Der Lindwurm

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Detlef Schumacher
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Der Lindwurm

von Detlef Schumacher (14.05.2014, 08:52)
Ein Lindwurm haust im Walde,
einst jung, nun längst der Alte,
sein Feuer fast erloschen,
deshalb schon abgedroschen
die Mär von seinen Kräften
sowie den Mordsgeschäften.

Er fühlt sich so verlassen,
kein Mensch will ihn mehr hassen,
es ist nicht übertrieben,
dass Einige ihn lieben.
Das will ihn schier verbittern;
man soll doch vor ihm zittern.

Selbst manche Waldtouristen,
die ihn doch fürchten müssten,
begegnen ihm mit Lachen,
dem schwachen Feuerdrachen.
Dahin die schönen Tage,
als er der Menschen Plage.

Es dampft aus seinen Nüstern,
da nähert sich ihm lüstern
ein Weib mit blonden Locken;
sein Dampf gerät ins Stocken.
Was ist die so vermessen?
Die hätt‘ ich einst gefressen,

so denkt der Lindwurm böse.
Doch die treibt‘s Amouröse.
Sie will den Wurm becircen,
ins Liebesleid wohl stürzen.
Sie wiegt die schlanken Hüften,
riecht nach Pariser Düften.

Der Wurm gerät ins Grübeln:
Soll ich ihr das verübeln
und sie das Fürchten lehren,
die Ängste vor mir mehren?
Doch die ist eine Kecke,
so kühn wie einst der Recke,

dem ich den Garaus machte.
Wenn die ich jetzt auch schlachte,
wird jeder zur Mimose
und macht sich in die Hose,
wenn er mich fauchend siehet,
dem Walde rasch entfliehet.

Doch die mit blonden Locken
lässt sich von ihm nicht schocken.
Sie tritt ihm immer näher;
ihm wird es dabei weher
ums Herz und in den Krallen;
sie kann ihm wohl gefallen.

Was ist mit mir geschehen,
muss sich der Wurm gestehen,
dass ich das Weib nicht beiße
und anschließend verspeise.
So können einen Drachen
Gefühle schwächlich machen.

Die Blonde küsst ihm munter
die Hornhaut rauf und runter.
Dann hält sie ein und säuselt -
dem Wurm die Hornhaut kräuselt -
er sei ein strammes Tierchen,
geeignet für ihr Türchen

im Haus hin zu dem Garten,
den Diebe stets aufwarten.
Denselben zu bewachen,
bedarf es eines Drachen,
sagt sie, die blonde Schöne.
Das sind natürlich Töne,

die einen Lindwurm ehren
und wohl auch toll betören.
So nütz‘ ich ohne Frage
noch meine alten Tage,
denkt sich das Hornvieh glücklich. -
Das ist doch wahrlich schicklich.

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