Und dann kam Daniel Braun

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CeKaDo

Und dann kam Daniel Braun

von CeKaDo (22.01.2010, 13:38)
Und dann war da noch Daniel Braun. Daniel war ein sogenanntes „verkanntes Talent“ und hatte schon in der Schule gewaltige Schwierigkeiten, den schmalen Grad zwischen „zuviel Fantasie“ und Kreativität zu nutzen, um gute Zensuren zu schreiben. Mathematik war kein Problem, Englisch ein Klacks und Deutsch eine Katastrophe. Über Sport sollte man bis heute lieber nicht mit ihm reden.

So hangelte sich Daniel durch die Schule und ungewollt in die Ausbildung einer großen öffentlichen Verwaltung, deren Namen man heute lieber nicht ausspricht, ohne Prügel beziehen zu wollen. Doch immerhin war er für einige Jahre warm und trocken untergebracht, konnte einen mittelmäßigen Abschluss vorweisen und ging dann gemütlich für einige Jahrzehnte arbeiten, ohne sich wirklich großartig anzustrengen. Das Leben konnte so schön sein.

Verrückt wurde es mit der ersten Frau, der kurz darauf die zweite folgte. Dummerweise noch während er Ehe mit der ersten, was diese mächtig störte. Aus verständlichen Gründen wurde Daniel gezwungen, sich zu entscheiden und er entschied sich für die zweite Frau, die das jedoch in plötzlicher Absprache mit der ersten anders sah. Der Held dieser kleinen Erzählung blieb von einem Tag zum anderen allein. Mochte man es drehen und wenden, wie man wollte, es war irgendwie dumm gelaufen. Noch dümmer lief es dann, dass beide Frauen zudem auch noch Kolleginnen waren und sich wider Daniels Erwarten nicht damit zurückhielten, ihre Geschichtchen über den Exmann bzw. Exgeliebten im Kollegenkreise breitzutreten. Alle seine Versuche, die ihm während der Ausbildung anerzogene Trägheit des Denkens auf das Ignorieren solcher Gehässigkeiten zu transferieren, schlugen leider fehl. Wieder geschah, was geschehen musste und das schwer angeschlagene Mobbingopfer durfte gehen.

Was sich für ihn zunächst wie Urlaub auf Staatskosten anfühlte, wurde schnell zur gähnenden Langeweile. Arbeitslosigkeit schien doch nicht die echte Alternative zur geruhsamen Amtshandlung zu sein und mit der Langweile wurden auch Daniels Haare immer länger. Sein Äußerliches veränderte sich ins Exotische, die Chancen auf dem Arbeitsmarkt sanken dazu potentiell. Es war ihm letztlich egal, er kam mit den par monatlichen Mücken gut aus. Hatte er doch nichts weiter als einen Computer, ein paar Bücher, jede Menge CDs und sich selbst. Seine Wut auf Frauen allerdings wuchs schneller als die Haare.

Mit einem geringen Rest seines Verstandes beherrschte er sich jedoch, einer zufällig auf der Strasse angetroffenen Demonstration der „Emanzipierten Frauengruppe Enkelradt“ insgesamt gesehen einige kräftige Maulschellen zu verpassen. Stattdessen trug er lediglich einige blaue Flecken davon, als sein Versuch, überreife Tomaten von der Auslage eines nahen türkischen Gemüseladens auf die Frauengruppe zu werfen, rüde durch einen Polizeibeamten verhindert wurde. Mit den Rufen „Ich habe was zu sagen!“ imponierte Daniel weder den Frauenrechtlerinnen noch dem Polizisten, der ihn grad im Schwitzkasten hielt. „Schreib´s auf!“ brummelte der und ließ den lädierten Kopf aus der Armbeuge rutschen.

„Schreib´s auf“ hatte Daniel gehört und es ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Er schrieb. Als hätte er nie etwas anderes getan, schrieb sich der Träger sämtlicher Kopfschmerzen dieser Welt binnen fünf Tagen alles von der Seele, was darin gefangen war. Weitere drei Tage verbrachte der frische Schreiberling ohne Kopfschmerzen, aber dafür volltrunken, mit der Rechtschreibprüfung und die kommenden vier Jahre damit, sein Manuskript den Verlagen im Lande anzubieten. Doch niemand interessierte sich für Daniel und seine Geschichte. Nachdem er den vierten Fünfhundert-Euro-Schein einem windigen Verlag in den Rachen geschoben hatte, um sein Buch gedruckt zu sehen, wurde er auch zum vierten Male gehörig übers Ohr gehauen. Das Geld war weg, der Verlag pleite und sein Buch besaß nur er allein. Niemand wolle solch einen Mist lesen, war die letzte Aussage eines Verlegers.

Wie es dazu kam, dass Daniel seine inzwischen einsamen sexuellen Vorlieben auf das Buch übertrug und die Idee fortspann, es nun selbst zu machen, kann niemand mehr nachvollziehen. Tatsache wurde jedenfalls das Erscheinen des Buches in einem Verlag, der Bücher auf Anforderung druckt und den passenden Namen „Ask For Books“ trug. Man druckte ein Exemplar des Buches, schrieb Daniel eine Rechnung über 49 Euro und stellte das Buch im Internet allen Anfordernden und dem Buchhandel zur Verfügung. Theoretisch war das Buch nun überall weltweit im Handel zu bekommen. Daniel ging in den Buchläden spionieren, doch auch nach Monaten sah er sein Buch nirgendwo in den Auslagen. Ein Blick in seine vierteljährlichen Abrechnungen erfasste immer wieder die gleiche Umsatzsumme: Null.

Eine Homepage zum Buch wurde mit Spamkommentaren überflutet, seine Verkaufsversuche unter Freunden blieben lustlos und die Bestsellerliste ein Traum. Daniel fragte sich, wie ein Bestseller möglich würde und recherchierte Zahlen. Eine Verkaufszahl in vierstelliger Höhe würde reichen, um ihn in den Himmel der Autoren zu tragen. Doch wenn es so weiterginge, würde auch sein Tod die Verkaufzahlen nicht wesentlich steigern. Es mußte etwas geschehen, und sei es, dass er seine Bücher eben selbst einkaufen müsste. Das geschah schließlich in der Musikwelt jeden Tag, so wurden Hits gemacht!

Kurzerhand begann mit diesem Gedanken eine Kampagne, die den größten Lebenserfolg des langhaarigen Arbeitslosen verursachen sollte. Daniel betrat am Tag X -90 den Buchladen am Marktplatz in der Nachbarstadt und bestellte sein Buch. Die freundliche Person hinter dem Tresen erwähnte noch, dass der Verlag „Ask For Books“ eine Lieferfrist von 7 bis 10 Tagen ankündigt, doch das machte dem inkognito gebliebenen Autoren nichts aus. Er würde den Laden hier sowieso nicht mehr betreten. Am gleichen Tag noch bestellte er in den vierzehn anderen Buchhandlungen der Nachbarstädte ebenfalls sein Buch. Zweimal musste er jeweils 5 € Sicherheit hinblättern, doch das war einkalkuliert.

Innerhalb der nächsten vier Wochen wurde Daniel zum Reisenden in Sachen Buchbestellung. Er investierte sein gesamtes Arbeitslosengeld und reiste täglich mit dem einfachsten Ticket in die nächsten noch nicht verbrauchten Städte und klapperte die Buchhandlungen ab, um zu bestellen. Binnen eines Monats waren somit auf seiner Liste 432 Buchbestellungen abgegeben und erstaunlich wenig Sicherheitsleistung erbracht und somit auch verloren.

Selbstverständlich wurden von „Ask For Books“ alle Bücher gedruckt und ausgeliefert. Daniel freute sich täglich bei der Rückkehr in sein schmutziges Heim auf die neuen Zahlen in seinem Account beim Verlag. Was die Buchhandlungen nicht wussten, war jedoch die simple Tatsache, dass die Bücher bei eben diesem Verlag und bei Nichtabholung nicht wieder retourniert werden konnten. Sie mussten bezahlt und folgerichtig natürlich irgendwie verkauft werden, bevor sie im Lager verschimmelten. Als Daniel die Bestellung nicht abholte, wurde das Buch zunächst in die Retouren gegeben. Beim Empfang der höflichen und bestimmten Ablehnung von „Ask For Books“ ärgerten sich die Inhaberin oder der Inhaber ein wenig, stellten dann das Buch jedoch versuchsweise in die Auslage. In den meisten betroffenen Buchläden landete es aus lauter Frust der Inhaber nach spätestens zwei Wochen auf dem Grabbeltisch ganz vorn am Eingang. Wo es sich zum Erstaunen aller Beteiligten binnen kürzester Zeit verkaufte. Am schnellsten ging das in den Bahnhofsbuchhandlungen. Das wiederum zog Nachbestellungen mit sich und eben dies erzeugte genau die präsente Masse, die sich Daniel erhofft hatte.

Die Lawine kam ins Rollen und am Ende des zweiten Monats und nach einer weiteren Bestelltour mit der Hilfe von Freunden und einem künstlichen Bart, waren genau 4.732 Bücher verkauft. Den Höchststand von insgesamt 12.856 Büchern erreichte das Leben des Daniel in Schriftform im dritten Monat nach Start der Reisetätigkeit in Sachen gezieltem Underground-Marketing. Daniels Buch erschien in der Bestsellerliste des Verlages, schoss von dort aus in die Zeitungen und wurde von den beiden großen Buchclubs neu aufgelegt. Die deutsche Bestsellerliste eines bekannten Magazins war erobert. Man bat über den Verlag um Interviews und Daniel antworte stets auf die Frage, wie er sich denn den Erfolg seiner Bücher erklären könne, mit den gleichen Worten „Das muss wohl gutes Marketing gewesen sein“.

Sein zweites Buch erschien dann übrigens später nicht mehr unter seinem echten Namen Daniel Braun, sondern schon in der publikumswirksamen Verpackung mit einem pseudoenglischen Kürzel. Was aber seinem Erfolg keinen Abbruch tat, sondern auch den internationalen Erfolg manifestierte. Zumal er die geniale Idee aufgriff, mal das spannende Thema seines jahrelang erfolglosen Religionsunterrichtes auszubreiten. Die Welt wollte wissen, was Daniel so dachte und niederschrieb.

Übrigens gab es tatsächlich Demonstrationen gegen den Hype um dieses Buch. Insbesondere Frauenorganisationen riefen öffentlich zur Verbrennung auf und die Kirche nahm Stellung zum alledem. Interessanterweise wurde am Rande vermerkt, dass sich der Fachverband der Buchhändler gegen die Rücknahmepraxis des „Ask For Books“-Verlages beschwert hatte. Man würde zwangsweise auf Ladenhütern sitzen bleiben und müsse diese verramschen. Doch das war eben nur am Rande notiert.

Man erwartet übrigens in Kürze ein weiteres Buch von Dan, wie er sich heute nennt. Unter dem Pseudonym einer armen Arbeitslosen verfasst er gerade die leicht ausgeschmückte Geschichte seiner Kindheitserlebnisse in der Obhut seiner Pflegeeltern, die ihn in einem Wandschrank wohnen ließen …



© CeKaDo 2010










P.S.: Aus Sicherheitsgründen erwähne ich folgende wichtige Punkte:

- Ähnlichkeiten mit lebenden und verstorbenen Personen, Marken, Tätigkeiten oder Gepflogenheiten wären rein zufällig und sollen keinerlei Rückschlüsse auf sie bedeuten.

- Alle geschilderten Taten, Orte, Personen und Institutionen sind meiner Fantasie entsprungen und meines Wissens in dieser Form nicht geschehen.

- Die Freiheit der Satire wurde in Anspruch genommen.

- Ich übernehme keinerlei Haftung für Nachahmungen der hier geschilderten Strategie.

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