Wen juckt's

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Siegfried
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Wen juckt's

von Siegfried (24.04.2014, 10:26)
Wen juckt’s?

Die beiden Motoren im Heck der Yacht grollten bösartig wie ein Tiger, der unmittelbar vor dem Sprung auf sein wehrloses Opfer stand.
Carsten Roderbusch legte seine linke Hand auf das Steuerrad, während er mit der rechten den Gashebel ein Stück weit nach vorne drückte. Sofort röhrten die Motoren auf und beschleunigten die Yacht.
»Nicht schlecht!«, sagte Carsten. »Wirklich nicht schlecht!« Dabei warf er einen Blick auf die junge Frau, die neben ihm im Cockpit der Motoryacht stand. Auch nicht schlecht, dachte er.
Die junge Frau hieß Susanne und war Kundenbetreuerin der Janus-Werft aus Neustadt in Holstein. So stand es jedenfalls auf dem Namensschild, das sie an ihr dunkelblaues T-Shirt geheftet hatte. Ein T-Shirt, das sich durch den Fahrtwind wie eine zweite Haut um ihren Leib legte und nahezu jede Rundung ihres Körpers nachzeichnete.
Carsten ärgerte sich. Er hätte gestern Abend bei der Feier im First-Class-Hotel in Boltenhagen diese Susanne abschleppen sollen. Aber da hätte Marion sicher etwas dagegen gehabt. Marion! Carsten blickte nach vorne aufs Vordeck. Dort räkelte sich Marion in der Sonne.
»Erzählen Sie mir was zu diesem Bötchen«, wandte sich Carsten an Susanne.
»Aber gerne!« Sie lächelte ihn an. »Das hier ist die neueste Version der Sphyra-Baureihe unserer Werft. 22 Meter lang, 45 Tonnen schwer. Ausgelegt für bis zu sechs Gäste, deren Unterbringung in Luxuskabinen unter Deck erfolgt. Für den Antrieb sorgen zwei Motoren mit je 1.800 PS. Die Spitzengeschwindigkeit liegt bei 42 Knoten.«
»42 Knoten? Was ist das in richtiger Geschwindigkeit?«
»Ein Knoten sind 1,852 Kilometer pro Stunde«, erklärte Susanne geduldig. »Sie können das auch selbst ganz einfach ausrechnen: Nehmen Sie die Knoten mal zwei und ziehen Sie dann zehn Prozent ab. Dann haben Sie die ungefähren Stundenkilometer. Es ist eigentlich sogar etwas mehr.«
Carsten blickte auf die Geschwindigkeitsanzeige des GPS. 15 Knoten. Er überschlug die Rechnung im Kopf. Das sind … 27 Stundenkilometer. Und 42 Knoten Spitze? Er rechnete nach. Über 75 Sachen!
Wieder schob er den Gashebel ein Stück nach vorne. Augenblicklich beschleunigte die Yacht auf 25 Knoten.
»Und was kostet dieses Baby?« Carsten ließ seine Blicke recht unzweideutig über Susannes Körper wandern.
»Die Yacht ist für zweikommaeins Millionen zu haben«, antwortete Susanne ungerührt. »Es gibt natürlich Ausbauvarianten, die den Preis etwas nach oben treiben.«
Carsten lächelte. »Da bin ich mir ganz sicher. Alles hat seinen Preis!«
In seinen Gedanken rechnete er kurz durch. Der Preis für die Yacht entsprach in etwa der Hälfte seines derzeitigen Jahreseinkommens. Aber Letzteres würde sich wohl in Kürze ändern. Nach oben. Und zwar mehr als deutlich.
Er war der einzige Sohn von Werner Roderbusch, dem Besitzer der Roderbusch-Werke, und somit dessen Universalerbe. Die Roderbusch-Werke waren eines der größten Unternehmen Norddeutschlands: Über 6.000 Mitarbeiter bei einem Jahresumsatz von mehr als 700 Millionen Euro. Während Sohn Carsten auf der Ostsee herumschipperte und ein neues Spielzeug suchte, lag Vater Werner in einer exklusiven Privatklinik und rang mit dem Tode. So hieß es jedenfalls im letzten Bulletin der Ärzteschaft.
Carsten blickte kurz über die Schulter. Auf den Polstern im Heck der Motoryacht lag Tom und sonnte sich. Sie kannten sich seit mehr als 20 Jahren. Nach dem Abitur hatte Tom Jura studiert und war anschließend als Rechtsberater in das Unternehmen gekommen. Zusammen würden sie das gesamte Unternehmen auf den Kopf stellen. Sobald sie das Sagen hatten.
»Sie sind fest bei der Werft angestellt?«, fragte Carsten.
Susanne schüttelte den Kopf. »Nur in den Sommermonaten. Ich studiere in Kiel.«
»Was denn?«
»Betriebswirtschaft. Noch zwei Semester. Dann möchte ich gerne etwas mit Marketing machen. Deshalb auch der Job hier für die Werft.«
»Marketing?« Carsten warf einen langen Blick auf Susanne. »Wenn Sie wollen, können Sie bei mir anfangen. Ich denke, ich habe da was für Sie.«
Susanne lächelte dünn, schwieg aber.
Plötzlich stand Marion vor dem Cockpit und verdeckte die Sicht nach vorne. Sie hangelte sich an der Reling entlang und kletterte in den Führerstand.
»Warum fährst du so schnell, Schatzi?«, fragte sie. »Vorne wird es windig und kalt.« Beiläufig warf sie einen Blick auf Susanne und zupfte sich ihr knapp sitzendes Bikini-Oberteil zurecht. »Hat sie dir gesagt, so Gas zu geben?«
»Nein«, sagte Carsten. »Ich wollte einfach mal dieses Boot ein wenig ausprobieren.«
»Aber das hast du doch gestern schon gemacht.« Marions Stimme klang leicht schnippisch.
»Na und?« Carsten war unwillkürlich zu laut geworden. Aus lauter Verärgerung schob er den Gashebel ein ganzes Stück nach vorne. Die Geschwindigkeitsanzeige sprang über die 30-Knoten-Marke.
Die Motoryacht brauste quer über die Lübecker Bucht, weiß gequirltes Ostseewasser hinter sich, und hielt auf die Landspitze von Pelzerhaken zu. Im Cockpit herrschte Schweigen.
Da legte sich eine Hand auf Carstens Schulter.
»Sag mal, hast du dein Handy abgeschaltet?« Das war Tom.
»Wieso?«, fragte Carsten.
»Deine Mutter versucht dich seit einer halben Stunde zu erreichen.«
»Was gibt es denn?«
»Lies selbst.« Tom hielt Carsten sein Handy hin. Im Display war eine SMS zu lesen.
Hallo, Tom! Versuche seit einer halben Std vergeblich C zu erreichen. Werner soeben verstorben. Kommt sofort nach Hause! Gruß G
G – das war Carstens Mutter Gudrun. In Carstens Kopf überschlugen sich die Gedanken. Vater war tot. Er musste nach Hause. Sofort. Aber wie? Die Firma! Er war jetzt Eigentümer eines Millionen-Unternehmens. Die Motoryacht – was sollte er jetzt damit machen? Einfach abliefern oder doch kaufen? Zweikommaeins Millionen. Ein halbes Jahresgehalt … Fuck! Das war mal. Ab jetzt würde er 60 Millionen im Jahr verdienen. Und mehr!
»Schlimme Nachrichten?« Das kam von Susanne.
»Mein Vater ist tot.« Carsten nahm den Gashebel zurück. Die beiden Motoren im Heck blubberten nur noch leise und die Yacht glitt nahezu geräuschlos durch das Wasser der Ostsee.
»Oh, wie furchtbar – mein Beileid.«
»Oh je!« Marion strahlte dabei über das ganze Gesicht. »Gehören wir jetzt zu den reichsten Leuten Deutschlands?«
»Was? Wie?« Carstens Blick wanderte zwischen Susanne, Marion und Tom hin und her. »Was machen wir jetzt?«, fragte er schließlich Tom.
»Ich besorg uns sofort einen Heli, der uns von Neustadt nach Hause bringt.« Tom drückte auf dem Handy herum. »Und dann, mein lieber Carsten …« Tom begann zu lächeln, während er das Handy an sein Ohr hielt. »Dann machen wir das, was wir so lange geplant haben.«
»Einen Plan?«, mischte sich Marion ein. »Ihr habt einen Plan? Wieso weiß ich nichts davon?«
Carsten wandte sich ab. Sein Vater war gestorben, und er fühlte nichts. Keine Trauer, kein Entsetzen. Aber auch keine Freude darüber, dass er jetzt unglaublich reich war – und das Unternehmen so umgestalten konnte, wie er es schon immer wollte.
Werner Roderbusch hatte den Ideen seines Sohnes nie zugestimmt. Die Roderbusch-Werke sind ein Familienunternehmen, hatte er immer gesagt. Wir brauchen keine Investoren. Wir brauchen keine Aktien. Wir liefern ehrliche Arbeit ab.
Carsten – und Tom – sahen das anders. Ganz anders. Sie wollten aus der Firma eine AG machen, die Hälfte der Aktien verkaufen und sich so eine Milliardensumme einstecken. Eine Milliarde Euro! Hinter dem Rücken von Werner hatten sie ein Analystenteam aus New York City konsultiert und sich einen Plan erarbeiten lassen, wie man das Familienunternehmen möglichst schnell und erfolgreich an milliardenschwere Investoren verkaufen konnte.
Milliarden!
Carsten schwankte und musste sich mit beiden Händen am Steuerrad festhalten.
»Alles in Ordnung?« Susanne legte ihre Hand auf seinen Rücken.
»Fassen Sie meinen Mann nicht an!« Marion packte Susanne am Handgelenk und zog deren Hand weg.
Carsten drehte sich um. »Ich bin nicht dein Mann!«, fauchte er Marion an. Dann wandte er sich an Tom. »Wie sieht es aus mit dem Heli?«
»Steht in einer halben Stunde in Neustadt bereit.«
»Gut.« Carsten spürte, wie er sich langsam sortierte und wieder Oberwasser bekam. »Wir fahren jetzt sofort zurück nach Neustadt. Tom, ruf unsere Freunde in New York an, wir ziehen den Plan so schnell wie möglich durch. Noch bevor irgendjemand etwas mitbekommt. Susanne, melden Sie der Werft, dass ich das Boot kaufe, und ich hoffe, Sie bekommen eine anständige Provision. Marion, wenn wir in Neustadt sind, kannst du dir ein Taxi zum Bahnhof bestellen.«
»Aber Schatzi?« Marion stand da und riss die Augen auf.
»Ende mit Schatzi! Für das, was jetzt kommt, kann ich dich nicht mehr gebrauchen!«
»Schatzi!!!«
Carsten nahm wieder hinter dem Steuerrad Platz und wollte gerade den Gashebel nach vorne schieben, als er innehielt.
»Was ist los?«, fragte Tom.
Carsten schaute Susanne an und lächelte. Ein bösartiges Lächeln »Das da vorne ist doch diese Landspitze von … wie heißt die noch mal?«
»Pelzerhaken«, antwortete Susanne.
»Da gibt es doch dieses hochnoble Ausflugslokal, nicht wahr?«
»Ja, das Perdu.«
»Gut. Statten wir den Möchtegern-Reichen einen Besuch ab!« Carsten drückte den Gashebel so weit nach vorne, bis er mit den Knöcheln das Teakholz berührte.
Die beiden Motoren schrien wie Raubtiere auf; der Bug der Yacht hob sich aus dem Wasser, als das Boot Geschwindigkeit aufnahm und über die Ostsee Richtung Westen flitzte.
»Sie sollten langsamer fahren!« Der Fahrtwind riss die Worte regelrecht von Susannes Lippen.
»Warum?«, schrie Carsten zurück.
»In Küstennähe besteht eine Geschwindigkeitsbeschränkung! Die wird mit Radar überwacht.«
»Geschwindigkeitsbeschränkung? Auf wie viel?«
»Sechs Knoten.«
»Ach, wirklich?« Carsten warf einen Blick auf die Anzeige. Soeben durchbrach die Yacht die 40 Knoten. »Was kostet es denn, hier auf dem Wasser zu schnell zu fahren?«
Susanne zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht. 100 Euro vielleicht. Oder 150.«
Carsten prustete los. »100 Euro? Ich zahle für diese Yacht mehr als zwei Millionen Euro und da soll ich vor einer Geldstrafe von 100 Euro Angst haben? In Zukunft kann ich mir meine Zigarren mit 100-Euro-Scheinen anzünden!« Er lachte aus vollem Hals.
Sie rasten auf die Küste zu. Die Motoryacht bockte über die Wellen wie ein wilder Mustang. Tom und Marion saßen im Heck und hielten sich krampfhaft fest. Immer wieder sprühte Meerwasser über das Vorschiff.
»Sehen Sie da vorne?« Carsten deutete mit ausgestrecktem Arm auf eine Anhöhe. Zwischen ein paar Bäumen schimmerte das rote Ziegeldach eines großen Hauses hindurch. »Das ist dieses Perdu. Da sitzen sie, all diese Porsche- und S-Klasse-Fahrer. Essen Beluga-Kaviar auf Eis und trinken Champagner für 300 Euro die Flasche. Und denken, sie wären reich. Die und reich. Ha! Ich bin reich! Ich!«
Carsten bemerkte, wie Susanne einen halben Schritt zurückwich.
»Was meinen Sie, sollen wir diesen Leute mal so richtig den Stinkefinger zeigen?« Er drehte am Steuerrad und das Boot vollzog eine sanfte Linkskurve. Sie jagten jetzt parallel zur Küstenlinie dahin.
»Sie sollten vor allem langsamer fahren«, mahnte Susanne.
»Gib Gummi!«, johlte Tom von hinten. »Denk dran, du kannst es dir jetzt leisten!«
»Ja!«, schrie Carsten und versuchte, den Gashebel noch ein letztes Stück nach vorne zu drücken. Die Küste mit dem Perdu raste an ihnen vorbei. Carsten, Tom und Marion winkten hinüber.
Plötzlich gab es einen dumpfen Schlag.
Dann ein Geräusch wie aus dem Mahlwerk einer Mühle.
Die Yacht bäumte sich trotz ihres Gewichtes kurz auf.
»Was war das?«, rief Carsten. Er riss den Gashebel zurück und das Boot verlor sofort an Geschwindigkeit.
»Oh Gott!«, stammelte Susanne. »Oh Gott! Oh Gott!« Sie drehte sich abrupt um und lief unter Deck. Augenblicke später klappte hörbar die Tür einer der Kabinen zu.
»Dreh um!« Tom war aufgestanden und starrte auf das Meer hinter ihnen. »Dreh um, verdammt noch mal!«
Carsten legte die Motoryacht in eine Rechtskurve und steuerte sie in das eigene Kielwasser.
»Was war das eben?«, fragte er.
»Keine Ahnung«, antwortete Tom. »Fahr mal langsam die Strecke zurück.« Er stellte sich rechts neben das Cockpit und schaute auf das Meer, während Marion die linke Seite übernahm.
»Da!« Marions Arm ruckte in die Höhe. »Da schwimmt was. Das sieht aus wie … wie eine Einkaufs¬tüte …«
Tom wechselte auf die linke Seite. »Das ist keine Einkaufstüte. Das ist … Verdammt! Verdammt! Verdammt!« Er blickte Carsten an. »Das ist ein Stück Segel.«
Langsam bewegten sie sich an dem bunten Fetzen vorbei, der da im Meer trieb. Als nächstes fanden sie etwas, das wie ein mit Styropor gefüllter Karton aussah.
»Was ist das?«, fragte Carsten mit zitternder Stimme.
»Ein Windsurfbrett«, sagte Tom tonlos. »Oder das, was davon übrig ist.«
Plötzlich schrie Marion auf. Sie schrie und deutete hektisch auf etwas, das im Wasser trieb. Etwas Großes. Schwarzes.
Carsten und Tom brauchten ein paar Augenblicke, um den Gegenstand eindeutig zu erkennen.
Ein Mensch!
Er trieb mit dem Gesicht nach oben im Wasser. Sein Körper steckte in einem schwarzen Neopren-Anzug.
Er bewegte sich nicht.
Das Wasser um ihn herum färbte sich rot.
Während Carsten die Motoryacht dicht an den Mann heranmanövrierte, griff Tom zum Bootshaken und versuchte, den Mann damit zu erreichen. Er brauchte drei Versuche. Vorsichtig zog er den Verletzten um das Boot herum. Zu dritt zogen und zerrten sie, bis der Mann an Bord war
Marion schrie erneut auf.
Dort, wo sich eigentlich der linke Unterschenkel des Mannes befinden sollte, war nichts weiter als ein zerfetzter Beinstumpf, aus dem rhythmisch Blut schoss.
»Abbinden! Sofort abbinden!«, rief Tom. »Ich brauche eine Leine! Schnell!«
Carsten warf ihm eine Leine zu. Ihm war schlecht. Kotzübel. Schlimmer als jede Seekrankheit.
Marion nahm die Leine, während Tom das verstümmelte Bein fixierte.
Carsten starrte auf die beiden, wie sie den Mann versorgten. Erstaunlich, wie professionell Marion mit dem Verletzten umgeht, dachte er. Als ob sie es gelernt hätte. Ihm fiel ein, dass Marion irgendwann mal etwas von Ersthelferkursen erzählt hatte.
»Was soll ich denn jetzt machen?«, jammerte Carsten.
Tom erhob sich. »Gar nichts. Du setzt dich ans Steuer und fährst uns jetzt in den Hafen von Neustadt. Und zwar mit einem mittelprächtigen Tempo. Ich werde in der Zeit zwei Anrufe machen.« Er zog sein Handy hervor.
»Wen willst du denn anrufen?«
»Zunächst den Notarzt. Den brauchen wir auf jeden Fall. Und dann einen alten Freund aus Studientagen.« Er tippte die 112 auf dem Display ein.
»Lebt er noch?«, fragte Carsten Marion, die sich neben dem Fremden hingehockt hatte und dessen Hand hielt. Erst jetzt hatte Carsten den Mut, den Mann genauer anzuschauen.
Die Schiffsschrauben hatten ihn grässlich zugerichtet. Der linke Unterschenkel war direkt unterhalb des Knies abgetrennt worden. Der Neopren-Anzug wies eine Unmasse an Einschnitten auf, und der Mann blutete aus vielen kleinen Wunden. Erstaunlicherweise war das Gesicht nahezu unverletzt. Es war das Gesicht eines Mannes um die Vierzig. Etwa in Carstens Alter. Ein markantes Gesicht. Ein gutes Gesicht. Aber jetzt fahl, totenblass.
»Ja, er lebt noch«, antwortete Marion, ohne aufzusehen. »Aber ich weiß nicht, ob er es schaffen wird.«
Carsten setzte sich ans Steuer, wendete das Boot und hielt direkt auf den Hafen von Neustadt zu.
Ihm schoss ein wirrer Gedanke durch den Kopf. Was für eine Tagesbilanz: 700 Millionen geerbt und einen Menschen getötet! Sein Name würde in den Listen der reichsten Deutschen immer mit dem Namen des von ihm Getöteten erscheinen. Warum zum Teufel hatte er nicht auf Susanne gehört? Er warf einen Blick in den Salon. Von Susanne war nichts zu sehen oder zu hören.
»Ja? … Und du bist da ganz sicher? … Kein Irrtum? … Gut … Ich danke dir! Ich melde mich wieder bei dir …« Tom beendete sein zweites Telefonat. Er ging zu Carsten und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Entspann dich«, sagte er. »Alles wird gut!«
»Mit wem hast du gesprochen?«
»Mit einem Fachmann für Seerecht. Er sagt, es wird dir nichts passieren.«
»Was? Wieso?«
Tom grinste breit. »Nach deutschem Seerecht gelten in den hiesigen Küstengewässern ganz bestimmte Vorfahrtsregeln. Danach hat ein Windsurfer einem Motorboot auszuweichen.«
»Das bedeutet?«
»Der Windsurfer hat dir die Vorfahrt genommen und ist selbst schuld am Unfall! Du bist raus aus der Sache. Ganz einfach!«
Carsten blickte stur nach vorne. Aus dem Hafen von Neustadt lief das orange-rot markierte Rettungsboot der DGzRS aus und hielt direkt auf sie zu.
»Aber der Mann … Er wird mich verklagen … wenn er am Leben bleibt … oder seine Familie.«
»Na und? Wen juckt’s?« Tom steckte das Handy weg. »Du bist reich. Du bist einer der reichsten Menschen in diesem Lande. Solchen Menschen tut man nichts. Du hast jetzt so viel Geld, dass du dir die 30 teuersten Anwaltskanzleien leisten kannst. Gleichzeitig! Die machen den Kerl fertig. Oder seine Familie. Die überziehen jeden und alles mit Gegenklagen und Gegengutachten, dass es nur so rappelt. Die regeln das mit der Staatsanwaltschaft – hinter den Kulissen. Das wäre nicht das erste Mal. Bei dem Geld, das dir jetzt zur Verfügung steht, fällt jeder um. Ob Umweltverschmutzung, Steuerhinterziehung oder Verkehrsunfall – wenn du wichtig bist und ausreichend Beziehungen hast, wird dir keiner ans Bein pinkeln. Verstehst du?«
Carsten verstand.
Alles wird gut, dachte er und lächelte. Ich bin reich und das Leben ist schön! Also, wen juckt’s?
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Monika K.
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Re:

von Monika K. (24.04.2014, 13:02)
Hallo Siegfried,
da du alle Geschichten auf einmal hochgeladen hast, fange ich einfach mal mit der an, zu der ich bereits einen Punkt angemerkt hatte. Ich zähle alles aus den Bereichen Korrektorat, Lektorat und Testlesen auf, was mir auffällt. Bei einem Teil handelt es sich deshalb selbstverständlich nur meine Meinung und meinen Geschmack.

„Die beiden Motoren im Heck der Yacht grollten bösartig wie ein Tiger, der unmittelbar vor dem Sprung auf sein wehrloses Opfer stand.“
Ein Tiger schleicht sich leise an und schlägt dann zu. (Quelle: Wikipedia) Er grollt nicht, weil er damit die Beute warnt und ihr die Flucht ermöglicht. Mein Vorschlag: „Die beiden Motoren im Heck der Yacht grollten bösartig wie ein Tiger“ oder eine andere Metapher wählen.

„Yacht“
Duden empfiehlt „Jacht“. Da deine Schreibweise aber als Alternative erlaubt ist, würde ich sie in diesem Fall stehen lassen, weil die neue Schreibweise bei vielen Autoren unbeliebt ist.
Um eine direkte Wortwiederholung handelt es sich nicht, aber ich würde das Wort nicht zweimal so dicht hintereinander verwenden. Geschmackssache.

„Kundenbetreuerin der Janus-Werft aus Neustadt in Holstein“
Mein Vorschlag: „Werft in Neustadt“ Ich nehme an, dass die Werft dort ansässig ist. Oder stammt sie nur aus Neustadt und hat den Firmensitz woanders? Oder stammt die Dame aus Neustadt?

„T-Shirt geheftet hatte. Ein T-Shirt,“
Ist die Wortwiederholung Absicht und ein stilistisches Mittel?

„nach vorne aufs Vordeck.“
„vorne“ ist eigentlich laut Duden.de Umgangssprache, die ich nur in direkter Rede und satirischen Tagebüchern verwende. Mein Vorschlag: „vorn“

„Gashebel ein Stück nach vorne“
s.o.

zweikommaeins Millionen
Kann man das tatsächlich zusammenschreiben? zwei Komma eins
http://www.duden.de/rechtschreibung/eins_Zahl

„seinen Preis!«
In seinen Gedanken rechnete er kurz durch. Der Preis“
Wortwiederholung

„Roderbusch, dem Besitzer der Roderbusch-Werke, und somit dessen Universalerbe. Die Roderbusch-Werke“
Ein bisschen viel Roderbusch auf einmal.

„Unternehmen gekommen. Zusammen würden sie das gesamte Unternehmen“
Wortwiederholung

„verdeckte die Sicht nach vorne“
Vorn (Die folgenden „vorne“ zähle ich nicht mehr auf, denn vielleicht siehst du das ja auch anders und widersprichst dem Duden. Das Wort kommt sehr häufig vor in deinem Text, finde ich.)

„Vorne wird es windig und kalt“
Vorn(e) = Wortwiederholung

„Hat sie dir gesagt, so Gas zu geben?«
»Nein«, sagte Carsten“
Ein „sagt“ würde ich durch ein anderes Wort ersetzen.

„Die Motoryacht brauste quer über die Lübecker Bucht, weiß gequirltes Ostseewasser hinter sich, und hielt auf die Landspitze von Pelzerhaken zu.“
Als Testleserin stolperte ich da irgendwie. Geschmackssache. Mein Vorschlag: „Bucht, ließ weiß gequirltes Ostseewasser hinter sich und“ oder eine andere Variante.

„Lies selbst.« Tom hielt Carsten sein Handy hin. Im Display war eine SMS zu lesen“
Wortwiederholung. Mein Vorschlag: „Auf dem Display wurde eine SMS angezeigt“

„Zweikommaeins“
Siehe Frage oben

„dem Handy herum. »Und dann, mein lieber Carsten …« Tom begann zu lächeln, während er das Handy an“
Wortwiederholung Handy. Vielleicht Mobiltelefon oder Gerät

Einkaufs¬tüte
Einkaufstüte

„dicht an den Mann heranmanövrierte, griff Tom zum Bootshaken und versuchte, den Mann damit zu erreichen. Er brauchte drei Versuche. Vorsichtig zog er den Verletzten um das Boot herum. Zu dritt zogen und zerrten sie, bis der Mann an Bord war“
Wortwiederholung „Mann“ und „zog“ Hinter „war“ fehlt ein Punkt

„Ich brauche eine Leine! Schnell!«
Carsten warf ihm eine Leine zu. Ihm war schlecht. Kotzübel. Schlimmer als jede Seekrankheit.
Marion nahm die Leine,“
Wortwiederholung Leine 3x

„Erstaunlicherweise war das Gesicht nahezu unverletzt. Es war das Gesicht eines Mannes um die Vierzig. Etwa in Carstens Alter. Ein markantes Gesicht. Ein gutes Gesicht.“
Wortwiederholung „Gesicht“ Wenn es als stilistisches Mittel gedacht ist, ist das Geschmackssache.

Abschließende Bemerkung:
Mich verwirrt ein bisschen, dass das Überschreiten der Geschwindigkeitsbeschränkung plötzlich keine Rolle mehr spielt. Aber dazu müsste ich den Text vielleicht ein zweites Mal lesen, wozu ich heute keine Zeit habe. Es war also nur ein Durchgang. Für gewöhnlich mache ich mindestens zwei. Mit den anderen Texten beschäftige ich mich so nach und nach, wie ich Zeit habe. Normalerweise stellt niemand so viele auf einmal ein, denn das kann ja kaum ein Mitglied leisten. Mein Angebot, die uralten Kommentare zu deinen Texten „Absturz“ und „Vernissage“ zu posten gilt weiterhin. Wenn du die Texte nicht mehr findest, kann ich dir den Thread heraussuchen, in dem du sie gepostet hast.

Gruß,
Monika
»Better a witty fool, than a foolish wit.« (Shakespeare’s »Twelfth Night«)

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Haifischfrau
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Re:

von Haifischfrau (24.04.2014, 14:24)
Warum hier, Siegfried?
NEU: Die Baumwollfarmerin. Roman

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Siegfried
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Re:

von Siegfried (24.04.2014, 14:35)
Haifischfrau hat geschrieben:
Warum hier, Siegfried?


Weil mir vorgeworfen wurde, ich hätte nicht den Mut, eigene Texte vorzustellen.

Als ich dies (das Vorstellen eigener Texte) in dem betroffenen Diskussionsfaden getan habe, wurde mir vorgeworfen, einen fremden Diskussionsfaden zu kapern.

Ich befolge also nur die Wünsche Dritter.

Darum "hier".
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Re:

von Monika K. (24.04.2014, 14:44)
Siegfried hat geschrieben:
Haifischfrau hat geschrieben:
Warum hier, Siegfried?


Weil mir vorgeworfen wurde, ich hätte nicht den Mut, eigene Texte vorzustellen.

Als ich dies (das Vorstellen eigener Texte) in dem betroffenen Diskussionsfaden getan habe, wurde mir vorgeworfen, einen fremden Diskussionsfaden zu kapern.

Ich befolge also nur die Wünsche Dritter.

Darum "hier".


Der Vorwurf stammt von mir. Ich schlug vor, einen der Texte entweder im Lektorat oder als "Textvorstellung Prosa" vorzustellen. Die Entscheidung gleich so viele Texte auf einmal im Lektorat hochzuladen, hast du getroffen, Siegfried. Ich betone das, weil ich finde, dass deine stark verkürzte Zusammenfassung die Sache verzerrt wiedergibt.

Die komplette Diskussion findet man am Ende dieses Threads:
http://www.bod.de/autorenpool/meinung-g ... rt,30.html

Gruß,
Monika
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Siegfried
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Re:

von Siegfried (24.04.2014, 14:58)
Monika K. hat geschrieben:
Der Vorwurf stammt von mir. Ich schlug vor, einen der Texte entweder im Lektorat oder als "Textvorstellung Prosa" vorzustellen.


Die Original-Aussage lautet so:

Monika K. hat geschrieben:
Warum stellst du eigentlich nie deine eigenen Werke hier vor? Fehlt dir der Mut?
(Link s. o.)

Wenn ich richtig lese, schreibst du dort im Plural: "Werke". Nicht "ein Werk". Folglich habe ich "Werke" - also mehr als eins - ins Forum "Lektorat" gestellt.

Du hast zudem explizit nach zwei Texten von mir gefragt: "Absturz" und "Vernissage". Das sind, wenn ich richtig zähle, auch mehr als ein Werk.
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Monika K.
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Re:

von Monika K. (24.04.2014, 15:12)
Sollte es sich um ein Missverständnis handeln, tut es mir leid. Ich dachte, dass meine Aussagen, die ich hier zitiere, dazu führen, dass drei Texte (einer deiner Wahl + die zwei von mir erwähnten) vorgestellt werden (im Lektorat oder als Textvorstellung) und die anderen in den nächsten Wochen folgen, wenn das dein Wunsch ist.
Monika K. hat geschrieben:
Suche dir bitte einen der Texte, von deren Qualität du überzeugt bist, aus und poste ihn, wie es sich gehört, entweder in einem neuen Thread hier im Lektorat oder unter der Rubrik "Textvorstellung Prosa".

Monika K. hat geschrieben:
Aber wenn es dir wichtig ist, können wir in den nächsten Wochen gerne alle hier aufgeführten Texte besprechen. Mir ist das heute ein bisschen viel auf einmal, deshalb überlasse ich es dir, in welcher Reihenfolge du die Threads startest.


Eigentlich geht es hier ja darum, uns allen zu zeigen, wie man angemessen und professionell eine Diskussion zwischen Textvorsteller und Hobby-Lektor/Testleser führt und mit Kritik umgeht. Bis jetzt wirkt es auf mich wie eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für mich. Ich warte ab, wie er weitergeht, und werde mich dann entscheiden, ob ich noch mehr Zeit investiere.

Gruß,
Monika
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Thomas Becks
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Re:

von Thomas Becks (24.04.2014, 15:34)
Bis jetzt habe ich zwei Geschichten gelesen. "Wen juckt's" kannte ich schon, die Story gefiel mir, ehrlich gesagt, gar nicht. "Rota" hingegen scheint fast von einem ganz anderen Autor geschrieben worden zu sein. Die Geschichte gefällt mir sehr gut. Bei der Menge an Geschichten, wenn man sie denn alle lesen möchte, kann man sich wirklich nur kurz halten.

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mtg
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Re:

von mtg (24.04.2014, 16:07)
Thomas Becks hat geschrieben:
Bis jetzt habe ich zwei Geschichten gelesen. "Wen juckt's" kannte ich schon, die Story gefiel mir, ehrlich gesagt, gar nicht. "Rota" hingegen scheint fast von einem ganz anderen Autor geschrieben worden zu sein. Die Geschichte gefällt mir sehr gut. Bei der Menge an Geschichten, wenn man sie denn alle lesen möchte, kann man sich wirklich nur kurz halten.

»Gefällt mir« oder »gefällt mir nicht« sind Ausdrücke des persönlichen Geschmacks, aber keine Aussagen zum Handwerk im weitesten Sinne. Und darum geht's doch hier. Was mich aber interessieren würde: Woran machst Du den »anderen Autoren«, also die Unterschiede zwischen den beiden Geschichten fest? Ich habe das so nicht feststellen können. Habe ich da etwas übersehen?

Was ich an »Wen juckt's« mag, ist die exakte Beschreibung der Geisteshaltung der Generation Erben, die als Kurzgeschichte zwar virtuell dargestellt ist, aber trotzdem eins zu eins dem Leben entnommen sein könnte. Was ich besonders mag, ist das Gefühl beim Lesen, in einem Film zu sitzen und doch mit auf der Yacht - egal, wie man sie nun schreiben möchte - zu sein.

Stilistisch gesehen, verstärken die - ich nehme an, gewollten - Wortwiederholungen die jeweilige Aktion; sie dramatisieren, erhöhen die Spannung und nehmen auf diese Weise den Leser mit in die Geschichte hinein. So empfinde ich das jedenfalls.

Da die Verwendung von Umgangssprache angemerkt wurde: Ob »vorn« oder »vorne« benutzt wird, ist sehr wahrscheinlich auch den Sprachgewohnheiten des jeweiligen Landesteils unserer Republik geschuldet, aus dem Autor und Leser stammen. Für mich ist die Verwendung von umgangssprachlichen Ausdrücken nichts anderes als »dem Volk aufs Maul« schauen. Und da es sich bei »Wen juckt's« gerade nicht um das Volk, sondern um die selbst ernannte Elite handelt, decouvriert die Verwendung umgangssprachlicher Ausdrücke in der Geschichte die handelnden Personen: Auch wenn sie glauben, qua Geld etwas Besseres zu sein, sind sie's doch nicht.

Übrigens: Neustädte gibt es derer viele in Deutschland; deshalb ist der Zusatz »in Holstein« nicht unwichtig; siehe auch Oldenburg (Oldb.) oder Oldenburg (Holstein).

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Monika K.
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Re:

von Monika K. (24.04.2014, 16:42)
Ihr könnt es mir jetzt glauben oder auch nicht, aber als ich mir aus den vielen Texten ausgerechnet diesen aussuchte, wusste ich nicht, wo er veröffentlicht worden war. Wenn ich es gewusst hätte, hätte ich einen anderen gewählt, denn solche Gemeinschaftsprojekte sind mir normalerweise heilig aus Respekt vor den daran beteiligten Autoren. Ich wählte ihn, weil er laut Siegfried zu den hochwertigeren Texten gehörte, weil ich nicht Texte beurteilen wollte, hinter denen er gar nicht steht, und weil ich in der anderen Diskussion bereits einen Punkt, der mir zufällig ins Auge gefallen war, dazu angemerkt hatte.

Obwohl meine Kenntnisse nicht perfekt sind, kümmere ich mich manchmal bei Gemeinschaftsprojekten um das Korrektorat - nach bestem Wissen und Gewissen und ohne die Garantie einer anschließenden Fehlerfreiheit. Ich hätte das Wort "vorne" im normalen Text in "vorn" geändert, weil ich mich in solchen Fällen an die Vorgaben von Duden.de halte. Wenn eine andere seriöse Quelle dem Duden widerspricht, bin ich für alles offen. In der direkten Rede hätte ich - wie bereits oben angedeutet - "vorne" stehen gelassen, da die Figuren selbstverständlich reden dürfen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist.

Ob es sich bei allen Wortwiederholungen um Absicht handelt oder nur bei ein paar, kann ich nicht beurteilen. Vielleicht äußert sich Siegfried noch dazu. So etwas würde ich z.B. immer nur nach Rücksprache mit dem Autor ändern, weil das sehr stark in den Text eingreifen würde. Wenn alle Wiederholungen Absicht sind, ist es Geschmackssache, und ich gehöre dann eben nicht zur Zielgruppe. Kein Problem.

Monika K. hat geschrieben:
„Kundenbetreuerin der Janus-Werft aus Neustadt in Holstein“
Mein Vorschlag: „Werft in Neustadt“ Ich nehme an, dass die Werft dort ansässig ist. Oder stammt sie nur aus Neustadt und hat den Firmensitz woanders? Oder stammt die Dame aus Neustadt?

Da habe ich mich missverständlich ausgedrückt, indem ich aus Faulheit bei meinem Vorschlag den Satz kürzte und nur die Wörter rund um das "in" wiederholte. Tut mir leid. Ich wollte nicht das "Holstein" weglassen (denn das würde bei uns daheim Ärger geben), sondern ich hatte ein Problem mit dem "aus" vor "Neustadt" und wollte es durch ein "in" ersetzen. Inzwischen überlegte ich mir folgenden Vorschlag: "Die junge Frau hieß Susanne, kam aus Neustadt in Holstein und war Kundenbetreuerin der Janus-Werft." Das wäre ein Lösung, falls die Dame aus Neustadt kommt. Wenn es darum geht, dass sich die Werft in Neustadt befindet, wollte ich in meinem ersten Kommentar vorschlagen: „Kundenbetreuerin der Janus-Werft in Neustadt in Holstein“

Gruß,
Monika
»Better a witty fool, than a foolish wit.« (Shakespeare’s »Twelfth Night«)

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Klonschaf
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Re:

von Klonschaf (24.04.2014, 16:46)
mtg hat geschrieben:
Stilistisch gesehen, verstärken die - ich nehme an, gewollten - Wortwiederholungen die jeweilige Aktion; sie dramatisieren, erhöhen die Spannung und nehmen auf diese Weise den Leser mit in die Geschichte hinein. So empfinde ich das jedenfalls.


Ja, wobei die Wiederholungen nicht in allen von Monika genannten Fällen als stilistisches Mittel durchgehen, finde ich.

Erstaunlicherweise war das Gesicht nahezu unverletzt. Es war das Gesicht eines Mannes um die Vierzig. Etwa in Carstens Alter. Ein markantes Gesicht. Ein gutes Gesicht.

Beim mehrfach wiederholten "Gesicht" ist es z.B. plausibel, von einem stilistischen Mittel zu sprechen. In den anderen Fällen kann ich es nicht so sehen, besonders der dreimalige Auftritt der Leine wirkt hölzern:
»Ich brauche eine Leine! Schnell!«
Carsten warf ihm eine Leine zu. Ihm war schlecht. Kotzübel. Schlimmer als jede Seekrankheit.
Marion nahm die Leine, während Tom das verstümmelte Bein fixierte.

Allerdings muss man ja immer die Kosten-Nutzen-Rechnung aufmachen und sich fragen, ob man wirklich bis ins Letzte gehen will und ohne Ende in seinen Text investieren möchte. Spontan fällt mir jedenfalls nichts ein, wie man die ungute Situation auflösen könnte. Daher eigentlich kein Punkteabzug für die Dreifach-Leine. Ich meine, bei der Textarbeit ist es ein bisschen so wie mit Rechtschreib- und Grammatikkenntnissen: wenn man an der Thematik interessiert ist, kann man sich relativ schnell 97% Sicherheit erarbeiten und hat eine solide Basis ... für die letzten 3 Prozent, also für die absolute Perfektion, müsste man aber überproportional viel Zeit und Mühe investieren, was sich einfach nicht mehr lohnt. Ansonsten: ich hab Siegfrieds Texte nicht ganz gelesen, kann mich gerade schlecht konzentrieren (außer Rota, das hab ich vor Längerem mal gelesen und finde es gut).

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Torsten Buchheit
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Re: Wen juckt's

von Torsten Buchheit (24.04.2014, 17:15)
Den Anmerkungen von Monika K. kann ich mich nur anschließen. Beim flüchtigen Drüberlesen sind mir auch noch folgende Dinge aufgefallen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit, ich habe nicht die Zeit, um den Text ausführlich zu überprüfen):

Siegfried hat geschrieben:
Während Sohn Carsten auf der Ostsee herumschipperte und ein neues Spielzeug suchte, lag Vater Werner in einer exklusiven Privatklinik und rang mit dem Tode. So hieß es jedenfalls im letzten Bulletin der Ärzteschaft.


Ein Bulletin ist eine öffentliche Verlautbarung über den Gesundheitszustand eines Kranken. In Zeiten der ärztlichen Schweigepflicht gibt es keine öffentlichen Verlautbarungen über den Gesundheitszustand eines Kranken (vielleicht mal mit Ausnahme eines Staatsoberhauptes).

http://de.wikipedia.org/wiki/Bulletin

Unter der Ärzteschaft versteht man die Gesamtheit aller Ärzte. Haben denn obiges Bulletin auch wirklich alle 429 021 Ärzte in Deutschland unterschrieben?

http://www.duden.de/rechtschreibung/Aerzteschaft

Siegfried hat geschrieben:
»Abbinden! Sofort abbinden!«, rief Tom. »Ich brauche eine Leine! Schnell!«
Carsten warf ihm eine Leine zu. Ihm war schlecht. Kotzübel. Schlimmer als jede Seekrankheit.
Marion nahm die Leine, während Tom das verstümmelte Bein fixierte.


Fixiert wird ein gebrochenes Bein. Hier aber ist das Bein unterhalb des Knies abgetrennt. Der Rest ist schon im Hai, im Hering oder in der Makrele. Da gibt es nichts zu fixieren. Schon gar nicht mit der zuvor besorgten Leine. Das richtige Wort wäre "abband" gewesen.

Und noch ein paar grundsätzliche Gedanken: Wer schafft es, einen Luxuswagen wie einen Ferrari oder einen Rolls Royce probezufahren, ohne beim Autohaus seinen Führerschein vorzuzeigen?

Um ein solches Boot zu führen, braucht man in deutschen Gewässern einen Sportbootführerschein See.

http://de.wikipedia.org/wiki/Sportbootf ... schein_See

Soviel Geld kann man gar nicht haben, daß eine Bootswerft einem dahergelaufenen Zampano ohne Bootführerschein die Schlüssel zu einen Zweieinhalb-Milionen-Boot in die Hand drückt, begleitet von ein paar Kumpels und einer Marketing-Dame. In der Realität hätte das Boot die Werft niemals ohne qualifizierten Bootsführer verlassen. Logiklöcher, größer als ein Scheunentor. Ein wenig Recherche hätte der Geschichte gut getan.
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Re:

von mtg (24.04.2014, 17:22)
Monika K. hat geschrieben:
Ich hätte das Wort "vorne" im normalen Text in "vorn" geändert, weil ich mich in solchen Fällen an die Vorgaben von Duden.de halte. Wenn eine andere seriöse Quelle dem Duden widerspricht, bin ich für alles offen.


Ob es sich hier um eine widersprechende Quelle handelt, mag ich nicht beurteilen. Seriös ist sie aber. Hier wird »vorne« als Synonym für »vorn« gehandelt: http://wortschatz.uni-leipzig.de

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Re: Wen juckt's

von mtg (24.04.2014, 17:54)
Torsten Buchheit hat geschrieben:
Ein Bulletin ist eine öffentliche Verlautbarung über den Gesundheitszustand eines Kranken. In Zeiten der ärztlichen Schweigepflicht gibt es keine öffentlichen Verlautbarungen über den Gesundheitszustand eines Kranken (vielleicht mal mit Ausnahme eines Staatsoberhauptes).

Michael Schumacher ist zwar kein Staatsoberhaupt, zu seinem Gesundheitszustand wurden aber Bulletins veröffentlicht. Und er ist nicht der einizge derartige Fall, lediglich der jüngste.

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Re:

von Torsten Buchheit (24.04.2014, 18:09)
Nein, es werden keine Bulletins zu seinem Gesundheitszustand veröffentlicht. Auch wenn das Internet diesen Begriff inflationär gebraucht. Anfänglich hat sich die Klinik (leichtsinnigerweise) öffentlich geäußert, dies aber rasch wieder unterlassen.
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