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Jerichorose
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Romananfang - Feedback wäre schön

von Jerichorose (08.05.2019, 07:06)
In meinem Roman geht es um Andreas, der sich nach dem Tod seines Vaters in dessen Heimat Kroatien auf die Spuren der Vergangenheit begibt.

Zadar, 2013

Kalt weht der Nordostwind über den weiten Platz vor dem Terminal, lässt die Gebäudeplatten des neuen Anbaus erzittern und Flaggen gegen ihre Masten knallen. Die Bura ist ein starker und trockener Wind, der die nördliche Adria vorallem in den Wintermonaten heimsucht, hatte Andreas in dem Reiseführer gelesen, den er sich in letzter Minute vor dem Abflug in Frankfurt gekauft hat. Gerade einmal eine Woche ist es her, dass er nach Kroatien aufgebrochen war, voller gemischter Gefühle, was ihn wohl erwarten würde in dem „schwarzen Land“, das er nicht kannte und zeitweise als Fluch empfunden hatte. Mit dem er dennoch durch ein fast unsichtbares Band und den Namen Ribarevic verbunden war.

Vor der Sicherheitskontrolle nimmt Tante Vesna ihn zum Abschied fest in den Arm und sagt etwas auf Kroatisch.
„She says, her house is yours, you're welcome any time“ übersetzt ihm Dunja, seine Cousine, während Vesna ein Taschentuch aus ihrer Tasche hervorholt. Onkel Ivo blickt verlegen auf seine Schuhe, als würde ein Kratzer auf dem braunen Leder seine ganze Aufmerksamkeit beanspruchen. Aber dann fasst er sich ein Herz und klopft Andreas freundschaftlich auf die Schulter.
„Auf Wiedersehen“, sagt er langsam und um die richtige Aussprache bemüht, spricht dann auf Kroatisch weiter.
„He says, next time you come in summer, when it's warm“, übersetzt Dunja. „And you bring a girlfriend“, sie lächelt Andreas verschmitzt an. „It's not good to be alone.“

Er fühlt den vertrauten Abschiedsdruck auf seiner Brust, der bis hinauf in die Kehle dringt und ihm fast den Hals zuschnürt. Er hat Abschiede immer gehasst und immer gab es dafür gute Gründe. Dieses Mal aber begreift sein Verstand nicht, was ihm das Wegfahren so schwer macht. Er hat Vesna, Ivo und Dunja zum ersten Mal gesehen, wissentlich gesehen und von der Existenz der meisten anderen Verwandten bis zu seiner Ankunft in Zadar nicht einmal gewusst. Abgesehen von Dunja und Katarina, ihrer Tochter, kann er sich mit ihnen kaum verständigen; die Onkel radebrechen etwas Deutsch, das sie sich nach kurzen Gastarbeiterintermezzi in den Siebzigerjahren bewahrt haben und Vesna spricht nur Kroatisch. Aber die Menschen sind ihm in den vergangenen Tagen so vertraut geworden wie Vesnas und Ivos Steinhaus mit seiner großen Küche und dem alten Ofen darin. Ihre Gastfreundschaft hat ihn auf besondere Weise berührt, als wäre er nach langer Reise heimgekommen.

„This is for sure“, Andreas schluckt.
Tante Vesna sagt etwas von „Katarina“.
„She says, next year it's good opportunity, it's Katarina's wedding.“
Ein feuchter Film legt sich über seine Augen, lässt die Menschenschlange vor der Sicherheitskontrolle bei jedem Lidschlag tanzen und die Städtenamen auf der Anzeigentafel verschwimmen.
„So I see you on my daughter's wedding!“ Dunja drückt ihm einen Kuss auf die Wange und Andreas zieht sie zu sich heran. Sie hat so etwas Mütterliches, obwohl sie kaum sechs Jahre älter ist als er.


1971

„Ich habe ein Loch im Bauch. Lass uns Rast machen und etwas essen.“ Rita tätschelte Josips Knie und legte ihren Kopf schief, bemerkte aber sein Zögern.
Er räusperte sich. „Es gibt noch Butterbrote in der Kühltasche.“ Sie hatte es gewusst.
„Ach komm! Ich habe noch einen Rest von Omas Geld. Außerdem ist mir die Arbeit bei Heizöl Berentsen so gut wie sicher. Vielleicht kann ich dort ab Herbst sogar eine Büro-Lehre machen.“
„Und was ist mit dem Kleinen?“ Josip schaute sie fragend an.
„Das findet sich, Schatz. Du bist eingeladen!“

„Noch einen Happs, dann scheint morgen die Sonne“, versuchte Rita ihren Sohn vom mitgebrachten Gemüsebrei zu überzeugen, aber Andreas nickte in seinem Hochstühlchen immer wieder ein.
„Lass ihn doch, er möchte schlafen. Wird schon nicht verhungern“, sagte Josip und schnitt sich ein Stück von seinem Kotelett ab.
„Du hast gut reden, dir schmeckts ja schon“, zischelte Rita mit Blick auf ihre Eierravioli, die schon nicht mehr dampften. Sie lockte Andreas mit Bluna-Limonade und tatsächlich öffnete er seine Augen und nahm begeistert mehrere Schlucke des von ihm so begehrten Getränks. Sein zufriedenes Lachen entblößte kleine Zähne, die wie ein weißgestrichener Gartenzaun hinter den sattroten Lippen hervorschauten. Als sich jedoch wieder der Plastiklöffel zwischen seine Lippen schob, drehte er sich weg und stieß einen unwilligen Laut aus. Andreas hatte so schön im Kinderwagenaufsatz auf dem Rücksitz geschlafen, aber dann hatte ihn Mama aus dem Schlaf genommen und jetzt schob sie ihm fortwährend von diesem Brei in den Mund.
„Komm, einen Löffel für Tante Vesna, einen für Onkel Ivo, einen für Oma“, versuchte Rita es weiter. Aber Andreas schaute enttäuscht aus seinen runden, hellbraunen Augen.
„Und einen für Winnetou“, fügte Josip hinzu.
“Wieso für Winnetou?“ fragte Rita.
„Viele Winnetou-Filme wurden in meiner Heimat gedreht“, erklärte ihr Josip. „Ich zeige dir alles. Auch den Silbersee“, versprach er und fasste ihre freie Hand.
Andreas verfolgte die Worte seiner Eltern mit großen Augen, öffnete versehentlich sogar den Mund, wieder kam das grässlich-grüne Mus, das er jedoch schnell wieder zwischen den Lippen hinauspresste. (...)

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