Zärtlich wehten meine Lieder

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ricochet
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Zärtlich wehten meine Lieder

von ricochet (19.07.2013, 10:29)
Zärtlich wehten meine Lieder
zu ihren Ufern hin.
Voll Wehmut kamen wieder
die Worte ohne Sinn.

Tränentrübe Nebel
umdüstern Stund um Stund.
Und mir ist immer noch,
als küsst ich ihren Mund.

Vernehm ich was von Liebe
leuchtet ihr Gesicht vor mir
und blitzschnell meine ich
als käme sie zur Tür.

Tief im Herz ich weine,
seh nächtens eine Flamme stehn.
Sie wird Gestalt im Scheine.
Wird je die Liebe von mir gehn?


Das Gedicht stammt aus meinen jüngsten Band "Die Dunkelfrau will herein". Ich habe es vor einem halben Jahr an die "Bibliothek deutschsprachiger Gedichte" gesandt und ein Basisgutachten dazu bestellt. Das Gutachten ist da. Ich zitiere:


Die von Ihnen eingesandte Arbeit schafft mit zweifellos eigenständigen Einfällen eine sprachliche Schöpfung, die man mit Fug und Recht als gelungen bezeichnen kann. Sehr gut gelungen fand ich den Wortlaut "Tränentrübe Nebel umdüstern Stund um Stund". Inhaltlich machen Sie Ihr Anliegen verständlich. Was den Bilderreichtum angeht, ist wahrnehmbar, dass Sie im poetischen Ausdruck firm sind.
In schönen Reimen und liedhaften Rhythmen zeichnen Sie einen Abschied nach. Als Resümee kann ich sagen, dass Ihr lyrisches Gestaltungsvermögen insgesamt anzuerkennen ist. Was Ihre weitere Entwicklung in der Dichtkunst betrifft, so möchten wir Ihnen ausdrücklich Mut machen, weiterhin diesen Weg zu verfolgen - dass Sie Ihr "poetisches Handwerk" bereits beherrschen, ist offensichtlich. Ihre Leistung vermittelt schon einen recht homogenen Gesamteindruck, aus dem positiv hervorsticht, dass Ihre sprachliche Vielfalt weit gediehen ist.

Zitat Ende. Ich freue mich sehr darüber.

LG


rico
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holz
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Re: Zärtlich wehten meine Lieder

von holz (19.07.2013, 12:07)
ricochet hat geschrieben:
Ich freue mich sehr darüber.
rico


Kein Grund zur Freude.
Oder wie lyrikzeitung schreibt: "Wer hier veröffentlicht, wird mit etwa 99,97prozentiger Wahrscheinlichkeit niemals in der Gegenwartslyrik ankommen."
http://lyrikzeitung.com/tag/frankfurter-bibliothek/
(siehe Nr. 51)

Und
http://www.keinverlag.de/texte.php?text=187386

Nachtrag:
http://www.tagesspiegel.de/kultur/ihr-d ... 69172.html
Zuletzt geändert von holz am 19.07.2013, 16:38, insgesamt 1-mal geändert.

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mtg
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Re: Zärtlich wehten meine Lieder

von mtg (19.07.2013, 12:53)
holz hat geschrieben:
ricochet hat geschrieben:
Ich freue mich sehr darüber.
rico


Kein Grund zur Freude.
Oder wie lyrikzeitung schreibt: "Wer hier veröffentlicht, wird mit etwa 99,97prozentiger Wahrscheinlichkeit niemals in der Gegenwartslyrik ankommen."
http://lyrikzeitung.com/tag/frankfurter-bibliothek/
(siehe Nr. 51)


... insbesondere: »... die den Wunsch tausender Laiendichter, sich gedruckt zu sehen, zum Geldverdienen ausnutzt.« Das habe ich schon bei den Textbausteinen vermutet.

holz hat geschrieben:

Unglaublich.

@ Rico: Poesie ist sicherlich immer sehr subjektiv. Aber »liedhafte Rhythmen« vermag ich nicht zu erkennen - zu diffus finde ich die Struktur. Zudem erinnert mich der Titel doch sehr an Schuberts »Ständchen« (»Leise flehen meine Lieder ...«)

Aber: Das ist meine subjektive Meinung. Es kommt aus Dir, also ist es ein Teil von Dir. Und das muss man sich nicht von einer obskuren Gesellschaft pseudo-bestätigen lassen ...

Trotzdem und deswegen: Auch weiterhin frohes und erfolgreiches Schaffen!

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ricochet
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Re:

von ricochet (20.07.2013, 08:13)
Natürlich darf dieses Basisgutachten (mehr ist es ja nicht) auf keinen Fall überschätzt werden. Es hat mich andererseits nur 11,95 inkl. Versand gekostet und das ist mir die persönliche Erfahrung wert. Jedenfalls ist mir kein Schaden entstanden. Und das war's dann auch in finanzieller Hinsicht.
Was das Gedicht selbst betrifft, sind bekanntlich Geschmäcker und Ohrfeigen verschieden. Insofern sehe ich persönliche Geschmacksurteile sehr relaxt. Auch auf mich wirkt es auf den ersten Blick, als hätte ich mich im Jahrhundert verirrt. Ist halt ein Traditionel.
Wir sind nicht umsonst in der Postmoderne, was Kunst und Literatur betrifft. Da darf man bekanntlich alles. Das Postulat "Gegenwartsliteratur" bezieht sich auf die Konventionen der Moderne, in der ein Reim z. B. verpönt war. Das war bewusste Abkehr vom Traditionellen, eine kulturhistorische Notwendigkeit, aus meiner Sicht.
Gott sei Dank haben wir das hinter uns. In der Postmoderne dürfen wir wieder z. B. Vierzeiler endreimen usw. Wer das noch nicht begriffen hat, muss erst in der Postmodernen ankommen.

LG


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julia-viola
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Re:

von julia-viola (21.07.2013, 18:14)
ich hätt mich über so ein gutachten auch gefreut!
der weg ist das ziel

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ricochet
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Re:

von ricochet (23.07.2013, 15:26)
Ich habe das Gedicht überarbeitet:


Es klangen zart die Lieder
zu ihren Ufern hin.
Voll Wehmut kamen wieder
die Worte ohne Sinn.

Tränentrübe Nebel
umdüstern Stund um Stund.
Und mir ist immer noch,
als küsst ich ihren Mund.

Höre ich von Liebe
leuchtet ihr Gesicht vor mir.
Und es fühlt sich an,
als käme sie zur Tür.

Frostig steht die Welt. Ich weine,
seh nächtens eine Flamme stehn.
Sie wird Gestalt im Scheine.
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Siegfried
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Re:

von Siegfried (23.07.2013, 16:37)
a) ich gestehe frei und offen, dass ich von Lyrik keine Ahnung habe - von daher ist mein Kommentar zu einem Gedicht immer höchst fragwürdig ...

b) ich habe aber ein unangenehmes Gefühl im Bereich meines Solar Plexus', wenn in einem Gedicht Stolpersteine in Form von Rhythmusbrüchen liegen

Zur Erläuterung der Symbole: - = unbetonte Silbe, / = betonte Silbe

Es klangen zart die Lieder
- / - / - / - ... (7 Silben, 3 Hebungen)

zu ihren Ufern hin.
- / - / - / ... (6 Silben, 3 Hebungen)

Voll Wehmut kamen wieder
- / - / - / - ... (7 Silben, 3 Hebungen)

die Worte ohne Sinn
- / - / - / ... (6 Silben, 3 Hebungen)

Reimschema a-b-a-b.
Erste Strophe funktioniert rhythmisch. Aber die zweite?

Tränentrübe Nebel
/ - / - / - ... (6 Silben, 3 Hebungen, gekonterter Rhythmus zu 1. Strophe)

umdüstern Stund um Stund.
- / - / - / ... (6 Silben, 3 Hebungen, deckungsgleich zu 1. Strophe, Vers 2 und 4)

Und mir ist immer noch,
- / - / - / ... (6 Silben, 3 Hebungen, völlig entgegengesetzt zum 1. Vers der 2. Strophe)

als küsst ich ihren Mund.
- / - / - / ... (6 Silben, 3 Hebungen, deckungsgleich zu 2. Vers 2. Strophe)

Reimschema: c-d-e-d

Die 2. Strophe weist im 1. bzw. 3. Vers einen deutlichen Bruch im Rhythmus auf. Das Reimschema a-b-a-b der 1. Strophe findet sich nicht in der 2. Strophe

Höre ich von Liebe
/ - / - / - ... (6 Silben, 3 Hebungen; wie 1. Vers 2. Strophe)

leuchtet ihr Gesicht vor mir.
/ - / - / - / ... (7 Silben, 4 Hebungen; erstmalig im Gedicht ein Vers mit 4 Hebungen)

Und es fühlt sich an,
- - / - / ... (5 Silben, 2 Hebungen, evtl könnte die erste Silbe auch als Hebung angesehen werden; auf jeden Fall ist damit eine dritte Verslänge im Gedicht vorhanden)

als käme sie zur Tür.
- / - / - / ... (6 Silben, 3 Hebungen; Rückkehr zum alten Rhythmus, deckt sich aber nicht mit dem Rhythmus von Vers 2 3. Strophe)

Reimschema: f-g-h-g

So, und nun auf zur letzten Strophe ...

Frostig steht die Welt. Ich weine,
/ - / - / - / - ... (8 Silben, 4 Hebungen; neue Länge eines Verses im Gedicht)

seh nächtens eine Flamme stehn.
- / - / - / - / ... (8 Silben, 4 Hebungen; Umkehrung des Rhythmus' des 1. Verses 4. Strophe)

Sie wird Gestalt im Scheine.
- / - / - / - ... (7 Silben, 3 Hebungen; deckt sich rhythmisch nicht mit 1. Vers 4. Strophe)

Wird je die Liebe von mir gehn?
- / - / - / - / ... (8 Silben, 4 Hebungen, deckungsgleich zum 2. Vers 4. Strophe)

Reimschema: i-j-i-j


... und ja, ich weiß, es gibt moderne Lyrik, die sich weder an Metrum noch an Sprach-Rhythmus noch an Reimschema hält. Aber das hier ist - meiner ganz persönlichen Meinung nach - keine moderne Lyrik. Das Gedicht entspricht klassischen Strukturen, die an mehreren Stellen - für mich unmotiviert - durchbrochen werden.

Was mich auch irritiert, ist der - auch hier meiner Meinung nach - recht willkürliche Gebrauch von Satzzeichen im Gedicht. So fehlt am Ende vom 1. Vers 3. Strophe ein Komma (wenn denn Satzzeichen gewollt im Gedicht gesetzt werden - ich würde bei einem Gedicht die Satzzeichen einfach weglassen. In Gedichten darf man das! cheezygrin )

ich weise aber nochmals darauf hin: Von Lyrik habe ich keine Ahnung. Daher alle Aussagen ohne Gewähr und Anspruch! cheezygrin
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Detlef Schumacher
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Re:

von Detlef Schumacher (23.07.2013, 19:10)
Weshalb so zurückhaltend, Siegfried? Du hast ins Schwarze getroffen.

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Tanja
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Re:

von Tanja (23.07.2013, 23:02)
Kunst ist frei und ohne Regeln thumbbup
Mein Roman bei BOD: Kurzschluss

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Siegfried
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Re:

von Siegfried (24.07.2013, 00:41)
Tanja hat geschrieben:
Kunst ist frei und ohne Regeln thumbbup


Ich wäre an einer Begründung interessiert ... book:


Eko men hok
Teko men äk hok
Jog beng min törben

Eko men hok
Nek teko men hok
Hatta verstyrbetör.

Ski hawe tör snyrsenkelen
Mi auhde mahada skonsen
Tak för gnattadiks

Stnuk ned endlib
red nie drag tnava
Firge bma ki tirk


Ich sag jetzt mal: Das ist Kunst! Literarisch höchstwertige Lyrik. Bachmann-Preis-verdächtig. Einverstanden? cheezygrin

Nachtrag
Ich ergänze meine Frage: Muss ein Künstler etwas können oder dilettiert ein Künstler einfach vor sich hin und nennt es dann doch Kunst? Wenn der Künstler nichts können muss (weil er keine Regeln zu beachten hat), wodurch unterscheidet er sich dann noch vom Dilettanten?
Tja, Tanja, jetzt harre ich der Dinge, die da von dir kommen werden ... cheezygrin
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Detlef Schumacher
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Re:

von Detlef Schumacher (24.07.2013, 07:26)
Hoffentlich kommt es bei ihr jetzt nicht zum "Kurzschluss".

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ricochet
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Re:

von ricochet (24.07.2013, 08:19)
Hallo Siegfried,


da hat also jemand, der sich eigentlich nicht als Lyriker (sondern als Erzähler) versteht, etwas eingestellt, was er für ein tolles Gedicht hält und wird von jemandem, der – nach eigener Aussage - eigentlich nichts von Lyrik versteht, kommentiert. Dann treten die beiden in einen fachlichen Disput ein. Na, das kann ja heiter werden. Wir versuchen es trotzdem.

Siegfried hat geschrieben:
das hier ist keine moderne Lyrik.


Das siehst du vollkommen richtig. Es ist kein modernes Gedicht. Es ist aber auch kein (wirkliches) Traditionel, es ist ein postmodernes Gedicht (mit Retro-feeling). Damit es über den Begriff „Postmoderne“ keine Unklarheiten gibt, zitiere ich den Schülerduden Literatur: „Postmoderne: Sammelbegriff für Bestrebungen innerhalb der Kunst, sich von den Zielen und Techniken der Moderne, insbesondere soweit sie sich als Avantgarde versteht, abzuwenden. Die P. nimmt Formen wieder auf, die die Moderne als unangemessen und veraltet abgelehnt hatte. (...)“

Ich selbst brauchte lange Jahre, mich mit dem Ausdruck Postmoderne anzufreunden, bedeutet er doch vordergründig alles und nichts zugleich. Eigentlich schätze ich keine Indifferenz. Das widerspiegelt die typische Schwierigkeit von Menschen, die Epoche, in der sie leben, einzuschätzen. Geschieht eine halbwegs korrekte Einschätzung, was eine Epoche wirklich geleistet hat, nicht aus einem zeitlichen Abstand? Indes lernte ich, darin in erster Linie die Freiheit zu erblicken, die uns die Postmoderne anbietet. Wenn die Moderne traditionelle Formen abgelehnt hat, sind wir in der Postmodernen auch darüber hinaus. Wir dürfen nicht nur in Kleinschreibung texten, dabei die Interpunktion weglassen, nein wir dürfen wieder einen braven endgereimten Vierzeiler (inklusive weniger braver Varianten davon) erstellen. In der Postmodernen dürfen /sollen wir die Ablehnung des Traditionellen selbst ablehnen. Insofern ist die Postmoderne die Antithese zur Modernen und damit deren logische Entwicklung.

Einen „Epochenstil“ per definitionem, also der, einer bestimmten Epoche. z. B. dem Barock oder der Romantik eigentümliche Stil, kennt die Postmoderne nicht mehr. Sehr erfreulich, heißt das doch, mehr Raum für den Individualstil. Die stilistische Klammer der Modernen war immerhin noch die Ablehnung tradierter Stilmittel. Durch die Antithetik der Postmoderne hat sich die Türe dazu wieder aufgetan. Allerdings finde ich uns aufgefordert, die Stilmittel nicht in alter, preußischer Manier im Gleichschritt zack-zack durchzuexerzieren, sondern sie mit Augenzwinkern und mit künstlerischer Freiheit zu gebrauchen. Sonst landen wir beim alten Dilemma: Die Form triumphiert über den Inhalt. Soll heißen, ein Wort wird letzten Endes gewählt, weil es mehr ins metrische Schema passt, und nicht zum Inhalt. Nicht umsonst war es in der Modernen geradezu verpönt, einen Reim zu verwenden. Ich bin seit Langem ein erklärter Anhänger der Maxime, der Stil habe sich dem Inhalt unterzuordnen und dürfe nicht zum Selbstläufer werden. Sonst landen wir gleich bei Thomas Bernhard. Und das wäre schlimm.

Mir verspricht die Postmoderne in erster Linie Freiheit, mich in den Schatzkammern unserer Kulturgeschichte nach Gutdünken zu bedienen. Ganz in diesem Sinne sehe ich alle Themen, Motive, Stilmittel usw., die jemals irgendwo in der Kulturgeschichte aufgetaucht sind, als gleichberechtigt an. Folglich eignen sie sich zur Verwendung, solange der Literat / die Literatin etwas, seiner eigenen Poetik Adäquates, kurz, das Seine / das Ihre daraus macht. Es stößt sich ja auch niemand an einem Haiku, obwohl es sich um eine traditionelle japanische Gedichtform handelt. Warum auch? Dieselbe Toleranz reklamiere ich z. B. Für den germanischen Stabreim oder für ein Akrostichon, obwohl dieses streng genommen eine Wortspielerei aus der Antike ist. Ich habe in meinem neuen Buch „Die Dunkelfrau will herein“ auch Akrostichons geschrieben. Demnächst würde ich gerne ein Pantun erstellen. Das ist eine malayische Gedichtform, ein Vierzeiler, bei dem die jeweils zweite und vierte Zeile deckungsleich als erste und dritte Zeile in den nächste Strophe übernommen wird. Die Herausforderung besteht darin, die übernommenen Zeilen in einen veränderten Kontext zu stellen.

Freilich ist das Eklektizismus. Na und? In der Musik gibt es seit den 70ern verschiedene Strömungen, unterschiedliche Musik zu kombinieren: Jazzrock, Progressiv-Rock, Rock und Klassik usw. Warum sollte das in der Literatur nicht möglich sein? Die entscheidende Frage ist wohl die, ob das Stilmittel der Inspiration angemessen ist. Zu so einem emotional tief gehenden Thema wie verschmähte Liebe meinte ich am besten an die Romantik anzuknüpfen. Natürlich nicht in der Absicht, diese zu reproduzieren, sondern zu einer zeitgemäßen, und vor allem mir angemessenen Sprache weiterzuentwickeln.

Mir ist schon klar – wenn ein Stilmittel verwendet wird, muss man es auch richtig anwenden. Aber genau diese sklavische Silbenzählerei mit Hebungen und Senkungen war es (unter anderem) gegen die die Protagonisten der Moderne in den 50ern und 6oern zu Recht so vehement aufgetreten sind. Ein freier Umgang entwertet ein Gedicht doch nicht. Ich bin nur der Meinung: In der Postmodernen dürfen wir es ruhig ein bisschen lockerer sehen.
Ein aus deinem Standpunkt metrisch hieb- und stichfestes Gedicht und durchgängigem Reimschema, Siegfried, würde das 19. Jahrhundert reproduzieren und wäre damit epigonal. Epigonal, weil diese Sprache der Epochenstil eines anderen Jahrhunderts ist. Ich versuche in diesem Gedicht hier, Altes und Neues zu verbinden und damit zu meiner eigenen Sprache zu gelangen, die ich von der Poetik her bestens in der Postmoderne verankert finde. „Und es fühlt sich an ...“ ist z. B. aktuelle Sprache und hat kein bisschen Verstaubtes an sich. Ja, ich nehme mir Freiheiten, z.B. in der letzten Strophe ein bis zwei Silben pro Vers mehr zu verwenden. Und dass sich in der zweiten und dritten Strophe „nur“ zwei Verse reimen ist bewusst gesetzt, als Durchbrechung des Traditionellen.

Natürlich wirkt das Gedicht in Summe trotzdem retro. Darf sein, mehr noch: soll sein. Ich wollte ja an die Romantik anknüpfen, nur eben eine mir gemäße, aktuelle Ausdrucksform finden. Dessen ungeachtet ist mir klar, dass es im Forum hier Leute gibt, die hämisch monieren werden: „Er hat's nur nicht zusammengebracht und jetzt muss kiloweise Theorie her, das zu verschleiern.“ Jede/r hat ein Recht auf meine … äh, seine / ihre Meinung cheezygrin cheezygrin .
Ich stehe auf dem Standpunkt: Ob ein Gedicht wirklich gelungen ist, entscheidet sich letztlich im Vortrag. Genauso wie ein Buch mehr ist als nur der Text, ist auch ein Gedicht das gewisse Etwas mehr. Ich werde versuchen, einen Clip zu produzieren, in dem ich den Text vortrage. Dann stelle ich den Link dazu ein.

Und was dein „Gedicht“ betrifft, Siegfried: Ich habe derlei Elaborate als Nonsensgedichte in den 70ern zuhauf gelesen. Sie sind ganz klar der Moderne verpflichtet. Und wie gelehrt seinerzeit darüber diskutiert worden ist! Zeige doch diese Dichtung auf, wie wenig unsere Sprache die Wirklichkeit abbilden kann. Vermag sich die Sprache aus sich selbst zu befreien? Sprache, die selbst Wirklichkeiten generiert. Die Brüchigkeit unseres Weltverständnisses, angesichts der Unfähigkeit unserer Sprache, die durch „rrrtttthumtatallllkutbbrtbrt'' bestens zum Ausdruck komme, etc. Hand aufs Herz, soweit man derlei Texte als Metapher für all diese Fragen versteht, funktionieren sie auch.
Also nichts gegen dein Gedicht, Siegfried, du kommst nur ein halbes Jahrhundert zu spät. Du hast natürlich jede künstlerische Freiheit, solche Texte zu erstellen, aber die Theorie dahinter ist gegessen wie eine lauwarme Leberkäsesemmel (wie man in Österreich sagt).

LG


rico
PS1: Mir ist klar, dass dein Gedicht ironisch gemeint ist. Meine Bemerkungen sind es nicht.
PS2: Für den Hinweis betreffend Komma am Ende des ersten Verses, 3. Strophe bedanke ich mich herzlich. Da war ich mir nicht sicher gewesen.
Zuletzt geändert von ricochet am 24.07.2013, 09:04, insgesamt 2-mal geändert.
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mtg
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Re:

von mtg (24.07.2013, 08:37)
Rico,

Siegfrieds Gedicht war nicht an Deine Adresse gerichtet, sondern an die jener Tanja, deren unbegründetes »Kunst ist frei und ohne Regeln« ein ähnliches Alter aufweist, wie das, welches Du dem Eko men hok zubilligst ...

Übrigens pflichte ich Dir hier vorbehaltlos bei:
Ob ein Gedicht wirklich gelungen ist, entscheidet sich letztlich im Vortrag.

Und das gilt unabhängig vom Genre: Ich habe schon Lesungen erlebt, bei denen der Vortrag des Telefonbuchs knisternde Spannung erzeugte, wohingegen mancher Krimiautor das eigene Werk schon mit den ersten Sätzen ermordete. Immerhin blieb er damit wenigstens genretypisch ...

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Siegfried
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Re:

von Siegfried (24.07.2013, 10:29)
@Rico

Meine Kommentare zu deinem Gedicht waren weder als Kritik an deinem Gedicht gedacht noch als Kritik an deinem Schaffensprozess. Es ist der Ausdruck meines Empfindens bei der Lektüre deiner Verse und Strophen - und ich habe versucht, diese Empfindungen mit einer Begründung zu untermauern.

Mag sein, dass ich da 50 oder 100 oder gar 200 Jahre hinterher hinke, aber ich empfinde "holpernde Verse" (und deshalb meine "Hebungen und Senkungen") als störend. Sie lösen in mir einen Widerwillen gegen diese Verse aus. Ein Gefühl von "Da stimmt was nicht" - völlig losgelöst davon, ob das Gedicht nun postmodern oder retro oder sonstwie daher kommt. Etwas stört mich. Und genau diese "Störungen" versuche ich zu schildern.

Warum?

Aus zwei Gründen: Zum einen "lebt" ein Künstler - wie auch immer man "Künstler" definieren mag - von der Rückmeldung, hier von den Lesern. Es irritiert mich immer wieder zutiefst, wenn Leute hier im Forum einen Text in Form von Prosa oder Lyrik veröffentlichen ohne eine Aufforderung an die Leser, eine Rückmeldung zu liefern. Und wenn keine Rückmeldungen kommen, reagieren sie noch nicht einmal darauf. Was ist also das Ziel dieser Leute? Ich verstehe das nicht. Gebe ich jemandem einen Text in die Hand (und das ist jetzt wörtlich gemeint), achte ich sehr genau auf die Reaktionen meines Lesers. Lacht er an den richtigen Stellen? Erschreckt er sich an den richtigen Stellen? Löst der Text genau die Emotionen aus, die ich als Autor beabsichtigt habe? Gleiches gilt in Lesungen. Kommt es genau zu den Effekten bei den Zuhörern, die ich beabsichtige?

Der zweite Grund - und da kommt jetzt Tanja mit ihrem Einzeiler ins Spiel: Kunst entsteht - so ist meine ganz persönliche Definition - immer nur durch das Zusammenspiel von Kunstgegenstand (KG) und Kunstkonsument (KK). Erst wenn KG und KK zusammenprallen, kann Kunst entstehen. Wer allein für sich in einem Bunker vor sich trällert oder sonstwie musiziert, kreiert keine Kunst. Wer Bilder malt und sie in einer Schublade verschwinden lässt, malt Bilder, macht aber keine Kunst. Literatur, Schauspiel, Bildhauerei - sie alle brauchen die Verbindung von KG und KK, damit Kunst entsteht. Die Definition ist aber noch nicht beendet. Der KG muss zwingend etwas im KK auslösen. Banalität, Beliebigkeit, Unfertigkeit löst im KK nichts aus. Jedenfalls nichts Großartiges. Deshalb hat der Begriff "Dilettantismus" in den letzten 100 oder 200 Jahren einen so gravierenden Wandel in der Semantik erfahren. Und meine letzte Komponenten am Begriff Kunst ist, dass ein Künstler in der Lage sein muss, genau dieses Band zwischen KG und KK jederzeit wieder zu erzeugen. Wenn jemand ein Musikstück aufführt und die Leute ergriffen lauschen, entsteht Kunst. Wenn der selbe Künstler das selbe Musikstück an einem anderen Tag vor einem anderen Publikum aufführt, sollte er in der Lage sein, dieses Band zu den KK erneut zu flechten. Genau das unterscheidet einen Künstler von einer Eintagsfliege. Um so etwas zu erreichen, muss der Künstler wissen, wie etwas funktioniert. Und deshalb halte ich von solchen Pauschalaussagen wie "Kunst ist frei und ohne Regeln" gar nichts.

Nochmals:
Ich habe dein Gedicht gelesen und habe mich an den Ecken und Kanten derart gestört, dass ich dir das mitteilen wollte. Offenkundig war das ein Fehler.
Du hast in deiner langen Ausführung beschrieben, dass in der Postmodernen ein Gedicht alles darf (wenn ich dich richtig verstanden habe). Definiert sich die Postmoderne also durch die Form (meiner Ansicht nach nicht, da sie ja alles darf und somit immer epigonenhaft auftritt, vom Hexameter und Alexandriner über die romantische Versdichtung bis hin zum Dadaismus und Minimalismus) oder definiert sie sich über die Inhalte (Alltagsthemen, Trivialität, Sinnsuche, Melancholie) oder durch die Beziehung zwischen Kunstgegenstand, dem Gedicht, und Kunstkonsumenten, dem Leser (gemäß der These: Jeder kann postmoderne Gedicht schreiben, weil es eben keinen Qualitätsanspruch mehr gibt, und jeder kann postmoderne Gedichte konsumieren, weil man kein Vorwissen braucht, um sie zu verstehen; auf beiden Seiten lösen sich Kunstverständnis und Laienhaftigkeit ineinander auf).

Sorry, dass ich dich belästigt habe!
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ricochet
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Re:

von ricochet (24.07.2013, 11:45)
Siegfried hat geschrieben:
Ich habe dein Gedicht gelesen und habe mich an den Ecken und Kanten derart gestört, dass ich dir das mitteilen wollte. Offenkundig war das ein Fehler.



Nein, um Himmels willen, das war kein Fehler! Da hast du mich total missverstanden. Du hast dich sehr ins Zeug geworfen und eine sachlich fundierte Rückmeldung abgegeben. thumbbup Dafür alleine danke ich dir. Wenn wir beide nicht wissen, wie wenig selbstverständlich dies in unserem Forum ist - wer dann?

Ich weiß genau, was du meinst, aber im Augenblick fehlt mir die Zeit, weiter darauf einzugehen. Aber ich werde es nachholen.

Jedenfalls wollte ich nicht deine Einwände mit dem Holzhammer erschlagen. Es ist ja nicht das erste Mal, dass wir anderer Meinung sind. Das ist unter uns doch wohl kein Problem - oder? Und jeder hat Argumente, die ihn zu seiner Meinung führen und das Recht, diese darzulegen. Mehr habe ich nicht getan. Ich habe (leider) einen Hang zu strategischen Argumentationen. Man möge mir verzeihen.

Ich melde mich wieder. Bis dann.

LG


rico
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