Musiktexte / Zitatrecht?

Verträge, Rechte und Pflichten: Was man als Autor beachten sollte.


Zappelfry
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Musiktexte / Zitatrecht?

von Zappelfry (10.07.2017, 16:56)
Ahoi @ all,


ich habe ein Buch geschrieben, in welchem der Protagonist gedanklich ein wenig "in der Zeit reist"...dabei hört er die eine oder andere Musik...diese weckt in ihm einige Erinnerungen (das nur mal so als grober Faden).

meine Frage:
Inwieweit darf ich den Refrain eines Liedes bzw. einzelne Textzeilen aus dem Lied verwenden?

Klar: ich benenne Autor, Titel, Erscheinungsjahr, Album...usw. mit direktem Vermerk bei den jeweiligen Titeln.

Gibt es da irgendwelche rechtlichen Probleme?

THX für Feedback

Zappelfry


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Re: Musiktexte / Zitatrecht?

von Zappelfry (19.07.2017, 20:14)
Kurze Vorgeschichte:
Mein Roman beschreibt eine Retrospektive des Jahres 1993.
Mein Protagonist schwelgt in Erinnerungen dieses Jahres, aber auch in der Vergangenheit.
Hierbei spielen immer wieder Musiktitel dieser Zeiten eine Rolle, die er mit den jew. Lebenssituationen in Verbindung bringt.
Insbesondere darin spezielle Textzeilen, die seine Sitaution, besonders hervorheben.
Wenn ich es richtig verstanden habe, darf ich diese NICHT zitieren?!

Schade genug...auch wenn es nicht das Gleiche ist - aber kann ich sie so ggf. "umgehen"?
Text im Vorwort:

Aus Urheberrechtsgründen ist es leider nicht möglich, in diesem Roman Liedertexte zu zitieren. Für die musikalische Rahmenbegleitung zum Roman, empfiehlt es sich daher, die einzelnen Stücke im Internet anzuhören ... einer der Vorteile gegenüber 1993, die einem das 21. Jahrhundert so bietet. Folgen sie daher den [x]-Markierungen im Text. Die Verweise zu den Titeln finden Sie im Anhang)

Im Anhang befinden sich dann Titel, CD-Name, Komponist, Erscheinungsjahr

Auch verboten?
Danke für Feedback!

Dirk

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mtg
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Re: Musiktexte / Zitatrecht?

von mtg (19.07.2017, 22:05)
Nach meiner Auffassung (nicht rechtsverbindlich) gelten für Liedertexte die gleichen Voraussetzungen wie für andere Zitate, sprich: Das Zitatrecht muss eingehalten werden.

Ich habe Geschichten, in denen ein Liedtext eine Rolle spielt … aber er gehört dann in den Text und ist ein unabdingbarer Teil davon, so dass ich es als Kleinzitat werte, da ich mich inhaltlich damit befasse. Alles andere wäre mir zu heiß. Und: es ist eine Zeile oder vielleicht zwei.

Nun kann man immer sagen »Wo kein Kläger, da kein Richter« … aber andererseits verdienen Verlage mittlerweile mehr mit der Rechtewahrnehmung als mit neuen Werken.

Andererseits: Dass ein Lied bei Youtube zu hören ist, ist keine Garantie für Rechtefreiheit.

BTW: So eine Freistellungsklausel, wie Du sie erwähnst, hat rechtlich keine Bedeutung.
Zuletzt geändert von mtg am 19.07.2017, 22:08, insgesamt 2-mal geändert.

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Siegfried
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Re: Musiktexte / Zitatrecht?

von Siegfried (19.07.2017, 22:36)
holz hat geschrieben:
http://www.selfpublisherbibel.de/autorentipp-liedzitate-im-buch-was-ist-erlaubt-und-wie-muss-ich-vorgehen/


Bitte zu diesem Thema nicht nur den Artikel in der Selfpublisherbibel lesen, sondern auch weiter unten die Diskussion mit Matthias Matting (verantwortlich für den Artikel).

Besonders interessant ist dabei der Beitrag von "Ursula Martens" (21. November 2015, 19:42 Uhr). Hier geht es um eine konkrete Aussage eines Anwalts (!!!) zum Thema "Zitate aus Songtexten".
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Monika K.
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Re: Musiktexte / Zitatrecht?

von Monika K. (19.07.2017, 23:36)
Mich stören an dem Artikel zwei Dinge: Die Aussagen sind erstens nicht mit Quellen belegt. Man kann also nicht nachvollziehen, auf welcher Grundlage diese Aussage basiert, um sich selbst ein Urteil zu bilden. Der Name der Seite scheint bei einigen Artikeln Programm zu sein, weil der Inhalt offensichtlich Glaubenssache ist und (zumindest auf Facebook) von den Anhängern häufig entsprechend vehement verteidigt wird. (Deshalb habe ich meist gar keine Lust, mich an Diskussionen zu beteiligen, in denen zu dieser Seite verlinkt wurde.) Zweitens fehlt der Hinweis, dass bei ausländischen Songs das Recht des entsprechenden Landes gelten müsste. Das ist in meinen Augen das eigentliche Problem.

Ich verweise bei solchen Fragen gern auf § 51 des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (Urheberrechtsgesetz):
https://www.gesetze-im-internet.de/urhg/__51.html
Allerdings hilft das allein nicht weiter, weil die Auslegung in der Rechtsprechung erfolgt, mit der sich eher Anwälte auskennen. Gerade die Formulierung "besonderen Zweck" wird von Belletristikautoren oft zu großzügig zu ihren Gunsten ausgelegt. Man hält das Zitat für unentbehrlich, aber in Wahrheit ist es in vielen Fällen doch nur Dekoration. Ich bin keine Anwältin, aber in der Belletristik würde ich mal über den Daumen gepeilt folgende Punkte beherzigen:
- Finger weg von ausländischen Songs
- Zitate äußerst kurz halten
- Zitate niemals in Buchtitel oder Klappentext verwenden
- Mich fragen: Ist der Song theoretisch austauschbar? Würde also auch ein anderer Song denselben Zweck erfüllen? Dann ist wahrscheinlich der besondere Zweck eher nicht erfüllt.
- Und natürlich alle Zitierregeln befolgen

Hier noch ein Link, den ich gern in solchen Fällen angebe:
https://irights.info/artikel/meine-wort ... worte/5548
Allerdings hatte ich schon häufiger das Gefühl, dass er von den Fragestellern automatisch zu ihren Gunsten ausgelegt wurde.

Viele Grüße
Monika
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Siegfried
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Re: Musiktexte / Zitatrecht?

von Siegfried (20.07.2017, 00:22)
Monika K. hat geschrieben:
Hier noch ein Link, den ich gern in solchen Fällen angebe:
https://irights.info/artikel/meine-wort ... worte/5548


Ich zitiere mal aus dem genannten Link:

irights info hat geschrieben:
Jedes Zitat muss als Übernahme aus einem fremden Werk deutlich kenntlich gemacht werden. Bei Sprachwerken kann dies zum Beispiel durch Hervorhebungen (etwa Anführungszeichen oder Fettdruck) geschehen. Immer muss außerdem die Quelle angegeben werden.
(Quelle: https://irights.info/artikel/meine-wort ... worte/5548 )

Nun stelle ich mir folgende kleine Szene vor (Belletristik, kein wissenschaftliches Werk):

Es regnete in Strömen, als wir das Kino verließen. So standen wir noch eine Weile unter dem Vordach des Eingangs und gerieten prompt in eine heftige Diskussion über den Film, den wir gerade gesehen hatten.
"Also, dass sie Han Solo eingefroren haben, fand ich schon ziemlich krass", meinte Horst. "Schockfrosten! Dabei weiß doch jeder, dass es dabei die Zellen auseinanderreißt."
Euco kratzte sich am Kopf. "Du meinst, Han ist tot?"
"Und wie!" Horst schielte zum Himmel . "Ob das nochmal aufhört zu regnen?"
"Wir können ja zur Bushaltestelle rennen", warf ich ein. "Oder lauft ihr in eurem Alter nicht mehr so gerne?"
Euco grinste breit und legte mir seine Hand schwer auf die Schulter. "Luke", sagte er dann mit tief abgesenkter Stimme. "Luke, ich bin dein Vater! Ich renne nicht!"
Wir grölten wie auf Kommando los.
Nur mühsam kam ich wieder zu Atem. "Wir können es ja trotzdem versuchen, oh Lord Vader."
Jetzt legte mir Horst seine Hand auf meine andere Schulter. "Tu es oder tu es nicht", krächzte er mit verstellter Stimme. "Es gibt kein Versuchen."
Wieder prusteten wir los.
"Okay, rennen wir", sagte Euco. "Heute ist ein guter Tag zum Sterben!"


Eine ganz kleine Szene, angereichert mit Zitaten. Müssen da jetzt Fußnoten rein, damit der Leser weiß, welcher Satz aus dem Film stammt, den die drei gerade gesehen haben? Am besten mit Filmtitel, Produktionsgesellschaft, Veröffentlichungsjahr, Filmminute? Müssen die zitierten Sätze fett oder kursiv gesetzt sein? Vernichtet das nicht die ganze Szene?
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Monika K.
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Re: Musiktexte / Zitatrecht?

von Monika K. (20.07.2017, 08:12)
Hallo Siegfried,

bei deinem Beispiel wäre ich mir übrigens nicht sicher, ob wirklich ein "besonderer Zweck" erfüllt ist, aber es ist ja nur ein Beispiel.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Quellen anzugeben:
1. direkt hinter dem Zitat in Klammern
2. in der Nähe des Zitats im Text ausformuliert (Beispiel: "Wie Goethe schrieb ...")
3. als Fußnote
4. im Anhang

In der Belletristik würde ich es bei einer so hohen Anzahl an Zitaten grundsätzlich im Anhang machen und in meinem Text weder Sternchen noch Zahlen einbauen, sondern bei der Quellenangabe die Stelle markieren. (Beispiel: "Seite 73, Zeilen 7 bis 23: Zitate aus ABC von XY")
Ja, das ist mühsam, und es können schnell mehrere Seiten mit Quellenangaben entstehen. Deshalb würde ich es mir in der Belletristik auch ernsthaft überlegen, ob ich überhaupt so viele Zitate einbaue. In den meisten Fällen würde ein Text auch sehr gut ohne Zitate funktionieren. Aber ich habe auch schon einmal eine Songzeile in einer Geschichte verwendet, weil ich überzeugt war, dass der besonderen Zweck erfüllt wurde. Das machte ich sogar mit Sternchen und Fußzeile am Ende der Geschichte. Ob das wirklich elegant ist, liegt sicherlich im Auge des Betrachters.

Viele Grüße
Monika
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holz
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Re: Musiktexte / Zitatrecht?

von holz (20.07.2017, 10:31)
Man kann sich natürlich - falls Klagen kommen - auf §51 Pkt. 2 Urheberrechtsgesetz versteifen. Toi, toi, toi.


Ein Erfahrungsbericht
https://www.vera-nentwich.de/blog/dx/so ... tieren.htm

Und noch einer
https://forum.e-recht24.de/16956-textze ... hlung.html
Hier judoku lesen - 22.06.2013 -
"Dann habe ich -vor Veröffentlichung- einen Anwalt befragt: Finger weg, außer du hast die ausdrückliche Zustimmung des Urhebers /Songwriters/der Musikband, ansonsten kann es teuer werden. (...) Fazit: für die Verwendung des Refrains Bed of Roses gibt es nun einen Abdruckvereinbarung und ich zahle eine einmalige Lizenzgebühr von € 80. Ferner muß ich einen speziellen Text in das Impressum meines Buches aufnehmen."

Und hier #8 bzw. #14
http://montsegur.de/ipb-forum/index.php ... t-im-buch/

Quot homines, tot sententiae; so viel Leute, so viel Ansichten (Plautus »Phormio« II, 4)

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Siegfried
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Re: Musiktexte / Zitatrecht?

von Siegfried (20.07.2017, 10:57)
Was passiert eigentlich, wenn man ungewollt / unwissendlich ein Zitat benutzt? Drohen dann auch rechltiche Konsequenzen?

Ich mache das mal wieder an einem Beispiel deutlich.

Die Grenzkontrollen im Bahnhof Friedrichstraße hatten uns geschafft. Nichts ist unangenehmer, als von einer Frau an der DDR-Grenze kontrolliert zu werden. Das mag aus heutiger Sicht sexistisch klingen, aber es entsprach damals einfach unseren Erfahrungen. Wir haben bei all unseren Besuchen in der DDR nie herausgefunden, warum das so war.
Jedenfalls standen wir jetzt auf der Straße, gleich neben der Eisenbahnbrücke, über die eine S-Bahn mit viel Getöse ratterte, und atmeten tief durch. Na ja, so gut wie es eben ging, denn die Luft in Ostberlin war anders als West-Berlin. Der Duft von verbranntem Zweitakt-Benzin überdeckte so ziemlich alles. Kathrin sah mich böse an.
Eine knappe halbe Stunde später waren wir im Hotel. An der Rezeption war man sehr freundlich zu uns, das Einchecken lief problemlos und das Zimmer war weitaus besser, als wir es erwartet hatten.
"Die wollen eben Devisen haben", sagte ich zu Kathrin und warf meinen Koffer auf das Bett. "Da müssen sie schon Qualität anbieten."
"Ich weiß nicht", maulte Kathrin. "Seit der Grenze fühle ich mich ständig beobachtet."
"Echt?"
"Ja." Sie deutete auf ein Bild an der Wand. Ein Aquarell. Ostseedünen mit Fischerbooten. "Ich wette, hinter diesem Bild sind Wanzen."
Ich grinste, trat an das Bild heran und flüsterte: "Hallo? Hallo? Können Sie mich hören? Ich habe nichts gegen die DDR." Dann drehte ich mich zu Kathrin um. "Siehst du, es ist nichts passiert."
Ich wusste in dem Moment noch nicht, wie sehr ich mich geirrt hatte.



So, das ist der Text. Wo steckt das unfreiwillige Zitat?

Es ist der Satz "Ich wette, hinter diesem Bild sind Wanzen."
Der Satz kommt exakt so in George Orwells Buch "1984" vor. Unfreiwillig/unwissendlich zitiert. Was mache ich jetzt? Muss ich eine Klage vom Verlag erwarten, weil ich das Zitat nicht kenntlich gemacht habe?
Das Problem: Wann ist ein Zitat eigentlich ein Zitat?
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Re: Musiktexte / Zitatrecht?

von Monika K. (20.07.2017, 11:13)
holz hat geschrieben:

Das ist ein sehr schönes Beispiel für eine falsche Auslegung des Zitatrechts, denn hier wird ein Text mit einem Song "dekoriert", der beliebig austauschbar ist. Davon würde ich auch dringend abraten.

holz hat geschrieben:

Auch hier wird der Song nur "geträllert". Überflüssige Deko und kein solider Grund für ein Zitat.

holz hat geschrieben:

Bei #8 finde ich es richtig dreist, den Kapiteln ganze Songtexte voranzustellen. Kurze Einzelstrophen als Stilmittel zu bezeichnen, finde ich übrigens ebenfalls etwas zu blauäugig.
Bei #14 finde ich es irritierend, dass erst der Begriff "Kurzzitat" verwendet wird und dann plötzlich nur von Titel und Interpret die Rede ist.

Vielen Dank für die Links, holz! Ich fand die Erfahrungsberichte sehr interessant. thumbbup

Viele Grüße
Monika
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Re: Musiktexte / Zitatrecht?

von Monika K. (20.07.2017, 12:24)
Siegfried hat geschrieben:
Es ist der Satz "Ich wette, hinter diesem Bild sind Wanzen."
Der Satz kommt exakt so in George Orwells Buch "1984" vor. Unfreiwillig/unwissendlich zitiert. Was mache ich jetzt? Muss ich eine Klage vom Verlag erwarten, weil ich das Zitat nicht kenntlich gemacht habe?
Das Problem: Wann ist ein Zitat eigentlich ein Zitat?

Im deutschen Urheberrecht ist die Schöpfungshöhe ausschlaggebend, ob etwas überhaupt geschützt ist. Ich bin kein Anwalt und kann die Rechtslage nicht zuverlässig beurteilen, aber ich würde spontan bei diesem Satz keine ausreichende Schöpfungshöhe sehen, damit das Urheberrecht greift. Der Autor eines urheberrechtlich geschützten Werks hat also nicht automatisch das Monopol auf sämtliche verwendeten Sätze oder gar Wörter oder Silben, sondern auf Passagen und Elemente, die eine ausreichende Schöpfungshöhe aufweisen. Beispiele: ausdrucksstarke Dialoge oder Formulierungen, Wortschöpfungen, Namensschöpfungen, komplizierte Handlungsstränge etc.
Zwei Autoren können selbstverständlich unabhängig voneinander dieselben kurzen Sätze formulieren. ("Ich wette, es regnet gleich.") Bei langen Sätzen oder ganzen Abschnitten sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um einen Zufall handelt, jedoch rapide. Wer also unwissentlich einen ganzen Abschnitt aus einem Werk, das er gar nicht kennt, im eigenen Buch wiedergibt, hat schlicht Pech, weil ihm niemand abnimmt, dass das reiner Zufall ist. Ob es für eine Klage bzgl. Plagiat ausreichen würde, ist selbst dann aber noch die Frage.

Hier in diesem Thread geht es jedoch explizit um die Verwendung von Zeilen aus Songs, die keineswegs zufällig verwendet werden sollen, sondern im Buch gezielt eine ganz bestimmte Wirkung erzeugen und als bekannte Songs dargestellt werden sollen. Wenn du also Fragen zu meiner Antwort hast, solltest du dafür besser einen eigenen Thread starten.

Viele Grüße
Monika
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mtg
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Re: Musiktexte / Zitatrecht?

von mtg (20.07.2017, 13:23)
Bei Liedtexten würde ich nicht unbedingt die Schöpfungshöhe zum Maßstab machen, sondern eher die Verkehrsgeltung. Sicherlich kann jemand vor Freude juchzen »Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben!«, aber die Wahrscheinlichkeit, dass der Leser das mitsingt oder -summt, ist durchaus gegeben …

Das Problem bei Liedtexten ist ja, dass sie sich derselben Sprache bedienen, die im Alltag oder auch in Büchern benutzt wird. Das heißt: Für mich wäre der Satz oben nicht unbedingt ein Zitat, wenn sich der Kontext um das Glücksgefühl des Moments dreht … aber es wäre definitiv ein Zitat, wenn der Kontext »Lied« heißt.

»In the garden of eden« wäre problemlos verwendbar – aber »In a gadda da vida« eben nicht.

So ähnlich sehe ich das übrigens auch bei Siegfrieds Beispiel. Wörter oder Sätze kann man nicht schützen (selbst Wortmarken sind auf die angemeldeten Markenklassen beschränkt), da es letztlich immer auf den Kontext ankommt. Von daher verbieten sich fast Beispiele, die aus dem Zusammenhang gerissen sind … es sind immer Einzelfallentscheidungen.

Ganze Strophen oder Liedertexte sind aber definitiv Zitate, die unters Zitatrecht fallen und damit (str)engen Grenzen unterliegen.

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Re: Musiktexte / Zitatrecht?

von Monika K. (20.07.2017, 14:30)
mtg hat geschrieben:
Bei Liedtexten würde ich nicht unbedingt die Schöpfungshöhe zum Maßstab machen, sondern eher die Verkehrsgeltung. Sicherlich kann jemand vor Freude juchzen »Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben!«, aber die Wahrscheinlichkeit, dass der Leser das mitsingt oder -summt, ist durchaus gegeben …

Das Problem bei Liedtexten ist ja, dass sie sich derselben Sprache bedienen, die im Alltag oder auch in Büchern benutzt wird. Das heißt: Für mich wäre der Satz oben nicht unbedingt ein Zitat, wenn sich der Kontext um das Glücksgefühl des Moments dreht … aber es wäre definitiv ein Zitat, wenn der Kontext »Lied« heißt.

»In the garden of eden« wäre problemlos verwendbar – aber »In a gadda da vida« eben nicht.

So ähnlich sehe ich das übrigens auch bei Siegfrieds Beispiel. Wörter oder Sätze kann man nicht schützen (selbst Wortmarken sind auf die angemeldeten Markenklassen beschränkt), da es letztlich immer auf den Kontext ankommt. Von daher verbieten sich fast Beispiele, die aus dem Zusammenhang gerissen sind … es sind immer Einzelfallentscheidungen.

Ganze Strophen oder Liedertexte sind aber definitiv Zitate, die unters Zitatrecht fallen und damit (str)engen Grenzen unterliegen.


"Verkehrsgeltung" stammt eigentlich aus dem Markenrecht. Ich denke aber, wir meinen dasselbe. Bei einer Zeile aus einem Lied entsteht die Schöpfungshöhe aus dem Zusammenspiel aus Textzeile und Melodie. Für sich allein wäre so manche Songzeile völlig banal. Wenn in einem Krimi ein verletztes Opfer atemlos durch die Nacht rennt, denkt vielleicht der eine oder andere Leser an einen Schlager, aber das ist dennoch eine persönliche Assoziation, die man nicht dem Autor anlasten kann. Wird der Teilsatz jedoch vom Täter gesungen, während er dem Opfer ein Kissen aufs Gesicht drückt, ist aus dem Kontext klar ersichtlich, dass ein ganz spezielles Lied gemeint ist, weil der Leser die Melodie sozusagen "im Kopf hört" und das Zusammenspiel aus Text und Melodie mit sprachlichen Mitteln erzeugt wird. Da kann auch nicht mehr von Zufall die Rede sein. Denn selbst wenn ich als Autor einen Song erfinde, sollte ich überprüfen, ob es ihn vielleicht schon gibt.

Siegfrieds Frage ist deshalb noch einmal eine Kiste für sich, weil es sich um einen normalen Satz aus einem Buch handelt, der aus dem Zusammenhang gerissen wird, und keine Zeile aus einem Songtext. In diesem Thread geht es ja darum, in einem Buch Zitate aus Songs zu verwenden, die vom Leser sofort erkannt werden sollen. Und da kommt es darauf an, wie die Zitate konkret eingebaut werden sollen. Wenn sie nur eine gewisse Stimmung schaffen sollen, eine Art Ambiente für die Handlung, dann reicht das in meinen Augen nicht aus, um sich auf das Zitatrecht berufen zu können.

Viele Grüße
Monika
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Re: Musiktexte / Zitatrecht?

von mtg (20.07.2017, 14:47)
Da stimme ich Dir komplett zu – und ja: Wir meinen das Gleiche.

Übrigens – eine Anekdote am Rande: Ich halte ja gelegentlich Lesungen mit kabarettistischen Texten der 20er und frühen 30er ab. Dazu gehören auch Chansons, die die VG Wort nicht abrechnen kann, wenn der Textdichter kein Mitglied bei der VG Wort, sondern bei der GEMA ist. Die GEMA aber interessiert es nicht, wenn die Darbietung ohne Musik erfolgt.

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