Copymania - Tagebuch eines Autoren (Satire)

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JMertens
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Copymania - Tagebuch eines Autoren (Satire)

von JMertens (02.07.2009, 14:43)
Montag
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Ich habe mir vorgenommen, ein Buch zu schreiben. Es soll ein richtig guter Roman werden. Alles, was ich dazu brauche, liegt mir bereits vor - dem Internet sei Dank! Ein Paket mit 500 Schriftarten, völlig gratis heruntergeladen, befindet sich gerade im Entpackvorgang. Dazu 50 gut gerenderte Bilder, die wirklich gut zur Story des Buches passen. Das Cover ist das Werk eines modernen Künsters, das ich im Kölner Kunstmuseum abfotografiert habe. Den Namen habe ich zwar vergessen, aber ist ja auch egal - ist ja schließlich MEIN Buch. Auch 300 Zitate habe ich im Laufe der Zeit gesammelt. Keine Ahnung, wer das alles gesagt hat, aber so viel Schläue und Weisheit macht sich in meinem Buch bestimmt gut. Ich setze mich an den Computer, knacke einmal kräftig mit den Fingern und will gerade loslegen, da öffnet sich plötzlich ungefragt ein Fenster am Bildschirm, in dem ich auf das Copyright der Schriftarten hingewiesen werde. Daraus geht klar hervor, dass ich die Schriftarten nur für persönliche Ausdrucke benutzen darf. Hmm, komisch! Im selben Fenster befindet sich ein Link auf eine noch unbekannte Seite. Ich klicke ihn an und lande auf einer Webseite, in der das Urheberrecht genau erklärt wird. Von Zitatrecht, Verwertungsrecht und anderen böhmischen Dörfern ist da die Rede. Nachdem ich ein wenig in dem Text gestöbert habe, entwickelt sich so ganz allmählich die Erkenntnis, dass ich auf einer völlig unbrauchbaren Sammlung von Schriftarten, Bildern und Zitaten sitze. Mein Gott, das Buch, das ich zu schreiben beabsichtige, hätte mich womöglich lebenslänglich in den Knast gebracht. Ich danke dem lieben Gott für dieses Fenster, das mich vor schlimmen Folgen bewahrte.


Dienstag
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Ich lasse die Bilder und die Zitate einfach aus dem Buch raus. Die Bilder waren eh hässlich, und die Urheber der Zitate sind sowieso allesamt Klugscheißer! Auf das Cover kommt nichts - das macht die Leser neugierig. Und als Schriftart wähle ich einzig und allein Times New Roman. Ich schaue mir das Schriftbild noch einmal über die Systemsteuerung an. Einfach herrlich, diese Einfachheit! Doch Moment mal, was steht dort? Copyright 2006, The Monotype Corporation. Das glaube ich jetzt nicht, gell? Mir fällt gerade ein, wie viele Briefe ich schon in dieser Schriftart verfasst habe. Au weia, ich bin längst ein straffälliger Verbrecher. Bestimmt werde ich schon beobachtet. War da nicht eben ein merkwürdiges Geräusch an der Tür? Ach nein, das war nur die Katze. Während mir der Schweiß bereits vom Kopf in den Hemdkragen läuft, ermittle ich via Internet die Telefonnummer der Firma, um mir die - auch rückwirkende - Erlaubnis zu holen, die Schriftart benutzen zu dürfen. Ich tippe nervös die Nummer im Telefon ein, und kurz darauf meldet sich eine Stimme mit "Hello?" Der Einheitenzähler im Telefon tanzt während der Verbindung in die USA einen Zirtaki. Ich bringe zitternd mein Anliegen vor und bekomme zur Antwort: "Please speak English!" Ich kann kein Englisch. Und die Stimme kein Deutsch. Ende der Verbindung. Kosten: 15 Euro. Ich sollte schnellstens den Tarif wechseln.
Doch was jetzt? Mein Nachbar - der kann Englisch! Ich bitte ihn höflich, mir einen Text zu übersetzen, der die Bitte um das Nutzungsrecht beinhaltet. Mein Nachbar ist wirklich freundlich, denn der macht das anstandslos. Er ist zwar selbstständiger Fremdsprachenkorrespondent und knöpft mir dafür 50 Euro ab, aber dafür muss ich vielleicht nicht in den Knast. Ich gebe den Text in das E-Mail-Fenster ein und schicke die Anfrage los. Wunderbar. Jetzt brauche ich nur noch auf die Genehmigung warten. Bereits 30 Sekunden später bekomme ich schon Antwort. Das nenne ich doch mal eine schnelle Bearbeitung, im Gegensatz zu so manch anderen Seiten, wo man schon Glück haben muss, ÜBERHAUPT Antwort zu bekommen. Ich öffne die Mail und stolpere über einen englischen Text: "Delivery failed, no such adress. Return to sender." Damit kann ich nichts anfangen und suche wieder meinen Nachbarn auf. Er eröffnet mir (für 10 Euro), dass die Mail nicht angekommen ist, weil die von mir verwendete Mailadresse nicht existiert. Nun ist guter Rat teuer. Aber es gibt ja noch die klassische Briefoption, und eine Firmenadresse wird ja wohl existieren. Da ich ja nicht blöd bin und einen neuen Brief von meinem Nachbarn übersetzen lasse, nehme ich dafür den Text von der E-Mail. Gerade will ich ihn drucken, da fällt mein Blick auf den Copyrightvermerk. Ich habe schließlich noch keine Genehmigung, die Schriftart zu verwenden. Wenn ich sie also im Brief benutze und die Antwort negativ ausfällt, habe ich mich als Schaf direkt zu den Wölfen begeben. Nein, so geht das nicht. Ich bitte daher meinen Nachbarn, mit mir in die USA zu fliegen und die Sache persönlich zu regeln. Mein Nachbar ist wirklich sehr hilfsbereit. Er erklärt sich sofort einverstanden. Wenn ich die Reise bezahle und ihm seine Arbeit mit 2000 Euro honoriere, freut er sich sogar schon darauf. Solche Nachbarn sind doch Gold wert. Ich buche die Reise für nächsten Monat. Das Geld hat mein Nachbar heute schon im Voraus kassiert. Das kann ich verstehen, er muss ja schließlich auch leben.


Mittwoch
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Um erst mal auf andere Gedanken zu kommen, war ich heute beim Tätowierer. Das habe ich mir gut überlegt, und das Motiv, das ich mir ausgesucht habe, lag ein ganzes Jahr für die Entscheidung auf dem Tisch. Heute ist der große Tag. Ich überreiche dem Tätowierer stolz die Vorlage, und er meint nur: "Nee, das kann ich Dir nicht stechen, das Bild ist copyrightgeschützt. Enttäuscht frage ich ihn nach Alternativen. Er hat keine. Ich auch nicht. Also komme ich auf die originelle Idee, mir ein Copyright-Zeichen auf die Brust tätowieren zu lassen. Das kann ich rechtfertigen, schließlich gehört mein Körper ja mir. Das Ganze dauert drei schmerzhafte Stunden. Nachdem es aufgehört hat zu bluten, bezahle ich den Tätowierer mit 300 Euro und gehe raus. Es ist ein sehr sonniger Tag heute. Ich beschließe daher, mir das T-Shirt auszuziehen und das Werk der Öffentlichkeit vorzuführen. Nun ja, einige sehen gar nicht erst hin, andere gucken etwas skeptisch und verhalten drein. Besonders der Gemeindepfarrer, der sogar irgendwie erbost ist. Er hält mir eine Predigt, deren Essenz darin zusammengefasst werden kann, dass mein Leib immer noch Gott dem Herrn gehöre, und er allein darauf das Copyright habe. Er verlangt von mir die sofortige Entfernung des Tattoos. Da meine Haut aber keine Laserbehandlung verträgt, kommt er mir mit einer Alternativlösung. Ich soll jeden Sonntag brav in die Kirche kommen und fleißig Almosen im Klingelbeutel hinterlassen, ansonsten müsse er die Angelegenheit beim Papst anzeigen. Auf die Frage meinerseits, wie lange ich dafür Bedenkzeit habe, haut er mir eine runter. Copyrightverletzungen machen wohl auch vor dem Herrn nicht Halt.


Donnerstag
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Kurz vor der Bundestagswahl sticht mir eine kleine Partei ins Auge, die sich "Freibeuter-Partei" nennt. Die Ziele dieser Partei bestehen unter anderem in einer Lockerung der allgemeinen Urheberrechts- und Copyrightbestimmungen. Das finde ich gut. Endlich hat das alles mal ein Ende und ich darf meine Times New Roman benutzen. Ich beschließe diese Partei zu unterstützen und drucke mir 500 selbstgemachte Flyer aus. Während ich sie auf der Straße verteile, spricht mich ein Parteimitglied an und fragt mich, wo die Flyer denn herkommen. Als ich sage, dass ich sie selbst gedruck habe, nimmt er mir sie ab und meint, das wäre eine Copyrightverletzung, da ich das Logo der Partei auf einen selbstgestalteten Flyer aufgedruckt habe. Die Sache habe ein Nachspiel. Das verstehe ich nicht, und der Freibeuter sicher auch selbst nicht.
Da ich mein Buch nicht so lange aufschieben will, setze ich mich nachmittags daran, für die Übergangszeit eine frei benutzbare Schriftart im Internet zu suchen. Tatsächlich finde ich auch eine. Unter den Nutzungsrechten findet sich der englische Eintrag: "Creative Common License 2.0" Ich frage meinen Nachbarn, was das bedeutet. Er erklärt es mir für 5 Euro und stellt fest, dass sich diese Lizenz auf einer Internetseite wiederfindet. Ich öffne die Seite und finde einen längeren englischen Text, den mir mein Nachbar für 70 Euro übersetzt. Der Text ist mir zu kompliziert und ich lösche die Schriftart. Ich greife zu Stift und Papier. Hoffentlich können auch Vorabkritiker mein Sütterlin noch lesen.


Freitag
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Heute finde ich zwei Briefe im Briefkasten. Der eine ist vom Pfarrer, der mich an meine Copyrightverletzung und Gottes Forderung erinnert. Der andere ist von einem Genforschungsinstitut. Dieses hat ebenfalls Wind von meinem tätowierten umkreisten "C" bekommen. Es stellt sich heraus, dass ich wohl ein Klon bin, denn dieses Institut behauptet, dass alle Rechte an meinem Körper bei ihm liegen und nicht beim lieben Gott. Da scheint sich wohl hinter meinem Rücken ein religiös-wissenschaftlicher Rechtsstreit anzubahnen. Doch was mich viel mehr verwundert: Beide Briefe sind in Times New Roman verfasst. Offenbar haben sowohl die Kirche als auch das Institut schon den Ärger hinter sich, den ich gerade durchlebe. Eigentlich sollte ich sie fragen, wie ich am besten vorgehe. Doch irgendwie glaube ich nicht, dass sie angesichts der augenblicklichen Situation zu einem Ratschlag bereit sind.


Samstag
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Ich bekomme einen mittleren Herzinfarkt, als ich meinen Kontoauszug studiere. Die Angelegenheit ist ja nicht gerade billig, aber es muss ja schließlich alles seine Ordnung haben.
Ich bekomme zwei Anrufe. Der erste ist vom Genforschungsinstitut. Ich werde aufgefordert, zu meiner Tätowierung "Genforschungsinstitut Dreihausen" hinzuzuügen. Das würde aber an weiteren Forderungen nichts ändern. Ich verweise auf meinen Anwalt (mein Nachbar kennt da einen guten). Der zweite Anruf ist vom Pfarrer, der mir vorschlägt, neben das Copyrightzeichen auf meiner Brust den tätowierten Zusatz "Der liebe Gott" hinzuzufügen. Das würde mich aber nicht von meiner sonntäglichen Pflicht entbinden. Ich lehne ab, und er droht mir damit, mir morgen wieder eine runterhauen zu wollen.


Sonntag
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Der Pfarrer bekommt heute kein Geld von mir. Stattdessen bin ich gerade, mit einem Strick und einem Abschiedsbrief bestückt, auf dem Weg in den Wald. Im Treppenhaus begegnet mir mein Nachbar mit der Frage, ob er was übersetzen soll. Ich lehne dankend ab. Erstens darf den Brief noch niemand sehen, da er unberechtigterweise in Times New Roman geschrieben ist, zweitens ist er gar nicht in Englisch und drittens habe ich kein Geld mehr.
Ich hoffe nur, dass ich hier im Wald nicht jetzt noch gegen anderes Recht verstoße, z. B. Landfriedensbruch. Da ich aber gleich friedlich schlafen werde, kann von Friedensbruch keine Rede sein. Den Strick habe ich, um weitere Unannehmlichkeiten zu vermeiden, selbst geknüpft. Ich möchte denjenigen, der mich losschneidet, bitten, ihn meinem Nachbarn zu vermachen. Ich stehe schließlich tief in seiner Schuld und vermache ihm daher alle Rechte an dem Strick für die nächsten 70 Jahre. Das steht zwar alles in dem Brief, aber der ist ja, wie gesagt, rechtlich bedenklich.



P.S.: Ich, der Urheber dieses Tagebuches, überstelle diesen Text hiermit in die Gemeinfreiheit.

idebe
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Re:

von idebe (08.07.2009, 12:56)
Hallo JMertens,

irgendwie schade, dass diese Geschichte so wenig beachtet wird. Ich fand den Text schon beim ersten Lesen klasse und habe mich bestens amüsiert! thumbbup Ich traue mich nur oft nicht, etwas zum Text zu sagen, weil ich denke, dass ich eigentlich gar keine Ahnung habe - ich schreibe ja nur Sachtexte.

Viele Grüße
Ina

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JMertens
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Re:

von JMertens (08.07.2009, 13:49)
Das sehe ich nicht so eng - den Text habe ich mir aus einer Laune heraus in ca. 20 Minuten aus den Fingern gesogen, nachdem ich über drei Tage hinweg eine für mich brauchbare, komplett freie Schriftart gesucht habe. :lol:

Bei vielen Textvorstellungen hier im Forum kommen keine oder nur wenig Antworten. Dem würde ich aber keine wesentliche Bedeutung beimessen.

Aber wieso traust Du Dich nicht? Ist doch ein Forum für alle, und weil Du ausschließlich Sachtexte schreibst, heißt das doch nicht, dass Du keine Ahnung hast. Der Zusammenhang erschließt sich mir jedenfalls nicht. Ich schreibe z. B. ausschließlich Horror und Esoterik, dennoch war mir mal nach einer Satire :wink:

Inselchen

Klasse

von Inselchen (08.07.2009, 14:03)
Die Satire in Tagebuchform ist wirklich klasse. Ich habe mich ziemlich amüsiert. :-9
thumbbup

idebe
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Re:

von idebe (08.07.2009, 14:13)
JMertens hat geschrieben:
Aber wieso traust Du Dich nicht?

Vielleicht bin ich immer noch ein wenig schulgeschädigt, auch wenn es schon recht lang her ist angle: . Da muss ja jede Aussage begründet werden. Ich war immer eine Leseratte und mochte trotzdem das Fach Deutsch überhaupt nicht: "Was will uns der Autor sagen?" :twisted:

JMertens hat geschrieben:
Bei vielen Textvorstellungen hier im Forum kommen keine oder nur wenig Antworten. Dem würde ich aber keine wesentliche Bedeutung beimessen.

Da hast du wohl leider recht. Trotzdem schade!

M-F Hakket
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Registriert: 20.08.2009, 13:37

Re:

von M-F Hakket (08.07.2009, 14:13)
Wie geil. :shock::
Einerseits ausgesprochen witzig und andererseits eine traurige Wahrheit.
Das ist Satire.

Wirklich toll gelungen. Zum Schreibstil selbst kann man gar nichts sagen, weil er sich perfekt in die Story einfügt.

Prima Sache - gefällt mir sehr gut. thumbbup

Gruß
Hakket

Inselchen

Ja

von Inselchen (08.07.2009, 14:18)
stimmt, da sind auch traurige Wahrheiten angesprochen, die so mancher lernen musste und noch muss, aber genial als Satire, wie ja auch Hakket schrieb, gelungen.


thumbbup

Schade, liebe Ina, dass du schulgeschädigt bist. Vielleicht vergisst du das einfach mal, ich habe soundso den Eindruck, dass hier keiner beisst, wenn man nicht gleich den Stein der Weisheit gefunden hat, sondern probiert.
Ich fand es immer ausgesprochen interessant, was uns der Autor sagen will und mir wurde oft schmunzelnd vorgehalten, dass der Autor sich möglicherweise weniger bei seinem Text gedacht hat als ich. Ich konnte es aber trotzdem nicht lassen, das herausfinden zu wollen. Schwer finde ich es persönlich eher bei "braveren Werken", die man einfach nur schön findet.
Zuletzt geändert von Inselchen am 08.07.2009, 14:25, insgesamt 1-mal geändert.

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Peter-Pitsch
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Re:

von Peter-Pitsch (08.07.2009, 14:22)
Köstliche Geschichte, die Fallgruben und Fesseln der Bürokratie haben weder Deine blühende Fantasie noch Deine sprachliche Begabung einzufangen bzw. zu zügeln vermocht. Bravo. thumbbup

Gruß
Peter

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