Die Jahreszeiten/ Die Taube/ Schriftstellerei - 3 Gedichte

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Phoenix-Nubigena
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Die Jahreszeiten/ Die Taube/ Schriftstellerei - 3 Gedichte

von Phoenix-Nubigena (10.02.2008, 20:46)
Huhu,

hab ja auch schon ein paar Gedichte in Anthologien veröffentlicht.
Jetzt präsentiere ich euch mal 3 davon. Bin gespannt!
Grüße, Phönix

Die Jahreszeiten

Zu jener Zeit- von allem der Anfang,
Wurde geboren das Land und Leben;
Stolz schreiten Tiere die Küste entlang;
Die Gräber und Pflanzen ernähr’n sich von Regen.
Und auch die Tiere lernen töten und jagen,
Würden doch niemals dieser Erde schaden.

Bald folgte Hitze, das Leiden, der Tod;
Die Menschen erscheinen – töten Tiere und Bäume,
Und während die Sonne vom Verbrennen blutrot,
Wurde die Erde geteilt in sieben Räume.
Macht über Herz, Leben und Verstand,
Erlangte der Mensch mit erhobener Hand.

So wütete folglich ein brausender Sturm;
Die Natur will verteid’gen ihren Neugebor’n!
Der Mensch versteckt, wie ein armer Wurm;
Den Kampf gegen Gott haben wir verlor’n.
Wir haben zwar Waffen, Munition und Geschick,
Doch auch unsere Welt lebt nicht ewiglich.

Schnee und Eis friert ein uns’re Herzen;
Blind sehen wir das unschuld’ge Kind –
So töten wir weiter ohne jegliche Schmerzen,
Denken nur noch, dass wir waren und sind.
Zerstört haben wir mit rein unserer Gier,
Der Frühling – Der Frühling wird schon bald sein hier.



Die Taube

Gesetzt wird sie in diese Welt,
Erwartet von sich sie sei ein Held,
Sie reift heran und merkt desto mehr,
Dass die Genossen ihr ähneln zu sehr.

Der gleiche Dreck, das gleiche Gefieder,
Traurig lässt auf dem Asphalt sie sich nieder.
Nicht beachtend wird nach ihr getreten;
Die einzige Hoffnung gibt ihr das Beten.

Die Schwestern und Brüder sind anders als sie.
Ihr Inneres würde jedoch auffallen nie.
Definiert auf sie alle: „Die Ratten der Luft“,
Und doch gibt’s eine breite und sehr tiefe Kluft.

Sie wurde geboren, ein Zurück gibt es nicht;
Es ist ein traur’ges, ungerechtes Gericht.
Sie tut, was zum Leben ihr nötig ist
Und pickt nach Körnern in sich häufendem Mist.

Würde ein Auto sie jemals töten,
Würd’ die Straße durch Blut erröten.
Der Regen spült die Spuren stets weg
Und was bleibt, ist der gleiche, bekannte Dreck.


Schriftstellerei

Durch steinige Straßen stolpert Stendhal,
In die Stratosphäre stechen Sterne wie Stiletten aus Stahl.
Der starke Sturm stigmatisiert ein stilles Sterben,
Gleich Stalaktiten stürzt der sterile Staubregen.

Im Staccato stakst die stumme Statue
Und Stimmen streiten um den Status-quo.
Gleich Stalagmiten stecken im Strandsand stumpfe Stifte,
Ideenlosigkeit, Chancenlosigkeit - ständige Sterbensgifte.

Strapazen stimulieren den stolzen Stadtgeist
Und stockend stirbt der stauende Sturm.
Sterne strahlen starr durch den Staubregen,
Die Statue streckt sich nach stivoll'rem Streben.

Strukturlose Stratuswolken stehlen sich fort,
Der Strand stellt dar keinen Sterbensort.
Die Stifte streifen Strich für Strich die stilvolle Statuefigur,
Im Stundenstaat stirbt zuletzt die ständige Romankultur.


Das letzte habe ich kürzlich erst bei einem Wettbewerb eingereicht, bei dem ich schon zweimal veröffentlichen durfte in Anthologien :)

Bin echt gespannt!

Danke, Phönix
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DerToteDichter
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Re:

von DerToteDichter (10.02.2008, 20:52)
Hey, tolle Gedichte. Das letzte erinnert mich irgendwie ein bisschen an Baudelaire. Kein Wunder, dass man mit sowas Preise gewinnt thumbbup Gibts von dir auch einen Gedichtband?

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Phoenix-Nubigena
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Re:

von Phoenix-Nubigena (10.02.2008, 20:56)
Huhu toter Dichter (klasse Name übrigens),

danke für die Blumen. An einen Gedichtband habe ich mich noch nicht gewagt. Ich bin in Punkto Gedichte irgendwie nicht so selbstbewusst. Ja, sie gefallen mir, aber wenn ich dann andere Gedichte lese, werde ich ganz kleinlaut und krieche lieber wieder in mein Schneckenhäuschen zurück :)

Habe vorhin übrigens deine Gedichtvorstellungen im lyrikthread gelesen. Finde die richtig klasse. Mir gefällt da am besten "Der Wolf". Die Worte malen einem Bilder vor Augen. Also auch von mir ein Kompliment zurück!

LG Phönix
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DerToteDichter
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Re:

von DerToteDichter (10.02.2008, 21:01)
Mir gehts aber ganau so. Ich will mich dann meistens auch verstecken, vor allem nach so Kommentaren wie HuWes, aber DU brauchst dich mal auf keinen Fall zu verstecken!

HuWes
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Re: Die Jahreszeiten/ Die Taube/ Schriftstellerei - 3 Gedich

von HuWes (11.02.2008, 15:43)
Guten Tag!

Du hattest gebeten, ich solle mir eines deiner Gedichte anschauen und meine Meinung dazu äußern. Der Bitte komme ich nach und befasse mich nun mit deinem Gedicht "Die Jahreszeiten" - wenn auch nur mit der ersten Strophe.

Formal handelt es sich bei dem Gedicht um ein vierstrophiges Werk zu je sechs Versen im Reimschema a-b-a-b-c-c. Also ein Gedicht der "klassischen Lesart".

Das grundlegende formale Problem des Gedichtes: Es eckt, rumpelt und stolpert, und das durchgehend. Es baut sich kein Rhythmus, kein Takt auf. Selbst innerhalb der Reime wird das Versmaß durchbrochen: Ist "Anfang" ein Wort, das im Trochäus steht, so ist "entlang" ein Jambus. Das passt einfach nicht. Oder halt - es passt doch, wenn ich davon ausgehe, dass die Verfasserin diesen Bruch bewusst gesetzt hat - aber hat sie das? Die Unrhythmik, der fehlende Takt, die Ungleichheit der Verse in ihrer Silbenzahl lässt das Gedicht wie hingeschleudert, wie aus dem Moment geschrieben und dann nicht mehr überarbeitet wirken. Ich habe das Gedicht mit normaler Stimme, es dann besonders betont und letztlich leiernd gelesen - immer hat es irgendwo Holperer gegegen, musste ich mich beim Lesen korrigieren, habe mich verhaspelt. Alles Zeichen dafür, dass es im Gedicht formal nicht stimmt.

Vers 1:
"Zu jener Zeit - von allem der Anfang"
10 Silben, davon 4 betont ("je", "Zeit", "al", "An")
Bruch im Rhythmus bei "allem der"


Vers 2:
"Wurde geboren das Land und Leben"
10 Silben, davon 4 betont ("wur", "bo", "Land" "Le")

Obowhl beide Verse silbenmäßig identisch sind, haben sie einen völlig widersrpüchlichen Rhythmus. Vers 1 beginnt unbetont, Vers 2 betont. Im Vers 1 liegt der Bruch des Rhythmus bei Silbe 8 (unbetont statt betont). Vers 2 beginnt betont, der Bruch erfolgt bei Silbe 6.

Vers 3 (Reimvers zu Vers 1):
"Stolz schreiten Tiere die Küste entlang"
10 Silbe, davon 5 betont ("Stolz", "schrei", "Tie", "Küs", "lang")

Der Vers passt nicht zu seinem Partnervers, da er betont beginnt (Vers 1 unbetont) und betont endet (Vers 1 unbetont).

Vers 4 (Reimvers zu Vers 2):
"Die Gräber und Pflanzen ernähr'n sich von Regen"
12 Silben, davon 4 betont

Obwohl Vers 4 zwei Silben mehr aufweist als Vers 2, harmoniert er besser als das 1-3-Gespann. Aber gut ist das nicht.

Vers 5:
"Und auch die Tiere lernen töten und jagen"
12 Silben, davon 5 betont ("auch", "Tie", "ler", "tö", "ja")

Vers 6:
"Würden doch niemals dieser Erde schaden"
11 Silbem, davon 6 betont ("Wür", "nie", "die", "Er", "scha")
In diesem Vers ist der Bruch des Rhythmus so deutlich spürbar, dass man beim Lesen sofort ins Stolpern gerät (beim "dieser")


schematischs Darstellung
~ = unbetont
/ = betont

~/~/~/~~/~
/~~/~~/~/~
//~/~~/~~/
~/~~/~~/~~/~
~/~/~/~/~~/~
/~~/~/~/~/~


Schon rein optisch sieht man, wie zerrissen die Strophe in ihrer Struktur ist.


Inhaltliches:

Vers 1 führt den Leser in eine ferne Vergangenheit zurück, etwa dorthin, wo auch die biblische Genesis beginnt: An den Anfang allen Seins. Es entsteht das Land (der direkte Bezug auf die Genesis drängt sich förmlich auf: "Und Gott schied das Land vom Wasser") und das Leben. Doch bereits im nächsten Vers wird der Bruch mit der biblischen Schöpfungsgeschichte vollzogen: "Stolz schreiten Tiere die Küste entlang". Hier wird Tieren eine für mich unhaltbare Attitüde verpasst. Sie schreiten stolz. Zum einen zählt Stolz zu den sieben Todsünden - des Menschen. Und ob Tiere in so einem Gedicht Stolz empfinden oder darstellen können, bezwiefle ich. Zumindest macht es die Tiere unsympathisch. Was durch das "Schreiten" noch verstärkt wird. Nun wirken die Tiere noch affektierte, als sie durch ihren Stolz schon sind. Tiere schreiten mit Stolz - wenn das die Tiere nicht aus dem Bewusstsein ihrer selbst heraus tun, dann durch den Blick des Betrachters. Es muss zur damaligen Zeit jemanden gegeben haben, der den Tieren diese Attribute zuordnen kann. Aber wer?

In Vers 4 tauchen Gräber auf. Wessen Gräber? Wer ist in der beschriebenen Welt bereits auf jene Stufe empor geklommen, um eine Gräberkultur zu entwickeln? Etwa der Mensch (Anm.: der Mensch erscheint erst in Strophe 2, Vers 2 - er kann es also nicht sein). Die Verwirrung wird größer ob der Behauptung, die Tiere lernen auch töten und jagen. Wieso auch? Wer hat denn vor den Tieren das Töten und Jagen gelernt? Und was haben die Tiere zuvor gemacht? In dieses zwei Versen driftet das Gedicht in die Unschärfe ab. Undefinierte Gräber, Allgemeinbegriffe wie Töten und Jagen. Wo ein Gedicht doch nach dichter Sprache verlangt.

Der letzte Vers der ersten Strophe macht klar, um was es im Gedicht eigentlich gehen soll: Ausdruck der aktuellen ökologischen Situation. Das ist gut gemeint, geht aber leider nach hinten los. Tiere schaden niemals dieser Erde. Was ist denn diese Erde? Ist sie nur die tote Materie, auf der Pflanzen, Tiere und später auch Menschen herumwandern? Oder machen nicht Pflanzen, Tiere und Menschen eben diese Erde aus? Und wenn nun Horden von Heuschrecken ganze Landschaften kahl fressen, oder ganze Tierfamilien aussterben (ohne Zutun des Menschen), kann man dann den Satz "Würden doch niemals dieser Erde schaden" aufrecht erhalten?



Wie ich schon anfangs ausführte: Das Gedicht macht einen hingeschluderten Eindruck. Als wäre es erst zwei Minuten vor seiner Veröffentlichung entstanden. Da es in den anderen Strophen im gleichen Stile weitergeht, erspare ich mir die Aufzählung der weiteren Rhythmusbrüche oder inhaltlichen Sprachschnitzer. An diesem Gedicht muss noch viel gearbeitet werden, formal wie inhaltlich - ich empfehle dafür erst einmal die grobe Feile.


Anmerkung: Rhythmus und Takt müssen nichts mit der klassischen Form dieses Gedichtes zu tun haben. Auch formal ungewöhnliche Gedichte haben einen ganz bestimmten Klang aufgrund des ihn ihnen existierenden Rhythmus'. Vergleiche dazu "Die Todesfuge" von Paul Celan.


mfG
Hubert Westerbeck
Zuletzt geändert von HuWes am 12.02.2008, 10:59, insgesamt 3-mal geändert.

Weasel

Re:

von Weasel (11.02.2008, 15:50)
Zu "Die Jahreszeiten":

Das mit der etwas unpassenden Melodie ist mir auch aufegfallen (das ist so ziemlich das einzige, was ich zu Gedichten sagen kann :wink: )

Aber inhaltlich finde ich es sehr schön, feile an bisschen an diesem formalen zeugs und das wird richtig gut!

Liebe Grüße, Weasel

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Phoenix-Nubigena
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Re:

von Phoenix-Nubigena (11.02.2008, 17:40)
huhu Weasel,

danke für dein Kommentar :) ich kann auch nicht so viel zu Takt etc sagen :D da bin ich ehrlich...

Hallo HuWes,

danke erstmal für deine ausführliche Begutachtung des Gedichts. Ich kann dazu nicht so viel sagen. ich muss ehrlich sagen, dass ich ja mehr der Romanmensch bin und Gedichte für mich nur eine Nebenbeschäftigung sind. Bisher lief das ganz gut, weil ich in einigen Anthologien z.B. "Bibliothek deutschsprachiger Gedichte" vertreten bin.

Bei mir sind Gedichte mehr inhaltlich bezogen. Ich denke beim Schreiben nicht daran, wo sich eine Hebung oder Sekung befindet und bin mir manchmal auch nicht so sicher, ob bekannte Lyriker das überhaupt getan haben oder man ihn lediglich eine bestimtme Vorgehensweise nachsagt. Es gibt ja auch bei bekannten Dichtern viele Holprigkeiten, die dann als aussagekräftig etc. abgestempelt werden. vielleicht ist es aber schlichtweg auch so, dass der Dichter sich keine Gedanken um Rhythmus und so gemacht hat. Das ist aber nru eine Vermutung.


Ändern kann ich an den Gedichten sowieso nru noch persönlich etwas, weil sie bereits so in den Druck verschiedener Anthologien (durch Wettbewerbe) gegangen sind - außer das letzte bisher.

herzlichen Dank trotzdem für deine Bemühungen...

aber "hingerotzt" wurde das Gedicht mit Sicherheit nicht!!!!


LG Phoenix
- Unmöglich sind nur die Dinge, die man nicht tut - www.marisahart.de

Weasel

Re:

von Weasel (11.02.2008, 18:16)
Also, ich musste Goethe und Co bis zum Erbrechen analysieren...die haben alle nen Takt...keine Ahnung wie die das gemacht haben, aber sie haben es gemacht.

Aber für "hingerotzt" halte ich dein Werk auch auf keinen Fall! Es hört sich so an, als würde es wirklich von Herzen kommen


Gruß Weasel

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DerToteDichter
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Re:

von DerToteDichter (11.02.2008, 20:37)
Das sehe ich genau so. Außerdem kann ich mir auch nicht vorstellen, wie jemand ein Gedicht hinrotzt und 1. damit einen Wettbewerb gewinnt und 2. es hier ins Forum stellt.

Ich finde es sehr gefühlvoll und außerdem komischerweise überhaupt nicht unstimmig (?)

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Apegon
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Re:

von Apegon (11.02.2008, 21:07)
@ Phoenix-Nubigena

Alle Gedichte, die vom Herzen geschrieben, sind schön.

@ HuWe : Kritiken angemessen geäußert können helfen.
HuWe allerdings hat den Bezug zur Poesi und Lyrik verloren, weil er sich an Gebote und Regeln hält. Ich finde es entsetzlich, wenn man ein Gedicht dermassen neurotisch analysiert ...
Nichts für Ungut, HuWe, aber ich musst das loswerden! Deine desorientierte Analyse ist so wichtig wie ein gähnender Mehlsack in China...
Und jetzt ?

HuWes
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Re:

von HuWes (12.02.2008, 10:13)
Apegon hat geschrieben:
@ HuWe : Kritiken angemessen geäußert können helfen.
HuWe allerdings hat den Bezug zur Poesi und Lyrik verloren, weil er sich an Gebote und Regeln hält. Ich finde es entsetzlich, wenn man ein Gedicht dermassen neurotisch analysiert ...


Neurotisch.

Apegon hat geschrieben:
Nichts für Ungut, HuWe, aber ich musst das loswerden! Deine desorientierte Analyse ist so wichtig wie ein gähnender Mehlsack in China...
Und jetzt ?


tja, und jetzt?
Nichts und jetzt!

Wie analysiert man ein Gedicht? Nur nach seinem Bauchgefühl?

Haben Metrum und Rhythmus also keine Bedeutung in der Lyrik? Wie steht es um Reim und Kadenz, um Form und Inhalt? Sind die Germanistikstudiengänge an unseren Universitäten nicht mehr wert als gähnende Mehlsäcke im fernen China?

Wozu quält sich ein Dichter, wenn es doch nur auf das Bauchgefühl ankommt?

Georg Trakl: Die schöne Stadt

Alte Plätze sonnig schweigen,
Tief in Blau und Gold versponnen
Traumhaft hasten sanfte Nonnen
Unter schwüler Buchen Schweigen.

Aus den braun erhellten Kirchen
Schaun des Todes reine Bilder,
Großer Fürsten schöne Schilder,
Kronen schimmern in den Kirchen.

Rösser tauchen aus dem Brunnen,
Blütenkrallen drohn aus Bäumen,
Knaben spielen wirr von Träumen
Abends leise dort am Brunnen.

Mädchen stehen an den Toren,
Schauen scheu ins farbige Leben.
Ihre feuchten Lippen beben,
Und sie warten an den Toren.

Zitternd flattern Glockenklänge,
Marschtakt hallt und Wacherufen
Fremde lauschen auf den Stufen,
Hoch im Blau sind Orgelklänge.

Helle Instrumente singen,
Durch der Gärten Blätterrahmen
Schwirrt das Lachen schöner Damen,
Leise junge Mütter singen.

Heimlich haucht an blumigen Fenstern
Duft von Weihrauch, Teer und Flieder.
Silbern flimmern müde Lider
Durch die Blumen an den Fenstern.


gekürzte Gedichtanalyse aus einem Germanistikseminar:

Formal:
7 Strophen zu je 4 Versen
Das Metrum ist ein in Vers 14 und 25 durchbrochener Trochäus; ein umarmender Reim (abba) mit durchgängiger weiblicher Kadenz und identischem Reim im äußeren Paar
Formal also ein "geordnetes" Gedicht

Inhaltlich:
Beschreibung einer Idylle mit als störend empfundenen Elementen in allen Wortarten
Adjektivisch:
blau, gold, silbern - braun
sanft, rein schön, farbig, hell, blumig - schwül, müde
Adverbial:
sonnig, traumhaft, leise, scheu - wirr
Verben:
schweigen, schimmern, spielen, flattern, lauschen, singen, hauchen - hasten, drohen, beben
Substantive:
Plätze, Buchen, Kirchen, Kronen, Brunnen, Glockenklänge, Orgelklänge, Damen, Duft, Weihrauch, Flieder - Tod, Blütenkrallen, Marschtakt, Teer

Durch diese Gegenüberstellung wird deutlich, dass Trakl die Ambivalenz zwischen der unbeweglichen Idylle und dem gebrochenen Beweglichen darstellt. Dieser Zwiespalt, der sich auch im sinnlich Erfahrbaren wiederfindet, macht den Reiz des Gedichtes aus.



Oh, verflixt! Da gähnt schon wieder ein Mehlsack in China! Armer Trakl! Arme Germanistikseminare!

mfG
Hubert Westerbeck

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Apegon
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Re:

von Apegon (12.02.2008, 11:59)
Haben Metrum und Rhythmus also keine Bedeutung in der Lyrik? Wie steht es um Reim und Kadenz, um Form und Inhalt? Sind die Germanistikstudiengänge an unseren Universitäten nicht mehr wert als gähnende Mehlsäcke im fernen China?


Gut erkannt - so ist es ! Der Auffassung bin ich !
Noch besser aber würde ich Deutschland als Arm bezeichnen, wenn es noch mehr solche unfähigen Analytiker wie HaWe herumgeistern.
Es lebe der gähnende chinesische Mehlsack...

Natürlich aus dem Bauchgefühl, wovon sonst lebt ein Schriftsteller ???
Aus dem dumpfen sterilen Germanistikregeln ?????!!!!
Gott behüte und bewahre die Gefühle der Menschen.

Wenn sich ein Dichter quält, um ein Gedicht zu schreiben,
dann solle er sich doch lieber mehrere Artikel in ein Sado-Maso Shop besorgen - hilft besser und geht schneller.
Wenn man schreibt, dann nur aus Herz und Seele.

Mann, erklär das mal den großen Dichter in der Antike - die werden gaaaaanz sicherlich auf das Germanistikstudiengänge an den heroischen Universitäten vermisst haben.
Hurra - Sokrates, Homer und Abū l-Qāsem-e Ferdousī, Eure Worte erschallen nicht in den Unis der Germanen, da HaWe auch dies zu bemängeln hätte...

Na, was jetzt ?
Die Antwort geschwind, denn mein Herz liebt das Recht :)

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romantis
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Re:

von romantis (12.02.2008, 12:16)
Hoi,

servas, ja und schön ist was gefällt,
nicht jeder leser empfindet für die hohe kunst der literatur
solch eine leidenschaft, bzw zerlegt alles nach strich und faden.

jedem sein recht,
jedem seinen reim,
denn wer will gern alleine sein :-)

liebe grüße
christian
Wie ticken Männer wirklich ?
Die Wahrheit über das "starke" Geschlecht

mehr darüber www.hoeserle.at

Versailles
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Re:

von Versailles (12.02.2008, 12:58)
Hallo Phoenix,

oft hilft es, wenn du dir den Text laut vorliest - oder bei Gedichten auch vorlesen lässt. Ein Tipp, den auch Hakket wunderbarerweise immer wieder gibt cheezygrin Beim lauten Lesen merkst du, wo der Sprachfluß stolpert, hakt, unterbrochen ist.

Auch wenn ich selbst keine Reime auf die Reihe bekomme - das können andere Autoren viel besser als ich! - merke ich schon, wenn ein Gedicht einer Melodie (also einem Versmaß) folgt. Bei allen drei Texten gibt es zwischendurch immer wieder Schnitzer, die den Fluß, und damit das erzeugte Bild, für mich unterbrechen.

Es heisst ja nicht, dass man sich beim Verfassen eines lyrischen Textes sklavisch an Regeln halten MUSS. Die selbst auferlegte Melodie eines lyr. Textes sollte aber in sich einheitlich sein - und das sehe ich bei deinen Texten schon.

Wenn ich hergehe, und ein bestimmtes Versmaß anwende, um Poesie zu kreieren, MUSS es dann natürlich stimmen.

Im übrigen hilft ein Versmaß hervorragend dabei, sich ein Gedicht zu merken (oder wie man früher in der Schule sagte: es auswendig zu lernen.) Der immer wieder kehrende Rhythmus der Silbenzahl nebst Hebungen und Senkungen ist Musik.

Phoenix, bleib' am Ball!!

Ich habe übrigens schon vor einiger Zeit im Forum Lyrik einen Text eingestellt: Theresa. Vielleicht magst du ja mal nachschauen und sagst mir, wie er dir gefällt? Die höfliche Einladung ist natürlich auch an jeden anderen Leser gerichtet.

Liebe Grüße
Amalia
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HuWes
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Re:

von HuWes (13.02.2008, 08:43)
Apegon hat geschrieben:
Haben Metrum und Rhythmus also keine Bedeutung in der Lyrik? Wie steht es um Reim und Kadenz, um Form und Inhalt? Sind die Germanistikstudiengänge an unseren Universitäten nicht mehr wert als gähnende Mehlsäcke im fernen China?


Gut erkannt - so ist es ! Der Auffassung bin ich !
Noch besser aber würde ich Deutschland als Arm bezeichnen, wenn es noch mehr solche unfähigen Analytiker wie HaWe herumgeistern.
Es lebe der gähnende chinesische Mehlsack...

Natürlich aus dem Bauchgefühl, wovon sonst lebt ein Schriftsteller ???
Aus dem dumpfen sterilen Germanistikregeln ?????!!!!
Gott behüte und bewahre die Gefühle der Menschen.


Hätte ich das geschrieben, fühlten sich ein halbes Dutzend Mitglieder hier bemüßigt, mir den Vorwurf unter die Nase zu reiben, angeblich im Besitz der allein selig machenden Weisheit zu sein. Da die obigen Zeilen aber nicht von mir stammen, schweigt der SängerInnen Höflichkeit.

Apegon hat geschrieben:
Hurra - Sokrates, Homer und Abū l-Qāsem-e Ferdousī, Eure Worte erschallen nicht in den Unis der Germanen, da HaWe auch dies zu bemängeln hätte...


Mir scheint, du hast noch nie ein Germanistikseminar von innen gesehen.

mfG
Hubert Westerbeck

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