Nur ein Hund

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dbs

Nur ein Hund

von dbs (07.05.2007, 11:34)
Nur ein Hund

Der Mann steht allein auf der großen Eisenbrücke. Sein Blick fällt auf die Stadt am Flussufer, die in der aufkommenden Dämmerung ihr verführerisch glitzerndes Lichterkleid anlegt. Es ist ihm gleichgültig. Irgendwo in dieser Stadt hat er seine Wohnung, doch sie ist ihm kein Zuhause mehr. Seine Blicke folgen der Uferlinie des Flusses, hinunter zu dem großen Fabrikgebäude, das so viele Jahre Zentrum seines Lebens gewesen war. Sie haben ihn ausgemustert, abgeschoben, entlassen. Und dabei ist er noch nicht einmal 56 Jahre alt.

Im November vor zwei Jahren war dieser junge Manager in der Fabrikhalle aufgetaucht: Mitte dreißig, Doktortitel, feiner Anzug, Seidenkrawatte mit silberner Nadel. Erzählte etwas von Globalisierung der Märkte, von Lohnkostendruck und Synergieeffekten. Und von Freistellung. Und das war das einzige, was er von dem Gerede des jungen Managers verstanden hatte. Freistellung. Man brauchte ihn nicht mehr. Nach mehr als dreißig Jahren.

Die Nacht legt sich über die Brücke, und im schwachen Lichtschein der Straßenlaternen klettert der Mann auf das Brückengeländer. Die Spitzen seiner Schuhe ragen ein paar Millimeter über das Geländer hinaus. Alte, ausgetretene Schuhe, die ihn jahrelang zur Fabrik unten am Fluss getragen hatten.

Natürlich sprach sich seine Arbeitslosigkeit in der Nachbarschaft herum. Seine Frau musste sich bei den Wocheneinkäufen einschränken, der kleine Laden an der Ecke ließ nicht mehr anschreiben, und in der Kneipe trieb der Wirt sein noch ausstehendes Geld ein. Am Nikolausabend stand der Hauswirt in der Tür und wollte wissen, ob das Arbeitslosengeld für die Miete ausreichen würde. Aber natürlich würde es reichen. Man müsste nur den Gürtel etwas enger schnallen.

Er blickt wieder auf seine schäbigen Schuhe. Neue sind schon lange fällig, aber wovon bezahlen? Neue Schuhe kosten viel Geld. Tief unter den Füßen zieht der Fluss seine Bahn. Es wird so einfach sein, ein kleiner Schwung, oder nur das Gewicht nach vorn verlagern, und wenige Sekunden später wird der Fluss alle Sorgen verschlucken. Langsam schieben sich die Schuhspitzen ein paar Millimeter vor.

Das Weihnachtsfest war das Traurigste seines Lebens. Es hatte gerade noch für ein paar Tannenzweige, etwas Lametta und ein paar silbrige Kugeln aus Plastik gereicht. An Geschenke war nicht zu denken. Und so saßen sie an Heiligabend Hand in Hand auf dem Sofa und trauten sich nicht, den Fernseher einzuschalten - sie mussten Strom sparen.

Zu Ostern klagte seine Frau plötzlich über Leibschmerzen. Sie dachten zuerst, ihr wäre das Essen nicht bekommen. Aber die Schmerzen blieben. Und ihr Bauch blähte sich auf wie ein Ballon. Die Schmerzen gingen, aber ihr Bauch wuchs und wuchs. Kurz vor Pfingsten kehrten die Schmerzen zurück, schlimmer als je zuvor. Als sie es nicht mehr aushielt, griff er zum Telefon.

Ein Mann in einem weißen Kittel betastete den Bauch seiner Frau; andere brachten hektisch eine Trage herein und schnallten seine Frau fest; das Blaulicht flirrte über Häuserwände und Menschen, die neugierig aus den Fenstern schauten; die Wagentüren wurden aufgerissen; über hell erleuchtete Flure hasteten Menschen in grünen Kitteln; seine Frau verschwand hinter einer großen Tür. Irgendwie erreichte er die alte Holzbank auf dem Gang; seine Hände kämpften die Ungeduld nieder; die Zeiger einer Uhr bewegten sich unrbittlich vorwärts; die Hand einer Krankenschwester auf seiner Schulter; dann vor seinen Augen ein grüner Kittel, und unheilvolle Worte: Magenkrebs - Endstadium - noch zwei, vielleicht auch drei Monate.

Wieder rutschen seine Füße ein paar Millimeter vor. Mit der Hand greift er nach dem Eisenpfeiler. Es braucht nur einen kleinen Stoß, einen winzig kleinen Stoß.

Am Ende verbrachte er Tage und Nächte am Krankenbett, hielt ihre Hand und bewegte seine Lippen in stummen Gebeten. In einem letzten wachen Moment sah ihn seine Frau mit ruhigen Augen an. Sie drückte sanft seine Hand und schien zu lächeln. Du musst jetzt selbst auf dich acht geben, sagte sie. Und als sie seine Tränen bemerkte, flüsterte sie: Lass nur, es ist schon gut so. In dieser Nacht, draußen riss ein Sturm die Blätter von den Bäumen, verließ sie ihn.

Die Beisetzung fraß seine letzten Ersparnisse auf. Um Pfarrer, Sargträger und Totengräber bezahlen zu können, musste er sich sogar Geld leihen. Von ehemaligen Kollegen, vom Kneipenwirt, vom kleinen Laden an der Ecke; selbst der Hauswirt gab seinen Teil dazu. Es wurde eine angemessene Bestattung.

Und nun steht er auf dem Brückengeländer, die Fußspitzen weit hinausragend, hoch über dem Fluss, bereit, sich fallen zu lassen. Nur die Hand am Metallpfeiler hält ihn noch in diesem Leben. Und gerade, als er loslassen will, um die unsichtbare Grenze zu überschreiten, hört er dieses eindringliche Jaulen. Ein Jaulen, das nach Leben giert.

Der Mann ist verwirrt, glaubt er sich doch allein auf der Brücke. Suchend blickt er sich um. Woher kommt dieses Geräusch? Wieder erklingt das Jaulen. Unsicher klettert er vom Geländer. Der Mann geht um den Metallpfeiler herum und sieht im schwachen Licht der Straßenlaternen einen Hund - kaum größer als ein Spaniel -, dessen helles, kurzes Fell am Hinterbein dunkel gefärbt ist. Der Hund leckt sich intensiv, aber die dunklen Flecken bleiben. Der Mann beugt sich vor, streckt seine Hand aus. Sofort schnüffelt der Hund daran, beginnt sie dann mit seiner warmen Zunge abzulecken. Der Mann betastet das Hinterbein des Hundes, der sofort zu winseln beginnt. Das Fell fühlt sich feucht und klebrig an.

"Dich hat ein Auto erwischt, was?" sagt der Mann zum Hund. "Sieht ziemlich böse aus."

Er richtet sich auf, und er hat wieder das Brückengeländer vor Augen. Da unten wartet der Fluss, der ihn von allen Sorgen befreien wird. Keine Sorgen mehr! Nie wieder! Und seine Hand, die eben noch die Wärme des Hundes gespürt hat, greift nach dem Geländer. Das Metall fühlt sich glatt und kalt an, so wunderbar glatt und kalt.

Wenn ich springe, fährt es ihm durch den Kopf, wer kümmert sich dann um den Hund? Irgend jemand muss sich doch um den Hund kümmern, sonst wird er sterben!

Er blickt die Straße entlang, die über die Brücke führt. Nichts. Kein Auto, kein Radfahrer, kein Mensch. Nur er selbst. Und der Hund. Er lässt das Geländer los.

"Bei mir in der Straße gibt es einen Tierarzt", sagt er zum Hund, "der wird dir helfen!"

Er zieht seine Jacke aus und legt sie vorsichtig um das Tier. Langsam, um dem verletzten Hund nicht unnötig weh zu tun, hebt er ihn hoch und drückt das Bündel an seine Brust. In seinen Händen pulsiert das Herz, und er weiß nicht, ob es sein eigenes ist oder das des Hundes.

"Komm", sagt der Mann, "lass uns nach Hause gehen!"

Und er geht auf die hell leuchtende Stadt zu.
Zuletzt geändert von dbs am 08.05.2007, 12:17, insgesamt 1-mal geändert.

hwg
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Re:

von hwg (07.05.2007, 12:13)
Gratulation zu diesem Text - perfekt "komponiert", Situation gut nachvollziehbar geschildert. Mit einem Wort - druckreif!

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Adriana
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Re:

von Adriana (07.05.2007, 13:46)
Kann mich nur anschließen. Gut geschrieben: Knapp und präzise, aber trotzdem hoch emotional. Hat mich sehr berührt.

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wgbajohr
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Re:

von wgbajohr (07.05.2007, 14:46)
Hallo Siegfried!
Großartig! - Die Geschichte hat mich tief bewegt.
Viele Grüße
wgbajohr
Die Veränderung der Welt beginnt bei jedem Einzelnen
Etwas beeinflussen zu können heißt, dafür verantwortlich zu sein
http://www.leistung-und-gesellschaft.de/

g.c.roth

Nur ein Hund

von g.c.roth (08.05.2007, 06:18)
Hallo Siegfried,
Du schreibst wunderbar mitreißende Texte. Als Leser hat man vom ersten Absatz an das Gefühl, in Deinen Erzählungen dabei zu sein.

Gruß
Grete

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