Schön essen gehen

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Arno Abendschön
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Schön essen gehen

von Arno Abendschön (26.01.2008, 10:31)
Schön essen gehen

Zum Abendessen ging der Fremde in den "Mailänder Hof". Von allen Gasthöfen der kleinen Stadt hatte dieser die beste Küche. Ob man sich dort allerdings gut bedient fühlte, hing vom Dienstplan des Restaurants ab. An diesem Abend hatte er Pech: Die nette, blonde Kellnerin grüßte ihn freundlich von der Bar her, als er am Fenster Platz nahm. Und da nahte die andere schon, die hagere Italienerin, dabei eine Zigarette rauchend. Sie kam nicht, um nach seinen Wünschen zu fragen - es war so ihre Art, bloß stumm neben dem Gast Posten zu beziehen, um sich dann wortlos die Bestellung zu notieren.

So sehr sie mit Worten geizte, so beredt waren Miene und Haltung. Offenbar empfand sie es als bitteres Unrecht, in fremdem Land in öffentlichen Speisehäusern Fremde bedienen zu müssen. Mit den Anzeichen lebenslanger Verbitterung schrieb sie den Hirschpfeffer und das Übrige auf. Dann trat sie den Gang zur Küche an, als wäre es ihr allerschwerster. Bald darauf brachte sie Suppe und Mineralwasser und servierte mit dem Ausdruck mühsam unterdrückter Empörung. Der Fremde hatte sich im Verlauf mehrerer Abende schon an dieses Schauspiel gewöhnt, wie es sonst nur Galeerensträflinge in historischen Filmen bieten. Er ließ sich die Suppe schmecken.

Die Italienerin entfernte sich ein wenig und lehnte dann, schon wieder rauchend, am freien Nebentisch. Sie beobachtete gerade mit kaum verhohlener Ungeduld ein älteres Ehepaar, das in der Nähe ausgiebig die Weinkarte studierte. Die wollten sich hier wohl einen schönen Abend machen, es sich etwas kosten lassen ... Die Ahnungslosen! Sie trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte.

Bald darauf kam sie mit dem Wein für die Alten und öffnete die Flasche nach den Regeln ihrer Kunst. Sie stand dabei im Gang zwischen des Fremden Tisch und demjenigen des Ehepaares, die Weinflasche gegen den linken Oberschenkel gepresst, das andere Bein rückwärts abgespreizt. Plötzlich eine Erschütterung - fast wäre seine Suppe übergeschwappt. Der Rückstoß infolge der Hebelwirkung war sehr heftig gewesen und sie mit dem Fuß gegen seinen Tisch gestoßen. Dabei entblößte der hochrutschende Rock das Bein weit hinauf. Für einige Sekunden bot sich dem Fremden der Anblick eines nackten Frauenschenkels, den er überraschend wohl geformt fand.

Gegen das Essen war nichts zu sagen. Er wollte dann zahlen. Schon stand die Italienerin am Tisch und rechnete mit ihm ab. Sie wühlte mit Ingrimm in der großen Börse, um sein Wechselgeld herauszuholen, und stieß dabei mit dem Ellenbogen den Brotkorb vom Tisch. Zwei Scheiben Brot, die übrig geblieben waren, lagen nun neben dem Korb auf dem Boden. Da unterbrach sie ihr Scharren, sammelte auf, was heruntergefallen war, legte die Brotscheiben zurück in den Korb, stellte ihn an seinen früheren Platz und gab dann das Wechselgeld heraus. Bei alledem blieb sie stumm wie gewöhnlich.

Er gab ein kleines Trinkgeld und sie bedankte sich auch diesmal nicht. So hatte sie es vom ersten Abend an gehalten. Dennoch gab er ihr immer wieder einen kleinen Betrag. Eines Tages würde sie doch danke sagen ... Und am Tag darauf konnte er beruhigt abreisen.

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arno63
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Re:

von arno63 (08.02.2008, 12:37)
Hallo, Arno

Ich nehme an, das hast du selbst schon mal ähnlich erlebt, oder?

Ich dachte ja, der Gast würde bei der Schenkelfreiheit mehr Trinkgeld rausrücken *g* Aber nein.
Manche haben eine so dicke Haut, dass sie ohne Rückgrat aufrecht stehen können.

Arno Abendschön
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Re:

von Arno Abendschön (08.02.2008, 17:28)
Hallo, Arno,

das Geschilderte ist in keinem Punkt erfunden, sondern durchgehend in einem Restaurant in Brig/Wallis beobachtet. Ist allerdings schon etwas her.
Geschichten werden niemals richtig erlebt, nur manchmal, sehr selten, richtig erzählt. (Alfred Polgar)

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