Am Morgen danach

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arno63
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Am Morgen danach

von arno63 (15.12.2007, 16:30)
Am Morgen danach...

Am Morgen danach steh ich ratlos und einsam
vorm Spiegel, der über dem Becken hängt
erschrocken beim Anblick, der gleichsam
dem Ratlosen energische Taten aufdrängt.

Der da zurückblickt und gnadenlos starrt
mit Augen, aus denen der Schlummer hängt
ist sicher ein Wesen der anderen Art
von Ohren, dem Kinn und Haaren bedrängt.

Das Wesen erinnert an jene Gequälten
die Breughel malte im „Jüngsten Gericht“
die fern von seligen Auserwählten
im Feuer schmoren mit fahlem Gesicht.

Und wie zur Erlösung aus Hölle und Pein
rüttelt sie sanft die Toilettenklinke:
Du, Schatz, ich will auch mal hier rein.
Die Rettung, bevor ich in Mitleid ertrinke.

Die gute Tat, sie schützt vor der Hölle,
sie strahlt nach außen und gibt Kraft.
Zum Teufel mit meiner Narzissmus-Delle
Ich schaffe Platz bevor sie mich schafft.

Sie sagte „Schatz“ zum gequälten Wesen
bevor es sich vor Mitleid erbrach
ohne sie wäre keine Erlösung gewesen
am Morgen danach.

©arnulf rädecke
Manche haben eine so dicke Haut, dass sie ohne Rückgrat aufrecht stehen können.

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Judith
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Re:

von Judith (15.12.2007, 17:20)
Eigenerfahrung? :wink:

Grüßle,
Judith
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arno63
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Re:

von arno63 (15.12.2007, 20:37)
Selbstverständlich doch, Judith,

aber auch eine menschliche Allgemeinerfahrung,

welche, bleibt ja absichtlich offen,

aber ich kann ja soviel sagen...ahem...nee, doch nicht.

verschämt,
Arno
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Arno Abendschön
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Re:

von Arno Abendschön (15.12.2007, 21:09)
Vorab: Ich bin alles andere als Lyrik-Spezialist, versuche mich hier dennoch mal als Kritiker. Den Rhythmus habe ich auch beim leisen Lesen empfunden, was wohl für seine Qualität sprechen könnte. Stilistisch wirkt es auf mich wie Lyrik, die Stimmbruch hat ( Breughel versus Narzissmusdelle). Womöglich ist ja genau dieser gemischte Eindruck gewollt, dann kann man es akzeptieren. Was mir nicht gefallen hat: der "Spiegel, der über dem Becken hängt". Das tun Spiegel im Bad meistens, diese Stelle ist also weniger originell als der Rest. Zum Inhaltlichen: Die Ausgangssituation kommt mir persönlich bekannt vor, ist wohl nicht so selten. Fazit insgesamt: Ein diskutierbares Produkt.

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arno63
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Re:

von arno63 (16.12.2007, 00:05)
Hallo, Arno,

Ich bin auch kein Lyrik-Experte, verfertige Gedichte seit kurzem und auch aus spontaner Eingebung, ohne stilistisch-traditionelle Vorgaben, ohne große Erwartung.

Daher auch die Assoziationen Breughel und Narzissmus, verbindet den Maler mit Psychologie, was ihm ja auch gerecht wird angesichts seiner mittelalterlichen apokalyptischen Darstellungen.

Was den "Spiegel" betrifft, wollte ich nur klar machen, dass ich mich überhaupt im Bad befinde, könnte ja auch anderswo in einer Wohnung sein, es hängen ja da noch andere Spiegel, jedenfalls meistens.

Ich muss aber sagen, danke für deinen Kommentar, wirklich, auch jegliche Kritik ist mir immer willkommen, alles ist verbesserungswürdig, eigentlich ist alles ja nur ein interessantes Spiel mit Form und evtl. Reim.
Manche haben eine so dicke Haut, dass sie ohne Rückgrat aufrecht stehen können.

Leilah

Re:

von Leilah (18.12.2007, 03:49)
Lieber Arno,

unter technischen Gesichtspunkten wäre möglicherweise noch ein wenig Verbesserungsspielraum, aaaber: das ist mir beim Lesen dieses Textes entgegen sonstiger Gewohnheit eigentlich gar nicht ins Auge gefallen.
Ich finde, es ist Dir irgendwie gelungen, eine sehr intensive Atmosphäre in dieses Badezimmer und dieses Gedicht zu befördern. "Irgendwie", weil ich noch nicht genau beschreiben kann, wie Du' s gemacht hast. Auf jeden Fall hat dieser Text eine Stimmung, die meines Erachtens gute Arbeiten ausmacht (auch Filme): eine schöne Mischung aus Melancholie und Augenzwinken.

Viele Grüße
Leilah

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arno63
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Re:

von arno63 (22.12.2007, 01:32)
Hallo, liebe Leilah

wie ich´s genau gemnacht habe? Na einfach so, mit einfachem Reim, darin das Erschröckliche im Reim gebunden *gg*, spontan, im Moment danach, nach etlichen diesbezüglichen Erfahrungen.

Welche technische Verbesserungen hast du denn im Auge?

Su siehst "Meloncholie", ich sehe eher "Gefühlsgroteske", also überformte Gefühle, die durch realistischen Humor auf den Boden der Alltäglichkeit herabgezogen werden. Ja, wenn du so willst, durch "Augenzwinkern".


All das erleben wir doch oft täglich oder morgendlich, so weit wir wirklich leben.
Manche haben eine so dicke Haut, dass sie ohne Rückgrat aufrecht stehen können.

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