Erzählungen vom Leben

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Jocelyne Lopez
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Erzählungen vom Leben

von Jocelyne Lopez (15.04.2008, 20:04)
Hallo zusammen!

Ich habe 2003-2004 zusammenhangslos bei Forendiskussionen ein paar autobiographische Erzählungen als Forenbeiträge geschrieben, ohne jeglichen literarischen Anspruch, nur so zur Unterhaltung, wie das gerade passte, die ich nachträglich in eine Homepage zusammengestellt habe, jeweils mit einer fotographischen Begleitung. Vielleicht habt Ihr mal Spaß daran.

NB: Über die Grammatik- und Synthaxfehler musst Ihr hinweggucken können :? : Deutsch ist nicht meine Muttersprache (ich bin Französin).

Also aus der Reihe „Männer“ aus meiner Homepage:


Kommunikatives

Ich erzähle eine soziologische Gegebenheit im Bereich der Kommunikation mit Männern. Es handelt sich dabei um das Gefängnis von Marseille (meine Heimatstadt), das in der Welt eine einmalige Besonderheit hat.

Das Marseiller Gefängnis heißt „Les Baumettes“ und hat im laufen der Zeit das Glück gehabt zu einem ansehnlichen und einigermaßen gut situierten alten Marseiller Stadtviertel zu gehören. Es steht nämlich ganz nahe am Meer auf den Weg zu hübschen „Calanques“ (die kleinen Mittelmeerbuchten). Bei dem Quadratmeterpreis in Meeresnähe brauche ich Euch nicht zu erzählen, was uns eine Zelle von 2 x 3 m für 6 Personen an Steuergeld kostet. Aber das ist nicht die einmalige Besonderheit des Marseiller Gefängnisses.

Es ist ein sehr imposantes, massives und beeindruckendes Gebäude, wie eine Militärburg, in Vordergrund einer kahlen Hügellandschaft in der prallen Sonne stehend, mit alles was zu einem ordentlichen Gefängnis sich gehört: hohen Mauern, Stacheldraht zwei und dreimal, Wachtürmen, Scheinwerfern, Bazookas… Seit ein paar Jahren soll sogar ein Netz über dem Hof angebracht worden sein, seitdem eine Frau per Hubschrauber ihren Mann dort abgeholt hat. Aber das ist auch nicht die einmalige Besonderheit des Marseiller Gefängnisses.

Der kleine Hügel direkt gegenüber des Gefängnisses ist bebaut mit netten bürgerlichen alten Villen, mit hübschen Gärtchen, Blumen, Palmen, Verandas, Pergolas, Sonneschirmen, also alles, was man haben muss, um stolz und zufrieden mit seinem Leben zu sein. Der Kontrast mit dem Gegenüber ist also sehr kontrastiert. Aber das ist auch nicht die einmalige Besonderheit des Marseiller Gefängnisses.

Die einmalige Besonderheit des Marseiller Gefängnisses, das sind die Frauen der Gefangene. Die Mütter, die Ehefrauen, die Freundinnen, die Schwestern, die Tanten, die Töchter, die Omis, die Kusinen. Ihr könnt Euch bestimmt nicht vorstellen, was sie erfunden haben, man muss schon dafür Marseiller sein. Sie sind offensichtlich nicht genug vom Himmel bestraft worden, solche Männer zu haben, sie müssen noch was drauf setzen. Sie gehen auf den kleinen Hügel gegenüber des Gefängnisses, mit Ferngläsern, und gucken sich ihren Männer an, diejenige zumindest, die das Glück haben, an der Frontseite inhaftiert zu sein. Jedoch begnügen sie sich nicht, ihre Männer anzugucken, nein, sie sprechen auch mit den. Das heißt, wegen der Entfernung: sie brüllen. Und die Männer brüllen zurück.

Es ergibt sich dann zum Beispiel solchen Dialogen, ordnungsgemäß aufgenommen und protokolliert von von Anwohnern alarmierten Polizeibeamten:

Deiner Muutter geeht’ss guuuttt!!! … Jaaaa!!! ... Ich liieebe Diiich!!! … Ich aauuuch!!! ... Laaass miiich Sooocken zukooommmen!!! ... Waaass??? Zwiebaaackks???!! ... Jaaaa!!! ... Aaahmeddd läässstt Diiich grüüsssen!!! … Joooo!!! … Wiiillssst Duuu wieder Nuussskuuchen?!! … Waaass??!!! … Ich lieeebe Diiich!!! … Joooo!!!

Ergebnis: Die Polizeiwache des Stadtviertels „Les Baumettes“ ist diejenige, die die meisten Anzeigen wegen unzulässiger Lärmbelästigung verzeichnet. Die Justizbehörden in Marseille kommen nicht nach und sind nicht mehr in der Lage, andere dringenden Straffangelegenheiten zügig zu bearbeiten. Ist doch wahr: man sitzt in seinem Garten, friedlich, zufrieden, man schlürft sein Pastis, im Schatten, und man wird akustisch von solchen Wilden belästigt, ist doch wahr, oder?

Mein Vorschlag wäre: man sollte den Inhaftierten und ihren Angehörigen vielleicht ein Forum zur Verfügung stellen, damit sie die Möglichkeit haben, sich ihre privaten Angelegenheiten leise mitzuteilen und würdig kommunizieren zu können. So wie wir. Oder?


Liebe Grüße
Jocelyne Lopez

http://www.jocelyne-lopez.de/maenner/ko ... tives.html

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Irrlicht
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Re:

von Irrlicht (16.04.2008, 10:31)
Hübsches Thema!
Vor allem für mich als bekennenden Frankophilen.
Und Marseille ist ja eh speziell...nicht nur der Sprache wegen.

g.c.roth

Re:

von g.c.roth (16.04.2008, 10:38)
Hallo Jocelyne
herzlich willkommen!
Eine sehr kurzweilige und amüsante Website hast Du!
Bei uns gibts bestimmt auch manch Merkwürdigkeit zu entdecken, viel Spaß dabei :lol:

LG Grete angle:

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Judith
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Re:

von Judith (16.04.2008, 11:29)
Hallo Jocelyne,

willkommen bei uns und vielen Dank für deinen netten "Einstand"! :lol: thumbbup

Grüßle,
Judith
Du willst mehr wissen? Bitte hier - meine Website.

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Jocelyne Lopez
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Re:

von Jocelyne Lopez (16.04.2008, 12:31)
Hallo Irrlicht!

Irrlicht hat geschrieben:

Und Marseille ist ja eh speziell...nicht nur der Sprache wegen.


Ja, Marseille ist ja eh speziell, stimmt, das meinen übrigens auch die Marseiller, die eine bekannte Neigung zu lachen, zu scherzen und zu übertreiben haben. Ein Beispiel einer "blague marseillaise" (= Marseiller Scherz):
"Es gibt nur zwei Arten von Menschen auf der Welt: Die Marseiller und diejenige, die es gerne wären".

Hier eine klassische Aufnahme meiner Heimatstadt:

Bild

am Alten Hafen aufgenommen, Seite Rathaus, mit im Hintergrund auf der Hügel dem Emblem von Marseille, die Kirche und die goldene Statue von "Notre-Dame-de-la-Garde", die von den Marseillern liebevoll "la Bonne Mère" (= "die Gute Mutter") genannt wird und in der Alltagssprache bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit angesprochen wird, wenn man sich etwas wünscht oder sich über etwas ärgert. Die Statue guckt auf das Meer und die Bonne Mère wacht auf alle Marseiller, und natürlich auch auf alle andere Menschen, die es gerne wären... :wink:

Liebe Grüße
Jocelyne

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Jocelyne Lopez
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Re:

von Jocelyne Lopez (16.04.2008, 12:44)
Hallo Grete und Judith!

Vielen herzlichen Dank für die netten Willkommengrüße! :D


Auch für die Francophilen bleibe ich in Frankreich mit einer weiteren Erzählung aus der Reihe „Männer“ von meiner HP:


Medizinisches

Ich muss erst einmal sagen, dass ich mit dem Skifahren ein bisschen spät angefangen habe, sagen wir mal so neutral. Ich habe als Fastanfängerin mit meinem Mann und einer meiner Schwestern ein Skiurlaub in Frankreich verbracht.

Ich muss auch sagen, dass ich – im Gegenteil zu meiner Schwester Muriel – nicht gerade ein Naturtalent in Sache Skifahren bin. Nicht, dass ich nicht gut und elegant skifahren kann, nein, das ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass meine Skier offensichtlich Schwierigkeiten haben parallel zu bleiben und die lästige Neigung zeigen, sich bei völlig unpassenden Situationen zu überkreuzen, zum Beispiel: geradeaus Schuss, auf den roten Pisten, in den Kurven, in den Schrägen, auf den Buckeln, auf den grünen Pisten, auf den Schleppliften, auf den blauen Pisten, direkt vor den Restaurant-Terrassen, usw. Mein Mann hat zwar in seiner Verzweiflung versucht kleine Plastikdreiecke vorne zu kleben, aber das war nicht ganz wirksam.

Eines Morgen standen wir alle drei vor einer Abfahrt, und ich muss zu meiner Entlastung sagen: es war eine Schwarze Piste, mit Buckeln, und vereist. Ich habe dann natürlich keine Sekunde gezögert und bin gleich beim Starten geflogen, klick klack, Skier los und Tschüs Richtung Talstation bei 1500 m Höheunterschied. Ich habe auch keinen einzigen Buckel weggelassen, einmal hoch, einmal runter, einmal Himmel sehen, einmal Schnee gucken, einmal Rückenlage, einmal Bauchlage, einmal Seitenlage und so weiter.

Irgendwann kam ich jedoch irgendwie zum Stillstand, wahrscheinlich eine Änderung der Landschaft, ich habe sie aber nicht direkt mitgekriegt. Als ich mich von meinen Aufregungen ein bisschen erholt habe, war mein Mann schon neben mir, ein wenig blass um die Nase, und betete: „O Gott… O Gott…“. Meine Schwester flitzte husch husch zur Station, um ein Helikopter zu holen.

Der Helikopter kam in der Form von zwei orangefarbenen und skilaufenden Sanitätern. Sie packten mich überall rundum in eine Art Schlafsack mit sofortiger anatomischer Verhärtung, wenn Du verstehst, was ich meine, ich weiß nicht, wie das heißt. Die Arztpraxis in der Station war natürlich gerammelt voll, so wie es eben bei Praxen sich gehört. Man lagerte mich in einer Kabine, die von den anderen Kabinen mit Gardinen getrennt war. Der Doc kam aber ziemlich schnell, muß ich doch sagen. Es war ein Typ aus dem Norden, aus Paris glaube ich, er hatte eine komische Sprache drauf. Er sagte zu mir: „Zeigen Sie mir Ihre Quinquins, Sie da.“ Ihm meine Quinquins zeigen??! Was meint er damit, der da?? Ich habe ihn ein bisschen streng angeguckt, er schien zufrieden zu sein und ging fort, um sich um den Akrobat im der Nebenkabine zu kümmern.

Der Akrobat in der Nebenkabine hatte sich zum 4. Mal, sagte er, das Handgelenk ausgekugelt. Die Prozedur bestand daraus, es wieder einzukugeln, ohne Narkose, aber mit einer kleinen psychologischen Vorbereitung, wir sind ja keine Barbaren in Frankreich. Der Doc: „So, sind Sie so weit? Wollen wir es machen??“ – Der Akrobat: „Neiinnnn! neeiinn!!! Noooch niicchtt! Nooch eiinn Momennnt, neeiiinn!!“. Das, eine Stunde lang - fast. Gefolgt von schrecklichen Gebrüll, Geheulen und Röcheln, schlimmer als bei einem amerikanischen Thriller.

Als der Folterer zu mir kam, war ich schon mehr tot als lebendig. Es wurde bei mir nicht besser. Ich weiß nicht, ob Du weist, wie die Docs feststellen, ob man sich ein paar Rippen gebrochen hat, mit offenen Frakturen und Knochensplittern in der Lunge? Zumindest in den Skistationen, ich will nicht verallgemeinern. Das ist ganz einfach, aber man musste drauf kommen: Eine Hand flach vorne, eine Hand flach hinten, und Zentimeter pro Zentimeter vorwärts: Man drückt das Ganze und horcht dabei aufmerksam. Wenn der Akrobat brüllt, ruft man ein Helikopter an. Wenn nicht, macht man eine Röntgenkontrollaufnahme. Das war mein Fall, für das Röntgen. Zwei Rippen angebrochen. Da ist nichts zu machen. Zehn bis elf Wochen ohne lachen und ohne niesen. Danke, Doc.

Das war aber nicht alles. Am nächsten Tag hatte ich solche Schmerzen im Rücken, dass ich mich weder anziehen noch ausziehen konnte, ein Drama. Ich gehe wieder zum nordischen Doc, diesmal mit meinem Mann, der die Aufgabe hatte, mich bei aus- und anziehen zu helfen. Man soll nicht zu viel von den Docs verlangen. Und dann stehe ich da oben ohne, die beiden Männer hinter mir beim Betrachten meiner Rückenanatomie:

- Mein Mann: Sehen Sie, da oben rechts, das ist ein bisschen geschwollen…

- Der Doc: hmm… ja… hmm... Kennen Sie die gut? War sie immer symmetrisch?

- Mein Mann: Glauben Sie, ich hätte sie geheiratet, wenn sie nicht symmetrisch gewesen wäre?

- Beide: haaahaa!!… haahaahaa!! haaha!!...

Tja, die Docs: Ist das der Eid, den sie mit der Hypophyse geschworen haben?? Ist das der Eid?! Wenn man 10 bis 11 Wochen ohne lachen verordnet, geht man mit guten Beispielen voran, oder?



Liebe Grüße
Jocelyne

http://www.jocelyne-lopez.de/maenner/medizinisches.html

g.c.roth

Re:

von g.c.roth (16.04.2008, 12:56)
Mein Mann: Glauben Sie, ich hätte sie geheiratet, wenn sie nicht symmetrisch gewesen wäre?

- Beide: haaahaa!!… haahaahaa!! haaha!!...



thumbbup So sind sie - und wundern sich wohl noch, was daran lustig ist ... :lol:

LG Grete[/quote]

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Irrlicht
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Re:

von Irrlicht (16.04.2008, 14:10)
Sehr schön - ich habe laut gelacht!
War kein Problem - alle Rippen in Ordnung. cheezygrin

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skipteuse
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Re:

von skipteuse (16.04.2008, 16:17)
Hallo!
Mit einer großen Familie, die zur Hälfte in Frankreich lebt, hatte ich das Glück, schon öfter Marseille zu besuchen und die herrlichen Fischrestaurants dort unsicher zu machen ... ;-)
Herzlich willkommen - auch ich bevorzuge meist kurzweilige Themen und habe u.a. in der "Roten Zitrone" ebenfalls einiges zum Thema Männer, Kommunikation und Sport formuliert ... Also, viel Spaß beim Bücher- und Forumsbeiträge schreiben!

Bisous, Barbara

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Jocelyne Lopez
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Re:

von Jocelyne Lopez (16.04.2008, 20:18)
skipteuse hat geschrieben:

Herzlich willkommen - auch ich bevorzuge meist kurzweilige Themen und habe u.a. in der "Roten Zitrone" ebenfalls einiges zum Thema Männer, Kommunikation und Sport formuliert ... Also, viel Spaß beim Bücher- und Forumsbeiträge schreiben!

Bisous, Barbara


Auch an Dich vielen herzlichen Dank, und Bisous. :D

(Kennst Du die französische Chansonsängerin Barbara? Eine echte Poetin, meine Lieblingssängerin in Frankreich).

Weiter mit der einzigen Erzählung aus meiner Homepage, die literarischen Anspruch hat, aber sie ist nicht ganz von mir, das ist eine persönliche Verarbeitung des Buches "Der kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupéry.


Verschollen

Ich bleibe erst einmal bei der Fliegerei, es hat zwar nicht viel mit Humor zu tun, aber eben mit Verständigung. Ich werde dir sicherlich nichts beibringen können, wenn ich Antoine de Saint-Exupéry erwähne. Sein Buch „Le petit Prince“ ist, glaube ich, in 60 Sprachen übersetzt worden – nur die Zeichnungen dazu brauchten nicht übersetzt zu werden…

Er war auch ein begeisterter Flieger. Eines Tages während des letzten Weltkrieges startete er allein von Korsika für einen Erkundungsflug. Er ist nie zurückgeflogen. Er gilt als verschollen. Vor einiger Jahren hat ein ehemaliger deutsche Pilot bekannt gegeben, dass er am diesen Tag eine Maschine dieses Typs nahe an der Küste vor Cannes (glaube ich) abgeschossen hat. Seitdem suchen Hobby-Archäologen und Hobby-Taucher leidenschaftlich nach dem Maschinenwrack des „kleinen Prinzen“.

Vor 2-3 Jahren haben Hobby-Taucher das Wrack einer unbekannten Maschine dieses Typs nahe vor der Küste Marseilles entdeckt. Auch ein silbernes Armband, das Saint-Exupéry gehört haben sollte, ist gefunden worden. Ich habe die Geschichte nicht mehr verfolgt und weiß nicht, ob die Maschine und das Armband inzwischen eindeutig identifiziert wurden. Wie wahr sind unsere Erinnerungen? Hat sich der deutsche Pilot so getäuscht über den Ort des Abschusses? Ein Hinweis jedoch über diese Geschichte ist eindeutig authentifiziert worden, er stammt von Saint-Exupéry selbst. Er hat mal in einen Brief geschrieben: „Je finirai en croix en Méditerranée“ (meine Übersetzung: “Ich werde als Kreuz in Mittelmeer enden“). Wie wahr sind unsere Intuitionen?

-----------------------

"Einmal auf der Erde, wunderte sich der kleine Prinz, niemanden zu sehen. Er fürchtete schon, sich im Planeten geirrt zu haben, als ein mondfarbener Ring sich im Sande bewegte.
"Gute Nacht", sagte der kleine Prinz aufs Geratewohl.
"Gute Nacht", sagte die Schlange.
"Auf welchen Planeten bin ich gefallen?", fragte der kleine Prinz.
"Auf die Erde, du bist in Afrika", antwortete die Schlange.
"Ah!... es ist also niemand auf der Erde?"
"Hier ist die Wüste. In den Wüsten ist niemand. Die Erde ist groß", sagte die Schlange.

Der kleine Prinz setzte sich auf einen Stein und hob die Augen zum Himmel.
"Ich frage mich", sagte er, "ob die Sterne leuchten, damit jeder eines Tages den seinen wiederfinden kann. Schau meinen Planeten an. Er steht gerade über uns... Aber wie weit ist er fort!"
"Er ist schön", sagte die Schlange. "Was willst du hier machen?"
"Ich habe Schwierigkeiten mit einer Blume", sagte der kleine Prinz.
"Ah!" sagte die Schlange.
Und sie schwiegen.

"Wo sind die Menschen?", fuhr der kleine Prinz endlich fort. "Man ist ein bisschen einsam in der Wüste..."
"Man ist auch bei den Menschen einsam", sagte die Schlange.
Der kleine Prinz sah sie lange an.

"Du bist ein drolliges Tier", sagte er schließlich, "dünn wie ein Finger..."
"Aber ich bin mächtiger als der Finger eines Königs", sagte die Schlange.
Der kleine Prinz musste lächeln:
"Du bist sehr mächtig... Du hast nicht einmal Füße... Du kannst nicht einmal reisen..."
"Ich kann dich weiter wegbringen als ein Schiff", sagte die Schlange. Sie rollte sich um den Knöchel des kleinen Prinzen wie ein goldenes Armband.
"Wen ich berühre, den gebe ich der Erde zurück, aus der er hervorgegangen ist", sagte sie noch. "Aber du bist rein, du kommst von einem Stern..."
Der kleine Prinz antwortete nichts.

"Du tust mir Leid auf dieser Erde aus Granit, du, der du so schwach bist. Ich kann dir eines Tages helfen, wenn du dich zu sehr nach deinem Planeten sehnst. Ich kann..."
"Oh, ich habe sehr gut verstanden", sagte der kleine Prinz, "aber warum sprichst du immer in Rätseln?"
"Ich löse sie alle", sagte die Schlange.
Und sie schwiegen."


(Antoine de Saint-Exupéry - Der Kleine Prinz - 1946 by Editions Gallimard, Paris
ins Deutsche übertragen von Grete und Josef Leitgeb - 1950 by Karl Rauch Verlag, Düsseldorf.)

-------------------

"Verschollenes Flugzeug entdeckt" – Artikel aus der Süddeutschen Zeitung
http://www.sueddeutsche.de/panorama/artikel/905/29876/print.html


"Der Autor des „Kleinen Prinzen“ war 1944 zu einem militärischen Aufklärungsflug gestartet und galt seitdem als vermisst. Nun ist sein Flugzeugwrack vor der Küste Marseilles gefunden worden.

"Saint-Ex“, wie die Franzosen ihren legendären Landsmann nennen, „schien ein unerreichbarer Traum für alle Forscher wie mich“, sagt Castellano. Seit September 1998 gab es erste, seit Mai 2000 dann ernst zu nehmende Hinweise, dass der Schriftsteller nicht - wie vermutet - in den Alpen, sondern wenige Kilometer vor Marseille abstürzte. Zunächst wurde ein Silber-Armband mit dem eingravierten Namen des Vermissten aus dem Meer gefischt, dann entdeckte der Taucher Luc Vanrell Wrackteile einer Lightning. Doch gab es keine Beweise, dass Saint-Exupéry jemals ein solches Armband getragen hatte - und die Behörden verhängten am Fundort der Wrackteile ein Tauchverbot, das erst im vergangenen Oktober aufgehoben wurde. […]

Nicht geklärt ist weiter, warum der äußerst erfahrene Pilot bei seinem Kriegs-Aufklärungsflug abstürzte. „Über die Ursachen des Unfalls kann man nichts Neues sagen“, sagt Castellano. Beim Betrachten der Wrackteile entstehe der Eindruck, die Maschine sei „fast senkrecht und mit hoher Geschwindigkeit“ aufgeprallt.

So bleibt es - sollte nicht auch das Cockpit mit zusätzlichen Hinweisen gefunden werden - bei altbekannten Hypothesen: Vielleicht vergaß Saint-Exupéry, wie schon einmal zuvor, die Sauerstoffmaske aufzusetzen, und verlor das Bewusstsein. Vielleicht war er lebensmüde und beging Selbstmord, wie einige Freunde vermuten.

Einem von ihnen hatte er in der Nacht vor seinem Tod geschrieben: „Falls ich abgeschossen werden sollte, verschwinde ich, ohne das zu bedauern.“ Als ausgeschlossen gilt hingegen inzwischen, dass er tatsächlich von einer deutschen Flak abgeschossen wurde - in deutschen Militärarchiven fand sich kein Hinweis darauf. "

--------------

Ich habe es nicht gesehen, wie er sich in der Nacht auf den Weg machte. Er war lautlos entwischt. Als es mir gelang, ihn einzuholen, marschierte er mit raschem entschlossenem Schritt dahin.

Er sagte nur: "Ah, du bist da..."
Und er nahm mich bei der Hand. Aber er quälte sich noch:
"Du hast nicht recht getan. Es wird dir Schmerz bereiten. Es wird aussehen, als wäre ich tot, und das wird nicht wahr sein...".
Ich schwieg.

"Du verstehst. Es ist zu weit. Ich kann diesen Leib da nicht mitnehmen. Er ist zu schwer."
Ich schwieg.

"Aber er wird daliegen wie eine alte verlassene Hülle. Man soll nicht traurig sein um solche alten Hüllen..."
Ich schwieg.

Er verlor ein bisschen den Mut. Aber er gab sich noch Mühe:
"Weißt du, es wird wunderbar sein. Auch ich werde die Sterne anschauen. Alle Sterne werden Brunnen sein mit einer verrosteten Winde. Alle Sterne werden mir zu trinken geben..."
Ich schwieg.

"Das wird so lustig sein! Du wirst fünfhundert Millionen Schellen haben, ich werde fünfhundert Millionen Brunnen haben..."
Und auch er schwieg, weil er weinte...

"Da ist es. Lass mich einen Schritt ganz allein tun."
Und er setzte sich, weil er Angst hatte.

Er sagte noch:
"Du weißt... meine Blume... ich bin für sie verantwortlich! Und sie ist so schwach! Und sie ist so kindlich. Sie hat vier Dornen, die nicht taugen, sie gegen die Welt zu schützen...".
Ich setze mich, weil ich mich nicht mehr aufrecht halten konnte.

Er sagte:
"Hier... Das ist alles..."

Er zögerte noch ein bisschen, dann erhob er sich. Er tat einen Schritt. Ich konnte mich nicht rühren.

Es war nichts als ein gelber Blitz bei seinem Knöchel. Er blieb einen Augenblick reglos. Er schrie nicht. Er fiel sachte, wie ein Blatt fällt. Ohne das leiseste Geräusch fiel er in den Sand.

Und jetzt sind es gewiss schon wieder sechs Jahre her... Ich habe diese Geschichte noch nie erzählt. Die Kameraden, die mich wiedergesehen haben, waren froh, mich lebend wiederzusehen. Ich war traurig, aber ich sagte zu ihnen: Das ist die Erschöpfung...

Jetzt habe ich mich ein bisschen getröstet. Das heißt... nicht ganz. Aber ich weiß gut, er ist auf seinen Planeten zurückgekehrt, denn bei Tagesanbruch habe ich seinen Körper nicht wiedergefunden. Es war kein so schwerer Körper... Und ich liebe es, des Nachts den Sternen zuzuhören. Sie sind wie fünfhundert Millionen Glöckchen..."


Antoine de Saint-Exupéry - Der Kleine Prinz - 1946 by Editions Gallimard, Paris
Ins Deutsche übertragen von Grete und Josef Leitgeb - 1950 by Karl Rauch Verlag, Düsseldorf.[/QUOTE]


http://www.jocelyne-lopez.de/maenner/verschollen.html

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Jocelyne Lopez
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Re:

von Jocelyne Lopez (18.04.2008, 09:05)
Aus der Reihe "Sprachen" von meiner Homepage, meine anfänglichen - und immer andauernden - Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache... :roll:


Die Deutsche Sprache

Die Deutschen wissen zwar alle, dass ihre Muttersprache für Ausländer schwierig ist. Aber wissen sie eigentlich warum? Hier meine persönlichen Erfahrungen und Überlegungen um die deutsche Sprache:

Tja, mit der deutschen Sprache, das ist so eine Sache... Wenn Teilnehmer festgestellt haben sollten, dass ich Grammatik- oder Syntaxfehler am laufenden Band mache, möchte ich darauf deutlich hinweisen: Das ist nicht meine Schuld. Die Deutschen sind daran schuld. Wie kann man denn so eine Sprache erfinden?! Das grenzt an seelische Grausamkeit für Ausländer.

Da sind erst einmal die äußerst berüchtigten Fälle, Beugungen und Fallen Akkusativ, Nominativ, Dativ, Genitiv. Nun ja, Augen zu, Zufallprinzip und auf gut Glück! Manchmal klappt's.

Wenn Ihr aber glaubt, das ist alles, dann täuscht Ihr Euch. Es gibt noch etwas viel Schlimmeres. Das sind die Verben. Die Deutschen haben die Einzigartigkeit entwickelt nur sehr wenige Verben zu erfinden, die eine Aktion bezeichnen. Zum Beispiel: gehen, stellen, geben, nehmen... Um aber die vielen alltäglichen Aktionen zu bezeichnen, haben sie sich ausgedacht: Klatschen wir einfach davor verschiedene Wörtchen wie: aus, auf, ein, an, be, er, ver, zer, ent, nach, vor, hinter, unter, gegen, um, mit, über, durch, hin, zu, hinzu, zuzu... Das bedeutet bei dem Beispiel "gehen": Man kann unzählige Aktionen damit bezeichnen: angehen, eingehen, mitgehen, ausgehen, aufgehen, begehen, ergehen, entgehen, nachgehen, umgehen, zugehen, zergehen, vorgehen, übergehen, vergehen, durchgehen, hintergehen, hingehen, abgehen...untergehen... Der arme Ausländer hört nur "gehen" und darf sich schnell die richtige Bedeutung aussuchen. Viel Glück! So kam es zum Beispiel, dass ich mal am Telefon bei meinem ersten Arbeitsgeber in Deutschland gesagt habe: "Herr Sowieso ist nicht da. Soll ich ihm etwas hinrichten?". Unter Landsleuten haben wir Tausende Beispiele dieser Art. Wir lachen uns schief, die Deutschen auch.

Wenn Ihr aber glaubt, das ist alles, dann täuscht Ihr Euch. Da ist noch etwas Schlimmeres, es ist zum Verzweifeln. Nicht nur, dass sie die Wörtchen vor den Verben hinklatschen, sie reißen sie auch noch gleich auseinander im Satz: das Verb irgendwo vorne, das Wörtchen irgendwo hinten. Abwarten, was kommt… Irgendeiner namhafte französische Philosoph hat mal sinngemäß gesagt: Das ist sehr angenehm mit Deutschen zu debattieren, sie unterbrechen sich nie gegenseitig, man muss sowieso so lange warten, bis man endlich weiß, was sie sagen wollen... Auch da ein kleines Beispiel aus meinem Privatleben. Als junge Frau habe ich mich mal ganz alleine und ganz tapfer mit dem Auto auf die lange Reise zwischen Marseille und Hamburg gemacht. Ich konnte kaum Deutsch. Kurz nach dem Grenzübergang habe ich in Deutschland eine Panne gehabt, zum Glück in der Nähe einer Werkstatt, ich konnte dahin gehen. Als der Kfz-Meister mich fragte: "Was haben Sie für ein Problem?" antwortete ich: "Mein Auto springt nicht". Daraufhin sagte er mit einem kleinen Lächeln in den Augen: "Umso besser, Fräulein, umso besser...". In der Aufregung habe ich damals weder die Antwort, noch das kleine Lächeln verstanden. In Hamburg haben wir festgestellt, dass er die Quittung ausgestellt hatte an : "Mademoiselle mit altem R4 und Hund". Fand ich irgendwie niedlich.

Wenn Ihr aber glaubt, das ist alles, dann täuscht Ihr Euch. Da ist noch etwas Besonderes zwischen Verben und Wörtchen, man hält es nicht aus: sie klatschen nicht nur am laufenden Band irgendwelche nichts sagende Wörtchen vor allen Verben, um gleich danach die beiden im Satz auseinander zu reißen, nein, das wäre zu einfach. Damit wir dieses Spielchen als Ausländer einigermaßen folgen können, hat man uns beigebracht wie das ist, das mit den Wörtchen:

- es gibt die "Untrennbare", man darf sie nie auseinander reißen: ent, be, er, zer, ver.
- es gibt die "Trennungsfreudige" (die meisten), die trennen sich immer: um, mit, vor, aus, auf, hin, an, ab, ein, nach, usw. usw.
- es gibt die "Unentschlossene", manchmal ja, manchmal nein, wie es eben kommt: über, unter, gegen.

Mein Fazit: Die Deutschen sind im Prinzip viel einfacher zu verstehen als die deutsche Sprache. Im Prinzip.

Habt Ihr das gewusst, das mit den Verben und unseren Leiden?!




Göttlicher Ursprung

Ich traue mir einfach, hier die Fortsetzung meiner einwandfreien wissenschaftlichen Sprachtheorie über die deutschen Verben zu stellen ...

1. Die Franzosen sagen und schreiben: "Au commencement était le Verbe" (also: "Am Anfang war das Verb" und nicht "Am Anfang war das Wort"). Daraus schließe ich, dass die Franzosen seit jeher wissen, dass Gott die deutsche Sprache erfunden hat: Es ist nämlich nicht zu übersehen - und das habe ich auch bewiesen- , dass in der deutschen Sprache am Anfang das Verb war, dann kam der Salat. Es ist also nahe zu legen, dass Gott ein Deutscher ist.

2. Die Deutschen sagen und schreiben: "Leben wie Gott in Frankreich". Daraus schließe ich, dass Gott tatsächlich in Frankreich lebt, die Deutschen müssen es schließlich seit jeher wissen, sie waren ja öfter mal dort.

3. Mein Fazit: Gott ist Gastarbeiter in Frankreich.

Was meint ihr? Kann jemand die Theorie widerlegen?


Liebe Grüße
Jocelyne Lopez

http://jocelyne-lopez.de/sprachen/deutsch.html

Fabula

Re:

von Fabula (18.04.2008, 13:03)
Zuerst ein herzliches Willkommen auch von mir, liebe Jacelyne!
Deine Texte finde lich sehr erheiternt, wenn sie auch viel Wahrheit enthalten.
Zu Deinem letzten Beitrag möchte ich folgendes sagen:

Ich glaube, es ist ganz gewiss,
das Gott ein Weltenbürger ist.
Er kann doch nicht sein Werk verachten,
und nur ein Land als gut betrachten.
Wenn häufig er nach Frankreich reist,
so ist es wohl, dass dort sein Geist
sich labt an dieser Lebensart.
In Deutschland wird daran gespart.
Hier ist man alllzu brav und bieder,
das mag er nur so hin und wieder.

Liebe Grüße
Fabula

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Jocelyne Lopez
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Re:

von Jocelyne Lopez (18.04.2008, 17:17)
Hallo Fabula!

Vielen herzlichen Dank für die Willkommengrüße und für das Gedicht! :D

Damit demonstrierst Du, wohl unbewusst, zwei Eigenschaften der Deutschen, die mich schon in den ersten Zeiten meines Lebens in Deutschland aufgefallen sind - ich bin vor über 30 Jahren nach Deutschland gezogen: Die Gastfreundschaft (zumindest Franzosen gegenüber) und das Talent zu dichten.

Dass die Deutschen scheinbar mit Leichtigkeit mit ihrer Sprache beim Dichten umgehen können hat mich damals sehr überrascht. Ich habe sehr schnell bei vielen Gelegenheiten und privaten oder beruflichen Feiern erlebt, dass hier viele Menschen dichten können. Das hat mich immer imponiert - zumal ich selber unfähig bin, sogar auf Französisch zwei gereimte Verse zu schreiben. Möglicherweise lässt sich die deutsche Sprache besonders gut reimen, ich weiß es nicht, auf jeden Fall kenne ich so etwas Vergleichbares von Frankreich gar nicht. Der Spruch „Deutschland, Heimat der Dichter und Denker“ kommt wohl nicht von ungefähr.

Aber weiter von mir - in platter Prosa - ein paar sprachliche Erlebnisse aus meinem deutsch-französischen Leben:


Zweideutig

Also wie gesagt betrachte ich in der deutschen Sprache die Verben als Quälerei Nr. 1, da ich sowieso die berüchtigte Quälerei bzgl. Casus und Beugungen persönlich definitiv geregelt habe: Ich wende "dich" oder "mich", "dir" oder "dich" grundsätzlich per Zufallgenerator an. Was kann man sonst tun?

Aber mit den Artikeln, das ist auch ein Kudelmudel hoch drei bei Euch! Gut, Artikel stellen sowieso grundsätzlich in allen Sprachen eine große Schwierigkeit dar: Wie kann man Gegenstände sicher „Sexualmerkmale“ zuordnen? Warum sagen die Deutschen „DER Apfel“ und die Franzosen „LA pomme“? Warum sagen die Deutschen „DIE Sonne und DER Mond“ und die Franzosen umgekehrt "LE soleil" und "LA lune“? Na ja, das lässt sich eben nicht wieder gutmachen, man muss es jeweils nur lernen. Aber Ihr habt es beim Lernen und Speichern viel einfacher als wir. In Französisch werd Ihr immer nur "LA pomme" hören oder lesen, nie "LE pomme"!! Nach einigen Wiederholungen hat man sich den Artikel akustisch und visuell eingeprägt. Wir dagegen hören und lesen ständig alle möglichen Artikel-Varianten für ein und dasselbe Wort, ein Mischmasch ohne gleichen: DIE Sonne kann ja auch DER Sonne oder DEN Sonnen sein. DER Mond kann auch DEM Mond oder DEN Mond oder DES Mondes oder DIE Monde sein. Tja, warum leicht, wenn es auch kompliziert geht…

Hierzu eine kleine lustige Anekdote aus meinem deutsch-französischen Alltag:

Ich habe mal in Deutschland in einer kleinen Bankfiliale mit einer gemischten deutsch-französischen Belegschaft gearbeitet. Wir hatten öfter für 2-3 Monaten Praktikanten aus Frankreich. Eine Praktikantin hat mal die Aufgabe bekommen, Archivordner der Leitung im Büro des Filialleiters, wenn er mal Außerhaus ist, zu archivieren. Es gab nämlich in seinem Zimmer oben über der Tür Einbauschränke, die wir zu diesem Zweck genutzt haben. Diese Aufgabe hat sie eines Tages in Angriff genommen. Aus Sicherheitsgründen hat sie jedoch ein Zettel an die Tür angebracht. Darauf stand: "Bitte nicht reinkommen, ich bin auf dem Leiter!". Die Arbeitskonzentration wurde in der Filiale für eine kleine Weile wegen Lachkrämpfen gestört, aber es darf auch sein, oder?!

Es gibt auch einige Zweideutigkeiten wegen den sogenannten „Faux-amis“ („falsche Freunde“?) in den Sprachen:

Zum Beispiel benutzen wir in Frankreich das Wort „Rendez-vous“ für „Termin“, und zwar für Termine aller Art: Wir haben ein „Rendez-vous“ beim Frisör, beim Zahnarzt, beim Arzt, bei der Werkstatt, usw. Ich habe damals, als ich noch in dieser kleinen Bankfiliale gearbeitet habe, telefonisch die Termine bei Firmenkunden für unseren Filialleiter organisiert. Einmal ist mir beim Kunden am Telefon der Satz ausgerutscht: „Wollen wir dann für Herrn Sowieso ein Rendez-vous in Ihrem Hause vereinbaren?“. Da antwortete mein Gesprächspartner mit einem kleinen Lächeln in der Stimme: „Auf gar keinen Fall. Aber wir können gerne einen Termin vereinbaren.“ Zum Glück haben viele Deutschen einen Sinn für Humor!

In Frankreich benutzt man zum Beispiel das Wort "période" für Zeitspanne, Frist oder auch Phase, z.B. "Ich habe so eine Phase, ich könnte nur Schokolade essen!". Der Chef einer Landmännin von mir hat sie mal eines Morgens vor dem Fahrstuhl gefragt, ob sie denn immer nur die Treppe zu Fuß laufen mag statt den Fahrstuhl zu benutzen. Da antwortete sie: "Nein, eigentlich fahre ich auch lieber mit dem Fahrstuhl, aber im Moment habe ich so meine Periode". Der Boss soll ein bisschen dumm geguckt haben... Und die Freundin erzählte mir, sie mußte sich erst einmal eine halbe Stunde im Treppenhaus vom Schock erholen... Und dabei vielleicht die französische Redewendung meditieren: "La parole est d'argent, mais le silence est d'or" oder jegliche weise Sprüche darüber in allen möglichen Sprachen...

Ich hätte vielleicht auch lieber schweigen sollen, als ich in einer größeren Besprechungsrunde im Büro mir den brillanten Beitrag geleistet habe: "Ich finde auch, man sollte über diese Problematik klipp und klopp sprechen...". Die Kollegen haben nur gelacht, ich sage Euch, die Deutschen haben kein Herz für Ausländer... :(

Liebe Grüße
Jocelyne Lopez

http://www.jocelyne-lopez.de/sprachen/zweideutig.html

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Re:

von Jocelyne Lopez (20.04.2008, 23:14)
Aus der Reihe "Familie" von meiner Homepage:


Mein Vater


Lieber frizz, ich habe Deine Seite „Fritze im ARD“ gerade gelesen. Es ist wichtig, was Du da machst, sehr wichtig, finde ich zumindest. Also hier als weiteres feed-back von mir die Geschichte eines anderen Adoptivkindes, die Geschichte meines Vaters.

Dass er Adoptivkind war habe ich als Kind nicht gewusst, er selbst hat mit uns darüber nie gesprochen, ich hielt lange meine Großeltern väterlicher Seite für meine leiblichen Vorfahren. Unsere Mutter hat uns es mal erzählt, als ich vielleicht so 15 war, sie wusste aber selber nicht viel darüber.

Mein Vater wurde in San Sebastian geboren und war entweder Waise oder irgendwie von seinen Eltern abgegeben. Er wurde dann bei einer Adoptivfamilie untergebracht, das Ehepaar Lopez, das ihn zusammen mit seinen zwei nachträglich geborenen eigenen Töchtern großgezogen hat. Mein Vater wusste, dass seine Eltern Adoptiveltern waren, er trug auch seinen eigenen Namen weiter, Gil.

Als er Jugendlicher wurde brach der spanische Bürgerkrieg ein. Irgendwann verließ der Vater die Familie und nahm irgendwo als Kämpfer an den kriegerischen Auseinandersetzungen gegen die Truppen Francos teil. Die Familie blieb zurück im kleinen baskischen Dorf Cestona, wo sie immer gelebt hatte. Dann wurde es für die Gegner Francos auch als Zivilisten brenzlig, sie mussten den Dorf vor Ankunft der gegnerischen Soldaten verlassen, so die Mutter mit den drei Kindern auch, immer weiter in mehreren Stationen sich nach Norden in Sicherheit bringen, bis es nicht mehr ging und schließlich nach Frankreich als Kriegsflüchtlingen rüberlaufen mussten.

An der Grenze herrschte Chaos, mein Vater war zu dieser Zeit 14-15 Jahre alt. Die Mutter war alleine mit den drei Kindern. Sie hat Angst gehabt, wenn sie angibt, ihr Sohn sei nur ihr Adoptivsohn und heißt anders, dass er nicht rübergehen darf, oder dass sie getrennt werden. Sie gab an, er ist mein Sohn, er heißt Lopez, er wurde im Dorf Cestona geboren, wie die beiden Mädchen auch. An der Grenze herrschte Chaos, die Zöllner haben nicht lange gefragt und geprüft, sie durften alle vier rüber, Frau Lopez mit ihren drei Kindern.

Ab dann lebte mein Vater sein Leben in Frankreich, unter einem „falschen“ Namen. Aus diesem Grund konnte er auch nie die französische Staatbürgerschaft beantragen, wie die meisten spanischen politischen Flüchtlinge es getan haben, damit sie nach Spanien unbehelligt mindestens als Urlauber zurückgehen konnten – Franco hat lange gelebt… Man hätte eine Geburtsurkunde in Spanien anfordern müssen, und eine solche gibt es eben nicht, er hat Angst gehabt, dass seine Mutter wegen Fälschung Schwierigkeiten bekommen könnte.

Er ist nie nach Spanien zurückgekehrt. Er sagte auch, er habe die spanische Sprache schon lange vergessen, aber ich glaube es nicht, zwei oder drei Mal habe ich ihn kurz mit seinen Schwestern spanisch sprechen gehört. Am 1. November 1972, am Tag seines 50. Geburtstages, nahm er sich das Leben.

Als ich heiratete, habe ich mich entschieden meinen Mädchenname weiterzuführen. Zur Ehre meiner Großmutter.

No pasaran!

Jocelyne Lopez

http://www.jocelyne-lopez.de/familie/vater.html

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Re:

von Jocelyne Lopez (21.04.2008, 08:29)
Weiter aus der Reihe „Familie“ meiner Homepage:


Oma

Nach der Flucht über die Grenze war es wohl für meine Oma weiter nicht ganz leicht: Flüchtlingslager, und dann auch bald Krieg in Frankreich, der Sohn untergebracht bei Bauern in der landwirtschaftlichen Region Aveyron.

Der Ehemann war nach Frankreich nachgekommen, die Familie hat sich kurz nach dem Krieg in Städtchen Gardanne niedergelassen, 30 km nördlich von Marseille, wie viele anderen spanischen Flüchtlinge aus dem Bürgerkrieg auch. Dort gibt es nämlich ein Kohlenbergbau, die Männer haben alle dort gearbeitet. Mein Vater durfte dort nicht arbeiten, bei Röntgenaufnahmen wurde ein Schleier auf der Lunge festgestellt, er arbeitetet als Hilfsarbeiter in einem Sägewerk in Marseille und wohnte auch in diesem ärmlichen Marseiller Arbeiterviertel, wo er meine Mutter kennen gelernt hat, wo ich später geboren wurde und auch viel später mit meiner Mutter gewohnt habe.

Dazwischen war ich aber schon im Internat mit meiner Schwester Christiane untergebracht. Einmal hat unser Vater uns aus dem Sommerquartier des Internats in den Alpen entführt. Ich habe von diesem Tag keine Erinnerungen, Christiane ja. Er hat uns zu seiner Mutter nach Gardanne gebracht, zur der Oma, bei der er auch wohnte. Ich habe nicht viel zusammenhängenden Erinnerungen aus dieser Zeit, aber mindestens ein paar Monaten müssen wir wohl da geblieben sein, ich weiß nämlich noch ein paar Sachen von der Schule dort.

Die Wohnung der Oma war wohl ziemlich ärmlich, nehme ich an, im 1. Stock über einem Keller gelegen, in einer stark abschüssigen Strasse. Der Fußboden in der Küche war komisch, er hatte eine riesige Mulde, aber ich habe mir zu dieser Zeit keine Gedanken darüber gemacht. Es gab zwar Strom aber kein fließendes Wasser, auf der Spüle war eine riesige Blechschüssel mit einer Kelle drin. Das Wasser haben wir ein paar Straßen weiter aus einer Gemeindepumpe geholt, nicht eine mit Hebel zum Pumpen, eine mit Deckeldrehen, man sieht sie heute noch in manchen Dörfern und Städtchen in der Provence. Oft habe ich die Oma gesehen, die Eimer nach Hause schleppte, ich habe nie verstanden, wozu sie denn so viel Wasser brauchte. Manchmal hat sie uns aus dem Fenster gerufen: „Niñas… agua!!!... Niñas!...“. Meistens haben wir auch Wasser geholt, ich habe nie so richtig verstanden, wozu sie denn so viel Wasser brauchte. Manchmal habe ich vielleicht so getan, als ob ich das nicht gehört hätte, vielleicht. Wenn unser Vater abends nach Hause kam und die Oma gefragt hat, ob wir Wasser geholt haben, hat sie immer ja gesagt, auch wenn es nicht stimmte. Es war eine sanfte, liebe Oma, unsere abuelita.

Zu dieser Zeit hatte sie auch manchmal komische Anfälle: Sie wurde ganz rot im Gesicht, auf einmal aus heiterem Himmel ganz aufgeregt, sie sprach viel vor sich hin, sie haute sich auf die Stirn mit der Faust, sie öffnete das Fenster und erzählte laut in die Straße alles was sie damals gehabt habe, wie viele gestickten Tischdecken und wie viele gestickten Bettlaken sie damals hatte. Die Nachbarn haben durch Zurufen versucht, sie zu beruhigen, aber sie war auch nicht mit Zurufen zu beruhigen. Manchmal hat sie uns dabei auch aus dem Fenster gerufen: „Niñas!!! Kommt, wir müssen packen!.. Kommt, wir müssen gehen!... Sie kommen!... Sie kommen!...“. Die Kinder haben diese Anfälle lustig gefunden, ich vielleicht auch, vielleicht. Manche haben manchmal zurückgerufen, ich vielleicht auch: „Ja! Sie kommen, sie kommen!!!... Sie sind schon da!!!…“. Sie hatten keine Ahnung, wer kommen sollte, ich auch nicht. Sie räumte auch manchmal die Schränke aus und packte wild ein. Wenn der Anfall vorbei war, hat sie alles wieder eingeräumt.

Sie ist 85 jährig gestorben. Wie gerne würde ich ihr jetzt ein paar Eimer Wasser holen. Wenn es Gott gibt, möge er mir dafür vergeben, ich war ein Kind, ich wusste nicht, was ich tat.


Jocelyne Lopez

http://www.jocelyne-lopez.de/familie/oma.html

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