Behindert? Na und!

Stellt euren Text vor und holt euch Feedback der BoD Community.


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seifenstein
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Behindert? Na und!

von seifenstein (20.09.2017, 01:34)
Liebe Gemeinschaft von BoD!

Ich möchte nicht viele Worte verfassen, da ich denke, dass dieser Text für sich spricht.
Bitte sagt etwas dazu. Bitte schweigt nicht. Bitte gebt mir Euer Feedback!

Herzliche Grüße, Friedrich




Wer bist Du?


Ich versuchte dich zu finden. Verzweifelt suchte ich dich zwischen den Zeilen, zwischen den Worten, ja selbst zwischen den Buchstaben suchte ich dich, doch ich fand dich nicht.
Wo bist du?
Warum versteckst du dich vor mir?
Ich öffnete mich dir Wort für Wort, Buchstaben für Buchstaben.
Doch du schwiegst. Obwohl dein Blatt an mich gesandt stets vollgeschrieben war, schwiegst du.
Ich schrieb und schrieb, und schreibe noch.
Mein Interesse an dir schwindet, meine Gedanken werden düster, meine Vorstellungen an dich verblassen, mein Inneres samt meiner Seele ist leer und stirbt.
Sinn?
Ich suchte ihn! In jedem Quadratzentimeter deiner so ordentlich gefalteten Briefe suchte ich ihn.
Ich ordnete die Briefe nach Daten, nach Inhalten, nach Stimmungen, nach Fragen und Antworten.
Antworten?
Ich fand sie nie. Nur neu aufgeworfene Fragen kamen auf mich zu.
Alte Fragen schwiegen.
Sie schwiegen und ließen mich in der Finsternis zurück. Mein Blatt ist leer. Meine Hand aus Angst mich zu blamieren schwer. Kann keinen klaren Gedanken fassen, meine selbst erdachten Erinnerungen an dich verblassen.
Doch dann schrieb die Hand für mich. Sie schrieb alles was ich mir nie zu sagen traute, nie zu träumen, ja nicht einmal zu denken wagte.
Sie schrieb für mich. Sie schrieb aus meiner Seele heraus. Sie schrieb an dich.
Tage vergingen. Wochen vergingen. Doch dann kam ein Brief, ein Brief mit deinem Duft am Kuvert.
Ich atmete deinen Duft. Erneut erwachte meine Sehnsucht mit all ihren unerfüllten Träumen. Meine Hände zitterten, Angst stieg in mir hoch, Panik breitete sich aus, und mein Herz schlug wie verrückt.
Ich zögerte.
Ich zögerte diesen einen Brief zu öffnen. Aus Angst von dir abgewiesen zu werden. Und aus Angst erneut durch die Hölle wandern zu müssen.
Angst?
Wovor hatte ich Angst?
Ich kannte dich doch nicht. Ich sah dich noch nie. Ich sah dich doch nur in meiner Fantasie. Würde dieser, dieser eine Brief meine Fantasie zerstören? Alles zunichte machen? Würden sich meine Träume in Luft auflösen?
Ich öffnete den Brief. Ich las deine Zeilen. Ich las sie immer und immer wieder. Ich konnte es nicht glauben, nicht glauben was ich da las.
Du kommst. Du kommst schon bald. Sehr bald. Zu bald. Schon morgen. Morgen wirst du am Bahnhof auf mich warten. Ich hatte Angst.
Angst dich zu sehen. Angst nicht gut genug für dich zu sein, nicht schön genug, noch deinen Erwartungen zu entsprechen.
Was nun? Was sollte ich tun?
Panik. Reinste Panik zog in mich ein, hielt mich fest im Griff. Ich konnte mich nicht von ihr lösen. Es fehlte mir an Kraft. An innerer Stärke. Mut. Ich brauchte Mut. Doch woher sollte dieser so plötzlich kommen. Hingehen?
Nicht hingehen! J
a, dass war die Antwort nach der ich suchte. Nicht hingehen. Schweigen. Verstecken.
Welch Wahnsinn überkam mich?
Wurde ich jetzt verrückt?
Verrückt nach dir? Nicht hingehen? Obwohl sich mein Inneres nach dir sehnt. Hingehen.
Ja ich werde hingehen! Ich werde dich sehen, dich in den Arm nehmen, und dich festhalten. Für immer festhalten.
Die Nacht. Es kam die Nacht und ich schlief nicht, konnte nicht. Ich machte mich zurecht, zurecht für dich. Ich wollte glänzen, fesch sein, nur mein bestes zeigen.
Es war soweit. Ich stand am Bahnsteig und wartete. Es verging eine Ewigkeit, doch die Bahnhofsuhr zeigte kaum eine Veränderung.
Der Zug. Er kam und hielt.
Du würdest jetzt gleich aussteigen. Ich hielt mich an den Rosen fest. Sie gaben mir halt und Mut. Mut dich endlich zu sehen.
Es kam ein Zugbegleiter, es kam ein Zweiter. Sie hoben etwas aus dem Wagon. Ich konnte es nicht erkennen.
Es warst du. Sie hoben dich aus dem Wagon heraus.
Ein netter Fahrgast half mit. Er half einen Rollstuhl aus dem Wagon zu heben.
Er war für dich. Es war deiner. All die unbeantworteten Fragen waren mit einem Schlag beantwortet.
Du konntest nicht anders.
Warum schwiegst du?
Du kamst auf mich zu. Du sahst mich an, und ich schwieg. Ich übergab dir die Rosen ohne ein Wort.
Ich sah eine Träne.
Ich bückte mich zu dir herunter.
Du nahmst mich so gut du konntest in deinem Arm.
Ich fühlte mich geborgen. Ich war verliebt. Es begann ein neues Leben. Ein Leben mit Sinn und Freude.
Wir feiern heute unseren zwanzigsten Hochzeitstag.

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Haifischfrau
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Re: Behindert? Na und!

von Haifischfrau (20.09.2017, 06:37)
Ist der Text eine abgeschlossene Kurzgeschichte? Ich komme nicht gut in die Story rein. Das Ende überrascht mich insofern, als bei 99 % des Textes davon ausgehe, das der Erzähler (du?) ein - wie auch immer geartetes - Problem hat.
Ich habe den Text vollständig gelesen, weil du darum gebeten hast - aber analysieren möchte ich ihn nicht, ich finde ihn deprimierend, dunkel. Wo eigentlich Kribbeln, Spannung, Gefühl hingehört (Das langsame Kennenlernen, Hoffnung auf Verliebtsein ...) lese ich den Versuch, etwas - was auch immer - hinter den Worten herauszulesen, also etwas Kopfgesteuertes. Gleichzeitig geschieht etwas "von selbst" mit dem Erzähler,

Vielleicht empfinden andere Leser den Text anders.

Haifischfrau
NEU: Die Baumwollfarmerin. Roman

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Oldenfelde
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Re: Behindert? Na und!

von Oldenfelde (20.09.2017, 12:09)
Ich habe auch nicht richtig in die Geschichte reingefunden und dann das Lesen abgebrochen.
Dann las ich das letzte Drittel und verstand.
Anschliessend las ich die Geschichte nochmal ganz und mir fielen die Schuppen von den Augen.
Zu wenig für ein Buch, aber sehr beeindruckend als Kurzgeschichte in einem Sammelband.
Ich wünsche dem Paar noch viele weitere Hochzeitstage!
https://latex-buch.de/
Als Autor finde ich auch diese Signatur sehr passend:
Aus Zeitgründen sehe ich meistens von der Korrektur von Schreibfehlern ab. Man möge es mir fazein.

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seifenstein
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Re: Behindert? Na und!

von seifenstein (21.09.2017, 03:55)
Liebe Haifischfrau!

Der Text, so plante ich es, soll nicht sofort durchschaut werden. Erst am Schluss soll einem der Inhalt klar sein bzw. werden. Der Text soll zum Nachdenken anregen. Zu Deiner Frage: Es sind kurze Eindrücke aus dem Leben einer Person.
Mehr möchte ich jetzt (noch) nicht dazu sagen, da ich andere Kritiken oder Meinungen, die eventuell noch kommen, nicht in eine bestimmte Richtung lenken will.

Liebe Grüße, Friedrich (seifenstein)

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seifenstein
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Re: Behindert? Na und!

von seifenstein (21.09.2017, 03:56)
Hallo Oldenfelde!

Ich bedanke mich recht herzlich für Deine Antwort! Dir scheint meine Geschichte klar zu sein. Du hast meine Story verstanden. Vielen Dank! Denn dies ist für mich eine sehr große Ehre!

Herzliche Grüße, Friedrich (seifenstein)

Tiane
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Re: Behindert? Na und!

von Tiane (14.10.2017, 07:06)
Wenn man den Text zu ende gelesen hat, wird deutlich, dass die andere Person sehr viel mehr Ängste und Befürchtungen mit in dieses erste Treffen gebracht haben muss.

Vielleicht empfinde ich das aber auch nur so, weil ich selbst körperbehindert bin und im Rollstuhl sitze. Weshalb ich natürlich den Blick mehr auf die andere Person richte.

Düster ist die Geschichte und das "Happy End" ist vielleicht etwas schnell da, aber ich mag sie.
Du hättest gut einen ganzen Roman daraus machen können. Die Geschichte löst eine Flut von Ideen in mir aus. thumbbup

LG
Tiane

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Haifischfrau
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Re: Behindert? Na und!

von Haifischfrau (15.10.2017, 14:52)
Grundsätzlich sollte (sic!!) eine Geschichte am Anfang den Leser so einnehmen, dass er Lust auf den Fortgang der Geschichte hat. Auflösung am Ende ist ok, aber zu Beginn sollte doch der Leser eingenommen werden. Und das Thema Behinderung ist mir gewiss nicht fremd.

Haifischfrau
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seifenstein
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Re: Behindert? Na und!

von seifenstein (16.10.2017, 21:43)
Hallo Tiane!

Zunächst herzlichen Dank dafür, dass Du meine Geschichte magst. Es freut mich, dass ich Dich damit zum Nachdenken anregen, und gleichzeitig zu neuen Ideen inspirieren konnte.

Düster sollen die Storys auch zu Beginn sein welche ich schreibe, da ich Freude daran finde, nach und nach Licht in die Herzen der betroffenen, sprich in die handelnden Personen zu bringen.

Ich bin mir darüber unklar, ob der Stoff für ein ganzes Buch gereicht hätte. Doch es wäre den Versuch wert, dies später einmal auszuprobieren.
Vielen Dank für diese Anregung!

Viele liebe Grüße, Friedrich (seifenstein)

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seifenstein
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Re: Behindert? Na und!

von seifenstein (16.10.2017, 21:45)
Hallo liebe Haifischfrau!

Zunächst vielen herzlichen Dank, dass Du dich noch einmal zu Wort gemeldet hast!

Dank Dir, und weiteren netten Personen von hier, bekomme ich langsam ein Gespür dafür, die Leserschaft mehr in die Story einzubinden. Sie von Anfang an ganz tief in den Kopf der handelnden Person blicken zu lassen.

Da stelle ich mir oft die Frage, wie viel Informationen ich der Leserin, dem Leser zum Beginn einer Story mit auf den Weg geben soll, um auf den Fortgang neugierig zu machen.

Für einen kleinen Tipp oder Ratschlag wäre ich Dir äußerst dankbar.

Viele liebe Grüße, Friedrich (seifenstein)

greendesert@web.de
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Re: Behindert? Na und!

von greendesert@web.de (01.03.2018, 10:51)
Also - Ich muss wirklich sagen, auch diesen Beitrag von dir, habe ich mit viel Begeisterung gelesen. Der Text ist genau mein Geschmack thumbbup Und ich kann sehr vieles Nachempfinden. Sowohl, die Person in dem Rolli, als auch die sprechende Person.

Deine Worte sind wirklich mitreißend und öffnen Augen, vor dingen, vor denen viel zu oft die Augen verschlossen werden. KOMPLIMENT !!!


Liebe Grüße, Ramona

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