Vom Dorfspatz und dem Stadtsperling

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Detlef Schumacher
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Vom Dorfspatz und dem Stadtsperling

von Detlef Schumacher (19.06.2013, 07:27)
Sie trafen sich nahe des Dorfes auf einem Telefondraht. Dorfspatz Piep saß bereits auf diesem, als Stadtsperling Tschilp herzu flog und neben ihm Platz nahm. Er hatte sich verflogen, was bei Vögeln selten vorkommt. Dieses Missgeschick ärgerte ihn. Von Piep wurde er gefragt, wer er sei und woher er komme. Er sehe so fremd aus.
„Fremd?“ fragte Tschilp.
„Ja fremd, dein Federkleid ist so dunkel, um nicht zu sagen schmutzig. Bist du vielleicht ein Dreckspatz?“
Diese Frage entrüstete Tschilp. Dreckspatzen gehörten zur niedersten Stufe seines Geschlechts. Sie waren schäbigste Gosse, Picker im Müllhaufen. Er bedachte den anderen eines flüchtigen Blicks und erkannte, dass dessen Federkleid heller war als das seine.
„Meine Federfärbung ist deshalb dunkler, weil ich der besseren Schicht angehöre. Ich bin ein Sperling, ein Stadtsperling, ein Citysperling sozusagen“, rechtfertigte Tschilp sein Aussehen.
Er hob den Schnabel, um seine Bedeutung hervorzuheben.
„Ein Pipisperling? Dann sind wir ja verwandt“, freute sich der Dorfspatz. „Ich heiße Piep.“
Tschilp merkte, dass er neben einem Vogel saß, dessen Intelligenz zu wünschen übrig ließ. Er entschloss sich, den Dümmling mit „Sie“ anzusprechen. Das schuf Distanz.
„Würden Sie mir bitte sagen, woher Sie angereist sind?“ Er hoffte zu hören, dass auch der sich verflattert hatte.
„Ich wohne dort.“ Piep wies mit dem rechten Flügel in Richtung Dorf, auf dessen Kirchturmspitze der Wetterhahn im hellen Sonnenschein glänzte.
„Ist das Ihr Vater?“ wollte Tschilp wissen.
Piep lachte: „Mein Vater? Dass ich nicht zwitschere. Der kann nicht fliegen.“
„Wie ist er denn dort hinauf gekommen?“
„Das weiß ich nicht. Als ich geboren wurde, war er schon da.“
‚Seltsam’, überlegte Tschilp, ‚ein Vogel, der nicht fliegen kann! In welche Gegend bin ich hier nur geraten!’
„Meine Eltern wohnen in einem Bauernhaus“, verkündete Piep stolz.
„Aha“, so Tschilp, sich überlegen gebend, „sicherlich ein Gebäude, an dem gebaut wird. Ich kenne so etwas. In solchen Gemäuern zieht es ganz entsetzlich. Man wird die Erkältung überhaupt nicht mehr los.“
„In dem Bauernhaus zieht niemand mehr. Unsere Nachbarn sind vor einiger Zeit ausgezogen, weil sie für ihre vielen Kinder mehr Platz brauchten.“
„Eine kinderreiche Familie also“, blieb Tschilp geistig überlegen.
„Diese Probleme sind mir bekannt. Ins Rathaus, dem Sitz meiner Angehörigen, versucht hin und wieder asoziales Gesindel mit seinem zahlreichen Nachwuchs einzudringen. Die sind jedoch schneller wieder draußen, als sie hineingekommen sind.“
Tschilp tschilpte vornehm.
„Was soll das auch! Das Pack lärmt entsetzlich und frisst einem die Imbissabfälle vor dem Schnabel weg.“
„In unserem Dorf gibt es auch ein Saathaus. Die Bauern nennen es Scheune. In sie fliegen wir nur, wenn es auf den Feldern nichts mehr zu picken gibt. Vor allem im Winter fühlen wir uns dort wohl, denn es ist warm und zu futtern gibt es reichlich.“
„Soso“, meinte Tschilp, „eine Scheune also. Was steht in ihr auf dem Speiseplan?“
„Einen Speiseplan haben wir nicht. Wir befliegen entweder den Roggen-, den Weizen-, den Hafer- oder den Gerstenplan. Das kommt ganz darauf an, welches Getreide reif ist.“
Tschilps Erstaunen über die Naivität des Dorfvogels wuchs beständig. Sollte der wirklich nichts von den vielfältigen Pickmöglichkeiten wissen, die sich einem in der Stadt bieten? Er kam zu dem Schluss, dass der Scheunenvogel womöglich nicht wusste, was eine Stadt ist.
„Gehe ich recht in der Annahme, Herr Piep, dass Sie noch nicht sehr weit herumgekommen sind? So weit die Flügel tragen, sozusagen!“
„O doch! Neulich hat Frods Spatzenverein einen Ausflug zu den Buckelbergen unternommen. Da durfte ich mitfliegen, obwohl ich noch nicht volljährig bin. Der Bruder meines Papas ist der Vorsitzende des Spatzenvereins, da ging das also. Das Wetter war herrlich. Auf den Buckelbergen haben wir Blaubeeren und weiter so gesundes Zeug gepickt.“
Weil Tschilp die Buckelberge nicht kannte, wohl aber Blaubeeren, die auf dem Marktplatz der Stadt angeboten wurden, stellte er Piep die zwingende Frage, ob es nicht einfacher sei, den Markt des Dorfes aufzusuchen, um sich an wohlschmeckenden Früchten zu erlaben.
Piep piepste belustigt.
„Eine Mark für die leckeren Sachen? Die Menschen bezahlen für ihr Futter, wir nicht.“
‚Oh Gott’, dachte Tschilp, ‚wie kann man nur so ungebildet sein.’
Laut sagte er: „Sagt Ihnen der Begriff ‚Stadt’ etwas?“
„Natürlich, ich bin doch nicht doof. Neulich hatte Papa gesagt: Wir fliegen heute dorthin statt dahin! Weil Mama aber woanders hinfliegen wollte, bestimmt sie, dass wir dahin statt dorthin flattern.“
„Und, wohin wurde geflogen?“ fragte Tschilp.
„Dahin.“
Weil es ihm daran gelegen war, dem Dorfvogel etwas Bildung zukommen zu lassen, erklärte er diesem in mehreren langen Sätzen, was es mit einer Stadt auf sich hat. In seinen Mitteilungen wimmelte es von Begriffen, die Piep fremd waren. So hatte der noch nie etwas von Straßenbahnen, Kaufhäusern, Imbissbuden, Eisdielen, Snackbars, Restaurants, Freiluftkaffees, auch nicht von Mc Donalds gehört. Tschilp wirkte ziemlich erschöpft, als er seine Litanei beendet hatte. Piep bekundete Mitgefühl, denn nun wusste er, dass eine Stadt anstrengend ist.
„Woher bekommst du dein täglich Korn?“ fragte er Tschilp.
Der kippte fast vom Telefondraht. Es war ihm unbegreiflich, einen Gleichgefiederten so unwissend zu wissen. Vielleicht ist Praxis hilfreicher als Theorie.
„Würde es Sie interessieren, eine Stadt mit allem Drum und Dran zu erleben?“ fragte er Piep deshalb.
Dessen Antwort war ein kurz und bündig „Nein!“
„Weshalb nicht?“ fragte Tschilp erstaunt.
„Weil ich Straßenbahnen noch nie gekostet habe. Auch Eismühlen und Kackbars nicht. Die müssen ja eklig schmecken. Pfui!“
Nun wurde Tschilp das ganze Ausmaß an Blödheit dieses Dorfvogels bewusst. Hier war nichts mehr zu retten. Zeit also, sich heimwärts zu begeben. Den Seinen würde er viel von der Dummheit der Landbevölkerung zu sagen haben.
„Also denn, Herr Piep, Zeit zum Aufbruch. Ich werde mich heimwärts begeben.“
„Guten Flug!“ wünschte der Dorfspatz freundlich. Tschilp flog davon. Auch Piep gedachte, ins Dorf zurückzukehren. Kaum, dass er zum Startflattern angesetzt hatte, kehrte der Stadtvogel zurück, ließ sich auf dem Telefondraht nieder und zwitscherte aufgeregt: „Herr Piep, Sie müssen mir helfen! Ich weiß nicht, welche Richtung ich einschlagen muss, um meine Stadt zu finden.“
Piep hob ratlos die Flügeln, weil er das auch nicht wusste. In diesem Moment flog eine Saatkrähe vorüber. Piep rief: „Hallo, Frau Krächz, können Sie mir bitte sagen, wie man zur Stadt kommt?“
„Durch Fliegen“, war ihre Antwort und entflog.
Noch weitere Vögel wurden befragt, aber keiner wusste Bescheid. Erst beim Mäusebussard hatte man Glück. Als Tschilp mit den Seinen wieder das Stadtpflaster bepickte, zwischen eilig schreitenden Menschenbeinen hin und her hüpfend, sehnte er sich nach Piep, dem Telefondraht und der Ruhe dort auf dem Lande.

Wanda

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von Wanda (13.10.2013, 20:11)
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Detlef Schumacher
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von Detlef Schumacher (13.10.2013, 23:00)
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Wanda

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von Wanda (13.10.2013, 23:37)
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