Um Meinungen wird gebeten: »Fenstergedanken«

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HuWes
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Um Meinungen wird gebeten: »Fenstergedanken«

von HuWes (03.07.2009, 20:18)
Liebe schreibende Kolleginnen und Kollegen!

Ursächlich durch eine Diskussion um das Thema, wodurch ein guter oder ein weniger guter Text identifiziert wird, stelle ich euch einen meiner Texte zur Diskussion. Ich weiß nicht, ob ich ihn für gelungen oder missraten halten soll. Vielleicht findet sich jemand, der ein paar Worte dazu schreiben mag:

Auszug aus »Fenstergedanken«

Die Landschaft fliegt am Fenster vorbei. Ich bewege mich nicht. Ich werde auch nicht bewegt. Dennoch fliegt die Landschaft. Und obwohl ich weiß, dass die Regeln der Physik an allen Orten der Erde gleich sind, gleich sein müssen, weil es ansonsten diese Welt in winzig kleine Stücke reißt, in so kleine Stücke, dass diese Stücke sich allen physikalischen Gesetzen widersetzen können, so denke ich nicht darüber nach, warum die Landschaft ausgerechnet hier, vor meinem Fenster, vor meinem Gesicht, vor meinen Augen zu fliegen beginnt. Sie fliegt. Es ist einfach so. Hier und jetzt fliegt die Landschaft. Mein rechter Arm stützt sich mit dem Ellenbogen auf die Fensterbank, mein Kinn ruht in der rechten Handinnenfläche. Oder ist es genau anders herum? Klebt meine Handinnenfläche nicht an meinem Kinn und klebt die Fensterbank nicht an meinem Ellenbogen? Wenn Landschaften fliegen können, warum sollten dann nicht Fensterbänke an Ellenbogen haften? Eigentlich ist die Welt schwarz, dunkel wie ein ewig währender Schlaf, ruhig und gleichmäßig, sich nie verändernd, vom Anbeginn bis in alle Ewigkeit. Allein mein Wille, meine Vorstellung lassen die Welt zu dem werden, wie sie sich mir präsentiert. Oh, ich kann die Welt in alle Farben tauchen, wenn ich es denn will, und wenn mein Glaube an die Existenz der Welt in ihrer Vorstellung stark genug ist, aber mein Wille ist nicht so stark, sich gegen die Gesetze der Physik aufzulehnen. Denn mein Glaube an die physikalischen Gesetze ist weitaus größer als an meine eigene Gedankenkraft. Von der fliegenden Landschaft vor meinem Fenster einmal abgesehen. Wenn es mir aber gelingt, nur durch Vorstellung eine ganze Landschaft zum Fliegen zu bringen, wäre es dann nicht auch möglich, ganze Wälder in Pastellfarben zu tauchen, den Himmel unter der Erde zu begraben, Wasser bergauf fließen zu lassen und durch Feuer ganze Städte zu erbauen? Wenn das alles denkbar ist, dann ist das Undenkbare unmöglich geworden, oder ist das Undenkbare möglich geworden? Ist Undenkbares denkbar? Ich wechsel von der rechten Handinnenfläche in die linke Handinnenfläche. Ich löse den rechten Ellenbogen von der Fensterbank, vielleicht löst sich die Fensterbank von meinem Ellenbogen, niemand kann so genau sagen, was und wer sich von wem löst. Wenn die Landschaft fliegt, bin ich dann mit der Landschaft verbunden, oder bin ich von ihr gelöst, weil sie fliegt? Bewegung soll ja relativ sein, so sagen die physikalischen Gesetze, immer ausgehend von der Position des Betrachters, wenn ich mich auf der Erde befinde, und ich nehme stark an, dass ich mich an einem bestimmten Punkt auf eben dieser Erde befinde an einem ganz bestimmten Punkt irgendwo in eben diesem Universum, dann bewege ich mich ja mit dieser Erde durch das Weltall und umkreise die Sonne, ohne etwas von dieser Bewegung zu spüren, ohne ein Gefühl für die abnorme Geschwindigkeit zu bekommen, ohne dass mir vom Blick in den unendlichen Abgrund unterhalb der Erde schlecht wird. Ich sitze hier am Fenster, das Kinn in der Hand, den Arm auf der Fensterbank, betrachte die vorbeifliegende Landschaft, und mir wird bewusst, dass auch ich fliege, vorbei an der Landschaft. Vorbei an der Sonne. Vorbei an den Sternen. Ich bekomme Angst. Was, wenn das alles ein Irrtum ist, ein Trugbild? Was, wenn ich stürze? Schnell wende ich mich ab vom Fenster.


Vielen Dank +
kollegiale Grüße
Hubert

Nachtrag: Schriftformatierung geändert

Auszug aus »Fenstergedanken«

Die Landschaft fliegt am Fenster vorbei. Ich bewege mich nicht. Ich werde auch nicht bewegt. Dennoch fliegt die Landschaft. Und obwohl ich weiß, dass die Regeln der Physik an allen Orten der Erde gleich sind, gleich sein müssen, weil es ansonsten diese Welt in winzig kleine Stücke reißt, in so kleine Stücke, dass diese Stücke sich allen physikalischen Gesetzen widersetzen können, so denke ich nicht darüber nach, warum die Landschaft ausgerechnet hier, vor meinem Fenster, vor meinem Gesicht, vor meinen Augen zu fliegen beginnt. Sie fliegt. Es ist einfach so. Hier und jetzt fliegt die Landschaft. Mein rechter Arm stützt sich mit dem Ellenbogen auf die Fensterbank, mein Kinn ruht in der rechten Handinnenfläche. Oder ist es genau anders herum? Klebt meine Handinnenfläche nicht an meinem Kinn und klebt die Fensterbank nicht an meinem Ellenbogen? Wenn Landschaften fliegen können, warum sollten dann nicht Fensterbänke an Ellenbogen haften? Eigentlich ist die Welt schwarz, dunkel wie ein ewig währender Schlaf, ruhig und gleichmäßig, sich nie verändernd, vom Anbeginn bis in alle Ewigkeit. Allein mein Wille, meine Vorstellung lassen die Welt zu dem werden, wie sie sich mir präsentiert. Oh, ich kann die Welt in alle Farben tauchen, wenn ich es denn will, und wenn mein Glaube an die Existenz der Welt in ihrer Vorstellung stark genug ist, aber mein Wille ist nicht so stark, sich gegen die Gesetze der Physik aufzulehnen. Denn mein Glaube an die physikalischen Gesetze ist weitaus größer als an meine eigene Gedankenkraft. Von der fliegenden Landschaft vor meinem Fenster einmal abgesehen. Wenn es mir aber gelingt, nur durch Vorstellung eine ganze Landschaft zum Fliegen zu bringen, wäre es dann nicht auch möglich, ganze Wälder in Pastellfarben zu tauchen, den Himmel unter der Erde zu begraben, Wasser bergauf fließen zu lassen und durch Feuer ganze Städte zu erbauen? Wenn das alles denkbar ist, dann ist das Undenkbare unmöglich geworden, oder ist das Undenkbare möglich geworden? Ist Undenkbares denkbar? Ich wechsel von der rechten Handinnenfläche in die linke Handinnenfläche. Ich löse den rechten Ellenbogen von der Fensterbank, vielleicht löst sich die Fensterbank von meinem Ellenbogen, niemand kann so genau sagen, was und wer sich von wem löst. Wenn die Landschaft fliegt, bin ich dann mit der Landschaft verbunden, oder bin ich von ihr gelöst, weil sie fliegt? Bewegung soll ja relativ sein, so sagen die physikalischen Gesetze, immer ausgehend von der Position des Betrachters, wenn ich mich auf der Erde befinde, und ich nehme stark an, dass ich mich an einem bestimmten Punkt auf eben dieser Erde befinde an einem ganz bestimmten Punkt irgendwo in eben diesem Universum, dann bewege ich mich ja mit dieser Erde durch das Weltall und umkreise die Sonne, ohne etwas von dieser Bewegung zu spüren, ohne ein Gefühl für die abnorme Geschwindigkeit zu bekommen, ohne dass mir vom Blick in den unendlichen Abgrund unterhalb der Erde schlecht wird. Ich sitze hier am Fenster, das Kinn in der Hand, den Arm auf der Fensterbank, betrachte die vorbeifliegende Landschaft, und mir wird bewusst, dass auch ich fliege, vorbei an der Landschaft. Vorbei an der Sonne. Vorbei an den Sternen. Ich bekomme Angst. Was, wenn das alles ein Irrtum ist, ein Trugbild? Was, wenn ich stürze? Schnell wende ich mich ab vom Fenster.
Zuletzt geändert von HuWes am 03.07.2009, 22:34, insgesamt 1-mal geändert.

autoranton
Beiträge: 259
Registriert: 22.02.2009, 17:01

Re:

von autoranton (03.07.2009, 20:25)
Genau mein Geschmack

Meine neuen Lesproben überarbeitet:
Zuletzt geändert von autoranton am 14.01.2016, 16:08, insgesamt 1-mal geändert.
- Kunst ist zwar nicht das Brot, aber der Wein des Lebens. -
Johann Paul Friedrich Richter

Thorsten Boose

Re:

von Thorsten Boose (03.07.2009, 22:24)
Hallo, Hubert.

Ich hätte den Text gerne gelesen, musste aber leider schon nach wenigen Zeilen abbrechen, da mir die Kursivschrift in diesem großen Block auf meine eh schon strapazierte Sehfähigkeit schlägt.
Soll keine Kritik am Text sein. :wink:

Vielleicht könntest du ihn normal formatiert in einige Absätze aufteilen?

Herzliche Grüße,
Thorsten

M-F Hakket
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Registriert: 20.08.2009, 13:37

Re:

von M-F Hakket (03.07.2009, 23:57)
Interessante philosophische Frage.
Nehmen wir eigentlich alle die Welt gleich wahr?
Oder haben wir uns nur auf Begriffe geeinigt und verwenden diese, damit jeder weiß, was man meint, aber in Wahrheit könnte es möglicherweise sein, dass wir doch anders wahrnehmen? Was ist persönlicher Geschmack, was eine Meinung? Was ist gut, was ist böse?
Und überhaupt. Ist die Welt nur deshalb so, weil wir sie so wahrnehmen? Wie könnte die Welt sein, wenn sie andere anders wahrnehmen?
Wird die nur anders wahrgenommen, oder ist sie dann anders?
Wer weiß? cheezygrin

Im ersten Teil finde ich, dass es ein paar zu viele Wortwiederhohlungen gibt, das stört mich ein winziges Bisschen - könnte aber auch an meiner Wahrnehmung liegen.
cheezygrin

Gruß
Hakket

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AmberStuart
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Registriert: 07.03.2009, 16:43

Re:

von AmberStuart (04.07.2009, 08:37)
Wenn alles denkbar ist,
dann ist das Undenkbare
unmöglich geworden...
Oder ist das Undenkbare
möglich geworden?

IST UNDENKBARES DENKBAR?


Hi Anton,

hier hast du prima mit Worten gespielt.
Wie du siehst, könnte das ein Text für sich sein.
Die von Hakket kritisierten Wiederholungen
sind für mich gewollt und ok.
Auch der restliche Text zeigt gute Ansätze.

Weiter so... thumbbup


LG, Amber

Inselchen

Fenstergedanken

von Inselchen (04.07.2009, 09:35)
"Interessante philosophische Frage.
Nehmen wir eigentlich alle die Welt gleich wahr?
Oder haben wir uns nur auf Begriffe geeinigt und verwenden diese, damit jeder weiß, was man meint, aber in Wahrheit könnte es möglicherweise sein, dass wir doch anders wahrnehmen? Was ist persönlicher Geschmack, was eine Meinung? Was ist gut, was ist böse?
Und überhaupt. Ist die Welt nur deshalb so, weil wir sie so wahrnehmen? Wie könnte die Welt sein, wenn sie andere anders wahrnehmen?
Wird die nur anders wahrgenommen, oder ist sie dann anders?
Wer weiß? " (Hakket)
So ähnlich habe ich auch gedacht, mir sind auch die Wortwiederholungen aufgefallen, aber sie scheinen mir auch beabsichtigt zu sein, sie drücken eine gewisse Starre aus. Das passt m.M. nach zu dem Kontrast, dass der Protagonist sich nicht bewegt, aber die Landschaft.

Wirklich interessant, wie Menschen unterschiedlich wahrnehmen und wie durch Wahrnehmung und Vorstellungskraft die Welt verändert werden kann. Das fällt mir auch immer auf, wenn verschiedene Menschen sich mit dem gleichen Thema befassen.

(Eine kleine Anmerkung: Manchmal erscheinen mir zu viele Kommata in dem Text zu sein, vielleicht ist das aber beabsichtigt, um die Sätze nicht so fließen zu lassen?)

HuWes
Beiträge: 129
Registriert: 03.02.2008, 19:22

Re:

von HuWes (04.07.2009, 12:47)
AmberStuart hat geschrieben:
Wenn alles denkbar ist,
dann ist das Undenkbare
unmöglich geworden...
Oder ist das Undenkbare
möglich geworden?

IST UNDENKBARES DENKBAR?


Hi Anton,

hier hast du prima mit Worten gespielt.
Wie du siehst, könnte das ein Text für sich sein.
Die von Hakket kritisierten Wiederholungen
sind für mich gewollt und ok.
Auch der restliche Text zeigt gute Ansätze.

Weiter so... thumbbup


LG, Amber


Kannst du mir ansatzweise erklären, warum Anton die Blumen für meine Arbeit bekommt? :shock::

Kollegiale Grüße
Hubert

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AmberStuart
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Re:

von AmberStuart (04.07.2009, 13:05)
HUBERT mal eine langstielige rote Rose überreiche...
Sorry für die 'unverzeihliche' Namensverwechslung! cheezygrin

Trotzdem... thumbbup


LG, Amber

chnuppesaager

Re:

von chnuppesaager (04.07.2009, 13:11)
Sehr gut geschrieben; man könnte vielleicht aus einem Satz der Klarheit wegen zwei machen. Muss man aber nicht. Ich finde, das ist ein sehr guter Text, es gibt keine "Stilbrüche" innerhalb, du ziehst es konsequent durch, guter Rhytmus.

Ob einem das Thema gefällt, bleibt jedem selbst überlassen, aber gut geschrieben ist es.

Ich hab mir über dieses ganze Thema auch schon mal Gedanken gemacht, und ich hätte es definitiv nicht so gut in Worte fassen können.

Deswegen grosses Kompliment von meiner Seite.

Viele Grüsse,

Ch.
Zuletzt geändert von chnuppesaager am 04.07.2009, 13:20, insgesamt 2-mal geändert.

chnuppesaager

Re:

von chnuppesaager (04.07.2009, 13:16)
cheezygrin cheezygrin cheezygrin
Zuletzt geändert von chnuppesaager am 05.01.2010, 09:20, insgesamt 1-mal geändert.

Thorsten Boose

Re:

von Thorsten Boose (04.07.2009, 13:44)
Hallo, Hubert.

Danke für die Neuformatierung!

Da du dich selbst fragst, ob du deinen Text für gelungen oder missraten halten sollst, würde ich auf jeden Fall zu 'gelungen' tendieren. Die Atmosphäre beim Lesen gleicht dem Film "Solaris" (1972); das ist mir als erstes aufgefallen und das ordne ich auf alle Fälle unter 'gelungen' ein. thumbbup

Zum Inhalt:
Ein Satz ist bei mir hängengeblieben; es handelt sich um ...

HuWes hat geschrieben:
Denn mein Glaube an die physikalischen Gesetze ist weitaus größer als an meine eigene Gedankenkraft.


Da du dir viele Gedanken über den Inhalt gemacht hast, gehe ich davon aus, dass du offen für neue Denkweisen bist. Die Gedankenkraft wird leider immer noch zu sehr unterschätzt. Hakket hat ja schon die Frage in den Raum geworfen, ob wir die Welt alle gleich wahr nehmen. Meiner Meinung nach nicht.

Es wurde wissenschaftlich sogar nachgewiesen, dass das menschliche Gehirn den Unterschied zwischen der Außenwelt (um nicht Realität zu sagen) und demselben Gedankenbild (Vorstellung) nicht erkennt. Das heißt, unser Gehirn (unser Informationsfilter) kann uns etwas vortäuschen, ohne dass wir es bewusst bemerken!

Also, über dieses interessante Thema ließe sich unendlich lange diskutieren, Literatur darüber gibt es in Mengen. Fakt ist, dass ich deinen Text vom Schreibstil als auch vom Inhalt her als 'gelungen' einstufe. thumbbup

Aber auch hier gilt die Geschmacksfrage = "Nehmen wir alles gleich wahr?" ...

Herzliche Grüße,
Thorsten

chnuppesaager

Re:

von chnuppesaager (04.07.2009, 13:50)
...Eine Frage hat der Text jetzt doch in mir aufgeworfen. Wenn das "ich" des Textes weiss, dass nur sein Glaube an die physikalischen Gesetze diese aufrechterhalten, warum glaubt es dann daran?

Wird das "ich" gezwungen?

Wie kann man überhaupt an etwas glauben, wenn man doch WEISS, dass es im Grunde falsch ist?

Geht das überhaupt?

... und wenn ja, warum am Glauben festhalten, wenn der Glaube das "ich" daran hindert, Wälder rosa zu tünchen und grün-rot gescheckte Kühe fliegen zu lassen?

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