Innerer Kritiker- Wie austricksen?

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Vivanini
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Innerer Kritiker- Wie austricksen?

von Vivanini (01.10.2008, 18:20)
Hallo zusammen,

heute hab ich mal ne schreibtechnische Frage. :roll:

Wie trickst ihr euren inneren Kritiker aus, wenn er versucht euch vom Schreiben abzuhalten?

Bei mir gehts zur Zeit nur zwei Sätze schreiben und mindestens 1 1/2 wieder streichen,um sie anders zu formulieren und dann doch wieder zu streichen.
Nach spätestens einer Stunde geb ich auf. :twisted: Dabei möcht ich einfach nur alles runterschreiben, hinter einander weg, ohne Punkt und Komma am besten. (so wie früher) cry::
LG Anja

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Marie von Ebner-Eschenbach

LOFI

Re: Innerer Kritiker- Wie austricksen?

von LOFI (01.10.2008, 18:23)
Vivanini hat geschrieben:
Dabei möcht ich einfach nur alles runterschreiben, hinter einander weg, ohne Punkt und Komma am besten. (so wie früher) cry::


Dann tu es einfach auch so. Denk nicht beim Schreiben des nächsten Satzes darüber nach, wie du den vergangenen ändern könntest. Einfach runterschreiben und dir sagen: Es muss jetzt erst mal raus und hinterher, nach 5 bis 10 Seiten wirds überlesen. Ich schlafe immer erst eine Nacht drüber, bevor ich meine Tagesarbeit korrigiere.

lg

lorenz

Dozen-Roses

Re: Innerer Kritiker- Wie austricksen?

von Dozen-Roses (01.10.2008, 20:03)
Vivanini hat geschrieben:
Hallo zusammen,

heute hab ich mal ne schreibtechnische Frage. :roll:

Wie trickst ihr euren inneren Kritiker aus, wenn er versucht euch vom Schreiben abzuhalten?

Bei mir gehts zur Zeit nur zwei Sätze schreiben und mindestens 1 1/2 wieder streichen,um sie anders zu formulieren und dann doch wieder zu streichen.
Nach spätestens einer Stunde geb ich auf. :twisted: Dabei möcht ich einfach nur alles runterschreiben, hinter einander weg, ohne Punkt und Komma am besten. (so wie früher) cry::


Hallo!
Ich denke, ich bin mir selbst kein guter Kritiker. Ich schreibe das, was mir so einfällt, erst einmal so runter. Lese es mir selber laut vor, berichtige locker, ohne mich zu kritisieren. Ein neutraler Kritiker ist für mich meine bessere Hälfte.
Über meine eigenen Texte kann ich beim Lesen lachen, weinen und anderer Stimmung sein, so als hätte sie jemand anders geschrieben. Das kommt daher, weil ich nicht mit dem Kopf sondern aus der Empfindung heraus schreibe.
Später bin ich oft erstaunt, was ich da so fabriziert habe.

Also, erst einmal einfach losschreiben. Es steht niemand hinter deinem Stuhl der nörgelt, dass es nicht gut ist. Sonst stehst du dir selber im Weg.

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Gigger
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Re:

von Gigger (01.10.2008, 20:38)
Ich schreib auch den Text zuerst fertig. Dann überarbeite ich ihn komplett noch einmal neu und dann noch einmal. So habs ichs zumindestz beim esten Buch gemacht und jetzt auch bei Teil 2.
Wenn du früher auch so gearbeitet hast, dann wird das schon wieder kommen. Ist vielleicht wie bei einem STürmer. Plötzlich klappt nichts mehr, aber wenn er dann einmal trifft, ist' s wie früher. Hoffe es.
Vielleicht hilft mal eine kreative Pause?

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skipteuse
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Re:

von skipteuse (01.10.2008, 20:49)
beim ersten runterschreiben einfach tief atem holen und ... los. einfach schreiben, nicht aufhören. als würdest du jemanden atemlos eine story erzählen. und dann wird gefeilt. einige korrekturdurchläufe lang - mit drüber-schlfen-nächten dazwischen, meist ... ;-)

LG, Barbara

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Siegfried
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Re:

von Siegfried (02.10.2008, 02:44)
Hmm ...

Dieses Drauflosschreiben, das ist etwas, was ich überhaupt nicht kann. Ich brauche einen Einstieg in die Szene, die ich schreiben will, und ein Ziel, was mit der Szene erreicht werden soll. Was in der Szene geschieht, ist dann wieder abhängig davon, welche Rolle sie im Gesamtzusammenhang hat. Wenn ich also Anfang und Ziel kenne, kommt der Rest von alleine. Wenn es mit dem Schreiben der Szene nicht klappt, dann liegt das meist daran, dass das Ziel der Szene nicht stimmt oder unklar ist.

Ich habe das mal bei einer Fantasy-Geschichte sehr bewusst eingesetzt. Als erstes habe ich die Grundidee ausgearbeitet (hier: "Sei vorsichtig mit deinem Wunsch, eine Kriegerheld zu sein - er könnte in Erfüllung gehen"). Mir ging es um einen Jungen, der davon träumt, Heldentaten zu begehen und dessen größter Wunsch es ist, mit den Kriegern des Königs in die Schlacht zu ziehen.

Am Ende soll die Erkenntnis des Jungen stehen, dass Heldentum und Kampf und Krieg ein ziemlich verlogener Mythos sind und die Realität ganz anders aussieht.

Nachdem das klar war, habe ich die Struktur der Geschichte entwickelt. Klar ist, dass ich eine Einführung des Jungen brauchte und sehr schnell den starken Wunsch des Jungen dem Leser klar machen muss. Das war meine Einstiegsszene.

Als zweites muss eine Begegnung mit einem Krieger des Königs her, damit der Junge die Möglichkeit bekommt, seinen Wunsch wahr werden zu lassen - was aber aufgrund äußerer Bedingungen nicht klappt (Konflikt zwischen Wunsch und Realität).

Der Konflikt führt zu ganz bestimmten psychologischen Effekten beim Jungen, die das Ende der Geschichte bereits andeuten.

Die Wende tritt ein, als der Junge den Krieger wiedertrifft. Jetzt ist der Krieger aber nicht auf dem Weg zu neuen Heldentaten, sondern auf der Flucht aus einer verlorenen Schlacht und zudem schwer verwundet. Der Krieger beschreibt sehr plastisch, wie das Heer des Königs vernichtet wurde und wie er nichts weiter versucht hat, sein eigenes Leben zu retten, und nun langsam verblutet. Der Junge will den Krieger retten, scheitert aber. Und das jämmerliche Sterben des Kriegers führt zu massiven Zweifeln über die ganzen Mythen von Heldentum, Ehre und Schlachterfolgen.

Der Junge kehrt in sein Dorf zurück und erlebt dort den Auftritt von Werbern, die neue Krieger für den König suchen. Sie reden von Ehre, von der gerechten Sache des Königs, für die es sich lohnt zu kämpfen und notfalls zu sterben. Ein heldenhaftes Kriegerleben zu führen.

Der Junge wendet sich von den Werbern und ihren leeren Versprechungen ab und kehrt zu seiner Familie zurück. Der Vater war immer gegen die Träume seines Sohnes eingestellt und hat das Kriegerhandwerk verteufelt. Als der Junge das Haus seiner Eltern betritt, liegen Waffen auf dem Tisch. Sein Vater und die anderen Männer des Dorfes sind gezwungen, das Dorf, ihre Familien und die Ernte gegen heranrückende marodierende feindliche Krieger zu verteidigen - ein kaum zu lösende Aufgabe. Der Vater bittet den Jungen, ihm das Handwerk eines Kriegers beizubringen. Der Junge ist irritiert über den Wunsch seines Vaters. Und statt eines Hochgefühls, nun doch als Krieger aktiv werden zu können, empfindet der Junge plötzlich nur noch Angst vor dem, was da kommt.

Aus diesem Ablauf habe ich den szenischen Aufbau gebastelt:

Szene 1 (Einführung der Hauptfigur):
Junge mit Bruder und Vater bei der Feldarbeit. Der Junge übt an einer Vogelscheuche mit einem Holzschwert den Kampf - etwas, was sein Vater ihm verboten hat.
Einstieg: Kampf mit der Vogelscheuche
Ziel: Der Junge wünscht sich, ein Krieger zu sein, ist aber nur ein Bauernsohn


Szene 2:
Der Junge wird von seinem älteren Bruder wegen seiner Heldenträume verhöhnt. Die beiden prügeln sich, wobei der Jüngere der beiden sich als der bessere Kämpfer erweist. Plötzlich steht ein Krieger auf einem Schlachtross neben dem Feld und schaut dem Kampf interessiert zu. Er lobt den Jungen und hält ihn für ein brauchbaren Krieger des Königs - in ein paar Jahren. Der Junge ist stolz wie Bolle.
Einstieg:Verhöhnung durch den Bruder
Ziel: Der Junge zeigt sich als guter Kämpfer und hat Chancen, Krieger des Königs werden zu können


Szene 3:
Der Junge träumt mehrere Nächte lang von der Begegnung mit dem Krieger. Er sieht sich an der Seite des Kriegers in den Kampf ziehen. Aber mit jeder Nacht wird das Ende des Kampfes immer negativer.
Einstieg: Träume von Heldentum
Ziel: Andeutung eines schlechten Endes

Szene 4:
Viele Tage später. Der Junge muss Ziegen am Fluss hüten. Dabei entdeckt er den Krieger, der schwer verwundet an der Uferböschung liegt. Ein Pferd - ein anderes als in Szene 2 - liegt tot auf dem Krieger und hat ihm beim Sturz das Bein gebrochen. Außerdem blutet der Krieger stark aus einer Schulterwunde. Der Junge versorgt den Krieger mit Wasser und will die Wunde versorgen, doch es ist zu spät. Der Krieger berichtet, wie das Heer abgeschlachtet wurde, wie die Krieger im Sterben nach ihren Müttern schrien, wie auf dem ganzen Schlachtfeld nichts zu sehen war von Ruhm und Ehre, sondern nur Tod und Schmerzen. Dass alles eine Lüge sei, was vor einer Schlacht erzählt wird. Der Krieger stirbt. Der Junge ist von der Erzählung des Kriegers schwer erschüttert.
Einstieg: Der Junge entdeckt etwas Mysteriöses am Fluss
Ziel: Das Bild des heroischen Kriegers wird zerstört

Szene 5:
Der Junge kehrt in sein Dorf zurück. Werber sind eingetroffen und wollen die Männer - ausnahmslos Bauern - zum Dienst im Heer des Königs überreden. Die Männer hören den Werbern bei deren blumigen Reden zu. Der Junge wendet sich mit Abscheu von der Szenerie ab.
Einstieg: Die Werber reden vom Heldentum
Ziel: Der Junge erkennt die Werber als Lügner

Szene 6:
Der Junge kehrt in das Haus seiner Eltern zurück. Die Familie hat sich vollständig um einen Tisch versammelt. Es herrscht eine bedrückte Stimmung. Auf dem Tisch liegen alte, rostige Schwerter und Äxte. Der Vater erzählt von marodierenden feindlichen Kriegern, die das Dorf bedrohen. Die Männer des Dorfes sind entschlossen zur Verteidigung, doch sie haben keine Erfahrung im Gebrauch von Schwertern und Streitäxten. Der Junge soll ihnen zeigen, wie man damit kämpft. Der Junge versteht die Welt nicht mehr. Und er fühlt nichts anderes mehr als Angst.
Einstieg: Im Elternhaus herrscht eine völlig ungewohnte Stimmung
Ziel: Der Junge erkennt, wie brutal reale Gewalt im eigenen Leben wirkt


So. damit standen die Szenen, und ich konnte das Schreiben beginnen. Das war dann ein völliger Selbstgänger und innerhalb weniger Stunden erledigt. Der Text wurde zwei Drafts unterzogen, insbesondere die Szene am Fluss und im Haus wurden dabei deutlich gegenüber dem ersten Entwurf umgeschrieben.

Bei einem Wettbewerb mit 220 Teilnehmern wurde die Geschichte zur Sieger-Story erklärt. cheezygrin

Diese Art von Schreiben bevorzuge ich bis heute. Ich weiß, das ist nicht jedermanns Sache. Mir hilft es, die Struktur der Geschichte als Ganzes festzulegen und sie in arbeitstaugliche Happen mit jeweils eigener Struktur zu zerlegen und die Szene dann zu schreiben. Ein Steckenbleiben ist mir dabei bislang noch nicht passiert.

Grüße
Siegfried

Duval
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Re:

von Duval (02.10.2008, 09:52)
Hm, Siegfried, das ist bestimmt eine sehr effiziente Methode um ein Buchprojekt durchzubringen. Und der Erfolg hat dir recht gegeben.
Trotzdem könnte ich mir so eine Vorgehensweise für mich nicht vorstellen. Es ist mir zu klinisch, zu wissenschaftlich. Ist Schreiben denn nicht eine Emotionalität für dich?
Bei mir steht meistens nur eine Grundidee. Manchmal sogar nur eine einzige Szene. Dann beginne ich und alles weitere ergibt sich laufend. Oft spiegelt sich im Buch sogar meine Tagesform wieder. Gehts mir gut, dann schreibe ich 08.15-Stil. Gehts mir aber schlecht, dann schreibe ich am Besten.

Grüße,
Duval

LOFI

Re:

von LOFI (02.10.2008, 10:21)
Duval hat geschrieben:
Bei mir steht meistens nur eine Grundidee. Manchmal sogar nur eine einzige Szene. Dann beginne ich und alles weitere ergibt sich laufend. Oft spiegelt sich im Buch sogar meine Tagesform wieder. Gehts mir gut, dann schreibe ich 08.15-Stil. Gehts mir aber schlecht, dann schreibe ich am Besten.

Grüße,
Duval


So sehe ich das persönlich auch. Ich habe eine Idee und drumherum wird gebaut. Und beim Bauen, fallen mir immer mehr Anbauten ein. Den roten Faden der Geschichte spinne ich nicht unbedingt vom Anfang bis zum Ende, sondern ich entwickle ihn sozusagen oft aus einem Knäuel von Ideen heraus. Meine Phantasie würde ich nicht gerne durch allzu stringentes Vorfertigen des Grundgerüstes einschränken.

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Lorenz

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Vivanini
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Re:

von Vivanini (02.10.2008, 11:08)
Hallo Zusammen,

danke für die vielen Kommentare.

Siegfried dir besonderen Dank für die doch sehr umfangreiche Schilderung deiner Vorgehnsweise.
Eine Frage hab ich dazu noch: Wie lange hast du für die Planung der Geschichte gebraucht, bist du also anfangen konntest einfach alles runterzuschreiben?


Wie gesagt früher hab ich mich einfach hingesetzt und konnte auch einfach drauf-los-schreiben.
Vielleicht sollte ich Siegfrieds Variante aber auch mal probieren, immerhin hat sich seit früher ja einiges geändert.
Früher hat ich meine Ruhe, heute rennen 12 Paar Beine um mich rum, Job und Haushalt kommen auch noch dazu und wirklich Ruhe zum schreiben hab ich nirgends.

Irgendeine Arbeitsvariante muß es doch auch für mich geben :roll:
LG Anja



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Judith
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Re:

von Judith (02.10.2008, 11:29)
Hallo Vivanini,

ich schreibe beinahe drauflos. Vorher muss ich aber entweder spazierengehen oder mich zwanzig Minuten hinlegen, um mir den Einstieg oder ein paar Ideen für das nächste Kapitel zurechtzulegen. Ohne diese kurze Überlegungsphase geht bei mir gar nichts, vor einem Blatt liniertem Papier fällt mir sonst nichts ein.

Grüßle,
Judith
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Siegfried
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Re:

von Siegfried (02.10.2008, 11:57)
Hi!

Duval hat geschrieben:
Hm, Siegfried, das ist bestimmt eine sehr effiziente Methode um ein Buchprojekt durchzubringen. Und der Erfolg hat dir recht gegeben.
Trotzdem könnte ich mir so eine Vorgehensweise für mich nicht vorstellen. Es ist mir zu klinisch, zu wissenschaftlich. Ist Schreiben denn nicht eine Emotionalität für dich?


Nur in sehr geringem Maße. Das Schreiben von spannenden und unterhaltenden Geschichten betrachte ich nicht als Selbsterfahrungstherapie - so etwas ist ein ganz anderes Thema und gehört auch nicht unbedingt als gedrucktes Werk in die Öffentlichkeit (was letztlich aber jeder selbst entscheiden muss). Emotionen müssen vor allem meine Figuren durchleben, nicht ich.

Für mich stellt sich beim "emotionalen" oder "einfach drauflos" Schreiben immer die Frage, wie man damit Geschichten schreiben kann, die einen Termin und eine inhaltliche Vorgabe haben. Etwa wenn heute der Verlagslektor ankommt und sagt: "Wir brauchen von dir einen sozialkritischen Roman von 250 Seiten zum Thema 'gesellschaftlicher Absturz', der bis Juli/August 2009 fertig sein muss." Oder wenn es um einem Wettbewerb geht: "Wir suchen Geschichten, bis zu 20 Standard-Manuskriptseiten lang, zum Thema Todesstrafe. Abgabetermin ist der xx.xx.xxxx". Ich bin der Auffassung, ein Schriftsteller, der sein Handwerk beherrscht, sollte solche "Auftragsarbeiten" erledigen können.

Extrem viel habe ich aus dem Buch "Bestseller" von Al Zuckerman gelernt, wo die komplette Entstehungsgeschichte eines Romans dargestellt wird, vom Grobentwurf bis hin zur fertigen Arbeitsvorlage für das eigentliche Schreiben.

Ich will niemanden davon abbringen, sich hinzusetzen und einfach zu schreiben, was ihm oder ihr gerade als Phantasie durch den Kopf geht. Jede/r soll den Weg gehen, den er/sie für sich als den Richtigen erachtet. Allerdings sollte man sich der Gefahren bewusst sein - etwa dass man plötzlich stecken bleibt und nichts mehr geht (die Frage ist dann: Warum ist das so?) oder dass einem alles, was man zu Papier bringt, als unbrauchbar erscheint (und auch hier stellt sich die Frage, warum dieser innere Zensor auftaucht - wenn die Frage beantwortet ist, dann kann man Gegenmaßnahmen ergreifen).

Grüße
Siegfried

LOFI

Re:

von LOFI (02.10.2008, 12:11)
Siegfried hat geschrieben:
Emotionen müssen vor allem meine Figuren durchleben, nicht ich.


Emotionen, die ich in meine Figuren lege, kann ich umso besser beschreiben, je mehr ich mich in sie hineinversetze. Dass dadurch natürlich eine persönliche Färbung mit hinein kommt, ist nicht auszuschließen, aber gerade das kann ja auch ein Markenzeichen des Schreibers sein, dass man ihn in seinen Figuren wiedererkennt. Es muss ja dabei nicht unbedingt autobiographisch sein. Ich kann mich sowohl in die Emotionen eines hartherzigen Ehemannes hineinversetzen, als auch in die eines liebevollen. Ich jedenfalls muß die Emotionen miterleben, um sie glaubhaft an meine Figuren zu haften.

G

Lorenz

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skipteuse
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Re:

von skipteuse (02.10.2008, 12:15)
wirklich sehr spannend, was Christa Wolf dazu geschrieben hat; sie hat für sich ein (neues) Literaturkonzept entwickelt (in Lesen und Schreiben, glaube ich): der subjektiven Authentiziät: Man muss nicht alles selbst so erlebt haben, aber man müsste es nachfühlen können bzw auf eigenen Erfahrungen basierend möglich sein ... Dazu gibt es ellenlange Texte - ist auch nur ein Schreibkonzept, aber ein sehr spannendes, weil sie die Färbung, von der Lofi spricht miteinbezieht, ohne dass alles autobiografisch sein muss.

Nichtsdesto trotz ist es neben dem Talent auch Handwerk, gute Geschichten etc, zu schreiben, die eben auch für andere interessant/ spannend sind, denke ich.

Gruß, Barbara

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Siegfried
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Re:

von Siegfried (02.10.2008, 12:55)
Vivanini hat geschrieben:
Siegfried dir besonderen Dank für die doch sehr umfangreiche Schilderung deiner Vorgehnsweise.
Eine Frage hab ich dazu noch: Wie lange hast du für die Planung der Geschichte gebraucht, bist du also anfangen konntest einfach alles runterzuschreiben?


Als erstes hatte ich die Vorgabe für den Wettbewerb. Es gab einen Termin, bis wann die Texte eingereicht werden mussten, eine thematische Vorgabe in Form einer allgemeinen Überschrift (hier: "Strahlende Helden"), eine vorgegebene maximale Länge und gewisse Einschränkungen bzgl. der Inhalte: keine Fan-Fiction (also etwa Star Trek Storys oder Herr-der-Ringe-Erweiterungen und so), keine übermäßige Gewalt, keine pornografischen Inhalte.

Als ich auf den Wettbewerb aufmerksam wurde, hatte ich noch drei Monate Zeit bis zum Abgabetermin.

Ich habe mir die Überschrift des Wettbewerbs gegriffen und Brain Storming betrieben. Was fällt mir alles zum Thema "Strahlende Helden" ein? Jede Idee wurde auf einem Papier im Format A3 mit Bleistift festgehalten. So bauten sich allmählich mehrere Stränge auf. Ein Strang war - logischerweise - die klassische Heldengeschichte: Held zieht los und besteht Abenteuer. Dieser Strang endete aber irgendwann in Klischees. Also unbrauchbar.

Ein zweiter Strang enthielt nur Blödsinn. Das "strahlend" wurde hier wortwörtlich genommen, d.h. der Held ist radioaktiv verseucht und strahlt auf seine Umgebung aus. Daraus entwickelte sich eine ganz interessante Idee, die aber irgendwie total abstrus wurde.

Ein dritter Strang baute sich aus dem Grundprinzip des Konfliktes heraus auf. Wo steckt der Konflikt in der Überschrift? "Strahlende Helden", das ist bereits ein Klischee. Also muss das Klischee gebrochen werden. Helden sind weder Helden noch strahlen sie. Meist sind Helden ziemlich arme Schweine, die von anderen ausgenutzt werden (mir fiel damals der Satz in die Finger "Wer immer seine Pflicht erfüllt, dient nur den Interessen anderer Leute"), und dieses Strahlen wird Helden von Bewunderern angehängt, die keine Ahnung davon haben, was so ein Held wirklich durchlebt hat. Dieser Strang wurde auf dem Papier immer länger. Und irgendwo tauchte dann die Frage auf, was mit jugendlichen Bewunderern von Helden passiert, wenn die Realität über sie hereinbricht, wenn ihr Wunsch nach Heldentum und Kampf Wirklichkeit wird. Damit hatte ich meine Grundidee.

Für dieses Brain Storming brauchte ich in Summe etwa zwei Tage Zeit (verteilt auf etwa eine Woche).

Danach habe ich als allererstes die Anfangsszene geplant (Bauernjunge, der vom Heldentum träumt) und den Schluss festgelegt (Bauernjunge erkennt die reale Gefahr und bekommt Angst). Diese beiden Szenen festzulegen ging sehr schnell und waren innerhalb von drei, vier Stunden fertig (als Konzept wohlgemerkt).

Die Handlung selbst wurde anhand eines dramaturgischen Gerüstes erstellt. Dieses Gerüst wird in unzähligen Büchern über das Schreiben erläutert (Stichwort Plot-Punkte, u.a. nachzulesen bei Syd Field: "Das Handbuch zum Drehbuch" - heutige Geschichte sind stark von der dramaturgischen Struktur des Kinos beeinflusst).

Ich brauchte zwei Plotpunkte in meiner Geschichte. Der erste sollte meine Hauptfigur in seinem Wunsch bestärken, ein heldenhafter Krieger zu werden. Der zweite Plot-Punkt musste genau diesen Wunsch zum Einsturz bringen. Am Ende sollte sich der Mythos des Helden als Lüge herausstellen, doch ist jetzt ein Geschehen in Gang gesetzt, dass den Jungen unerbittlich dazu zwingt, das anzuwenden, was er ursprünglich haben wollte und nun fürchtet.

Als ersten Plot-Punkt habe ich die Begegnung mit dem Krieger entwickelt, der dem Jungen eine große Zukunft als Krieger des Königs verspricht. Für den zweiten Plotpunkt war es daher logisch zwingend, dass genau dieser Krieger die Krise auslöst und den Mythos Heldentum entlarvt.

Damit hatte ich meine Handlungsstruktur für die Geschichte festgelegt. Um die Konflikte zu verstärken, habe ich eine Auseinandersetzung zwischen dem Jungen und seinen Vater eingebaut (der Vater will, dass sein Sohn ein ordentlicher Bauer wird, und verbietet ihm jegliche kriegerische Aktivität wie etwa Übungskämpfe mit einem selbst gebastelten Holzschwert) sowie eine Szene, die die Aussagen des sterbenden Kriegers bestätigt, dass Glorie und Heldentum genutzt werden, um Leute zu ködern (die Werber habe ich erst recht spät in die Geschichte aufgenommen).

Nach etwa zwei Wochen stand mein Handlungsgerippe, und es war schon ordentlich Fleisch drauf. cheezygrin

Dieses Handlungsgerüst stellte ich dann zwei befreundeten Autoren vor, die Handlung und Ablauf auf Lücken und Fehler abklopften. Das Ende in der damaligen Fassung gefiel nicht.

Die Idee von den Übungen mit dem Holzschwert brachte mich zu den ersten Zeilen der Geschichte. Der Anfang einer Geschichte muss den Leser möglichst schnell packen. Die Story fängt so an:

    Die Schwerthiebe trafen den Unhold dicht an dicht. Links, rechts. Ein Schlag gegen die Schulter. Ein Stoß in den Körper. Plötzlich krachte es, und Rota hielt nur noch die Hälfte seines einfach geschnitzten Holzschwertes in der Hand.

    »Verdammt!« Er zog die Spitze der Klinge aus den Lumpen, die der Vogelscheuche als Kleidung dienten, und betrachtete die Bruchstelle. 'Das lässt sich nie wieder zusammensetzen', dachte er und seufzte.

    Rotas Vater erschien am Feldrand. Er hielt zwei Hacken mit langen Holzstielen und reckte eine davon hoch. »Rota! Was machst du da? Du sollst doch das Feld jäten. Nun komm schon!«


Die einzelnen Szenen wurden jetzt ausgearbeitet, und ein neues Ende geplant. Dieses neue Ende wurde nochmals mit den beiden anderen Autoren durchgesprochen. Nun war das Gerüst endgültig fertig und das Ausformulieren konnte beginnen.

Zeitlich waren etwa sechs Wochen vergangen. Am Gerüst gearbeitet habe ich dabei etwa drei bis vier Mal die Woche jeweils zwei bis drei Stunden - also nicht übermäßig viel (natürlich ging mir die Story ständig im Kopf herum, aber das war mehr ein Sortieren von Kleinigkeiten in den einzelnen Szenen).

Für die Ausformulierung des Textes habe ich ein Wochenende gebraucht. Dann habe ich den Text eine Woche lang zur Seite gelegt und ihn nicht angerührt. Nach dieser einen Woche habe ich dann zwei Korrekturläufe gemacht, um Rechtschreibung, Grammatik und Formulierungen zu polieren.

Etwa vier Wochen vor Termin habe ich den Text eingereicht. Wie viele Stunden ich effektiv am Text gearbeitet habe, kann ich nur raten. ich schätze so um die 40 bis 50 Stunden, was also einer normalen Arbeitswoche entspricht.

Wie gesagt: Das ist meine Vorgehensweise. Bei mir funktioniert sie - bei anderen vielleicht nicht.

Grüße
Siegfried

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Re:

von Vivanini (02.10.2008, 13:45)
Boh ey Siegfried, hätt doch auch gereicht, wenn du geschrieben hättest "ich brauchte dafür ca. 6 Wochen mit tgl. 2 Stunden" so oder so ähnlich cheezygrin
Du machst ja aus der Beantwortung einer Frage schon einen ganzen Romen. :lol:


Aber thanks: das du mich über die Schulter gucken lassen hast. thumbbup
LG Anja



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