Sozialdemokratie im Abbruch, 3. erweiterte und aktualisierte Auflage

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Richard Bercanay
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Sozialdemokratie im Abbruch, 3. erweiterte und aktualisierte Auflage

von Richard Bercanay (06.11.2018, 16:25)
Es ist erschienen die 3. aktualisierte und erweiterte Auflage von »Sozialdemokratie im Abbruch«, die jetzt den Bogen von der Regierungszeit Schröders bis zur vierten großen Koalition spannt. Das Taschenbuch ist bereits erhältlich in allen gängigen Online-Shops, die E-Book-Auflage folgt noch.

Die E-Book-Auflage die gegenwärtig noch in den Shops ist, ist die 2. Auflage von 2016! Die ist noch nicht überall verschwunden. Die neue, 3. Auflage ist von 2018! Bitte nicht davon irritieren lassen, daß in den Shops noch 2. Auflage steht, ich habe BoD bereits darum gebeten, die neue Auflage als 3. Auflage an den Buchhandel zu melden.

https://www.bod.de/buchshop/sozialdemokratie-im-abbruch-richard-bercanay-9783752839166

Klappentext

Am 27. September 2009 erntete die SPD ihr schlechtestes Wahlergebnis in der Geschichte der Bundesrepublik. Schon in der Woche darauf sicherte sich die Fraktion der Agenda-2010-Befürworter die Macht in der Partei, um dafür zu sorgen, daß niemand vom neoliberalen Glauben abfalle.

Mit der Nominierung von Martin Schulz für die Bundestagswahl 2017 schien die Wende zu kommen. Doch am Wahlabend des 24. September 2017 stürzten die Sozialdemokraten abermals ab und erreichten das schlechteste Ergebnis ihrer bundesdeutschen Geschichte.

Dieses Buch zeichnet den Weg der SPD in den Abgrund der Bundestagswahlen von 2009 und 2013 nach, der letztlich bis hin zur Bundestagswahl 2017 führte. Welche Entscheidungen mögen dazu beigetragen haben, daß die Wähler/innen der Partei davongelaufen sind? Welche Signale sendet die SPD für einen programmatischen Wandel gerade in der Sozialpolitik? Warum glaubten die Wähler/innen bei der Bundestagswahl 2013 der SPD nicht, daß sie soziale Ziele verfolge? Was führt die SPD immer weiter in den Abgrund? Warum hatte die Partei auch 2017 keine realistische Machtperspektive?

Der Politologe und Krimi-Autor Richard Bercanay befaßt sich in seinem Buch mit den vergangenen fünfzehn Jahren der SPD. Dabei gewährt er einen Überblick über Entscheidungen und personelle Entwicklungen, die zum Absturz der SPD beigetragen haben. Dies alles nicht ohne eine Perspektive für eine linke Alternative aufzuzeigen, in die die SPD einbezogen werden soll.


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Richard Bercanay
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Re: Sozialdemokratie im Abbruch, 3. erweiterte und aktualisierte Auflage

von Richard Bercanay (03.12.2018, 14:25)
Das E-Book zur dritten Auflage von »Sozialdemokratie im Abbruch« ist jetzt veröffentlicht und wird bis kurz vor Weihnachten € 3.49 kosten, danach dann € 4.99.

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Mario Arndt
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Re: Sozialdemokratie im Abbruch, 3. erweiterte und aktualisierte Auflage

von Mario Arndt (22.06.2019, 08:12)
Nun, der endgültige Absturz der SPD ist sehr leicht erklärt, der SPD, die einst die NSDAP rechts überholen wollte - im Wahlkampf 1932, als sie die NSPAP als "Homosexuelle" hinstellen wollte - ein Schuss, der voll nach hinten losging, aber zeigt, welche faschistoide Klientel die SPD vertritt.

Die SPD verriet im letzten Jahrzent zwei ihrer Ideale, ohne die die Stammwählerschaft (recht einfach gestrickte Arbeiter mit einem antiquierten, reaktionären Weltbild) nichts mehr mit dieser Partei anfangen kann, sondern sich eine "Alternative" sucht:

1) die Fremdenfeindlichkeit
(Originalton Helmut Schmidt: "Das Boot ist voll!" - in der GroKo macht die SPD dann das genaue Gegenteil),

und

2) die Homophobie
(Die SPD streicht nicht die aus der Nazizeit stammenden Gesetze gegen Homosexuelle, als sie in den 1970er Jahren an der Macht waren, aber 2017 macht Kanzlerkandidat Schulz die Homoehe zu einem Hauptthema seines Wahlkampfes).

Siehe z.B. den von Arbeitern geprägten Stadtteil Mannheim-Schönau (in Baden-Württemberg), wo die SPD von über 50 % im Jahre 2000 in die Bedeutungslosigkeit abstürzte, und gleichzeitig die AfD auf über 30 % Wählerstimmen aufstieg.
https://www.spiegel.de/politik/deutschl ... 82320.html
"Die wohlstrukturierte Geschichte"
"Wer war Karl der Große wirklich?"
"Astronomie und Chronologiekritik"
"Das wohlstrukturierte Mittelalter"

http://www.HistoryHacking.de
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Siegfried
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Re: Sozialdemokratie im Abbruch, 3. erweiterte und aktualisierte Auflage

von Siegfried (22.06.2019, 11:09)
Mario Arndt hat geschrieben:
Nun, der endgültige Absturz der SPD ist sehr leicht erklärt, der SPD, die einst die NSDAP rechts überholen wollte - im Wahlkampf 1932, als sie die NSPAP als "Homosexuelle" hinstellen wollte - ein Schuss, der voll nach hinten losging, aber zeigt, welche faschistoide Klientel die SPD vertritt.

Die SPD verriet im letzten Jahrzent zwei ihrer Ideale, ohne die die Stammwählerschaft (recht einfach gestrickte Arbeiter mit einem antiquierten, reaktionären Weltbild) nichts mehr mit dieser Partei anfangen kann, sondern sich eine "Alternative" sucht:

1) die Fremdenfeindlichkeit
(Originalton Helmut Schmidt: "Das Boot ist voll!" - in der GroKo macht die SPD dann das genaue Gegenteil),

und

2) die Homophobie
(Die SPD streicht nicht die aus der Nazizeit stammenden Gesetze gegen Homosexuelle, als sie in den 1970er Jahren an der Macht waren, aber 2017 macht Kanzlerkandidat Schulz die Homoehe zu einem Hauptthema seines Wahlkampfes).

Siehe z.B. den von Arbeitern geprägten Stadtteil Mannheim-Schönau (in Baden-Württemberg), wo die SPD von über 50 % im Jahre 2000 in die Bedeutungslosigkeit abstürzte, und gleichzeitig die AfD auf über 30 % Wählerstimmen aufstieg.
https://www.spiegel.de/politik/deutschl ... 82320.html


Eine sehr einfach gestrickte Sicht auf den Niedergang der Sozialdemokratie in Deutschland.

Wenn die Arbeiterschaft seit jeher aus "einfach gestrickten Arbeitern mit antiquiertem, reaktionärem Weltbild" besteht, wundert mich die sozialdemokratisch gesteuerte gesellschaftliche Entwicklung in den 1960ern / 1970ern ("mehr Demokratie wagen").

Was IMHO nicht nur der SPD, sondern der Politik insgesamt fehlt, sind klare Positionen und das Stehen dazu. Es hat sich ein Opportunismus, ja eine Beliebigkeit in der Politik breit gemacht, die eigentlich unerträglich ist. Um Probleme wird mal links herum, mal rechts herum gefahren, statt sie konsequent zu benennen und anzugehen (vgl. Anfang der 90er die Aussage Kohls zu den "blühenden Landschaften" vs. Lafontaines Prognose, dass uns die Wiedervereinigung viel, sehr viel Geld kosten wird; vgl. heute die Verkehrsprobleme vom "Dieselskandal" über "Maut für Pkw" und "Überlastung der Autobahnen" bis hin zum Drama um den Schienenverkehr - Verlegung von Lkw-Frachten von der Autobahn auf die Schiene wie in der Schweiz kommt in Deutschland noch nicht einmal in Planspielen vor, und der Lkw-Frachtverkehr wird dramatisch wachsen -; oder die Klimaschutzvorgaben 2020/2030/2050).

Politik schlingert. Politik wird schlecht verkauft. Politik führt nicht. Politik verliert den Kontakt zur Bevölkerung.
Die Wählermilieus verschwinden (die Mittelschicht fürchtet den eigenen wirtschaftlichen Absturz, den klassischen "politisch linken Arbeiter" gibt es nicht mehr, das politische Bewusstsein großer Teile der Bevölkerung wird geringer, der Bürger befindet sich irgendwo zwischen "völlig übersättigt" und "total desillusioniert und desinteressiert". Statt auf politische Gestaltung setzt der Wähler auf Protestwahl: "Wir wählen nicht AfD, weil wir die AfD gut finden, sondern weil wir CDU/CSU/SPD/FDP einen Denkzettel verpassen wollen" - das hat in Deutschland schon einmal zur Katastrophe geführt, denn wenn die Rechten die politische Macht in Händen halten, geben sie sie nicht mehr her).

Die gemäßigten Parteien haben keine Ideen mehr. Der positive Begriff der Zukunft bei unseren Eltern ("damit du es einmal besser hast") hat sich ins Gegenteil verkehrt ("Zukunft bedeutet Angst"). Befürchtungen, dass alles schlechter wird (Wirtschaft, Sicherheit, Umwelt), beherrschen das Denken der Wählerschaft. Diese Unsicherheit führt nahezu zwangsläufig zu einem radikalisierten Wahlverhalten (die AfD hat nicht ohne Grund den stärksten Zulauf in den östlichen Bundesländern - hier ist z. B. die Angst mit Händen greifbar, obwohl beim Problem Fremdenhass die Zahl der Flüchtlinge in den Ost-Bundesländern bundesweit am niedrigsten ist).

Politik bedeutet, den Menschen die Angst zu nehmen. Politik bedeutet, Menschen Führung und Leitlinien zu geben. Die Masse der Menschen will geführt werden. Sie wollen eine Ansage, was sie zu machen haben, wofür es sich lohnt, sich einzusetzen. In allen menschlichen und gesellschaftlichen Bereichen eigenverantwortlich zu leben, ist für die meisten Menschen ein Graus. Und ist die Führungsspitze verunsichert, sind es auch die Menschen. Genau das machen sich aktuell die "Wählerjäger" am rechten Rand der politischen Bühne zu eigen.

Zu behaupten, der SPD brechen die Wählerstimmen weg wegen Fremdenfeindlichkeit und Homophobie, ist arg kurz gedacht. Komplexe Probleme haben keine einfachen Gründe.
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mtg
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Re: Sozialdemokratie im Abbruch, 3. erweiterte und aktualisierte Auflage

von mtg (22.06.2019, 11:14)
Abgesehen davon, das Du mir mit Deinen Theorien auf den Geist gehst – aber das ist in einer freien Gesellschaft ja erlaubt und auch gut so, denn ich konnte das bislang schlicht ignorieren – muss ich hier mal innehalten.

Mario Arndt hat geschrieben:
Nun, der endgültige Absturz der SPD ist sehr leicht erklärt, der SPD, die einst die NSDAP rechts überholen wollte - im Wahlkampf 1932, als sie die NSPAP als "Homosexuelle" hinstellen wollte - ein Schuss, der voll nach hinten losging, aber zeigt, welche faschistoide Klientel die SPD vertritt.


Das ist der größte Quatsch den ich seit »Adolf ist der starke Mann, den wir immer wollten« gehört bzw. gelesen habe. Die These der Homosexualität innerhalb der NSDAP ist nicht von der SPD, sondern von der Presse aufs Tapet gebracht worden (hier wäre Quellenstudium eine große Hilfe!) – und die Röhm-Geschichte hat ja gezeigt, dass Homosexualität innerhalb der Partei erst 1934 – also nach der »Machtergreifung« – plötzlich problematisch wurde. Vorher wurde rumgevögelt, was das Zeug hielt – und das arische Männerbild war eine ikonische Freude aller Parteimitglieder … außer Himmler. Der hatte ja panische Angst, er könnte von hinten bestiegen werden (warum eigentlich – der passte doch auch nicht in das Männerbild … wie die meisten Granden der NSDAP).

Was man der SPD bzw. dem »Vorwärts« als ihrem Parteiorgan vorwerfen kann, ist die Geschichte von Krupp auf Capri. Das war's dann aber auch schon zu dem Thema. Dass sich die SPD aktuell (bzw. in den letzten Jahren) in der Frage der »Ehe für Alle« desavouiert hat (um mal ein Wort aus dem Sprachgebrauch der Justiz des III. Reiches zu verwenden), ist eine völlig andere Sache. Bitte vermische nicht Deine politische Einstellung mit den Realitäten.

Setzen, Sechs.

P.S.: Danke @ Siegfried.

Eris Ado
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Re: Sozialdemokratie im Abbruch, 3. erweiterte und aktualisierte Auflage

von Eris Ado (22.06.2019, 12:03)
mtg hat geschrieben:

Was man der SPD bzw. dem »Vorwärts« als ihrem Parteiorgan vorwerfen kann, ist die Geschichte von Krupp auf Capri. Das war's dann aber auch schon zu dem Thema.


Da gab es schon ein bißchen mehr:
https://www.welt.de/geschichte/article1 ... aeuel.html
Deshalb verstand die Öffentlichkeit die angeblich „schwersten Verfehlungen“ Röhms als Anspielung auf dessen allgemein bekannte Homosexualität. Darüber hatte man allerdings schon seit 1931 im sozialdemokratischen „Vorwärts“ lesen können. Am 4. Juli 1931 zum Beispiel attackierte das Parteiblatt den SA-Chef als „Schwulitäten-Röhm“ und verwies seine Leser auf ein Strafverfahren nach Paragraf 175 des Strafgesetzbuches, das gegen Röhm laufe.
Am 18. März 1932 berichtete die SPD-Zeitung auf der Titelseite über eine stürmische Debatte im Preußischen Abgeordnetenhaus und hämische Zwischenrufe von links während einer Hetzrede eines Nationalsozialisten: „Röhm! Schwul Heil!“ Einen Monat später vermerkte „Der Abend“, seinerzeit die Spätausgabe des „Vorwärts“, Röhm habe seine Verleumdungsklage gegen einen Schriftsteller zurückgenommen, der ihn als homosexuell bezeichnet hatte.
Ende Oktober 1932, kurz vor der zweiten Reichstagswahl in diesem Jahr, verwies das Blatt auf Röhms „Liebesbriefe“; in Wirklichkeit handelte es sich um drei 1928/29 verfasste Schreiben, in denen er dem Arzt Karl-Günther Heimsoth über seine homosexuellen Neigungen berichtete. Die Briefe seien von „lüsternem und schmutztriefendem Inhalt“.

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mtg
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Re: Sozialdemokratie im Abbruch, 3. erweiterte und aktualisierte Auflage

von mtg (22.06.2019, 12:34)
Eris Ado hat geschrieben:
195276197/Homosexualitaet-SA-Chef-Ernst-Roehm-waren-Frauen-ein-Graeuel.html

Der SPD etwas vorzuwerfen, was Gesetzestext ist und von der NSDAP blutrünstig umgesetzt wurde, ist auch schon heftig. Das erinnert mich an die Aussage, die Demokratie müsse die AfD aushalten … bis es dann zum Mord kam.

Dass der §175er und alle seine Vorgänger seit 1542 reine Diskriminierung ohne nachvollziehbaren Hintergrund waren, steht auf einem anderen Blatt. Tatsächlich hatte sich die SPD schon Ulrichs' Auffassungen und später auch Hirschfelds und Hillers Vorstößen angeschlossen, war aber immer wieder gescheitert. Wie es weiterging, kann man hier nachlesen. Ich darf mal aus einem meiner Artikel zitieren:

Bereits in seiner ersten Regierungserklärung 1933 kündigt Adolf Hitler neue Maßstäbe der Rechtsprechung an: »Unser Rechtswesen muß in erster Linie der Erhaltung der Volksgemeinschaft dienen. [...] Nicht das Individuum kann der Mittelpunkt der gesetzlichen Sorge sein, sondern das Volk.« Die Entscheidung darüber, was dem Volk dienlich sein könne, überlässt er dabei sich und der Parteiideologie. Zunächst wird die Bindung der Richter an das Gesetz weitgehend gelöst und ein Analogiegebot eingeführt, mit dem der Geltungsbereich einer rechtlichen Regelung auf bisher ungeregelte Fälle erweitert wird. Auf die juristische Bewertung der Homosexualität hat das zunächst keinen Einfluss, aber bereits Mitte 1934 beginnt die systematische Verfolgung Homosexueller. Sie wurde, wie Dr. Thomas Rahe, wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen, in einem »Lernen aus der Geschichte«-Beitrag aus dem Jahr 2010 zitiert wird, mit einer Pressekampagne vorbereitet. Diese knüpft an die Herabwürdigung und Verachtung von Homosexuellen durch weite Teile der bürgerlichen Gesellschaft und der christlichen Kirchen an. Auch hier dient – wie bereits 1907 – ein vorgeblicher Anlass als Handlungsgrund.

Ernst Röhm und die Nacht der langen Messer

»Mit der Machtübernahme Hitlers konnten die Nationalsozialisten nicht mit der für sie gewohnten Härte gegen die Homosexuellen vorgehen, da sie schließlich mit SA-Führer Röhm einen Homosexuellen in ihren eigenen Reihen hatten, welcher den antihomosexuellen Strömungen den Wind aus den Segeln nahm. Zwar wurde sofort damit begonnen, die homosexuelle Subkultur zu zerschlagen, doch gab es zu dieser Zeit noch keine persönliche Gefährdung der Homosexuellen; viele ihrer öffentlichen Treffpunkte wurden geschlossen, auch wenn einige wenige kurze Zeit später wieder eröffnet wurden. Der Einfluss Röhms ging sogar so weit, dass Homosexuelle trotz der Kenntnis von ihren sexuellen Neigungen noch Karriere in der SA oder der Hitlerjugend machen konnten.«, schreibt Thomas Losleben in seiner Studienarbeit »Homosexuelle als Opfer des Nationalsozialismus« an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz im Wintersemester 2004/2005. »Wie konnte es sein, dass eine antihomosexuell ausgerichtete Partei wie die NSDAP einen bekennenden Homosexuellen, welcher seine Veranlagung auch noch offen zur Schau stellte, in ihrer Führungselite duldete?«

Ernst Röhm, der 1923 maßgeblich am Marsch auf die Feldherrnhalle beteiligt gewesen war und zehn Jahre später dafür mit dem Blutorden, Verleihungsnummer 1 geehrt wurde, war bereits 1931 von Adolf Hitler zum SA-Stabschef ernannt worden und sollte die Sturmabteilung zu einer breit aufgestellten Bewegung ausbauen, mit der er das Selbstverständnis und das Auftreten der NSDAP maßgeblich prägte. Hitler brauchte die SA für den Straßenkampf, daher war Röhms Homosexualität für ihn zweitrangig. Überliefert ist sein Ausspruch: »Das Privatleben kann nur dann Gegenstand der Betrachtung sein, wenn es den wesentlichen Grundsätzen der nationalsozialistischen Anschauung zuwider läuft.« Offensichtlich tat dies Röhms Homosexualität nicht; allerdings wird von offizieller Parteiseite der Mantel des Schweigens darüber gelegt. Durch die Tabuisierung scheint es, als wäre die Partei auf einen moderateren Kurs gegenüber Homosexuellen eingeschwenkt. Die Presse jedoch schlachtet Röhms sexuelle Orientierung genüsslich aus; gelegentlich wird sogar behauptet, die gesamte NSDAP sei homosexuell.

Röhms Vision, die Reichswehr aufzulösen und in die SA einzugliedern, stößt auf wenig Gegenliebe. Zudem ist Röhm heillos mit dem Reichsführer SS, Heinrich Himmler, zerstritten; dieser fordert in seiner panischen Angst vor Homosexuellen immer wieder die Todesstrafe für schwule SS-Mitglieder. Schließlich gerät Röhm zusätzlich in einen offenen Streit mit Hitler, als er sich öffentlich jede politische Einmischung in die SA verbittet. 1932 wird die SA von der letzten Weimarer Regierung für drei Monate offiziell verboten; nach dem schnellen Ende des Verbots werden die Übergriffe auf Andersdenkende aber sofort wieder aufgenommen, die Gewalt nimmt zu. Die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 feiert die SA mit Aufmärschen und Fackelzügen. Im Dezember 1933 ernennt Hitler Ernst Röhm zum Reichsminister ohne Geschäftsbereich. Als Röhm weiterhin Sonderrechte für ›seine‹ SA einfordert, beschließt die Parteiführung, ihn zu liquidieren.

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Mario Arndt
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Re: Sozialdemokratie im Abbruch, 3. erweiterte und aktualisierte Auflage

von Mario Arndt (09.07.2019, 13:58)
Neben meiner oben beschriebenen Änderung von zwei zentralen Konzepten der SPD-Politik
(bisher: 1) Fremdenfeindlichkeit, jetzt 1) linker Internationalismus, auch "Willkommenskultur" genannt - und
bisher: 2) Homophobie, jetzt 2) linke LGBT-Einstellung)
darf ein wichtiger soziologischer Aspekt nicht vernachlässigt werden:

Es reicht nicht aus, ein schönes Grundgesetz und andere schöne Gesetze (oder auch unschöne) aufs Papier zu schreiben, oder "den Marsch durch die (politischen) Institutionen" anzutreten - und was ist das Ergebnis?

Die Menschen, die schon länger hier leben, die Träger der Kultur des im Kriege erschaffenen deutschen Nationalstaates und der in zwei Weltkriegen zusammengeflickten deutschen Gesellschaft, ändern sich dadurch nämlich nicht.
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