Die Ösi - Saga! Leseprobe

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HeinzB.
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Die Ösi - Saga! Leseprobe

von HeinzB. (08.07.2007, 15:13)
Leseprobe aus „Die Ösi - Saga“ von Heinz Benzenstadler

Am Anfang war...

Die Stadt hatte nicht darum gebeten, das zu werden, wofür ein paar Wirrköpfe und Verbrecher sie ausersehen hatten. Sie konnte nichts dafür, dass in ihr ein August Eigruber und Ernst Kaltenbrunner aufgewachsen, ein Adolf Eichmann und Adolf Hitler hier zur Schule gegangen waren und dessen Eltern im Vorort Leonding wohnten. Dass diese Stadt zu einem Zentrum der Stahlindustrie, zur Waffenschmiede eines Tausendjährigen Reiches und zum wahnwitzigen Kulturtraum eines Eigenbrötlers ausgebaut werden sollte, dafür kann wirklich niemand diesen Ort verantwortlich machen. Die Stadt hätte so gerne seinen Traum einer kleineren Bürger- und Handelsstadt mit etwas bodenständiger Industrie weiter geschlafen, aber das wollten die Machthaber einer neuen Ordnung nicht. Der Wahn von Größe, Macht und Herrschaft hatte sie erfasst und in ihrem Führer die Figur gefunden, welche jeden auf den für ihn richtigen Platz stellte und ihre Skrupellosigkeit und Gier mit trefflichem Instinkt nutzte. So war es nur legitim, dass im zweiten die Welt umspannenden Krieg des 20. Jahrhunderts Linz an der Donau in die Interessenssphäre der Alliierten geriet und einfach nur lange Zeit das Glück hatte, weit ab vom Schuss zu sein. So brüllten erst am 25. Juli 1944 die ersten Bombenteppiche über Linz und hüllten die Stadt in Feuerschwall und Rauchschwaden. Interessant für die Strategen waren die Stahl- und Chemiewerke sowie Bahnanlagen. Aber diese Ausdehnung hatte der Ort noch keineswegs, zu ungenau waren die Zielvorrichtungen, dass nicht seine gesamte Fläche in Mitleidenschaft gezogen worden wäre. Familien, Klinik, Krankenhäuser und viele öffentliche Einrichtungen waren schon lange vor dem 25. Juli vorsichtshalber ‚auf `s Land’ verlegt worden, aber dennoch erlebten die Menschen die Apokalypse des Jüngsten Gerichts am eigenen Leib.
Er wurde einfach hineingeboren in diese Welt, welche er sicher nicht mochte. Er mag sie heute noch nicht, diese Welt. Aber damals war sie noch viel weniger zu mögen. Geboren hatte ihn seine Mutter, ängstlich und nervös, zerfahren und stark wie alle Mütter jener Zeit, gezeugt in den wenigen Stunden des kurzen Urlaubs oder der Genesungszeit nach einer Verwundung ihres Soldaten.
Was war schon zu mögen an dieser Welt? Das Leben neben einer Stahl- und Waffenfabrik, zerbombt und stinkend? Ein Trümmerfeld, in dem jetzt nach dem zu späten Waffenstillstand (da ja jeder Waffenstillstand logischer Weise zu spät kommt) für den Frieden produziert wurde. Im Winter färbte sich der Schnee mit schmutzigem Grau, im Sommer verdreckten Ruß und Asche das Gras. Oder das Schlafen neben dem Frachtenbahnhof mit seinen vielen unüberschaubaren Geleisepaaren, oft nur notdürftig geflickt, aber rascher repariert als die umliegenden Ziegelhäuser in ihrem angerußten Rot? Über 8000 Bomben verschiedenster Größe hatten in der Stadt ein Drittel des Hausbestandes zerstört, 14000 Wohnungen waren unbenutzbar, 20000 Menschen hatten kein Dach über dem Kopf und durch Flüchtlinge und Heimkehrer wurden es mehr und mehr.
„Stellt `s den Fünfhundertvierer aufs zwarazwanzga Gleis ummi “ war das Schlaflied und diese Stimme aus Lautsprechern brüllte solche und ähnliche Anweisungen die ganze Nacht hindurch. Zittern die Mütter heute noch bei jeder Sirene in Erinnerungen an die Bombenteppiche, so wurde diese Stimme das Trauma seiner Kindernächte. Wohl hatten die Eltern eine schöne Wohnung in einem noch neuen Hitlerblock, draußen im Grünen, in einer der jungfräulichen Siedlungen für Parteigenossen und verdienstvolle Krieger. Letzterer war auch sein Vater, ein Held mit den Eisernen Kreuzen aller Klassen, Panzersturmabzeichen und ‚Gefrierfleischorden’, der Plakette für das Überleben des Winterfeldzuges im Osten. Verdient hatte er sich die Wohnung mit je einem Bauch- und Beindurchschuss, Granatsplittern in Brust und Lunge sowie einer zerschmetterten Schulter. Aber jetzt war der gelernte Pfadfinderführer, praktizierende Katholik, Konditormeister, Oberfeldwebel und Sanitäter bei einer Panzerdivision in das Lazarett der Amerikaner eingeteilt und aus seiner Wohnung geworfen worden. Diese diente nun der Besatzungsmacht, also Amerikanern (kurz „Amis“ genannt) als Gar- und Frittierküche mit Rauchabzug durch die Fenster. Das eingedrungene Öl in Decken und Wänden frisst sich nach fünfzig Jahren noch immer durch jede Bemalung oder Tapete.
So lebten sie tagsüber bei seiner Großmutter mit zwei Familien und der Tante Mitzi . Ungefähr zehn Personen tummelten sich wechselweise in und um dieser Arbeiterwohnung im ‚Frankviertel’, nahe den früheren ‚Hermann – Göring – Werken’, später VOEST. Am Abend fuhr seine Mutter mit ihm in die Reservewohnung gegenüber der eigentlichen Behausung, einräumig, qualitäts- und heizungslos. Bei seiner Großmutter gab es wenigstens Wasser und Abort am Gang und eine Wiese hinter dem Haus. Dort durfte niemand spielen, weil die Wäsche der ganzen Umgebung auf ihre Trockenzeit wartete. Schmutzig wurde sie von selbst wieder, durch den Dreck in der Luft. Also spielten die Kinder auf der Straße, zwischen Fahrrädern, einem Luftschutzbunker, drei Pappeln, dem Löschteich und den endlosen eisernen Geleisen des Frachtenbahnhofs.
Als kleiner Bub, so mit zwei Jahren, war Michael die Straße als Spielplatz noch verwehrt worden. So kroch und watschelte seine Winzigkeit durch die Wohnung, steckte alles in den Mund und Essbares wurde sowieso verspeist. An allem wurde gezogen oder gezupft - diese Zeit muss furchtbar langweilig gewesen sein. Zwei seiner sechs Onkel waren das Haupt einer Fußballbande der Umgebung. Die anderen waren verhindert. Ernstl war im Endkampf um Berlin, damals 1945 schon Ostfront, verreckt. Mit siebzehn Jahren sollte er ohne besondere Ausbildung vier Monate vor Kriegsschluss den Endsieg erringen. Groß und blond, wie man sich die Germanen vorstellte, war er zur Waffen-SS eingezogen und mit dem Gewehr in der Hand zur Bekämpfung von Panzern abkommandiert worden. Über den Schützenlöchern sich drehend zerwalzten die Ungetüme alles, auch diese neue Kompanie von der Ostmark, aus Burschen und Greisen gebildet, von denen keiner mehr heimkehren sollte. Michael als seinen ersten Neffen hatte Ernstl besonders ins Herz geschlossen. Lange spielte Michi mit zwei Pferden samt Wagen aus Holz, die sein großer junger Onkel extra für ihn gebastelt hatte. Der zweite verhinderte Fußballstar laborierte an einem Kopfschuss. Platten oder ähnliches gab es nicht, also zog man die Schwarte einfach über das Gehirn. Was später sein würde, darüber machte sich niemand Gedanken. Der Dritte mit Granatsplittern in der Lunge war noch besser bedient worden. Der Älteste spürte noch lange seinen Bauchschuss und der Zweitjüngste kehrte gerade von seinem HJ -Einsatz als Volkssturmmann und letzte Reserve zurück. Bevor er mit der Fliegerabwehrkanone umgehen konnte, war der Krieg vorbei gewesen. Das Nesthäkchen war überhaupt noch zu jung.
Zum Fußballspiel benötigte man einen Lederball mit Gummiseele (Blase). Den Ball (auch „die Haut“) besaßen die Lehrerbuben, seine Onkel hatten die Seele. Diese war aus Gummi und wurde in die Haut gesteckt und aufgeblasen. Öfter, besonders an Putztagen, verwahrte man Michi im kleinen Vorraum mit seinem Abstellregal. Dieses Regal war für ihn höchlichst interessant und so war es nur natürlich, dass ihm einmal die „Seele“ in die Hände fiel. Hunger hatte er immer und Kleinkinder stecken bekanntlich sowieso alles in den Mund. Die Zähne hatte er schon und dem Fußballmord stand nichts mehr im Wege. Zuerst wurden Ratten verdächtigt, aber Gummistücke in den Haaren und auf seiner Strickjacke verrieten ihn.
Die Todesstrafe wurde nicht vollzogen, aber so manch wohlgemeinte Fußtritt, auch von den Betroffenen der Umgebung - es war ja die einzige Gummiseele des Viertels gewesen – ließen ihn Verachtung und Abscheu eines ganzen Stadtbezirkes fühlen.
Essen! Das war überhaupt ein Wort, um das sich sehr viel drehte. Für die Kleinkinder beinhaltete es nicht nur Genuss, sondern auch Hunger. Wenn man gegessen hatte war er weg, der Hunger. Natürlich hatte niemand in der Vorstadt genug für Erwachsene zu essen. Diese schaufelten Grützen, Eintopf, Kohlrouladen oder Gemüseallerlei in sich hinein und waren bis zur nächsten Mahlzeit satt. Kinder wollen aber weniger essen und dafür öfter. Das war jedoch aus diversen organisatorischen Gründen nicht möglich, also waren sie immer essbereit, die Bälge. Seine Mutter war zwar oft unterwegs, um kindgerechte Vorräte zu hamstern. Die Eltern seines Vaters hatten eine Ziege und deren Milch verursachte zuerst Überleben, später Brechreiz und Durchfall. Dann radelte sie alle Apotheken ab, um ‚Calziamilch’ einzuhandeln, was immer das auch war. Diese half aber nicht gegen Hunger. Krankheiten waren die Regel und Diät unmöglich und nicht bekannt. So war nichts Essbare sicher, wie die Fußballseele.
Zwei seiner Onkel waren gelernte Maler, hatten sichere Stellungen in dieser Zeit des Wiederaufbaus und konnten weiße Türfarbe einhandeln. Welch Fest für die Familie! Endlich erhielten die uralten Holzlatten einen neuen Anstrich. Und das anno 1946! Welch Fest für den kleinen Quälgeist! Die nur langsam eintrocknende Farbe hat geschmeckt! In langen Streifen zog er sie vom Holz und tat sich gütlich an dem kaugummiartigen Lebensmittel. An die Bestrafung kann er sich Gott sei Dank nicht mehr erinnern, aber laut Zeugenaussagen muss sie sehr ergiebig gewesen sein. Nur Tante Mitzi soll einen Lachkrampf erlitten haben. Auch wurden seine Haare teilweise geschnitten, da der Lackgummi nicht heraus zu bringen war.
Auf ähnlicher Basis spielte sich nur wenig später die Geschichte mit dem Fisch ab. Sein Vater konnte wegen seiner Kontakte zu den Amis manchmal eine Schachtel mit Konserven organisieren. Diese in Öl eingelegten Fischlein waren ein Festmahl und Michi liebte diese Gattung von Wasserbewohnern ganz speziell. In den Löschteichen waren während des Krieges trotz strengster Verbote Fische eingesetzt worden. Einige wenige hatten in dem nun brackigen, stinkenden Restwasser überlebt und klebten manchmal tot angeschwemmt am Betonrand. Natürlich entdeckte er einen solchen Leichnam und auf seine Frage, ob dies ein Fisch sei, bejahten die umstehenden Bengel. Fisch ist gut. Das wusste er und die in der Blechdose waren ja auch tot. Also, um irgend etwas zu bekommen, biss er das Stück mit dem Kopf ab und brachte den Rest nach Hause. Ob Michi etwas davon gegessen hätte? Er brach in Tränen aus, neidisch war nicht seine Art: „„Ja, aber nur den Kopf“. Diese Antwort brachte rege Betriebsamkeit in die Familie, aber was auch versucht wurde, sein armer Magen gab die Götterspeise nicht mehr heraus. Dann folgte schlicht und logisch eine ausgewachsene Fischvergiftung.
Wie schon gesagt, Essen war das Wort der Stunde. Besonders traf dies zu, wenn eine besondere Köstlichkeit auf dem Speiseplan stand, wie zum Beispiel die berühmte weiße Semmel. Der Vater hatte durch seine Beziehungen einige erhalten und überreichte seinem Sohn eine davon. Michael trollte sich damit auf die Straße, um sie zu genießen und gleichzeitig auf seinen jüngsten Cousin im aus Stroh geflochtenen Kinderwagen aufzupassen. Er war ein Familienprachtstück (der Kinderwagen), ganz in Weiß und sollte die gesamte Generation des reichlichen Nachwuchses durch den Lebensbeginn schaukeln; der kleine Michael war ihm als erster entwachsen gewesen. Seine schmächtige, angeheiratete Tante aus Preußen hängte hinter dem Haus Wäsche auf und die Oma werkte in der Küche, um Gartenerträge in Genießbares für zehn Leute zu verwandeln. Seine Mutter radelte in der weiteren Umgebung herum, um warmherzige Bauern mit offenen Herzen zu finden, oft genug umsonst. Hamstern nannte es die Obrigkeit, Betteln der Missgünstige, Tränenreise der Volksmund. So saß Michael bei dem zweiwöchigen Verwandten, der zufrieden schlief. Die Semmel wurde ganz langsam und andächtig genossen, bis plötzlich das kleine Bündel zu schreien begann. Je kürzer die Stimmbänder, desto kreischender das Gebrüll, das hatte er bald bemerkt. Bei solchem Geschrei sagten die Erwachsenen: „Er hat Hunger.“ Michi wusste also Bescheid und begann, sich von einem Teil seines Schatzes zu trennen und mitleidigen Herzens den jüngsten Verwandten zu füttern. Der war auch sofort ruhig und der kleine Aufpasser stopfte ihm Bröcklein um Bröcklein in die kleine Öffnung. Plötzlich explodierte und wirbelte die Welt um ihn herum in irrsinnigen Kreisen. Seine schmächtige Tante riss ihn schreiend weg von seinem Opfer, die mollige Oma bettete den Armen auf ihre weichen Oberschenkel und versetzte ihm Prügel, die ihn noch lange in seinen Träumen verfolgten, ohne weitere Aufklärung und wieso oder warum wohlgemerkt. Er sei fast erstickt der kleine Cousin, ganz blau wäre er schon gewesen (wurde später erzählt). Dies war sein Hinterteil auch und die himmlische Semmel lag zertrampelt auf der Straße. Für lange Zeit erlosch sein natürlicher Trieb zur Nächstenliebe, geteilt wurde nicht mehr und an Babys kam er bis auf drei Meter nicht mehr heran. Und das hat ihm gar nichts ausgemacht.

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Heinz Benzenstadler
Die Ösi – Saga
Roman einer Zeit

403 Seiten, Taschenbuchausgabe
NEU ERSCHIENEN! FRISCH AUS DER PRESSE!

im Verlag winterwork, Grimma

Buchhandelspreis € 14,90
Sonderauflage

Wir leben noch immer! Eine Feststellung, welche nach einem Blick in die diversen Nachrichtenmedien gar nicht so selbstverständlich erscheint. Bei einer Rückblende auf die letzten sechzig Jahre ist das sogar sehr unwahrscheinlich und kann nur mit einem außerordentlichen Glücksfall in der zufälligen Auswahl unseres Lebensraumes erklärt werden. Gut, dass wir hierher verschlagen worden sind! Eine Nadelspitze auf diesem Globus wurde vergessen vom Horror und Vernichtungswahn dieser Zeit. Ein sagenhaftes Glück!

Dieses Buch ist keine geschichtliche Abhandlung, sondern ein Leben in dieser Epoche, die Erzählung über Kindheit, Jugend und Erwachsenwerdens in diesem Mikrokosmos und seiner Umgebung. Es gibt ihn, den Ösi, den Österreicher, und es gibt auch immer wieder diese Geschichten in der Geschichte. Es war ganz genau so, falls es nicht anders gewesen ist! Aber eigentlich kann es gar nicht anders gewesen sein...

Buchbestellungen Tel. über 0732/371649 oder per E-Mail über
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