Kontinuität im Schreiben

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westfriend
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Kontinuität im Schreiben

von westfriend (20.08.2021, 12:40)
Hallo allerseits,

als Schreibneuling habe ich mal eine Frage bezüglich Systematik an euch Profis.

Schreibt ihr eure Bücher in einem Rutsch oder fangt ihr auch durchaus unterschiedliche Kapitel gleichzeitig an, je nachdem, wie eure Ideen sind, um hinterher alles zusammenzusetzen und die Lücken zu füllen.

Die zweite Frage betrifft den Inhalt. Ändert ihr den Inhalt vom geplanten Buch auch ab, wenn euch zwischenzeitlich eine andere Idee gekommen ist, oder - so wie bei mir - euch der Protagonist in einer bestimmten Weise einfach besser gefällt.
Diese Situation habe ich nämlich. Ich finde meinen Protagonisten eigentlich richtig nett, aber damit wird aus meinem Krimi eher ein Sozialdrama. Was im Prinzip auch nicht verkehrt ist. Ist nur dann eben eine andere Geschichte.

Wie groß ist die Gefahr, dass man sich verzettelt und am Ende dann doch nichts dabei herumkommt?

Vielen Dank euch allen und habt einen schönen Tag.

Claudia

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Monika K.
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Re: Kontinuität im Schreiben

von Monika K. (20.08.2021, 17:04)
Hallo Claudia,

es kommt hin und wieder vor, dass ich lediglich einen Platzhalter für einen Abschnitt einfüge und ihn später schreibe, weil ich gerade keine Lust auf ihn habe. Auch schreibe ich oft zuerst den Anfang, dann das Ende und im Anschluss alles, was dazwischen gehört. Doch ich springe nicht wild zwischen den Kapiteln hin und her.

Ich plotte den Inhalt relativ grob, sodass mir beim Schreiben recht viel Gestaltungsfreiraum bleibt. Doch ich werfe bei meinen Romanen und Geschichten den Inhalt nie komplett über den Haufen. Es stehen von Anfang an die Verhaltensweisen der Figuren und die grobe Handlung fest. In diesem Rahmen bleibe ich beim Schreiben. Daher kann es höchstens bei der Gestaltung der Szenen zu sich spontan aus der Situation ergebenden Überraschungen kommen.

Viele Grüße
Monika
»Better a witty fool, than a foolish wit.« (Shakespeare’s »Twelfth Night«)

westfriend
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Re: Kontinuität im Schreiben

von westfriend (20.08.2021, 18:04)
Hallo Monika,

vielen Dank für die Tipps, die bestimmt sehr wertvoll für die Zukunft sind.

Dies ist ja mein Erstlingswerk. Gestartet habe ich es als Kurzgeschichte, um dann festzustellen, dass man daraus auch einen Roman schreiben könnte, sogar mit der Möglichkeit von Fortsetzungen. Die grobe Entwicklung habe ich im Kopf, die Personen kamen zum gegebenen Zeitpunkt dazu. Die standen nicht von Anfang an fest. Bisher klappt das eigentlich ganz gut, aber ich hatte schon den leisen Verdacht, dass das nicht so üblich ist.

Die Geschichte ist jetzt schon anders, als sie gestartet ist. Manchmal fallen mir richtig gute - und auch lange - Teilabschnitte ein, besonders nachts, wenn ich nicht schlafen kann. Dann aber fehlen mir die Verbindungen, insbesondere, weil die Geschichte eben auch zum Teil aus Rückblenden besteht.

Manches läuft wirklich wie geschmiert und dann stockt es wieder. Ist das normal?

Ich hab einfach Angst, mich zu verzetteln, obwohl es bisher gut gelaufen ist. ;)

Liebe Grüße

Claudia

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Monika K.
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Re: Kontinuität im Schreiben

von Monika K. (20.08.2021, 20:16)
Es gibt zwei Vorgehensweisen: Plotten oder Drauflosschreiben. Beide können zu sehr guten und zu sehr schlechten Ergebnissen führen. Deshalb empfehle ich, den Weg zu wählen, mit dem du dich wohlfühlst und der deinen Neigungen entspricht. Schreiben ist sowohl Handwerk als auch ein kreativer Prozess. Meiner Meinung nach muss man die richtige Balance finden. Dir das ganz strenge Plotten als Patentlösung für all deine Probleme zu empfehlen, wäre meiner Meinung nach zu "billig". Ich würde an deiner Stelle bei der von dir gewählten Methode bleiben und lediglich die wichtigsten Eckpunkte des bisher geschriebenen Texts stichwortartig zusammenfassen. Manchmal entdeckt man dabei Schwachstellen, die sich meist recht einfach ausbügeln lassen. In dem Zusammenhang kannst du dir auch Gedanken machen, "wohin die Reise gehen soll".

Viele Grüße
Monika
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Patrick Wunsch
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Re: Kontinuität im Schreiben

von Patrick Wunsch (22.08.2021, 10:29)
Wenn ich die Geschichte grob im Kopf habe, entwickle ich ein Outline mit allen Szenen, die wichtig sind, um die Geschichte effektiv zu erzählen. Darauf entsteht dann das Word-Dokument oder Papyrus-Projekt mit Platzhaltern für die Szenen (als kurze Zusammenfassung in eckigen Klammern). Ich versuche, die Szenen chronologisch abzuarbeiten. Es kann vorkommen, dass man bei der aktuellen Szene nicht weiterweiß, aber gute Ideen für eine andere hat. Dann schreibt man eben die. :)

Auf Kontinuität muss man dann natürlich noch mehr achten als ohnehin schon. Ich notiere manche Informationen unter der Kapitelnummer (Tag, Datum, Uhrzeit, Wetter, Kleidung usw.) und nutze Colour Coding, um Orts- und Zeitangaben sowie Charakterbeschreibungen zu markieren.

westfriend
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Re: Kontinuität im Schreiben

von westfriend (23.08.2021, 14:39)
Vielen Dank für eure Antworten.

Das klingt alles schon extrem professionell. Da kann ich nicht mithalten. Die Geschichte, die ich als Kurzgeschichte grob im Kopf hatte, hat sehr schnell einen anderen Verlauf bekommen. Figuren und Dialoge entstanden und entstehen "as you go along". Trotzdem habe ich eine Linie drin, was ich selber ganz faszinierend finde. Ich habe mal an einem Lehrgang über playwriting teilgenommen. Ich merke den Einfluss, den Fokus auf das Dilemma, die hautnahe Beobachtung.

Mein Täter ist nun doch nicht der bad guy, wie ich erst gedacht habe. Er ist eigentlich sogar ein Guter und damit gefällt er mir besser also vorher. Damit wird aus meinem Kriminalfall eher ein Sozialdrama über Auf- und Abstieg.

Ich stelle fest, dass Schreiben für mich ein Lernprozess ist, auch über mich selbst.

Das Thema des nächsten Buches habe ich auch schon im Kopf und es wird etwas völlig anderes werden.

Vielen Dank für eure Tipps. Das ist sehr hilfreich.

Claudia

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Siegfried
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Re: Kontinuität im Schreiben

von Siegfried (23.08.2021, 16:57)
westfriend hat geschrieben:
Mein Täter ist nun doch nicht der bad guy, wie ich erst gedacht habe. Er ist eigentlich sogar ein Guter und damit gefällt er mir besser also vorher. Damit wird aus meinem Kriminalfall eher ein Sozialdrama über Auf- und Abstieg.


Kurzer Einwurf von der Seite:

Es gibt für die erzählende Literatur so etwas wie bestimmte Grundmuster. Ein Liebesroman verlangt eine andere Struktur als ein Rache-Thema oder eine Entwicklungsgeschichte. Dazu kommen Grobraster wie der "3-Akter" oder der "5-Akter". Das sind Begriffe aus dem Theater, die sich auf die Literatur ausgeweitet haben. Ein 3-Akter besteht aus einer Einführung, einer Zuspitzung und einer Lösung. Wenn man das gewählte Grundmuster mit dem Raster verknüpft, erhält man eine ungefähre Vorgabe, wie die zu erzählende Geschichte aufgebaut ist. Es ist eine Art Skelett, an das man als Autor*in das Fleisch anfügt.

Natürlich kann man das Schreiben bzw. den Schreibprozess auch als eine Form der persönlichen Entwicklung oder als ein Abenteuer ansehen. Man hat am Anfang keine Ahnung davon, wohin es geht oder wo man am Ende landet, läuft dabei aber das Risiko, dass sich die Geschichte ganz anders als erwartet entwickelt (aus dem Rache-Thema am Anfang wird am Ende eine Liebes-Story. Frage: Akzeptiert das der Leser/die Leserin?). Da kann die Geschichte u. U. im Papierkorb landen. Oder man landet selbst in einer Schreibblockade. cheezygrin

Bin damit wieder weg ...

Beste Grüße
Siegfried
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westfriend
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Re: Kontinuität im Schreiben

von westfriend (23.08.2021, 17:48)
Ich sehe auch das Risiko des Sich-Verzettelns. Das habe ich auch in meinem Ausgangsposting erwähnt und deshalb habe ich auch gefragt. Dann landet die Geschichte sicherlich irgendwann im Papierkorb. Und das ist wahrscheinlich auch gut so.

Wie gesagt. Es ist mein erster Roman und damit meine Leser auch meine Versuchskaninchen. Ich denke durchaus, dass die Geschichte Struktur und Logik hat und bin gespannt, wie es weitergeht. Ich habe eben auch entdeckt, dass man anfängt mit seinen Figuren zu leben, sie zu analysieren. Wie ist er denn nun, der Protagonist? Welche Geschichte hat er und wie hat sich die story entwickelt? Da gibt es durchaus Spielraum und Schattierungen.

Vielleicht komme ich irgendwann auch dahin. Ich finde das extrem professionell und auch bewundernswert, wenn das so durch und durch strukturiert angegangen wird.

Man wird es sehen :D . Bisher habe ich knapp 25.000 Worte und bin noch nicht in der Hälfte der Geschichte angekommen. Ich bin selber völlig erstaunt darüber. Man wächst über sich hinaus.

Claudia

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