Vergangenheiten

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Judith
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Vergangenheiten

von Judith (24.08.2007, 00:21)
Liebe Leute,

ich bin mir manchmal mit den Vergangenheitsformen nicht ganz sicher. Zunächst einmal mit dem Plusquamperfekt, der Vorvergangenheit. Dazu möchte ich ein Beispiel aus "Mission Phoenix" von Dean Thomas zitieren (Dean, ich hoffe, du hast nichts dagegen, ansonsten lösche ich es wieder):

Der Notarzt stellte fest, dass der Mann vor höchstens fünf Stunden
umgekommen war und beim Sturz die Treppe hinunter eine Schädelfraktur
erlitten hatte, die zum unmittelbaren Tod führte.


Ich hätte nun gesagt: die zum unmittelbaren Tod geführt hatte, da er nicht in dem Moment starb, als der Notarzt es feststellte, sondern zu dem Zeitpunkt der Tod schon eingetreten war.

In letzter Zeit habe ich sehr häufig bei anderen BoD-Büchern gestöbert und bin diesem Phänomen recht häufig begegnet. Nun bin ich nicht sicher, ob ich da falsch liege, wenn ich sage: wenn eine Geschichte im Imperfekt erzählt wird, muss das, was vor dem Erzählzeitpunkt geschah im Plusquamperfekt geschrieben werden.

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Anderes Beispiel, andere Zeit. Ich schreibe im Imperfekt und möchte auf einen Punkt in der Zukunft hinweisen. Ist es richtig, in dem Fall den Konditional zu verwenden? Ich denke ja, aber zur Sicherheit will ich lieber noch Leute fragen, die sich mit sowas auskennen ...
Satzbeispiel aus meinem aktuellen Manuskript:

...füllten die Grube wieder auf und brachten alles in Ordnung. Einige Wochen lang würde die graslose Stelle vor der Hütte noch an den Sieg erinnern.

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Was die Rechtschreibung betrifft, habe ich heute 6,95 Euro dafür geopfert. "Die neue Rechtschreibung" von Langenscheidt, ein Büchlein mit Erklärungen und Übungen, vor allem auch mit Änderungen. Dann kann ja hoffentlich nichts mehr schiefgehen. Ach, und besonders erfreulich: sehr v(V)ieles wird wieder zusammengeschrieben. Was ich noch lernen muss ist, ob ich nun "vieles" groß oder klein schreiben soll. Früher war's klein. Aber das hat nur insofern mit Vergangenheiten zu tun, dass die alte Rechtschreibung endgültig Vergangenheit ist ... :wink:

Grüßle,
Judith
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hwg
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Re:

von hwg (24.08.2007, 07:32)
Mit der Verwendung von Zeitformen wird tatsächlich viel Schindluder getrieben. Ich beherzige die einfache Regel: Gegenwart - Vergangenheit,
Mitvergangenheit - Vorvergangenheit. Alle sonstigen "Vermischungen" erschweren nur Lesefluss und Verständlichkeit des Textes. Nicht alles was kompliziert klingt ist "hohe" Literatur, eher das Gegenteil, auch wenn
viele Autoren und Kritiker es gerne anders sehen. :lol:

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hawepe
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Re: Vergangenheiten

von hawepe (24.08.2007, 09:19)
Hallo Judith,

Judith hat geschrieben:
Der Notarzt stellte fest, dass der Mann vor höchstens fünf Stunden
umgekommen war und beim Sturz die Treppe hinunter eine Schädelfraktur
erlitten hatte, die zum unmittelbaren Tod führte.


Ich hätte nun gesagt: die zum unmittelbaren Tod geführt hatte, da er nicht in dem Moment starb, als der Notarzt es feststellte, sondern zu dem Zeitpunkt der Tod schon eingetreten war.


Ich entscheide da von Fall zu Fall. Hier wuerde ich es aus der Position des Notarztes sehen und die einfache Vergangenheitsform waehlen. Der Tod liegt naeher als der Sturz.

Aber grundsaetzlich hast du recht, dass es manchmal recht schwierig wird, wenn man in der Vergangenheitsform schreibt.

Da die Moeglichkeiten der deutschen Sprache in dieser Hinsicht nun einmal etwas eingeschraenkt sind, hat man ggfs. nur zwei Moeglichkeinten: den Text umzuformulieren oder ihn so zu formuliueren, dass er richtig klingt, auch wenn er es grammatikalisch evtl. nicht ist. Bei letzterem meine ich natuerlich nicht jene sprachlichen Vergewaltigungen, wie man sie haeufig liest und die nur wegen ihres haeufigen Auftretens akzeptiert werden.

In letzter Zeit habe ich sehr häufig bei anderen BoD-Büchern gestöbert und bin diesem Phänomen recht häufig begegnet. Nun bin ich nicht sicher, ob ich da falsch liege, wenn ich sage: wenn eine Geschichte im Imperfekt erzählt wird, muss das, was vor dem Erzählzeitpunkt geschah im Plusquamperfekt geschrieben werden.


Das sehe ich auch so, aber es gibt nicht nur die Perspekte des Erzaehlers (Autors), sondern auch der handelnden literarischen Personen.

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Anderes Beispiel, andere Zeit. Ich schreibe im Imperfekt und möchte auf einen Punkt in der Zukunft hinweisen. Ist es richtig, in dem Fall den Konditional zu verwenden? Ich denke ja, aber zur Sicherheit will ich lieber noch Leute fragen, die sich mit sowas auskennen ...
Satzbeispiel aus meinem aktuellen Manuskript:

...füllten die Grube wieder auf und brachten alles in Ordnung. Einige Wochen lang würde die graslose Stelle vor der Hütte noch an den Sieg erinnern.


Auch hier wuerde ich mich wieder in die Position derjenigen begeben, die die Grube auffuellten. Und dann ist es richtig.

Beste Gruesse,

Heinz.

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wgbajohr
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Re: Vergangenheiten

von wgbajohr (24.08.2007, 12:26)
Hallo Judith!

Hawepe und HWG haben die wichtigsten Argumente bereits gebracht. Ich will mich jetzt nur noch mit einer Methode einschalten, die manchmal hilfreich sein kann:

Judith hat geschrieben:
Der Notarzt stellte fest, dass der Mann vor höchstens fünf Stunden
umgekommen war und beim Sturz die Treppe hinunter eine Schädelfraktur
erlitten hatte, die zum unmittelbaren Tod führte.


Wir verschieben das Geschehen in die Gegenwart:

Der Notarzt stellt fest, dass der Mann vor höchstens fünf Stunden
umgekommen ist und beim Sturz die Treppe hinunter eine Schädelfraktur
erlitten hat, die zum unmittelbaren Tod führt.

Ich glaube, jetzt wird es deutlich, dass es so nicht stimmen kann, denn das Opfer ist ja bereits tot. Wir müssen folglich das Perfekt verwenden: ... die zum unmittelbaren Tod geführt hat.

Für Dich, Judith, bedeutet es, dass Deine Vermutung richtig ist. Versetzen wir das Geschehen zurück in die Vergangenheit, wird aus Perfekt natürlich Plusquamperfekt.

Aber wichtig bleibt das, was die beiden Kollegen schon angemerkt haben, es kommt auf den Einzelfall an, auf die Perspektive. Über sie entscheidet letztlich der Autor. Dafür nur ein Beispiel:
...füllten die Grube wieder auf und brachten alles in Ordnung. Einige Wochen lang würde die graslose Stelle vor der Hütte noch an den Sieg erinnern.


Auf der Ebene des Erzählers könnten die Wochen längst vergangen sein, sodass nichts mehr an den Sieg erinnert. Dann könnte der Text auch so lauten:

... füllten die Grube wieder auf und brachten alles in Ordnung. Einige Wochen lang erinnerte die graslose Stelle vor der Hütte noch an den Sieg.

sehr v(V)ieles wird wieder zusammengeschrieben.


Hier ist die Lösung relativ einfach, denn viel und seine Formen werden nur in seltenem Ausnahmefall großgeschrieben, wenn nämlich der substantivische Charakter hervorgehoben werden soll. Dann steht viel für eine besondere Bedeutung. Beispiel aus dem Duden: Das Lob der Vielen (= breite Masse) war ihr nicht wichtig.

Viele Grüße
Wolf-Gero
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wgbajohr
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Re:

von wgbajohr (24.08.2007, 12:40)
Hallo Judith!

Einen wichtigen Satz habe ich im letzten Augenblick doch noch vergessen.

In vielen Fällen lässt sich durch Umformulieren manche Klippe umschiffen.

Wir sollten einen Gedanken stets im Hinterkopf behalten, dass nämlich die Lösung, die nach vielem Hin und Her und vielem Nachdenken herauskommt, nicht unbedingt eine Lösung ist, die den Leser überzeugt. Wenn der normal gebildete Leser zu dem Schluss kommt, er sei über einen Fehler gestolpert, dann ist es nicht gut, selbst wenn die Lösung völlig richtig ist. Richtig und einfach schreiben, ohne dass es langweilig und einfallslos wirkt, das ist stets eine Herausforderung, der wir Schreiberlinge uns stellen müssen.

Viele Grüße

Wolf-Gero
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hwg
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Re:

von hwg (24.08.2007, 14:12)
Genau so ist es!
Wolf-Gero ist ein exzellenter Ratgeber! thumbbup

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Judith
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Re:

von Judith (25.08.2007, 01:06)
hwg (Moderator) hat geschrieben:
Wolf-Gero ist ein exzellenter Ratgeber! thumbbup


Dem stimme ich zu! Danke, Wolf-Gero! thumbbup
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wgbajohr
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Re:

von wgbajohr (25.08.2007, 03:36)
Hallo Judith und hallo Hwg!

Danke, danke!

Viele Grüße

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