?"

Von diesem Satz kann ich ein Lied singen. Erst gestern sollte ich diese Frage wieder beantworten. In meinem Erstling beschreibe ich eine Republikflucht und prompt war die Dame der Meinung, ich sei früher in den Westen abgehaun und wieder gekommen. Sie wollte wissen warum?
Das Lektorat schrieb in einem meiner Bücher: Der Autor hat wieder seine Kenntnisse als ehemaliger Elitesoldat eingebracht. Stimmt ja auch, das war ich mal, aber prompt kam die Annahme, dass ich den Inhalt jenes Buches selbst erlebt haben muss.

g.c.roth

Re:

von g.c.roth (28.10.2007, 09:32)
Hallo Julia,
ich überlege jetzt gerade, ob wir nicht mit Joanas Text ähnlich umgegangen sind. Wir haben sofort angenommen, dass der Text mit ihrer Meinung identisch ist. Abgesehen davon, dass sie die Vermutung bestätigt hat, haben wir doch genauso die Autorin mit dem Text in eine Schublade gesteckt. Oder bin ich da auf dem Holzweg? :?

LG Grete

hwg
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Re:

von hwg (28.10.2007, 09:43)
Viele Autor(inn)en kehren in ihren Geschichten ja ihr "Innenleben" derart deutlich nach außen und bestätigen manchmal auch auf Anfragen hin, dass "alles so gewesen ist, wie ich es beschrieben habe", weshalb von "Fiktion" tatsächlich nicht viel übrig zu bleiben scheint.

Derartige Texte mögen als Selbsttherapie ja Bedeutung haben, den Leser langweilen sie aber nicht selten. Besonders fällt mir das immer wieder bei so genannten Liebesgedichten auf, die vielfach auf die eine und selbe Art Seelenschmerz und Herzeleid in sattsam bekannte Formen gießen, wobei die Sprachkunst oft auf der Strecke bleibt.

Wie immer - rare Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel! :lol:

julia07
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Re:

von julia07 (28.10.2007, 10:13)
Hallo Grete,
nach Deinem, nicht ganz unberechtigten, Einwand, habe ich mir den Beitrag noch einmal angesehen.

Nein, das war schon O.K. so, denn nichts deutet darauf hin, dass es eine reine Textvorstellung wäre. Ich nahm, nach kurzem Überlegen an, dass es eine sehr persönliche "Meinung" sei.

Wenn ich einen Text zur Diskussion stellen würde, dann würde ich es so machen, wie viele Kollegen hier bei uns. Sie stellen einen Text vor, erklären vielleicht noch, worum es sich dabei handelt oder woher er ist und fragen, was die Allgemeinheit davon hält. Das wäre unmissverständlich!

Obwohl das jetzt in die berühmte Hose ging, hat Joana ja auf unser Gemoser prima reagiert :wink:

LG, Julia

hwg
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Re:

von hwg (28.10.2007, 10:52)
Autoren, die ihre veröffentlichten Texte "erklären müssen", sollten diese besser vorher so gestalten, dass keinerlei Erklärung notwendig ist. Oder?

julia07
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Re:

von julia07 (28.10.2007, 10:55)
Naja, ich dachte eher an Texte, die man nicht selbst geschrieben hat oder an Fragmente, die aus einem Buch oder so entnommen sind. In diesen Fällen würde ich immer eine Erklärung dazu geben, sonst gibt es automatische Mißverständnisse cheezygrin

Julia

hwg
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Re:

von hwg (28.10.2007, 11:20)
Klar, da schon, am besten die Quellenangabe (schon wegen des (c)) :lol:

Versailles
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Re:

von Versailles (04.11.2007, 14:38)
Hallo zusammen

ja, es ist wirklich seltsam mit der Liebe. Ihr habt es ja schon geschrieben: ein Krimiautor verbirgt keine Leiche im Keller.
J.K. Rowling fliegt nicht auf dem Nimbus 2000 zum Bäcker. Autoren von hist. Romanen haben keine Zeitmaschine in der Handtasche. Nur bei der Liebe glaubt wohl jeder, man greife auf eigene Erfahrungen zurück (ich meine Liebesszenen in Romanen, keine Herz-Schmerz-Gedichte).

Ich habe bei einer Szene in meinem Roman lange gezögert, wie weit ich en detail gehen kann und will. Als die Liebesszene entstand, hatte ich keine Erfahrung im Schreiben derselben und habe mir ausgemalt, wie mich Bekannte hinterher wohl ansehen würden. Naja, nicht anders als vorher auch.
Inzwischen denke ich, dass - wenn die Geschichte gut erzählt ist - niemand auf die Idee kommt und fragt, ob man da seine eigenen Erfahrungen und Praktiken beschreibt. Mir fällt dazu ein Beispiel ein: ich habe gerade das Buch "Die Kathedrale der Erinnerung" (über einen Abschnitt im Leben da Vincis und seine imaginäre Kathedrale, in der er Erinnerungen ablegt) bis zur Hälfte durch. Da werden durchaus pralle und opulente Orgien beschrieben. Ich habe auch nicht gedacht: wie hat sich der Autor auf die beschreibung dieser Szenen vorbereitet. Es war eindringlich (im wahrsten Sinn des Wortes :wink: ) geschrieben und die Praktiken "passten" zu den Figuren.

@ Julia: was ist ein Vogeljakob?? Du schreibst zwar
Unserer war relativ jung, etwas rundlich, hatte eine verdächtig rot eingefärbte Gesichtsfarbe und erfreute die Zuschauer mit den gleichen dämlichen Sprüchen, wie es alle seiner Kollegen seit eh und je tun.
Ich kenne zwar Marktschreier, die ihre Waren in einem lautstarken Wettstreit anbieten, aber von einem Vogeljakob oder -pfeifer habe ich noch nie gehört.

Liebe Grüße
Amalia
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julia07
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Re:

von julia07 (04.11.2007, 21:30)
Hallo Amalia,
der "Vogeljakob" ist eine echte Attraktion, ja eigentlich eine "Institution" auf jedem Jahrmarkt - vielleicht (nur) bei uns im Süden????

Er verkauft so kleine Plättchen, die man sich unter die Zunge legt und umgehend kann man Trällern wie ein Vogel. Schon als Kinder haben wir staunend vor den Buden gestanden und alle haben das Plättchen gekauft, das natürlich im Laufe der Monate verloren ging und man so im nächsten Jahr wieder ein neues kaufen musste....

lies mal hier:
http://www.wer-weiss-was.de/theme213/ar ... 73915.html

oder hier (man verzeihe mir ausnahmsweise den langen Link, aber es ist einfach zu "nostagisch", bzw. zu kurios):
http://cgi.ebay.de/250-ST%C3%9CCK-ORIGI ... dZViewItem

Wenn es den nicht mehr gäbe, wäre unsere Welt um eine wertvolle Sache ärmer :lol: - und das meine ich gar nicht ironisch smart2

LG, Julia

Rita Hajak

Re:

von Rita Hajak (04.11.2007, 23:30)
Ja Julia,

mit diesen Plättchen bin ich auch pfeifend durch die Gegend gelaufen,
denn mit den Fingern konnte ich es ohnehin nicht.
Eine nette Kindheitserinnerung. :D

Gruß Rita

Versailles
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Re:

von Versailles (06.11.2007, 07:08)
Hallo Rita und danke schön für die ausführliche Info! cheezygrin

Ich habe noch einmal in der Erinnerung herumgewühlt, aber nein, einen Vogeljakob habe ich dort nicht gefunden. Vielleicht gibt es ihn wirklich nur im Süden?

Liebe Grüße
Amalia
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Ilo70
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Re:

von Ilo70 (06.11.2007, 09:31)
Hallo,

ich versuche mal auf das "Urspungsdiskussionsmaterial" einzugehen.

Ich habe niemals von einem Verbrechen gehört, das ich nicht hätte begehen können.
Johann Wolfgang von Goethe

Die Phantasie ist das Rohmaterial unseres tatsächlichen Verhaltens.
Darüber zu schreiben bedeutet ihnen einen Raum zu geben.
Über ihre Existenz zu diskutieren bedeutet damit nicht ganz klar zu kommen.
Über den Inhalt eines Buches oder Gedichtes zu diskutieren bedeutet sich damit auseinander zu setzten.
Dinge darin für bahre Münze zu nehmen, bedeutet auf Teile in sich gestoßen zu sein, die einen wichtigen Platz einnehmen. :)

Wenn Menschen also einem Autor etwas unterstellen, bedeutet das immer, dass es etwas ist, was sie im Bezug auf sich selbst beschäftigt. :D

Die Frage "Hast du das alles selbst erlebt?" damit zu beantworten, dass man grinst und gegenfragt: "Würdest du dir das wünschen?" Schütz einen meistens vor weiteren unangenehmen Fragen.

Liebe Grüße

Ilo

CeKaDo

Re:

von CeKaDo (27.11.2007, 22:48)
Wir dürfen nicht vergessen, daß es unsere Erfahrungen sind, die wir in unsere "Schreiberei" einfließen lassen. Sicherlich haben wir das Verfasste nicht alles selbst erlebt. Doch wir haben GElebt, geträumt, Erfahrungen gesammelt und viel gelesen. So sind dann aus eins und eins eben zwei geworden.

Was hoffentlich immer in jedem Buch steckt, sind die Gefühle des Schreibenden. Und ich glaube ganz fest daran, daß es in jedem Buch immer einen Hauch autobiographischer Dinge gibt.

Nun mag natürlich dann der Leser gewisser fieser Kurzgeschichten *hüstel* sofort daran denken, daß der Autor eben jene Gedanken selbst führt. Doch das darf er gern auch denken, da habe ich nichts gegen.

Ich glaube, wir spiegeln alle unsere Fantasie in unseren Büchern wider. Und unsere Fantasie ist die Summe unseres Lebens, gemeinsam mit den Träumen in die Zukunft.

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