Testleser gesucht für Märchenadaptation

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Sam Osheen
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Testleser gesucht für Märchenadaptation

von Sam Osheen (16.01.2021, 09:01)
Hallo zusammen,

ich suche Testleser für meine Märchenadaptation. Es handelt sich um das Grimm-Märchen "Die 12 Jäger".

Schreibt mir einfach, was ihr davon haltet und ob ihr gerne mehr lesen würdet.

book: :lol: :P thumbbup bash:

Hier der Prolog und die ersten zwei Kapitel...



Prolog - Das singende Schwert:
Es waren einmal hoch im Norden zwei alte Königreiche. Beide waren von gleich edlem Blut . Beide hatten einen jungen Thronfolger, der bald zum König gekrönt werden sollte.
Die Könige beider Reiche hatten schon viele Jahre lang versucht, den Streit unter einander für sich zu entscheiden.
Ohne Erfolg.
Eines Tages begab es sich, dass beide jungen Prinzen im verbotenen Wald von Darkshire nach dem singenden Schwert des Damokles suchten. Dieses Schwert, so hieß es, würde dem Manne, der es trug, Macht und siegreiche Schlachten bescheren. Außerdem solle es ihn unverwundbar und unsterblich machen.
Leonidas, der Thronfolger von Lionhold, hatte sich ohne die Erlaubnis seines Vaters in den Wald gestohlen. Einzig sein treuer Löwe begleitete ihn.
Zur selben Zeit hatte sich Prinz Richard mit einem der Jagdfalken und seinem treuen Wolfshund auf den Weg gemacht, um eben jenes sagenumwobene Schwert vor dem Feind in seine Hände zu bringen.
Und so geschah es, dass die Prinzen sich im Zwielicht des Waldes begegneten. Der mächtige Wolfshund stand dem wilden Löwen gegenüber. Die Tiere beäugten einander mit Argwohn.
Ebenso schweigend standen sich die beiden Prinzen gegenüber. Dennoch bestand für beide kein Zweifel, dass der andere Thronfolger ihn erkannt hatte. In dem Wissen, dass sie sich den Rest ihres natürlichen Lebens bekriegen würden, entschied Richard an jenem Tag einen Waffenstillstand vorzuschlagen. Leonidas stimmte zu, dass die Prinzen sich im Walde aus dem Weg gehen würden. Auch würden sie zu keiner Menschenseele von dieser Begegnung sprechen.
Richard war derjenige, der das Schwert zuerst entdeckte.
Er sah es nicht. Er hörte es. Und genau aus diesem Grund wurde es auch das singende Schwert genannt. Denn sein Summen lockte den jungen Prinzen tiefer in den Wald hinein. Die Legende besagt, dass das Schwert seinen Herrn selbst erwählt.
Auch Richard kannte die Legende um das Schwert. Also horchte er.
Er horchte und lief. Er rannte, bis sein Atem in seinen Lungen brannte.
Doch es sollte an diesem Tag anders ausgehen, als er es erwartet hatte.
An diesem Tag wurde das Schicksal zweier Prinzen besiegelt.
Über die Jahre wuchsen sie zu zwei Männern heran, die über Jahrzehnte einen Groll gegeneinander hegen sollten, der ihre beiden Reiche in tiefes Elend stürzte.


Kapitel 1 - Grüne Augen und feuerrotes Haar (Zweiunddreißig Jahre später)
Ein unbekannter, bitterer Geschmack lag auf seinen Lippen. Er roch Wolle. Hörte ein Feuer knistern. Doch da war noch mehr. Die Luft war erfüllt von einem herben Duft. Kräuter?
Wo befand er sich? Er stöhnte, als er die harten Holzdielen unter seinem Rücken spürte. Dann war da noch der pochende, klopfende Schmerz in seiner Schulter.
Die Erinnerung kehrte nur langsam zurück.
Die Begegnung im Wald.
Sie hatten einer Überzahl an Soldaten aus Sycamore gegenübergestanden. Nachdem er den Befehl zum Rückzug gegeben hatte, hatte er einen stechenden Schmerz in der Schulter gespürt. Dann war er vom Pferd gestürzt.
Er erinnerte sich an das eisige Wasser des Flusses. Wie es in seine Lungen eingedrungen war. Scharf wie eine Klinge.
An die Dunkelheit, die ihn umfangen hatte. Mit hunderten Messerstichen hatte die Kälte seinen Körper übersät. Dann war alles fort gewesen. Er war bewusstlos geworden.
Später … wie lange später gelang es ihm nicht zu sagen … war da eine Stimme gewesen. Sanfte Hände hatten seine Haut berührt.
Er stöhnte erneut. Konnte es wahr sein? Hatte er moosgrüne Augen und feuerrotes Haar gesehen? Vorsichtig drehte er den Kopf und öffnete die Augen. In seinem Augenwinkel sah er das Kaminfeuer flackern. Die Wolldecke kratzte bei jeder Bewegung auf seiner Haut. Er hob sie an und stellte fest, dass er darunter nackt war. Suchend streifte sein Blick durch die kleine Holzhütte. Auf einem Stuhl lag sein Kettenhemd. Seine Kleider hingen zum Trocknen über einer Leine vor dem Kamin. Nirgends entdeckte er sein Schwert. Es musste im Fluss gesunken sein.
Er richtete sich auf. Als er seinen linken Arm auf dem Boden abstützte, schoss der Schmerz durch seine Schulter. Er betastete den Verband, an den er sich nicht erinnern konnte.
Er sah sich in der Hütte um. Wie war er hierher gelangt? Wo befand er sich?
Plötzlich knarrte Holz. Dann wurde die Tür aufgedrückt. Er sprang auf. Blickte sich nach einer Waffe um. Hastig griff er nach dem Schürhaken, der neben der Feuerstelle hing.
Die Gestalt verharrte auf der Türschwelle. Er sah, dass sie Feuerholz auf den Armen trug. Sein Blick huschte zur Feuerstelle, über der ein Kochtopf hing mit … roch er da einen Gemüseeintopf?
Wieder blickte er sich zur Tür um. Er ließ den Schürhaken sinken. Die Gestalt trat ein, das Gesicht noch immer durch die Kapuze bedeckt. Er besah sich die Gestalt näher. Ein langer brauner Umhang, lederne Beinkleider und Stiefel. Es musste ein junger Mann sein. Die Glieder waren zart, der Junge war mindestens einen Kopf kleiner als er selbst.
„Ihr seid wach. Das ist ein gutes Zeichen.“
Diese Stimme. Sie klang hell und frisch, als sei der Knabe noch nicht in den Stimmbruch gekommen. Wie alt mochte er sein? Zwölf, vielleicht jünger? Er selbst stand immer noch nackt vor dem Kamin, die Decke lag zu seinen Füßen. Der Knabe drehte sich zu ihm um und fuhr dann gleich wieder herum. Wandte ihm den Rücken zu.
„Vielleicht wollt ihr eure Beinkleider anlegen. Ich habe sie zum Trocknen am Feuer aufgehängt.“ Der Knabe wirkte verlegen. Gern hätte er gewusst weshalb.
„Habt Dank, Junge.“ Er wandte sich um und griff nach den Kleidern. „Der Verband fühlt sich feucht an. Vielleicht muss …“, erklärte er, während er seinen Gürtel schloss.
„Das ist nur die Salbe, die ich aufgetragen habe“, entgegnete der Knabe ohne sich umzuwenden. „Die Wunde heilt sehr gut. Ich habe sie vor zwei Tagen gereinigt und vernäht.“
Er wandte sich um, als er angekleidet war. Den Oberkörper bedeckte er nicht, denn er konnte den Arm noch nicht heben, um in das Hemd zu gelangen.
Der Knabe trat nur einen Schritt vor und reichte ihm dann einen Becher mit Kräutertee.
„Habt Dank.“ Er sog genüsslich den heißen Dampf ein. Dann nippte er an dem Becher. Offenbar ging es ihm gut genug. Der Junge flößte ihm keine Medizin mehr ein. Dies war eine Kräutermischung, wie er sie schon oft genug als Aufguss im Schloss getrunken hatte. Er roch Pfefferminz und Salbei. Mit dem Geruch kam auch ein Bild zurück. Wieder sah er diese moosgrünen Augen und das feuerrote Haar. Vor seinem geistigen Auge formte sich ein Gesicht. Ein junges Mädchen mit sanften Gesichtszügen. Doch in seiner Erinnerung sah sie besorgt aus.
„Lebt hier noch jemand?“, wollte er von dem Jungen wissen.
Er spürte das Zögern. Der Knabe nahm zuerst einen Schluck Tee. „Galahad ist noch hier.“
„Ein Mann?“
Wieder ein Zögern, dann ein Nicken unter der Kapuze.
„Dein Vater?“, fragte er ohne jede Förmlichkeit.
Diesmal ein Kopfschütteln.
„Hast du eine Schwester?“
Auch hier kam die Antwort sogleich: ein Kopfschütteln.
Hatte er etwa die Berührungen und die Fürsorge dieser zarten Hände nur geträumt? Nein, so viel Vorstellungskraft hatte er nicht.
Der Knabe griff nach einem Küchentuch und holte behände den Eintopf vom Feuer. Geschickt schöpfte der Junge mit einer Kelle Gemüsebrühe in eine hölzerne Schale, die er ihm dann reichte.
Er regte sich nicht. Er stand hinter dem Jungen und wartete. Als dieser sich umwandte, standen sie einander gegenüber. Seine Hand schoss hervor und streifte die Kapuze des Knaben herunter. Aus dem dunklen Umhang quoll dichtes rotes Haar hervor. Die moosgrünen Augen waren ängstlich aufgerissen.
Vor ihm stand das schönste Mädchen, das er je gesehen hatte. Sprachlos blickte er sie an. Vorsichtig zog er seine Hand zurück, die für einen Moment zu lange in ihrem Haar gelegen hatte.
„Ihr seid ein Mädchen“, keuchte er überrascht.

Kapitel 2 - Der Soldat im Wald (3 Tage zuvor)
Geschickt stieg sie den steinigen Pfad hinab, um ihren Trinkschlauch am Flussufer zu füllen. Noch hatte sie nicht alle Kräuter gefunden, die sie benötigte. Brechwurz und Birkenrinde hatte sie gefunden. Aber sie suchte auch noch Haselnuss und Brennnessel.
Hinter sich hörte sie ein Rascheln. Dann blickte sie sich vorsichtig um. Dort saß auf einem Baumstumpf ein rotbraunes Eichhörnchen, das vergnügt an einer Nuss knabberte.
Sie lachte. Sie beugte sich vor und hob eine der Haselnüsse auf, um sie dem kleinen Tierchen hinzuhalten. „Du wusstest wohl ganz genau, was ich hier gesucht habe.“
Das Eichhörnchen ließ die leere Nussschale fallen und griff die unversehrte Nuss, die sie ihm reichte. Sie beobachtete, wie das kleine Ding die Nuss knackte und auch diese verspeiste. Aus ihrem Stiefel zog sie geschickt ein Messer hervor. Sie trennte einige Blätter von dem Haselnussstrauch, die sie dann in ihre Umhängetasche sinken ließ. Eine weitere Nuss hielt sie dem Eichhörnchen hin. „Solltest du nicht auch etwas für den Winter aufsparen?“ Als hätte es sie verstanden, huschte das Tier davon.
Das Wasser hinter ihr platschte. Nun war sie sicher, dass etwas anderes das Eichhörnchen verscheucht hatte.
Nicht etwas.
Jemand.
Sie verbarg sich hinter einem Baumstamm, dann ließ sie ihren Blick schweifen. Es fiel nicht schwer, den roten Fleck am Ufer des Flusses zu erkennen. Aber was war das?
Sie schlich näher heran, hielt sich aber weiterhin hinter einem Strauch verborgen. Nun erkannte sie, dass das, was dort regungslos halb im Wasser lag ein junger Mann war. Sie sah sein Kettenhemd und erkannte, dass er ein Soldat des Königs war. Auf dem blutroten Umhang glänzte mit Goldfäden bestickt der Löwenkopf – das Wappentier von Lionhold.
Sie verharrte bewegungslos. Dann blickte sie an sich herab. Sie trug Lederkleidung, wann immer sie in den Wäldern unterwegs war. Auch diesmal trug sie kein Tannengrün, welches ihre Herkunft hätte verraten können. Noch ein paar Schritte schlich sie näher heran. Dann konnte sie sich über den bewusstlosen jungen Mann beugen. Mit zitternden Fingern tastete sie an seinem Hals nach einem Puls. Da war er … sehr schwach.
Sein Haar war nass und glänzte tiefschwarz. Ohne zu zögern, griff sie unter seine Arme, um ihn aus dem Wasser zu ziehen. Die Strömung schien ihn ein Stück zu ihr zu treiben, dann sank sie erschöpft zu Boden. Nein, sie würde es niemals schaffen, ihn zu ziehen. Tragen schien schier unmöglich. Es gab nur eine Lösung. Sie schob ihre Finger zwischen die Lippen und pfiff nach ihrem Hengst. Er weilte hier am Ufer, weil er durstig war. Sie sah ihn einige Meter entfernt, wie er sich herabbeugte, um zu trinken. An seinem Sattel hatte sie ein Seil befestigt, welches sie immer bei sich trug, wenn sie allein in den Wäldern unterwegs war.
Als ihr Hengst Galahad vor ihr stand, griff sie das Seil und zog es dann unter den Armen des Soldaten durch. Er stöhnte kurz auf, erwachte aber nicht. Sie vertaute das Seil fest am Sattel und gab Galahad dann den Befehl vorwärts zu gehen. Das Pferd trat es nur langsam voran.
Sie war dankbar dafür, denn der Soldat war schwer verletzt. Wäre er nicht bewusstlos gewesen, hätte er gewiss vor Schmerzen geschrien.
*
Die Sonne ging bereits unter, als sie und Galahad den jungen Mann endlich bis zu der kleinen Waldhütte gezogen hatten. Sie hatte schon befürchtet, dass sie es vor Einbruch der Nacht nicht schaffen würden. Mit geschickten Handgriffen sattelte sie den Hengst ab und versorgte ihn. Eilig schürte sie das Feuer im Kamin, um die Hütte zu wärmen.
Erst danach widmete sie sich dem Verletzten. Sie war überrascht und erfreut zugleich, dass es nicht halb so schwierig war, wie sie erwartet hatte, ihm das Kettenhemd auszuziehen. Doch viel schwieriger würde es werden, ihm die restlichen Sachen auszuziehen. Ihn auf das Bett zu heben, kam nicht in Frage, deshalb breitete sie die Decken auf dem Boden aus und machte sich ans Werk, ihm die nassen Kleider auszuziehen. Sie würde dabei sicher rot werden wie eine Kirsche, aber ihr blieb keine andere Wahl. Er würde sonst gewiss eine Lungenentzündung bekommen.
Das Hemd war keine Schwierigkeit. Nun sah sie endlich, wie schwer er verletzt war. Ein abgebrochener Pfeil steckte noch in seiner linken Schulter. Mit einem kräftigen Ruck drehte sie ihn auf die Seite, ihr Knie schob sie gegen seinen Rücken, damit er nicht zurückrutschte. Mit der anderen Hand griff sie das Messer und ein sauberes Tuch. Sie würde zuerst den Pfeil entfernen müssen, bevor sie ihm die Kleider weiter auszog. Wenn er wieder auf dem Rücken fiel, würde das den Pfeil nur tiefer ins Fleisch treiben und die Lunge verletzen. Der Schütze erreichte dann wohlmöglich doch noch sein Ziel. Sie spürte Abscheu und Mitgefühl in sich aufkeimen. Gut, dass der Mann bewusstlos war. Denn das hier würde ihm Schmerzen bereiten.
Sie hielt die Klinge ins Feuer, achtete aber darauf, dass das Metall nicht zu glühen begann. Einen letzten Blick warf sie auf das Gesicht des Fremden. Er regte sich nicht. Sie setzte die Klinge an, öffnete die Wunde und zog den Pfeil heraus. Sofort quollen ihr Eiter und Blut entgegen. Sie säuberte mit warmem Wasser die Wunde, den Lappen hatte sie zuvor in Arnika getränkt. Skeptisch inspizierte sie die Wundränder. Sie wusste nicht, wie lange der Mann im Fluss getrieben war, aber sie ahnte, dass das nicht der einzige Grund war, weshalb es ihm derartig schlecht erging.
Mit der einen Hand presste sie weiterhin den Lappen auf die Wunde, mit der anderen griff sie den Pfeil, um ihn im dumpfen Schein des Kaminfeuers noch einmal näher zu betrachten. Sie kannte sich mit Pfeil und Bogen aus, war selbst eine meisterhafte Schützin, wenn man denn glauben wollte, was ihr älterer Bruder sagte. Aber diese Pfeilspitze war dunkler, als sie es gewohnt war. Gift? War das die Erklärung für seinen schlechten Zustand? Der Soldat sah jung und kräftig aus. Gewiss wäre er nicht allein von dem Schmerz eines Pfeilschusses bewusstlos geworden.
Schnell verwarf sie den Gedanken. Sie spülte die Wunde mehrmals mit Arnika durch. Dann legte sie den Verband an. Die Wunde würde sie erst morgen nähen, wenn der Eiter ausgetreten war.
Erneut schluckte sie. Nun würde sie ihm auch noch die restlichen Kleider ausziehen müssen. Sie konnte es nicht länger aufschieben. Die ledernen Beinkleider, die er trug, würden sich zusammenziehen, wenn sie an seinem Körper trockneten, dann wäre es unmöglich nach weiteren Verletzungen zu sehen, weil sie die Kleider nicht mehr herunterbekommen würde.
Sie fasste sich ein Herz und griff dann nach seinem Gürtel. Sie atmete tief durch. Wenn dies ihr Bruder wäre, würde sie sich auch nicht so zieren. Dann würde sie handeln, damit er schnell wieder zu Kräften kam.
Die Schnalle ließ sich nur schwer lösen. Der Soldat stöhnte auf, als sie ihn wieder auf den Rücken drehte. Sie wusste, dass ihn die Wunde schmerzte. Später würde sie ihm einen Tee aus Weidenrinde aufkochen und versuchen, ihm diesen einzuflößen.
Doch nun – nun hieß es, ihn zu entkleiden. Zuerst schob sie die warme Wolldecke über seinen Oberkörper, zog sogar das Ende bis über seine Leisten herab, damit seine Körpermitte bedeckt war. Dann zerrte sie mit aller Kraft gleichzeitig an den beiden Seiten. Das Leder rutschte herab, dann kam sie nicht weiter.
Närrin, schalt sie sich. Sie hatte seine Stiefel vergessen. Diese entfernte sie und schob dann die restlichen Kleider beiseite. Sie rubbelte mit einem Tuch, welches über dem Kamin getrocknet hatte, nun seine Beine trocken.
Dann untersuchte sie ihn auf weitere Wunden. Nichts. Nur der Pfeil in der linken Schulter. Nun war sie sich sicher, dass der Pfeil vergiftet gewesen sein musste.
Sie blickte sich zu ihrem Kräuterregal um. Es gab Mittel gegen viele Krankheiten, Gegengifte. Aber zuerst musste sie herausfinden, welches er brauchte. Endlich nahm sie sich die Zeit, ihn genauer zu betrachten. Kleine Schweißperlen sammelten sich auf seiner Stirn. Sein Haar war noch nass, aber nun sah sie, dass es nicht schwarz, sondern eher dunkelbraun war. Die Wangen und das Kinn zierten dunkle Bartstoppeln.
Er war Soldat. Natürlich rasierte er sich nicht regelmäßig.
Seine Augen waren geschlossen. Sie beugte sich vorsichtig über ihn und griff die Augenlider, um sie zu heben. Seine Augen fixierten sie plötzlich. Sie schrak zurück. Als sie sich wieder über ihn beugte, waren seine Augen erneut zugefallen. Dennoch hatte ihr der kurze Moment genügt, um zu wissen, welches Gift es war. Das Schwarze im Auge war so sehr geweitet, dass seine Augen fast schwarz ausgesehen hatten.
Belladonna.
Hastig sprang sie auf und durchstöberte das Kräuterregal. Wenn sie nicht fand, was sie suchte, wäre alles umsonst gewesen. Die Kalabarbohne wuchs nicht in diesem Wald. Wenn sie den Rest bereits aufgebraucht hatte, würde sie dem Soldaten nicht helfen können.
Sie stieß sich den Kopf am Regal. Ein Tongefäß fiel krachend zu Boden. Sie sah herab, nein, das war nicht das richtige, nur etwas Pfefferminz. Pfefferminz wuchs hier fast überall, den konnte sie ersetzen. Eilig hob sie weitere Deckel.
Da – endlich.
Einige Bohnen hatte sie noch. Sie hoffte verbissen, dass es genug sein würde.
*
Nach gut einer halben Stunde hatte sie den Trank zubereitet. Nun stand sie nur noch vor der schwierigen Aufgabe, ihn dazu zu bringen, ihn zu trinken. Sie hatte seinen Kopf bereits vorsichtig auf ein weiches Kissen gebettet. Aber trotz ihrer Hoffnungen hatte er nicht noch einmal die Augen geöffnet. Sie lauschte auf seine Atemzüge. Sie waren flach, aber gleichmäßig. Sie entschied, einen Löffel zu nehmen und ihm langsam den Sud einzuflößen. Sie hatte nicht mehr viel. Er durfte ihn auf keinem Fall wieder ausspucken. Sie beschloss, ihm einfach den Mund zuzuhalten, wenn sie einen Schluck in seinen Mund gefüllt hatte. Er zuckte und keuchte, doch er spuckte nicht.
Es dauerte eine Ewigkeit, ihm wirklich auch den letzten Löffel des Suds zu verabreichen. Nun würde sie warten. Anstatt einfach nur neben ihm zu hocken, entschied sie, ihm den Oberkörper und das Gesicht zu waschen. Als sie mit dem Waschlappen lauwarm über seine Brust strich, öffnete er erneut die Augen. Nun war das Schwarze im Auge wieder eng, sodass sie erkannte, dass seine Augen himmelblau waren. Dieses Mal bestand kein Zweifel, er suchte ihren Blick.
„Wer seid ihr?“, flüsterte er. Dann fielen seine Augen wieder zu.

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