Bratkartoffeln mit Spiegelei

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Siegfried
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Bratkartoffeln mit Spiegelei

von Siegfried (24.04.2014, 10:28)
Bratkartoffeln mit Spiegelei

„Geht es um was Wichtiges?“ Ella Kempen schob mit einem Finger ihre Brille zurück in Richtung Nasenwurzel. Dann spießte sie mit der Gabel in ihrer anderen Hand eine braun gebratene Kartoffelscheibe auf, manövrierte sie in ihren Mund, schloss die Lippen um die Zinken und zog die Gabel so blitzartig heraus, als hätte sie Angst, das Besteck könnte sich in ihrem Mund in ein glühendes Stück Eisen verwandeln.
Johannes Kempen betrachtete seine Frau und überlegte, ob er ihre Art zu essen je interessant gefunden hatte. Er konnte sich nicht erinnern.
„Durchaus“, sagte er schließlich. Er legte sein Essbesteck zurück auf die kleine Messerbank neben seinem Teller, die Gabel mit den Zinken nach oben, das Messer mit der Schneide zum Teller. Mit spitzen Fingern schob er die Griffe so lange hin und her, bis sie exakt parallel lagen, dann nahm er die Serviette von seinen Oberschenkel, tupfte sich mit kurzen Bewegungen die Lippen ab und faltete das Tuch so auf seinen Schenkel, dass die benutzen Stellen des Stoffes jeweils nach innen zeigten.
„Liebe Familie, ich würde mit euch gerne etwas besprechen. Nach dem Essen.“
„Ach nö, Paps!“ Stefan zersäbelte sein zweites Spiegelei wie ein Kosake auf dem Rachfeldzug, stopfte sich mehrere Stücke davon gleichzeitig in den Mund und schaufelte drei Ladungen Bratkartoffeln hinterher. „Muss das sein?“ nuschelte er, sichtlich bemüht, den Inhalt seines Mundes nicht über der Esstisch zu verteilen.
„Stefan!“ Ella blickte ihren Sohn vorwurfsvoll an. „Man spricht nicht mit vollem Mund!“
Stefan kaute mit doppelter Geschwindigkeit und schluckte hörbar. „Warum müssen wir samstags auch immer so spät essen? Ihr wisst doch, dass ich gleich noch weg will.“
Johannes Kempen blickte zur Uhr, die über der alten Anrichte an der Wand hing. Es war kurz vor halb neun Uhr abends.
„Dann wird es länger dauern?“ fragte Ella.
„Was?“ fragte Johannes.
„Deine ..., na, diese Besprechung.“
„Durchaus.“
„Ach nö, Paps. Corinna wartet doch auf mich.“ Stefan legte sein Besteck auf den Teller und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. Johannes zuckte unwillkürlich zusammen.
„Corinna?“ fragte Ella. „Ist das nicht die nette Rothaarige, die dich letzte Woche besucht hat?“
„Das war Ingrid.“ Stefan hielt sich den Bauch, drückte sein Kinn auf die Brust und blies einmal kurz die Wangen auf. „Die ist längst Geschichte. – Sag mal, Paps, kannst du mir etwas Geld geben?“
„Schon wieder? Du hast doch erst vorgestern hundert von mir bekommen.“
„Das Leben ist teuer.“ Stefan grinste frech. „Und du weißt doch: Keine Arme, keine Kekse! Und meine Arme sind im Moment recht kurz.“
„Wie?“
„Er meint, er ist knapp bei Kasse.“ Ella stand auf und begann, den Tisch abzuräumen.
„Gib Geld. Mach schon!“ Stefan streckte seinem Vater die offene Hand entgegen.
Johannes Kempen schüttelte den Kopf. „Kommt nicht in Frage. Irgendwann musst du lernen, vernünftig mit Geld umzugehen. Am besten jetzt, sofort. Denn ich habe ...“
„Ach, dann behalt doch deine Kohle!“ Stefan feuerte seine Serviette auf den Teller, dass Messer und Gabel klirrten und Ella erschrocken innehielt. „Ich komme auch ohne dich klar.“ Er schob seinen Stuhl ein ganzes Stück zu weit vom Tisch weg, sprang auf und lief in den Flur. Kleiderbügel klapperten heftig an der Garderobe, und dann krachte die Wohnungstür ins Schloss.
„Du solltest dem Jungen mehr Verständnis entgegenbringen.“ Ella schob wieder ihre Brille mit einem Finger zur Nasenwurzel hoch. „Er ist doch noch so jung.“
Jung sein, dachte Johannes Kempen, das ist ein Fehler der Natur, der sich von selbst korrigiert.
Ella stellte die Teller aufeinander, legte die Bestecke darauf und trug alles in die Küche. Johannes hörte Porzellan klappern und Metall klirren. Ella füllte offenbar die Spülmaschine.
„Ach, übrigens“, rief Ella aus der Küche, „ich muss gleich auch noch weg. Zu Wieses. Die Karin will uns ihre neuen Artikel aus dem Versand zeigen. Die Gerdi ist da, und Waltraud, und Petra. Und noch einige, die du nicht kennst. Es wird sicher spät werden. Vermutlich elf.“
Johannes legte seine Unterarme auf den abgeräumten Esstisch und seufzte leise.
„Was wolltest du uns eigentlich sagen?“ Ella stand im Flur und angelte nach ihrem Mantel.
„Ich wollte euch nur mitteilen, dass ich ...“
„Ach, Hannes, hat das nicht auch bis morgen Zeit?“ Ella schlüpfte in ihren Mantel. „Ich bin spät dran, weißt du, und möchte nicht unpünktlich sein. Im Kühlschrank ist eine Flasche Bier. Mach es dir doch vor dem Fernseher bequem, ja? Ich muss los. Tschüß!“
Als Ella die Tür öffnete und die Wohnung verließ, sah Johannes nicht einmal auf, auch nicht, als Ella die Tür mit einem leisen Klacken hinter sich zuzog. Eine Weile hörte er noch Ellas Schritte im Treppenhaus, bis sich auch dieses Geräusch verlor. So saß er am Esstisch, betrachtete seine Hände und lauschte der Stille. Nach einer Weile hörte er das Ticken der Wanduhr. Er sah auf. Die Zeiger standen auf viertel vor Neun.
Er wartete weitere fünf Minuten, saß unbeweglich auf dem Stuhl und lauschte dem Ticken. Er wartete, bis die erste Stunde seines neuen Lebens vorüber war. Dann zog er aus der Innentasche seines Jacketts einen kleinen Zettel. Sorgsam faltete er ihn auseinander, legte ihn vor sich auf den Tisch und strich zwei Mal mit der Handkante darüber. Auf dem Zettel sah er zehn Kästchen mit je neunundvierzig Zahlen, und in jedem der Kästchen sechs Kreuze. In einigen Kästchen hatte er ein oder zwei Kreuze pedantisch genau in Kreise gefasst.
Ausgenommen das Kästchen mit der Kennziffer 4.
Dort waren alle sechs Kreuze eingekreist.
Johannes Kempen hob den Kopf und schnupperte. Die Wohnung roch nach Bratkartoffeln mit Spiegelei. Und in diesem Moment begann er, Bratkartoffeln mit Spiegelei zu hassen.
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Thomas Becks
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Re:

von Thomas Becks (25.04.2014, 11:48)
Kleine Geschichte zum Weiterspinnen, schön!

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