WER ist mein Meerschweinchen wirklich?

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Franz Sternbald
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WER ist mein Meerschweinchen wirklich?

von Franz Sternbald (02.07.2018, 10:41)
"...
Wollte jemand ernstlich bestreiten, daß Meerschweinchen die Potenz differenzierter seelischer Erlebnisfähigkeit besitzen, dann nur unter völliger Vernachlässigung angefangen von den basalen Appetenz- und Aversions-Mustern, bis hinauf zu offenkundig absichtsvollen Manövern der Täuschung und Manipulation des Gegenübers. Was auch immer unter dem Begriff des ‚Seelischen’ zusammengefaßt werden könnte, umstritten ist der Begriff in einigen Denkrichtungen sogar im Bezug auf das menschliche Bewußtsein. Vom plattesten Materialismus der rein physiologischen Vorgänge bis zur Metaphysik der Moral-Idee, ist auch für uns die Sache noch längst nicht zu Ende gedacht.
Schon in der flüchtigen Beiläufigkeit des Geschlechtaktes unserer Tiere ließe sich ein Rudiment des Schamhaften ausmachen. Nach Nietzsche würde die Genealogie der Moral ohnehin auf die Wurzeln uranfänglicher Notwendigkeiten führen. So würden bei allen Wesen, die irgendeinen Feind zu fürchten haben, gerade diejenigen Handlungen in die verborgene Abgeschiedenheit verlegt, die wegen der ausnehmenden Verletzbarkeit gerade während des Aktes, erhöhte Gefahr bedeuten. Hieraus konnte, aus dem Moment der Diskretion, auf dem psychischen Entwicklungsgang die Neigung zur schambesetzten Vermeidung entstehen. Aus instinktgeleiteter Furcht konnte ein hochpotenzierter Grad der ‚Betretenheit’ zu Bewußtsein gelangen.
Die Setzung von Duftmarken, die Sekretion von Körperflüssigkeiten, gelangten auf diesem Weg zu ihrer allgemeinen ‚Anrüchigkeit’.
Über all dies „reflektieren“ unsere Meerschweinchen natürlich nicht, aber sie „wissen“ es wohl. Wer einmal bewußt ein Meerschweinchen beim Urinieren gerade in der Lage auf dem Arm ihres Menschen beobachtet, kann nicht einen gewissen Ausdruck von peinlicher Betretenheit auf seinem (des Meerschweinchens) Gesicht leugnen.
Von dem Moment an, mit dem ein Bewußtseinsinhalt von den inneren Vorgänge zur Mitteilung an die Außenwelt gelangt, und zwar als paralleler Kommentar zur eigentlichen Handlung, tritt zum Motiv der physiologischen Notwendigkeit eine intellektuale Verarbeitung hinzu. Wenn beim Meerschweinchen zwar nicht gerade von höchsten Graden der Sublimation basaler Triebenergie zu einer wie auch immer gearteten Vernunft die Rede sein kann, so muß doch unbedingt von der qualitativen Schwelle zur ‚moralischen’ Kategorie seiner Handlungen beim Meerschweinchen ausgegangen werden. In qualitativer Hinsicht besteht demnach, provokativ gesprochen, zwischen Mensch und Meerschweinchen eigentlich gar kein Unterschied. Gemessen an der quantitativen Bandbreite der möglichen psychischen Potenzen allerdings muß die Hoffnung auf ein tieferen Einvernehmen zwischen uns wohl noch auf eine unabsehbar weite Zukunft der Entwicklungsgeschichte gesetzt werden.
Als so verstanden beseeltes Wesen ist das Meerschweinchen aber ganz unbestreitbar auch ein moralisches Tier. Und als solches unterliegt es, ebenso wie wir, der Möglichkeit psychischer Konstellationen, die jeweils ihre individuelle Persönlichkeit prägen. Eine im Folgenden unternommene Aufstellung einiger möglicher Konstellation kann im Zusammenwirken mit einer guten Beobachtung und Abgleich mit einigen Charakterzügen, die bei Meerschweinchen vorkommen können, zu einem tieferen Verständnis beitragen, darüber, WER mein Meerschweinchen wirklich ist.
..."

aus "Geheimnisvolle Welt der Meerschweinchen" von Franz Sternbald

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