Über die Wirkung von Poesie/Gedichten

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hugo-wolff
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Über die Wirkung von Poesie/Gedichten

von hugo-wolff (28.04.2017, 13:27)
Lyrik, Poesie der leider so oft unterschätzte Schatz der Literatur.

Ich empfehle den folgenden Artikel in der heutigen Ärzte-Zeitung:

http://www.aerztezeitung.de/panorama/ar ... _-Panorama

@ Moderator: Sollte mein Posting an dieser Stelle unpassend sein, bitte verschieben.

Hugo

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Monika K.
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Re:

von Monika K. (28.04.2017, 15:00)
Vielen Dank, Hugo, für diesen interessanten Artikel.

Nach dem zweiten Schlaganfall ging es meiner Großmutter so schlecht, dass sie keine eindeutigen Reaktionen mehr zeigte. Ich besuchte sie täglich und wollte, dass etwas von meinem Besuch zu ihr durchdrang. Also hielt ich mit der linken Hand ihre Hand und mit der rechten ein Buch mit bekannten Gedichten, das ich in der Schule mal als Buchpreis bekommen hatte, und las ihr vor. Ob sie das erreichte, kann ich nicht beurteilen, aber die alte Dame im Nachbarbett freute sich immer sehr über meinen Besuch.
Ich erzähle das eigentlich nur, weil jeder mal in die Situation kommen kann, dass er am Bett sitzt und nicht weiß, was er in all den Stunden sagen soll.

Liebe Grüße,
Monika
»Better a witty fool, than a foolish wit.« (Shakespeare’s »Twelfth Night«)

hugo-wolff
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Re:

von hugo-wolff (28.04.2017, 23:03)
Liebe Monika,

ich bin fest davon überzeugt, daß die Gedichte Deine Großmutter erreichten - auf welche Weise auch immer. Und Du hast eine zweite alte Dame zusätzlich glücklich gemacht. Eine schöne Geschichte und ein 'Triumph' der Poesie - wenn auch ein klitzekleiner. :D

Verständnis für Lyrik/Poesie zu haben, oder zu finden ist relativ einfach. Es setzt lediglich voraus, sich darauf einzulassen. Das aber erfordert Zeit. Und wer hat die schon heute?

Ich wünsche eine Gute Nacht!
Hugo

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Peter-Pitsch
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Re:

von Peter-Pitsch (29.04.2017, 16:01)
Hallo Hugo, hallo Monika. Anlässlich der Übersetzung eines Gedicht-/Haikubandes meines dänischen Kollegen T. Berthelsen habe ich neulich ein Vorwort verfasst, das ich hier in etwas abgewandelter Form wiedergeben möchte.


"Schon die bloße Beobachtung und Zurkenntnisnahme eines Objekts oder Zustandes führt zu einer Veränderung in Raum und Zeit. Ein einziger Flügelschlag, dessen Luftwirbelspur, und seine Auswirkung auf das Geschehen an einem anderen Ort. Im übertragenen Sinne: die Kraft eines Gedichts, seine Auswirkung auf die Vorgänge in einem anderen Geist.
Des Dichters Motivation und sein jeweiliges Motiv, das diesem oder jenem Text zugrunde liegt, befinden sich nicht unbedingt im Einklang mit dem Auffassungssystem des Lesers. Der Interpretationsraum dahingegen ist dem Text immanent und folglich ein Resultat des erdichteten Sinnbilds. Kurze Prosatexte, Gedichte und vor allem Haikus sind komprimierte, facettenreiche Gedankengebilde, die unsere Realität durch abstrakte Anschauungsweisen aus den Angeln heben und einen Gegenentwurf zum herkömmlichen Sprachgebrauch (mit seinen Phrasen und Worthülsen) bilden. Dem Sinn im Unsinn auf der Spur – und umgekehrt –, während des Dichters Odyssee durch menschliche Einöden und abwegige Geisteszustände. Von unbegreiflichen Prozessen wie der Zellteilung inmitten absurd anmutender Alltagsszenarien. Über die Krümmung der Zeit oder dem Strang des genetischen Codes als Urgrund allen Bestehens. Bis hin zu Schwarzen Löchern und dem Big Bang, mit dem das Dasein seinen Anfang nahm. Den weiträumigen Ausdrucksweisen zum Trotz, sind weder die große Geste noch ein allumfassender Pathos am Werk, wenn (seine) Lyrik auf das Unmögliche verweist. Manchmal das Verbotene, schier Unerträgliche mit intuitivem Gespür für die unsichtbaren Zusammenhänge unseres Erlebens auslotet. All dies geschieht in einer an und für sich unfassbaren Welt. An-Deutungen zeigen immer wieder in eine andere, noch unerforschte, bislang unbenannte Richtung. Fern von dem Befinden, das ein von Pragmatismus und Gewöhnung korrumpierter „Verstand“ als Normalzustand uns weiszumachen gedenkt. Eine Wechselwirkung zwischen Ideengefüge und weltlichem Schein, zwischen dem Unbewussten und der Intention, dem Ursprung und dem Begreifen. Manchmal ein Aufgebot fiebriger Visionen, Szenen aus unserer heimischen Begriffswelt im hineinprojizierten Kontrast zum Wirrwarr aus Symbolen und kulturellen Archetypen. Wie festgefroren in einer Parallelwelt. Sie spiegeln wider, was die Dichterstimme auf subtile Art zum Ausdruck bringt: eine fremdartige Imagination. Der Versuch einer Ergründung des Rätselhaften, eines Eintauchens ins bodenlose Sein. Den Blick abwendend von tröstlichen Wiederholungen, die das Alltagsleben offeriert – mit seinen gemächlichen und gesättigten Lebensweisen. Auch deshalb, weil die „Rettungsbojen“ mit nichts als Luft gefüllt sind und den Dichter – zwangsläufig – zurückholen an die seichte Oberflächlichkeit. Was ihn umtreibt, ist keine Sehnsucht nach Himmel oder Hölle, seine Beweggründe sind anderer Natur. Indem er seine Verwunderung kompromisslos entblößt, hält er sich den Zugriff der Banalität vom Leib. An deren Stelle tritt etwas Wesentliches, etwas, das in solchen Texten als unmittelbare Erfahrung überliefert ist."

Peter Pitsch

hugo-wolff
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Re:

von hugo-wolff (30.04.2017, 00:55)
Hallo Peter!

Was für eine Analyse - mir fehlen die Worte! Respekt!

Ich kann nur banal darauf antworten, obwohl es eigentlich keiner Antwort bedarf :D

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 Indem er (der Dichter) seine Verwunderung kompromisslos entblößt, hält er sich den Zugriff der Banalität vom Leib.


Das ist ein (für mich) wesentlicher Satz. Ich schreibe im Bewußtsein, daß jede meiner Zeilen vom Leser nach seinem persönlichen Gefühl aufgenommen und verstanden wird. Ich erfahre die Wirkung (zum Glück :wink: ) nur in den seltensten Fällen Dies zu wissen macht mich frei von allen Zwängen, allen Konventionen und Regeln. Ich gebe etwas von mir preis und überlasse das Urteil anderen. Ich muß mich nicht rechtfertigen, nicht verantworten, nicht schämen.

Während ich als 'Dichter' je nach Lust und Laune Welten schaffe (oder zerstöre), sie in Metaphern kleide, sie chiffriere, mit ihnen spiele, überlasse ich dem Leser die Mühe der Einfühlung, der Interpretation und des Urteils.

Es wundert mich daher wenig, daß Poesie ein Nischendasein fristet. cool5

Grüße zur Nacht
Hugo

hugo-wolff
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Re:

von hugo-wolff (01.05.2017, 23:12)
Hallo Monika,

das wird mir gerade erst bewußt: Sollte ich Dir mit "Liebe Monika" zu nahe getreten sein, bitte ich um Entschuldigung.

Es geschah im Eifer des Gefechts (in dem ich mich beim Thema Lyrik immer befinde).

Schönen Abend noch -
Hugo

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Monika K.
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Re:

von Monika K. (02.05.2017, 07:21)
Nein, überhaupt nicht, Hugo. Ich betrachte das als freundliche Anrede unter Bekannten und verwende es manchmal selbst. thumbbup
Vielen Dank für deine einfühlsamen Worte weiter oben.
Ich habe zum Thema des Links nichts mehr geschrieben, weil es mich zu sehr berührt. Aber ich lese hier weiterhin mit und fand auch Peters Vorwort sehr interessant.

Viele Grüße,
Monika
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Romywinni
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Re: Über die Wirkung von Poesie/Gedichten

von Romywinni (01.11.2017, 21:55)
Das ist wirklich alles sehr interessant und spricht mir auch aus dem Herzen.
Neulich hab ich noch gelesen, dass Lyrik brotlose Kunst ist. Wie auch immer, sie ist emotional, tiefgreifend, manchmal belehrend und geheimnisvoll. Ich mag sie.

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Monika K.
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Re: Über die Wirkung von Poesie/Gedichten

von Monika K. (01.11.2017, 22:14)
Kunst ist häufig brotlos. Das sollte niemanden davon abhalten, sie zu schaffen.

Selbst veröffentliche ich zwar nur humorvolle Gedichte, aber ich lese sehr gern ernste Lyrik. Und da betrachte ich gut gemachte Gedichte als Bereicherung. Wenn Inhalt und Gestaltung stimmen, entsteht eine Doppelwirkung aus der Anregung zum Nachdenken und dem Klang der Worte, der einen auf einer ganz eigenen Ebene berührt.

Viele Grüße
Monika
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Romywinni
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Re: Über die Wirkung von Poesie/Gedichten

von Romywinni (01.11.2017, 22:18)
Da gebe ich dir vollkommen Recht!
Der Klang der Worte und die Melodie eines Gedichts sind etwas sehr schönes!

hugo-wolff
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Re: Über die Wirkung von Poesie/Gedichten

von hugo-wolff (01.11.2017, 23:40)
Das habt Ihr Beiden seht schön zusammengefaßt -
ich habe keine Ergänzung.

Danke dafür! :D

Hugo

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