Schaffensfreude

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Arno Abendschön
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Schaffensfreude

von Arno Abendschön (03.04.2016, 14:18)
wir schaffen das
sagt uns die alte schaffnerin
erschaffung der welt in nur sieben tagen
wir schaffen und schaffen
jetzt heißt es anschaffen
wir schaffen manches beiseite
wir schaffen das fort
wir schaffen viel ab
frohes ausschaffen hellas
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Haifischfrau
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Re:

von Haifischfrau (03.04.2016, 18:19)
thumbbup Arno - wenn es nicht so weh täte! Menschen werden verschoben, hin und her geschoben, weg geschafft ...

Maryanne
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Arno Abendschön
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Re:

von Arno Abendschön (03.04.2016, 18:35)
Maryanne, ob uns das unter den jetzigen Umständen schmerzt, scheint mir eher weniger von Belang zu sein.

Zum Hintergrund: Ich habe die paar Zeilen nach dem Eindruck eines Gastbetrages heute auf zeit.de geschrieben. Er ist vom Berliner Schaubühnen-Dramaturg Bernd Stegemann, Titel: Die andere Hälfte der Wahrheit. Der Autor parallelisiert in seiner Analyse auf verblüffende Weise die jetzige deutsche Politik mit dem Inhalt von Brechts "Der gute Mensch von Sezuan". Sehr zum Lesen empfohlen.

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Haifischfrau
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Re:

von Haifischfrau (03.04.2016, 18:48)
Danke für den Hinweis, Arno.

Für mich ist von Belang, dass es (mir) schmerzt.
Sicher kann man Gegebenheiten von verschiedenen Seiten sehen.
Einzige "Wahrheit" für mich ist die Tatsache, dass die Menschen schon wieder hin und hergeschoben werden. Dem Schlachtvieh räumen die Tierschützer (zu Recht) weniger traumatische "Entsorgung" ein.

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Arno Abendschön
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Re:

von Arno Abendschön (03.04.2016, 19:04)
Maryanne, das ist eine ausgesprochen unpolitische Haltung. Und genau die dient, wenn sie von sehr vielen eingenommen wird, als Stütze einer zynischen Politik. Stegemann hat klug analysiert, wie das funktioniert.

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Haifischfrau
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Re:

von Haifischfrau (03.04.2016, 22:00)
Lieber Arno,
wenn du damit meine Haltung meinst, dann frage ich dich, was denn eine politische Haltung ist bzw. wie du zu einer humanen Haltung stehst.
Ich fühle mich nicht der Politik (was das auch immer sein mag) gegenüber verantwortlich, sondern der Humanität. Wenn es hierzulande einige Pappnasen gibt, die Flüchtlinge für alles verantwortlich machen, ist das deren Dummheit.

Ich halte es für verwegen, Menschlichkeit als politischen Fehler (oder einfach nur als Unfähigkeit, politisch zu denken) zu bezeichnen. Ganz im Gegenteil!

Denken wir an die jüngere deutsche Vergangenheit und an die Tatsache, dass viele Menschen (Juden, Andersdenkende) hätten gerettet werden können, wenn Menschlichkeit über Eigennutz (als Politik getarnt) gesiegt hätte.

Und nun sind wohl diejenigen in der Pflicht, die das Elend mit ihren Waffenexporten erst ermöglicht haben. Oder?
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guenther klein
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Hallo Arno

von guenther klein (03.04.2016, 22:13)
Der kurze Reim enthält für mich viele Kritik. Das hat mich angesprochen. Man kann ohne viele Worte Vieles aussagen. Weiter so!

Arno Abendschön
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Re:

von Arno Abendschön (03.04.2016, 22:17)
Liebe Maryanne,

ob es wohl viel Sinn hat, diese Diskussion zu führen, wenn der Text, auf den sich meine Zeilen ausdrücklich beziehen, konsequent nicht zur Kenntnis genommen wird?

Was da zwischen uns strittig ist, ist nichts anderes als die Konkurrenz von Gesinnungs- und Verantwortungsethik und ihr Verhältnis zueinander. Stegemann formuliert im Hinblick auf die heutige Lage wie auf Brechts Parabel so:

Die Erkenntnis ist so einfach wie realistisch: Wer in einer schlechten Welt gut sein will, braucht die Hilfe eines schlechten Menschen. Das Einzige, was diesen Widerspruch aufheben könnte, wäre nicht individuelle Güte, sondern eine Revolution der schlechten Wirklichkeit.

Und:

Die politische Analyse bleibt schon hier weit hinter der brechtschen Erkenntnis zurück, dass jede gute Tat ihre böse Folge aus sich selbst gebiert, wenn die Welt durch individuelle Güte nicht zu verändern ist.

Von Budapest nach Idomeni - das war eine Einbahnstraße, deren abschüssige Bahn für jeden klar Denkenden schon im Spätsommer 2015 erkennbar war.

Arno Abendschön
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Arno Abendschön
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Re:

von Arno Abendschön (03.04.2016, 23:40)
Danke, Günther, fürs Lob. Ich habe ja nur versucht, aus dem Wort "schaffen" und div. Ableitungen und Nebenbedeutungen von ihm eine Entwicklunglinie zu bilden, die etwas mit der Geschichte des letzten halben Jahres zu tun hat.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
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Siegfried
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Re:

von Siegfried (04.04.2016, 01:37)
Arno Abendschön hat geschrieben:
ob es wohl viel Sinn hat, diese Diskussion zu führen, wenn der Text, auf den sich meine Zeilen ausdrücklich beziehen, konsequent nicht zur Kenntnis genommen wird?


Ich habe den Text von Stegemann gelesen - und ich muss sagen, ich habe seit langer Zeit keinen so schlechten Text zu dem Thema zu lesen bekommen.

Arno Abendschön hat geschrieben:
Stegemann formuliert im Hinblick auf die heutige Lage wie auf Brechts Parabel so:

Die Erkenntnis ist so einfach wie realistisch: Wer in einer schlechten Welt gut sein will, braucht die Hilfe eines schlechten Menschen.


Das ist - in meinen Augen - schlicht Unfug! Man benötigt in einer schlechten Welt nicht die Hilfe von schlechten Menschen, um Gutes zu tun (oder gut zu sein).



Arno Abendschön hat geschrieben:
Die politische Analyse bleibt schon hier weit hinter der brechtschen Erkenntnis zurück, dass jede gute Tat ihre böse Folge aus sich selbst gebiert, wenn die Welt durch individuelle Güte nicht zu verändern ist.


Auch das ziehe ich zutiefst in Zweifel, selbst wenn diese vermeintliche Erkenntnis von Brecht stammt (auch der Mann hat der Weiheit letzter Schluss so wenig mit Löffeln gefressen wie ein Karl Marx oder Theodor Adorno oder Jürgen Habermas). Eine Tat - gleich ob gut oder böse - hat immer eine Folge. Ob die Folge nun gut oder böse ist, lässt sich nicht vorausbestimmen. Nur Misanthropen behaupten, dass alles, was Mensch tut, im Schlechten endet. Wäre es so, sollte die Menschheit sich die Kugel geben. Ich persönlich glaube an das Gute. Und ganz nebenbei: Wenn der Turbokapitalismus und der Neoliberalismus bei uns so furchtbar sind, wie es im Text beschrieben wird, warum wollen dann so viele Menschen ausgerechnet zu uns? Es scheint sich in Deutschland besser zu leben, wenn man nicht von hier ist.
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Franz Hose
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Re:

von Franz Hose (04.04.2016, 09:09)
Arno Abendschön hat geschrieben:
ob es wohl viel Sinn hat, diese Diskussion zu führen, wenn der Text, auf den sich meine Zeilen ausdrücklich beziehen, konsequent nicht zur Kenntnis genommen wird?

Deine Zeilen sollten für sich stehen können, ohne dass der Leser den Text, auf den sie sich beziehen kennt. Können sie das nicht, sind sie nicht gut.
Was, wenn der Beitrag auf Zeit.de gelöscht wird? Entfernst du dann auch deine Zeilen hier?
Oder wenn du sie in einem Buch veröffentlichen möchtest, bringst du dann im Anhang den Beitrag von Zeit.de, mit dem Hinweis, der sei unbedingt zur Kenntnis zu nehmen?

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Monika K.
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Re:

von Monika K. (04.04.2016, 09:43)
Da ich dieses Stück von Brecht nicht kannte, las ich mir gestern den Wikipedia-Artikel durch, um die kryptischen Andeutungen unseres Protestdichters besser verstehen zu können. Verstanden im Sinne von "nachvollzogen" habe ich sie zwar trotzdem nicht, und ich hatte danach auch keine Lust mehr, mir auch noch den Zeit-Artikel zu besorgen, den man anscheinend gelesen haben muss, um die hier vorgestellten lyrischen Ergüsse korrekt interpretieren zu können, aber ein Abschnitt fiel mir bei Wikipedia auf:
Zitat: "Obwohl deutlich wird, dass der Anspruch der Götter, »gut zu sein und doch zu leben«, in dieser Welt nicht erfüllbar ist, ohne dass sich der Mensch in eine moralische-gute und lebensfähig-harte Persönlichkeit aufspaltet, ignorieren die Götter diese Erkenntnis. Das Ende bleibt offen und der Zuschauer wird aufgefordert, eine eigene Lösung zu finden."
https://de.wikipedia.org/wiki/Der_gute_ ... von_Sezuan
Jetzt ist es natürlich gefährlich, auf eine Beschreibung eines Stücks aufzubauen, aber wenn diese Aussage zutrifft, wird in erster Linie das Dilemma beschrieben, in dem jeder Mensch steckt: Man muss im Brot-Job oft Dinge tun, die nicht der eigenen Einstellung entsprechen, und man kann nicht den ganzen Tag das tun, was man gerne tun würde, um die Welt zu verbessern, weil man davon nicht leben könnte. Daraus schließe ich für mich aber nicht, dass man 24 Stunden am Tag die lebensfähig-harte Persönlichkeit herauskehren und sich von der moralisch-guten auf Nimmerwiedersehen verabschieden sollte. Allerdings scheint Brecht das Ende offen gelassen zu haben. Das Stück soll demnach zum Denken anregen und lässt sicherlich auch einen breiten Interpretationsspielraum. Wenn den jemand für seine Zwecke nutzt, kann er sich jedoch nicht auf Brecht berufen, denn der legte seine Konsequenzen aus dem Dilemma ja gar nicht offen, wie mir scheint. Ich gehe daher lieber einen anderen Weg und stecke einen nicht gerade kleinen Teil meine Freizeit in Projekte aus dem (aus meiner Sicht) moralisch-guten Lebensbereich, damit ich am Ende meines Lebens sagen kann: Ich habe zwar weder alle Stücke von Brecht noch die angeblich darauf aufbauenden Zeit-Artikel gelesen, weil ich besseres zu tun hatte, aber ich blieb mir und meinen moralischen Grundsätzen treu und ließ mich nicht von pseudointellektuellem Geschwätz vom Weg abbringen. Mit dieser Aussicht kann ich heute gut leben und werde mich nach diesem Posting auch gleich wieder einem meiner 0-Euro-Jobs widmen, weil die mir einfach mehr geben.

Unabhängig davon beobachte ich seit geraumer Zeit eine Entwicklung in der Diskussionskultur. Nachdem in Endlosschleife "Lügenpresse" gekreischt wurde, bemühen sich viele Medien, verschiedenen Meinungen eine Plattform zu bieten, um sich nicht dem Vorwurf der "einseitigen Berichterstattung" aussetzen zu müssen. Das ist grundsätzlich nicht schlecht, da man sich seine Meinung aufgrund dieser vielen verschiedenen Komponenten bilden kann. Nun findet jedoch fleißig Rosinenpickerei statt. Anscheinend haben einige Zeitgenossen nichts besseres zu tun, als sämtliche als seriös bekannten Medien nach Beiträgen zu durchforsten, die irgendwelche radikalen Thesen bestätigen oder zu bestätigen scheinen. Diese werden den Mitmenschen penetrant unter die Nase gehalten, da man anscheinend nur dann die Welt versteht, wenn man sich genau diesen seitenlangen Erguss reingezogen hat. Ich stehe jedoch auf dem Standpunkt: Wenn man ein Gedicht nur verstehen kann, wenn man einen Zeitungsartikel liest, dann ist das Gedicht schlecht. Nur meine persönliche Meinung zum Thema Lyrik.

Gruß,
Monika
»Better a witty fool, than a foolish wit.« (Shakespeare’s »Twelfth Night«)

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Klonschaf
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Re:

von Klonschaf (04.04.2016, 16:04)
Dass Deutschland bzw. dessen Regierung sich ziemlich dreist moralisch aufplustert, sieht ja ein Blinder mit Krückstock, da muss man keinen Artikel auf Zeit.de gelesen haben (der betreffende Artikel steht übrigens online, den muss man nicht kaufen).

Und mein bescheidener Standpunkt zur Sache: Ich würde mir von Frau Merkel wünschen, dass sie die Flüchtlinge aus Griechenland direkt nach Deutschland holt, alles andere ist moralisch verwerflich.

Aber stattdessen wirft Frau Merkel einem Halbdiktator Geld in den Rachen, damit der für sie die Drecksarbeit erledigt (die Türkei schiebt illegal Flüchtlinge nach Syrien ab, war unlängst zu lesen) ... nun gut, Frau Merkel kann damit immerhin ihren Heiligenschein wahren, denn darum gehts ja: Show ... sonst nichts, gefühlig-pastorale Textbausteine ... seufz, hach, es menschelt so sehr ... und dann in endlosen Schachtelsätzen salbadern ... bla bla bla, aber einen Deal mit Erdogan machen ... alles klar dann.

:wink: angle:

Ach ja, zum Gedicht kann ich wenig sagen, habe es nicht verstanden bin aber auch kein Experte!

Nur erstaunlich, dass das unsägliche Schweizer Wort "ausschaffen" sich so langsam auch im hochdeutschen Sprachraum ausbreitet?!
Klonschaf ist Fan von Nina Hagen und den Stuttgarter Kickers

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Klonschaf
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Re:

von Klonschaf (04.04.2016, 19:16)
PS: Ok, das deutsche Wort "abschieben" ist auch nicht besonders schön und ausschaffen hat wohl zu den vielen anderen "schaffen" im Gedicht gepasst, so gesehen logisch.
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Arno Abendschön
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Re:

von Arno Abendschön (04.04.2016, 22:03)
Nun bin ich mit meiner Reaktion etwas im Verzug, war heute den ganzen Tag auf dem Land wandern und ziemlich müde. Was tun?

Die moralische Seite der Geschichte hat Klonschaf erfreulich klar und eindeutig beurteilt. Darauf läuft ja auch mein lyrischer Versuch im Ergebnis hinaus. Ich habe einfach nur das Verbum "schaffen" und div. Abwandlungen und Nebenbedeutungen von ihm benutzt, um eine Reihe zu bilden, die den Verlauf der letzten sechs Monate nachzeichnet, jene besonders makabre Version von Willkommen und Abschied.

Soll ich mich Punkt für Punkt durch die Rechtfertigungsversuche der anderen durcharbeiten? Ich mache es mir mal einfach und zitiere noch ein bisschen Stegemann, der das Einschlägige ohnehin so prägnant formuliert, dass man es kaum besser machen kann. Also (Hervorhebungen von mir):

Denkt man über die ersten Monate der Begrüßungseuphorie hinaus, offenbart die Frage nach dem Wir erst den wahren politischen Gehalt. Denn dann wird aus dem Wir eine klar benennbare Klasse in unserer Gesellschaft: die Geringverdiener und diejenigen, die schon jetzt am unteren Rand leben. Hier entbrennt der Konkurrenzkampf um die weniger qualifizierten Jobs, bezahlbaren Wohnraum und die letzten öffentlichen Orte, an denen man sich ohne Geld aufhalten darf. Der moralische Anspruch kommt endlich dort an, wo er die ganze Zeit hinwollte: bei den Verlierern. Die Kosten der Moral werden an die Ränder verteilt, wo es den Gewinnern nicht wehtut und sie weiterhin im Wohlgefühl ihres eigenen Gutseins leben können. Den notwendigen Kampf an den Grenzen der EU oder den Rändern der Gesellschaft kann man ignorieren oder, was noch mehr Genuss der eigenen Moral verschafft, als Beweis für die Unwürdigkeit der dort lebenden schlechten Menschen nehmen.

Der Trick der neoliberalen Politik besteht darin, den Begriff der Modernisierung unangreifbar positiv besetzt zu haben. Weltoffenheit, Multikulti und Globalisierung sind nicht nur Imperative der gehobenen Mittelschicht, sondern auch Kampfbegriffe gegen die Ängste der unteren Klasse, deren Jobs es nicht zulassen, heute in Berlin und morgen in Dubai arbeiten zu können.

Dass die Partei mit der Wählerschaft, die das höchste Durchschnittseinkommen hat, hiervon besonders profitiert, liegt auf der Hand. Die Behauptung, dass es sich bei den Anhängern der Grünen eben um die moralisch bewussteren Zeitgenossen handelt, hat ihren inneren Widerspruch perfekt übermalt. Wenn man als Akademiker in einer Eigentumswohnung lebt, ist es sehr gratismutig, eine Willkommenskultur zu fordern und die Nase über diejenigen zu rümpfen, die gegen ein Flüchtlingsheim protestieren, das in ihrem Wohngetto gebaut wird. Dass sich hinter der Propaganda der Weltoffenheit auch die Abschaffung aller sozialen Regeln, die den Kapitalismus ein wenig gezähmt haben, verbirgt, kann nur noch um den Preis, als ein Gestriger zu gelten, formuliert werden, oder wie im Falle der Willkommenskultur um den Preis, ein Rechter zu sein.

Wenn Monika von "pseudointellektuellem Geschwätz" spricht, ohne den Artikel gelesen zu haben, dann nur so viel zur Entgegnung: Stegemann ist ein linker Intellektueller, der noch seinen Verstand benutzt und seine Meinung offen auszusprechen wagt - beides ausgesprochen rar geworden in Deutschland. Stegemann ist nicht nur Dramaturg an einer der führenden Sprechbühnen im deutschen Sprachraum (zeitweise war er sogar Chefdramaturg). Als Dramaturg war er ferner für die Wiener Festwochen, die Salzburger Festspiele und Kampnagel tätig. Mit deiner Formulierung hast du dich selbst als seriöse Autorin disqualifiziert. Stegemanns Thesen wurden in der ZEIT sehr breit diskutiert, die Kommentare insgesamt auf einem Niveau, von dem man hier nicht mal zu träumen wagt.

Siegfried will, wie ich sehe, aus der Migrationsbewegung Schlüsse zugunsten von Turbokapitalismus und Neoliberalismus ziehen. Nun, unbestritten sind deren Folgen hierzulande nicht ganz so gravierend wie in den meisten Herkunftsländern der Ankommenden. Letztere kommen ja gerade oft als Opfer dieser heutigen Weltordnung zu uns. Ihre Motive sind dann nachvollziehbar, sogar ehrenwert. Es kann aber keine gute, konstruktive, zukunftsfähige Politik sein, die Verelendeten massenhaft in die Erste Welt zu importieren - mit dem absehbaren Ergebnis, dass auch dort noch die Lebensbedingungen für die Bevölkerungsmehrheit auf das Drittweltniveau abgesenkt werden. Es ist schon schlimm genug, was westliche Politik im Orient angerichtet hat - soll das Chaos universell werden? Hier offenbart sich dieselbe zynische Logik der Globalisierung, wie sie zzt. auch aus den Panama Papers aufscheint. Das Verschieben von Menschenmassen gehört ebenso dazu wie das von gigantischen Geldmengen. Und in beiden Fällen wird eine passende Aftermoral gleich mitgeliefert. Briefkastenfirmen ganz legal, Menschenrechte universal - und die Schweinereien, die mit solchen Tarnkappen inszeniert werden, sollen bitte nicht erörtert werden ...

Sicher, im Hinblick auf die Unbelehrbaren könnte ich mir all das sparen. Aber hier lesen ja noch andere mit.

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