Die Kunst der Lobhudelei

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Arno Abendschön
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Die Kunst der Lobhudelei

von Arno Abendschön (27.05.2017, 21:55)
- Nicht die Faust, der Samthandschuh regiert die Welt oder Das eigennützige Lob -

Das Literaturforum XYZ steht seit langem unter der mild-despotischen Fuchtel von Dr. Majonäse. Wie macht er das, ohne offizielles Amt, nur kraft seiner Autorität, wie hält der Alte den Laden zusammen und sie fast alle bei seiner Fahne? Er macht das so: Er gibt nicht seinen Senf zu allem, er spendet stets Majonäse, will sagen: reichlich ölige Zustimmung.

Kommt ein Lyriker mit ungelenken Versen, rühmt Majonäse das sperrig Unkonventionelle daran. Sperrig sind sie in der Tat, doch zugleich auch sehr konventionell, und also überschreitet der wohlgesinnte Kritiker hier bereits die Grenze vom Rücksichtsvollen zum Unaufrichtigen. Er geht noch einen Schritt weiter und sieht tendenzielle Übereinstimmung mit dem frühen Benn. Das freut den jungen Lyriker aufrichtig.

Ein anderer versucht sich mit Kurzgeschichten und präsentiert eine viel zu lang geratene. Majonäse wendet es ins Positive und merkt in einem Kommentar an, er habe mit zunehmender Spannung den Text verschlungen. Er beherrscht eben auch die Kunst der versteckten Kritik. Der Kenner erkennt, dass Majonäse Mist als Mist identifiziert hat - und der Mistproduzent fühlt sich trotzdem gebauchpinselt. Chapeau!

Es soll und muss auch episch Veranlagte geben. Müssen sie uns indessen Folge um Folge aus ihren Riesenwerken präsentieren? Unübersehbar machen sich Überdruss und Langeweile im Forum bemerkbar – das Zeug ist eben ungenießbar, und außer dem Verfasser merken es alle. In diesem Fall wünscht Majonäse der schweren Geburt das ihr gebührende Interesse. Das ist schon ein wenig machiavellistisch, Herr Majonäse …

Einen anderen vergleicht er mit Thomas Mann und dem „Zauberberg“. Oder mit Kellers „Grünem Heinrich“. Oder – warum nicht gar – mit Tolstojs „Krieg und Frieden“. Oder – es ist eh wurscht – mit Goethes „Faust“. Die so Verglichenen sind ein wenig bedröppelt – sie wissen recht gut, dass sie kein Thomas Mann, kein Keller, kein Tolstoj und sicher auch kein Goethe sind. Weisen sie den Vergleich daher zurück? Mitnichten. Und hier beginnt das System Majonäse sich zu etablieren: als ein auf Korruption und Korrumpiertheit gegründetes. Lobst du meinen Mist, lob ich deinen Mist. Mit Zins und Zinseszins zahlen es die über Gebühr Gelobten Dr. Majonäse zurück, wenn er hin und wieder Eigenes veröffentlicht. Es ist gewiss brauchbar, diskutabel, mehr nicht. Doch es wird frenetisch beklatscht. Dr. Majonäse ist ein talentierter, ein gebildeter und vor allem ein gescheiter Mann. Er ist viel zu gescheit und viel zu gebildet, als dass er nicht wüsste, was er im Forum XYZ treibt.

Auch ein Machiavell der Literatur kennt Umsturzversuche. Majonäse weiß sich dann zu helfen. Er organisiert in seinem Gefolge einen Autorenstreik, der die von ihm „gefährlich“ genannten Elemente eliminieren soll. (Gefährlich sind sie seinem System, sie greifen es offen an.) Seine Claque veröffentlicht also nichts mehr, bis er das Zeichen zur Rückkehr gibt. Im Vorfeld schreibt er Emails, telefoniert. Dabei macht er sich sachliche Gegensätze zwischen Autoren zunutze. Er charakterisiert gegenüber dem Linken A den Rechten B als „üblen Reaktionär“. Oder C ist ein unreifer Sponti. Oder … (nach Belieben einsetzen).

Etwas später ist das Ziel der Rochade erreicht. A begreift zu spät, wie er benutzt worden ist, und geht, wie schon andere vor ihm, auf Distanz zu dem Mann mit dem Plastiklorbeer. Und Majonäse? Der Alt-Achtundsechziger robbt sich tatsächlich an B, den üblen Reaktionär, heran. Vergleicht ihn nun mit Joyce. Natürlich wissen beide, dass das Unfug ist. Die literarische Korruption blüht. Und das Forum müffelt ein wenig vor sich hin à la Kloake. Jeder kleine Sarrazin ist jetzt willkommen, wenn er nur gibt, wessen Majonäse bedarf: Weihrauch.

Der gefährlichste Machiavellist ist immer noch der mit der philanthropischen Maske. Oder der sozialen oder der ökologischen oder … (nach Belieben einsetzen). Ist eh wurscht.

Schlussbemerkung: Hier ging es darum, einen Typ zu charakterisieren. Daher sind die gewählten Beispiele für gewissenlose Lobhudelei – Vergleiche mit Benn, Tolstoj, Joyce usw. – reine Fiktion.
Geschichten werden niemals richtig erlebt, nur manchmal, sehr selten, richtig erzählt. (Alfred Polgar)

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