Beim Hinausgehen

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Peter-Pitsch
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Beim Hinausgehen

von Peter-Pitsch (08.10.2016, 11:18)
Beim Hinausgehen
(ich hätt' es lieber lassen sollen!)
wagte ich noch einen Blick zurück:
du, unter all den Omas und Opas
zusammengesunken auf deinem Stuhl
knochenbleich und dement
ohne zu wissen wieso
ohne zu wissen weshalb.
Am jenseitigen Ende des Saals
zwei Schaufensterpuppen
ausgestanzte Plastikfratzen
das sinnlose Lächeln zielend
über die ergrauten Köpfe hinweg
und ich, jäh getroffen, dachte an
zahllose Tage und Nächte
dem Verständnis entzogen
unbegreifliche Mimikry
Randzone des Bewusstseins
Schemen unter lauter Schemen.


Peter Pitsch
Ehe ich's vergesse, 2016

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verseschmiedin
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Re:

von verseschmiedin (08.10.2016, 11:26)
Es ist so traurig und erschütternd, dass man einen dementen Menschen zweimal sterben sieht: zunächst seine Seele, dann seinen Körper.
















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mtg
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Re:

von mtg (08.10.2016, 11:27)
Oha … schwerer Tobak.

Wenn ich das lese – was im realen Leben noch härter ist als es in der Lyrik klingt – bin ich froh, dass wir in unserer Familie die vorangegangenen Generationen würdig bis ans Lebensende begleitet haben, und sich die beiden letzten verbliebenen Altvorderen in guten familiären Händen befinden.

Wenn Lyrik etwas ändern könnte, würde ich »Beim Hinausgehen« zur Pflichtlektüre machen!

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Mayk
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Re:

von Mayk (08.10.2016, 12:10)
Einfach nur brillant. Danke!

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Monika K.
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Re:

von Monika K. (08.10.2016, 13:01)
Berührende Gedanken brillant eingefangen! thumbbup

Monika

P.S.: Wer einen schwer an Demenz erkrankten Angehörigen jahrelang 24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche liebevoll und geduldig betreut, hat meine Hochachtung. Wer das nicht leisten kann, hat mein volles Verständnis.
»Better a witty fool, than a foolish wit.« (Shakespeare’s »Twelfth Night«)

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Peter-Pitsch
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Re:

von Peter-Pitsch (09.10.2016, 11:03)
Ich danke euch!
Dieser Text ist Teil meiner aktuellen Gedichtsammlung mit dem Titel "Ehe ich's vergesse".
Voraussichtlich wird das Buch innerhalb der nächsten zwei Monate erscheinen.

Beste Grüße,
Peter

Arno Abendschön
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Re:

von Arno Abendschön (09.10.2016, 21:55)
Endlich mal wieder Poesie mit einem Thema von Belang und auch noch auf formal hohem Niveau = trotz des traurigen Stoffs befriedigend zu lesen.

Ein wenig unklar für mich, wie die Schaufensterpuppen in jenen Saal kommen. Ist Aufklärung darüber möglich?

Arno Abendschön
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Haifischfrau
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Re:

von Haifischfrau (10.10.2016, 13:09)
Wunderbar, lieber Peter.
NEU: Die Baumwollfarmerin. Roman

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Peter-Pitsch
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Re:

von Peter-Pitsch (10.10.2016, 19:22)
Danke sehr, Arno und Maryanne.

Ein wenig unklar für mich, wie die Schaufensterpuppen in jenen Saal kommen. Ist Aufklärung darüber möglich?



Um das Symbolhafte dieser Szene noch zu steigern, habe ich innerhalb des Gedichts auf weitere Erläuterungen verzichtet. Gekleidet als Braut und Bräutigam, waren die Puppen anlässlich der Hochzeit einer Pflegerin im Speisesaal des Altenheims positioniert worden. Die Intention hinter der Inszenierung ließ auf ein gutes Ansinnen schließen, dennoch konnte ich mich dieses extrem makaberen Eindrucks nicht erwehren.

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mtg
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Re:

von mtg (10.10.2016, 22:01)
Ich sehe in den Schaufensterpuppen noch ganz andere Bilder, die anderen Lesern offensichtlich nicht erschließbar sind:

Die Situation der Vergangenheit: Nichts verändert sích.
Die Tatsache der Nichtakzeptanz: Wir grinsen ohne Rücksichtz auf Verluste
Der Voyeur: Wir schauen dem Verfall zu
oder
Die Hilflosigkeit: Wir können nur zusehen.

Mit ein bisschen Nachdenken lässt sich dieses Bild schlüssig entschlüsseln. Die Erklärung von Peter scheint dagegen zu einfach. Aber sind die meisten Antworten auf komplexe Fragen nicht immer die, auf die man am seltensten kommt?

Arno Abendschön
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Re:

von Arno Abendschön (10.10.2016, 22:11)
Danke, Peter, für den Aufschluss. Ja, ihn im Text selbst auszusparen, war vollkommen richtig. Es verstärkt und unterstreicht die bedrückende Atmosphäre. Ich war nur neugierig ( - und würde mir im Übrigen nie anmaßen, klüger als der Verfasser zu sein).

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hugo-wolff
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Re:

von hugo-wolff (10.10.2016, 23:18)
Als ich kürzlich meine Oma während ihrer Kurzzeitpflege in einem Pflegeheim besuchte, sah ich eine Gruppe dementer alter Menschen beim Mittagsessen. Sie saßen wie schlafend auf ihren Stühlen und wurden von Schwestern gefüttert. Ich war zutiefst geschockt und sprachlos.

Peter, Du hast dieses Elend in Worte fassen können – dafür meine größte Anerkennung!

Hugo

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mtg
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Re:

von mtg (11.10.2016, 07:46)
Das hat nichts damit zu tun, ob man nun klüger sein möchte als der Verfasser.

Peter-Pitsch hat geschrieben:
Um das Symbolhafte dieser Szene noch zu steigern, habe ich innerhalb des Gedichts auf weitere Erläuterungen verzichtet.


Damit ist der Interpretationsspielraum eröffnet. Und ist es nicht auch das, was Autoren durchaus anstreben und fördern?

Peter-Pitsch hat geschrieben:
Gekleidet als Braut und Bräutigam, waren die Puppen anlässlich der Hochzeit einer Pflegerin im Speisesaal des Altenheims positioniert worden.


Das ist ein Sachverhalt, der sich aus den Worten nicht erschließt. Insofern war mein »zu einfach« gemeint. Nicht als Kritik, sondern als Feststelliung. An meiner ungeteilt positiven Meinung zum Gedicht ändert das allerdings nichts.

Arno Abendschön
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Re:

von Arno Abendschön (11.10.2016, 10:27)
Tja, in der Hitze der PR-Arbeit passiert schon mal ein Malheur ... Macht nichts, dreht man halt eine Pirouette mehr. Es sind genau solche Verhaltensweisen hier, die mich schon früh Abstand halten ließen.

Arno Abendschön
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Peter-Pitsch
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Re:

von Peter-Pitsch (11.10.2016, 11:22)
Inwiefern könnte Matthias' Kommentar als eine Kritik an mir oder dem Gedicht aufgefasst werden? Ich denke, in dem Kontext erscheint ihm die Banalität des Lebens als eine "zu einfache" Komponente, da sie - ihm zufolge - das dramatische Moment relativiert.
Ich erinnere mich gut an jenen Tag: die nachvollziehbare, doch entwürdigende Behandlung der gebrechlichen Insassen seitens des Pflegepersonals, eines Personals, das es seinerseits alles andere als einfach hat. Es klingt wie ein Klischee, festzustellen, dass alte Menschen wie kleine Kinder behandelt werden. Und auch diese Umschreibung macht es sich zu einfach; Kindern wird eher mit Zuneigung, Verständnis und Geduld begegnet. Wie empfand die an Demenz erkrankte, halb blinde Frau (die zwischendurch Momente der Klarheit aufwies) den Aufzug im Speisesaal inmitten der würdelosen Warterei auf den Tod? Zu meiner Schwester sagte sie einmal: ''Ja, Ramona, so ist das, wenn man zu alt wird ..."

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