Daumenschrauben

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PvO
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Daumenschrauben

von PvO (26.12.2007, 10:22)
In einem anderen Thread wurden die Daumenschrauben angesprochen, in einem weiteren nach Verkaufszahlen gefragt. Nachdem ich - wie viele von uns - mehrmals eine Standartabsage erhalten hatte, klappte es plötzlich. Ich hielt einen normalen Vertrag von einem herkömmlichen Verlag in Händen. Geplant war eine 3.000-der Auflage. Ich konnte mein Glück damals gar nicht fassen und unterschrieb. Dann kam das Lektorat. Es mussten ein paar rechtliche Verstöße meinerseits ausgeräumt werden. So hab ich u.a. das Wort Neger benutzt, was ja heute nicht mehr sein darf. Die Abänderung war leicht, aus Neger wurde Farbiger. Ich fand das damals aber dennoch übertrieben, weil das Wort im Dialog vorkam. In heiliger Bimbam sah der Lektor eine Beleidigung der Kirche usw. Dann hatte ich gegen einen weiteren Paragraphen verstoßen und der Lektor hatte gestrichen, was der Rotstift hergab. Ich besorgte mir den Paragraphen und siehe da. Der Verlag hatte ihn falsch interpretiert. Ich sprach ihn daraufhin an, vergeblich. Das haben wir immer so gemacht...blablabla. Durch das Streichen verlor das Manuskript an Umfang, ich musste etwas hinzuschreiben. Die Protagonistin war dem Verleger/Lektor zu jung, sie musste über 18 sein (sie war bei mir 14). Der ganze logische Aufbau, das Grundgerüst quasi, ging somit den Bach runter. Jegliche Diskussion wurde abgelehnt. Interessant ist auch, dass es nie eine Exposee gegeben hatte. Per Mail hatte ich angefragt und per Mail bekam ich eine Antwort. Schicken Sie uns das ganze Manuskript als Anhang. Ich denke, ihr wisst, dass das völlig unüblich ist. Oft genug wurden Fragen nach dem Exposee gestellt. Oft genug hab ich geantwortet: ist das Manuskript schlecht, nützt das beste Exposee nichts, ist das Manuskript gut, darf das Exposee ruhig nicht so optimal sein. Lektoren sehen oft genug auf Anhieb, was sie in Händen halten.
Nach ein paar Wochen, hielt ich das Probeexemplar in Händen und war erstaunt. Der Lektor hatte den ganzen Schluss gestrichen.
Von einem Agenten erfuhr ich, dass ein Autor ein Mitspracherecht hat. (Ach ja?) Zitat: „...besteht er aber auf zu viel davon, trennen wir uns." So viel also zum Mitspracherecht. Nach Monaten rief ich den Verlag an, um zu erfahren, ob sie Bücher verkauft hatten und dann kam der Hammer. Von Februar bis Juni gingen 2.058 Exemplare an den Leser. Und ausgerechnet das Buch soll jetzt auf den amerikanischen Mark erscheinen. Mir hatte es damals gereicht und ich hab bei den beiden nachfolgenden Büchern gar nicht erst bei Verlage angefragt, ich hab gleich ein BOD gemacht. Mit jenem Verlag war ich damals fertig. Aber man soll ja bekanntlich nie nie sagen. Es wäre auch denkbar, dass jenes Buch in Israel rauskommen würde, denn ich habe bereits eine Telefonnummer von dort, einen Ansprechpartner. Ich warte jetzt erstmal ab, was draus wird. Immerhin ist diese Tatsache als Erfolg zu werten und jener Verleger hat bereits Interesse für mein derzeitiges Projekt bekundet. Und da er sich wohl noch an meine Einwände erinnerte, hat er bereits durchblicken lassen, dass die Daumenschrauben nicht mehr so fest angezogen werden, weil im Ausland andere Gesetze gelten. Ob ich das neue Manuskript dort anbieten werde? Ich weiß es nicht, noch nicht.
Wenn ein Lektor sagt, dein Manuskript ist zu Dialoglastig, hat man konkrete Aufgaben, sagt er aber : deinem Manuskript fehlt es an Tiefe, dann, lieber Autor, herzlichen Glückwunsch!
Und bevor jetzt die große Fragerei losgeht, ich hab das Buch unter Pseudonym rausgebracht und halte es da wie HWG und gebe keinerlei Auskunft drüber. Nur soviel: das Genre ist erotisch. Abschließend gebe ich euch noch was zum nachdenken. §6 des Vertrages:
Vertrauenspflicht
Der Autor versichert, über alle geschäftlichen und betrieblichen Angelegenheiten, die ihm in Rahmen seiner Tätigkeit bei dem Verlag bekannt werden, während und nach Beendigung der Geschäftsbeziehung strengstes Stillschweigen zu bewahren. Solche Angelegenheit wäre z.B. Die Auflagenhöhe.


Warum machen die das?

Arno Abendschön
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Re:

von Arno Abendschön (26.12.2007, 10:45)
Sehr aufschlussreiche Informationen. Sie führen zwangsläufig zu ambivalenten Regungen. So also ist der Buchmarkt tatsächlich? Ist unsereins marktkompatibel? Ich habe hier in Griffnähe ein Zitat von Vito von
Eichborn: "Je intelligenter ein Buch ist, desto weniger Leser gibt es dafür. Der Markt verlangt das Triviale."

Leicht bedrückt
Arno

CeKaDo

Re:

von CeKaDo (26.12.2007, 11:07)
Das bestätigt viele meiner Kenntnisse über die Behandlung von Autoren in großen Verlagen.

Mich interessieren jetzt natürlich die Verdienste des Autoren. Wieviel erhält der Autor an Euronen für diese Auflage? Und wie sieht es mit Film- und Vertonungsrechten, sowie den rechten zur eigenen Werbung aus?

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ChrisK
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Re: Daumenschrauben

von ChrisK (26.12.2007, 11:18)
PvO hat geschrieben:
Warum machen die das?

Nun ja, die Geheimhaltungsklausel steht eigentlich in jedem Vertrag drin, weil du eben - Verlagswechsel sollen ja vorkommen - keine Verlagsinterna zur Konkurrenz tragen sollst. Dazu kann durchaus die Höhe der Startauflage gehören, man verrät den Mitbewerbern eben die eigenen Strategien ungern. Und nur mal angenommen, du wärst beim gleichen Verlag gewesen wie Joan Rowling, hättest sie vor zwei Jahren in der Verlagskantine getroffen und sie hätte dir in weinseliger Stimmung das Ende von Band 7 verraten... Geheimhaltungsklauseln sind bei Verlagen und Agenturen eigentlich nxi neues und nix besonderes.
Den "Neger" hätte ich dir auch wegredigiert, es sei denn, er wäre in der direkten Rede eines Rechstradikalen vorgekommen. Das Wort "Neger" ist hierzulande mittlerweile verpönt und wird fast nur noch in rechtsradikalen Kreisen benutzt. Siehe dazu euch den entsprechenden Wikipediaeintrag.
Ob ein Autor ein Mitspracherecht über die Fassung hat, in der sein Buch veröffentlicht wird, hängt vom jeweiligen Vertrag ab. Ein "grundsätzliches" Mitspracherecht gibt es jedenfalls nicht. Gerade bei Menschen, die ihr erstes Buch veröffentlichen, möchten die meisten Verlage über alles allein entscheiden, weil vielen Erstlingsautoren (noch) der Blick dafür abgeht, was wichtig ist und was nicht.
Das mit den "Gesetzen" und "Paragraphen" verstehe ich nun gar nicht. Z.B. ist es hierzulande natürlich nicht verboten, das Wort "Neger" zu verwenden, man sollte es jedoch aus den u.a. im o.g. Wikipedia-Artikel genannten Gründen vermeiden. Deshalb bin ich auch etwas über die Ersetzung durch "Farbiger" verwundert, diese Vokabel mögen viele Menschen ebenfalls nicht sonderlich ("Weiss" ist nämlich auch eine Farbe). Schließlich: Was man hierzulande nicht, im Ausland aber sehr wohl drucken "darf"... Das klingt doch etwas arg nebulös, könntest du da etwas präziser werden?
Gruß
Chris

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PvO
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Re:

von PvO (26.12.2007, 11:48)
CeKaDo, nur so viel: es gab bei Vertragsabschluss Geld und dann bekomme ich pro verkauftes Buch einen Anteil.
Das klingt doch etwas arg nebulös, könntest du da etwas präziser werden?

Nein, kann ich nicht. Ich hab mich auch gar nicht weiter damit beschäftigt. Im Begleitschreiben war die Rede davon, dass ich das Manuskript neu schreiben könne man würde da nicht mit irgendwelchen Paragraphen kommen. Der Vertrag, diesmal zweisprachig, lag dem Schreiben bei. Das, was ich getan habe ist unterschreiben. Mehr nicht. Ob es jetzt zur einer neuen Zusammenarbeit kommt, liegt einzig bei mir. Das vorhandene Buch ist für mich abgehakt.

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PvO
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Re:

von PvO (27.12.2007, 10:25)
Eichborn: "Je intelligenter ein Buch ist, desto weniger Leser gibt es dafür. Der Markt verlangt das Triviale."

Interessant wäre die Antwort auf die Frage: wie viel Prozent der verkauften Bücher sind Trivialliteratur? Sicher kann man das nur schätzen. Ich denke mal, dass der Prozentsatz sehr hoch sein wird. Auch wäre die Frage interessant, was ist denn überhaupt Trivialliteratur? Vielfach wird das Wort abwertend benutzt und mit Schund auf einer Stufe gestellt. Literarisch anspruchslose Unterhaltungsliteratur, hab ich einem schlauen Buch entnommen. Für mich ist das schon ein Widerspruch an sich. Anspruchslos und Unterhaltung, dass passt irgendwie nicht zusammen. Gibt es gute Trivialliteratur? Kann es sie überhaupt geben? Als junger Mensch hatte ich einen Spleen, ich las nur Weltliteratur. Viele Bücher hab ich verschlungen, aber bei Th. Mann "Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull", musste ich passen. Ich hab das Buch zur Seite gelesen. Zweifellos gehört das Buch zur Hochliteratur. Und obwohl im Umgang mit derart Bücher erfahren, fand ich das Buch als nicht lesbar. Dann lieber gute triviale Unterhaltungsliteratur.

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Zoba
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Re:

von Zoba (27.12.2007, 11:00)
Hi,

diesen Unterschied gibts zuvorderst im deutschsprachigen Raum, mit den entsprechenden Konsequenzen. Im englisch- und im französischsprachigen Literaturbetrieb jedoch sind diese Unterscheidungen kaum bis garnicht vorhanden. Ein Isaac Asimov wurde sowohl für seine "ernsthafte" wie auch für seine unterhaltende Literatur hoch gelobt, sehr geschätzt und prämiert. Bei uns undenkbar. U und E gibts dort nicht in dem Sinne wie bei uns, nicht in der Literatur, nicht im Kunstbetrieb und auch nicht in der Musik.

Ich lese wenig "ernste" deutsche Gegenwartsliteratur, womit auch die letzten 100-150 Jahre gemeint sind, aus ebendiesem Grund. Genauer gesagt, mich törnt die "ernstzunehmende" deutsche Literatur regelrecht ab, es gibt wenig, was ich mit Genuß lesen kann. Ich habe stets das Gefühl, deutsche Autoren schreiben mit einer Schere im Kopf, als ob ihre Werke bloß nicht unterhaltsam sein sollten, weil dann nicht mehr ernstzunehmen. Dagegen war selbst ein Goethe regelrecht frivol, aber der war auch noch zu Zeiten Autor, als alleine das Schreiben an sich in Deutschland noch als Leistung betrachtet wurde.

Wir haben - wie der englischsprachige Raum - unsere Bestsellerautoren, einen Simmel oder Konsalik, gingen und gehen aber ganz anders mit ihnen um. Kein Brite würde sich vergleichbar über Agatha Christie lächerlich machen, kein Amerikaner über Crichton oder King. Leute wirklich gut zu unterhalten, hat im nicht-deutschen Raum einen sehr großen Stellenwert, der bei uns mittlerweile eigentlich gar nicht mehr vorhanden ist. Hier wird ein Johannes Mario Simmel mit einem Dieter Bohlen, der nicht mal ansatzweise mit einem K.H.Scheer mithält, geschweige denn Simmel, auf eine Stufe gestellt.

Solange dieses Schisma besteht, und das wird es wohl noch lange, kann ich mich jedenfalls nicht wirklich mit deutscher Literatur anfreunden.
Gruß,

Zoba

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"In Deutschland gilt derjenige als viel gefährlicher, der auf den Schmutz hinweist, als der, der ihn gemacht hat." - Carl von Ossietzky

Arno Abendschön
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Re:

von Arno Abendschön (27.12.2007, 11:08)
Hi, PvO,

für Definitionen und Schätzungen von Größenordnungen fehlt mir gerade die Zeit. (Abendschön ist beim Hausputz und schaut nur ab und zu auf den Monitor.) Doch muss ich schon mal kurz widersprechen. Selbstverständlich gibt es massenhaft anspruchslose Unterhaltungsliteratur. Davon lebt doch der Buchhandel hauptsächlich. Ein kurzer Gang durch eine Buchhandlung genügt, um sich davon zu überzeugen. Die Masse der Buchproduktion entspricht ihrem Niveau nach den Inhalten der großen werbefinanzierten TV-Sender. Anspruch ist natürlich ein relativer Begriff, er wird gemessen an dem, was zur gleichen Zeit auf dem Markt an qualitativ Besserem vorhanden ist. Und er bezieht sich - ganz wichtig - auf die Bedürfnisse oder das Vermögen der Konsumenten. Dass die Produktion anspruchsloser Sachen selbst nicht ohne Anstrengung möglich ist, wird nicht bestritten.

Mit einigem Befremden habe ich Deine Erklärung zum "Felix Krull" gelesen. Unabhängig vom persönlichen Geschmack ist es doch ein gutes Beispiel für anspruchsvolle Unterhaltung und zugleich ein Werk der Hochkultur. Ich kann verstehen, dass man es nicht goutiert, es aber nicht verarbeiten zu können (falls ich Dich recht verstanden habe), erstaunt mich.

Arno

hwg
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Re:

von hwg (27.12.2007, 11:10)
PvO hat mit seiner Schilderung den Kern getroffen.
Auseinandersetzungen zwischen Autor und Lektor
gehören "zum täglichen Brot". Einer allein hat selten
"die Wahrheit gepachtet" :lol: .

Voraussetzung
für Professionalität ist eben auch ein gewisses
gegenseitiges Verständnis, wenn auch nicht immer
ohne Wenn und Aber. Unerfahrene Autoren haben
damit nicht selten Probleme und "flüchten" daher
in ein Druckkostenzuschussunternehmen, anstatt
sich einer Diskussion zu stellen.

Und nicht selten bringt der Verzicht auf Sturheit
schlussendlich mehr "Lorbeer" als eine Veröffent-
lichung abseits eines breiten Leserpublikums.

Über das Thema Trivialität in der Literatur haben
wir hier schon mehrmals diskutiert, allerdings
weiß ich momentan nicht, in welcher Rubrik des
Forums.

hwg
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Re:

von hwg (27.12.2007, 11:14)
Immerhin hat Simmel mit seinen Büchern im Alter noch lobenden "Eingang" ins Feuilleton von FAZ, SZ, NZZ und
anderen adäquaten Zeitungen gefunden. Offenbar sind
sich die Literaturpäpste auch nicht mehr ganz so einig
darüber, wo die "Trivialität" in einem Roman beginnt... :lol:
Und das ist gut so!

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PvO
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Re:

von PvO (27.12.2007, 11:18)
Deine Erklärung zum "Felix Krull" gelesen.

Komme gerade vom Einkauf zurück. An der Kasse spukte mir dann mein Geschriebenes durch den Kopf und ich stelle hiermit richtig: Ich kann nicht mehr mit Bestimmtheit sagen, ob es sich um "Felix Krull" handelte. Es ist zu lange her. Aber mit Sicherheit war es Th. Mann.

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PvO
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Re:

von PvO (27.12.2007, 11:20)
darüber, wo die "Trivialität" in einem Roman beginnt...

Ich stelle mal einen Artikel ein, den ich vor Jahren für ein anderes Forum geschrieben habe.
Trivialliteratur
Vielfach ist dieses Wort gefallen, ein Wort, welches mir persönlich nicht besonders gefällt, aber eine Bezeichnung, die anscheinend wohl zur Literatur gehört. Also setzen wir uns mal mit diesem Wort auseinander.
Trivialliteratur
[lateinisch], eine untere Niveaustufe der Literatur; klischeehafte Darstellung der Wirklichkeit; die Grenzen zur Unterhaltungs- und zur Schundliteratur sind fließend. Die Trivialliteratur erhebt keine künstlerischen Ansprüche und ist auf Publikumswirksamkeit gerichtet. (Bertelsmann Lexikon).
Jedem Autor, der sein Werk als solches verrissen sieht, müsste also Schamesröte ins Gesicht steigen und ich kann mir vorstellen, dass er am liebsten tief in den Boden versinken würde.
Bevor ich diese Bertelsmann-Definition gelesen hatte, stand für mich Trivialliteratur immer für Unterhaltungsliteratur, die man Abends im Bett, in der Wanne oder im Urlaub am Strand liest, von der man sich unterhalten lässt. Ich wage zu behaupten, dass der überwiegende Teil der Leser gerade diese Literatur bevorzugt, Literatur, die unterhält, denn Zitat: ...die Publikumswirksam ist... Weiterhin wage ich zu behaupten, dass diese Art Literatur mit Schundliteratur nichts gemein hat, denn dann wären die Deutschen ja ein Volk von Deppen, denn meines Erachtens greifen über 90 % der Leser genau nach diese Art von Büchern, die die Regale und Buchständer geradezu überfluten. Ich könnte mir auch sehr gut vorstellen, dass der Begriff Trivialliteratur und die dazugehörige Definitionen aus lange zurück liegende Zeiten stammt und heute einfach nicht mehr zeitgemäß sind.
Nun hat mal jemand behauptet: Die Musketiere zum Beispiel würde ich als gehobene Trivialliteratur einstufen... Nehmen wir obige Definition, könnte man auch sagen, die Musketiere kann man als gehobene Schundliteratur einstufen, denn, Zitat Bertelsmann: untere Niveaustufe. Grenzen zur Unterhaltungs- und zur Schundliteratur sind fließend... Ich selber habe die Musketiere nicht gelesen, kann mir aber vorstellen, dass A. Dumas da weder Trivialliteratur noch Schund verfasst hat.
Meine Persönliche Meinung ist, dass man heute in Zeiten von Multimedia, das Wort Trivialliteratur ruhig zu den Akten legen kann. Die Zeiten der großen Literaten sind vorbei, was nicht heißen soll, dass es keine großen Schreiberlinge mehr gibt. Literatur hat heute einen ganz anderen Stellenwert, als an Multimedia noch gar nicht zu denken war. Die heutige Literatur, ich meine die, wie oben beschrieben, die zu tausenden in den Ständern stehen, kann m.E. nichts mit Trivialliteratur zu tun haben, denn: Trivialliteratur ist die Literatur, die nichts tut, außer den Erwartungen der Leser zu entsprechen. Sie erzählt nicht, wie das Leben ist, und nicht, wie der Autor denkt, dass das Leben besser wäre – sie erzählt wie der Leser sich das Leben träumt/wünscht. Sie eröffnet dem Leser keinen neuen Blick auf irgendwas und ist breit, alle Tatsachen (des Lebens, der Wissenschaft) zu verbiegen, nur um gelesen zu werden.
Ich habe eine ganze Menge Bücher gelesen, wo genau das nicht so war.
Was denn nun, frage ich mich. Welche Art Literatur ist das, was ich lese, mit dem der Badegast hier auf unserer Halbinsel zum Strand läuft, mit der meine Nachbarin in der Hängematte liegt, der Fluggast sich die Reisezeit verkürzt? Trivialliteratur? Sind denn das alles Idioten, weil sie sich diesen Schund gleich dutzendfach reinziehen? Ich meine nicht. Es ist einfach und allein Unterhaltungsliteratur, der Leser liest um sich zu unterhalten. Und man sollte aufhören alles in Normen und in DIN Vorschriften pressen zu wollen. Und wenn ich solche Unterhaltung zu Papier bringen kann, von der sich andere zu Hauff unterhalten lassen, dann habe ich gewonnen und mein Ziel erreicht, egal wer auch immer was und wie dazu verlauten lassen will...
Bleibt jetzt nur noch zu klären, was gute Unterhaltungsliteratur ausmacht. In erster Linie natürlich - wie es der Name schon sagt - gute Unterhaltung. Ich möchte als Konsument unterhalten werden, ich möchte mich weiterbilden können (man kann es tatsächlich, mit dieser ganz banalen Unterhaltungsliteratur). Und wenn sich mir neue Horizonte auftun und dann auch noch ein Aha-Effekt da ist, dann habe ich mich gut unterhalten. Ich habe auch nichts gegen Spannung einzuwenden und wenn da auch noch eine Prise Erotik vorkommt, umso besser. Und wenn mir dann ein Leser bescheinigt, dass er nie in den Versuch kam, ein paar Zeilen zu überspringen, dann habe ich gekonnt, was ich gewollt habe, nämlich Unterhaltungsliteratur zu schreiben...

Arno Abendschön
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Re:

von Arno Abendschön (27.12.2007, 11:40)
Hi, Zoba,

nur ein kurzer Einwand oder Hinweis: Gerade die gehobene literarische Produktion Deutschlands in den letzten 100 Jahren (besonders die klassische Moderne) hat sich als hervorragender Exportschlager in westliche Länder erwiesen. Offenbar bestand und besteht dort ein Bedürfnis nach diesen Produkten, sei es nun Thomas Mann oder Handke.

Den von Dir dargestellten fundamentalen Gegensatz zwischen Deutschlands Buchkultur und der anderer westlicher Länder kann ich übrigens nicht nachvollziehen. Es ist weltweit ein beliebtes und ziemlich abgegriffenes Argumentationsmittel, das eigene Land als grundsätzlich anders negativ herauszustellen. Bei näherem Hinsehen trifft das dann oft nicht zu. Wir sind längst Teil der westlichen Welt und die Unterschiede beziehen sich nur auf Nuancen. Es gibt heutzutage überall auf der einen Seite eine breite Zerstreuungskultur oder besser -industrie - und auf der anderen ein Bedürfnis nach ganz anderen Produkten. Nicht umsonst hat ein US-Amerikaner formuliert: Wir amüsieren uns zu Tode. Ja, wollen wir es denn wirklich?

Arno

CeKaDo

Re:

von CeKaDo (27.12.2007, 12:21)
Ja klar wollen wir!

Das Leben ist an sich schon hart genug und warum soll ich mich dann bewußt zu Tode problematisieren, beschweren und anstrengen?

Viel lieber gehe ich in meiner Freizeit leicht durch das Leben und sterbe liebend gern mit einem Lächeln auf den Lippen.

Was nützt mir anspruchsvolle Lektüre, wenn sie mich nicht anspricht und mir Mühe macht? Ich lese gern leichte Lektüre und freue mich daran. Deswegen halte ich mich keineswegs für ungebildeter, lebensferner oder gar "out".

matthiasgerschwitz

Re:

von matthiasgerschwitz (27.12.2007, 12:30)
Arno Abendschön hat geschrieben:
Wir amüsieren uns zu Tode. Ja, wollen wir es denn wirklich?



Guten Tag allerseits,

da hier ja gerne mit Verweisen gearbeitet wird - das Zitat ist der Titel einer Rede und eines Buches von Neil Postman. Hat das zufällig jemand gelesen?

Mittlerweile, also mehr als 20 Jahre später, hat sich die Meinung herauskristallisiert, dass Postman mit seiner Medienkritik Recht hat, wenn er sich selbst als Maßstab nimmt - was aber immer zu gefährlichen Rückschlüssen führt.

Das erinnert ein wenig an einen Thread hier im Forum zum Thema "Werbung", bei dem ein Poolmitglied bei all seiner Kritik zu diesem Thema plötzlich feststellen musste, dass andere Poolmitglieder Werbung auch unterhaltend finden - was er noch nicht in Betracht gezogen hatte. Genauso ist Postman auch zu bewerten. Sein Beitrag ist sicherlich insofern wichtig, als er eine Diskussion angestoßen hat, die aber recht bald wieder verebbte. Und dass sein Zitat überlebt, aber sein Name nicht, ist ein weiterer Beweis...

Beste Grüße
Matthias

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