Leseprobe zu Kurzgeschichte 'Cyber'

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Sean95
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Registriert: 20.10.2019, 21:25

Leseprobe zu Kurzgeschichte 'Cyber'

von Sean95 (20.10.2019, 21:29)
Hallo,
ich arbeite set kurzem an einer Kurzgeschichte. Es spielt in einem Cyberpunk setting, wobei das für die reine Handlung nebensächlich ist. Bräuchte halt jetzt erstmal Feedback.

Danke im Vorraus

Cyber

"Wie wär's mit 3000 für eine Woche?"
Der zwei Meter große Anzug mit dem Allzweckarm hielt ihr seine ID-Karte vors Gesicht.
"Süßer, da musst du wohl noch was drauflegen wenn du mich eine Woche ganz für dich allein haben willst."
"Und wenn ich dir sage, dass in meinem Safe zehn Kilo reines Kroc liegen?"
Die Augen der Edelhure weiteten sich vor Erregung. Man sah ihr an, dass ihr letzter Trip schon ein paar Tage her war. Trotz ihres Schilddrüsen-Implantats zitterte sie merklich.
"Süßer, warum hast du das nicht gleich gesagt? In dem Fall kriegst du meinen Arsch auch für einen ganzen Monat, wenn du willst."
Der Anzug rang sich ein müdes Lächeln ab und beide verließen Arm in Arm die Bar. "Wieso kommt die Oberschicht immer wieder nach hier unten? Die brauchen wohl Abwechslung von Kaviar und sauberen Nutten."
Der abgewrackte Barkeeper mit dem Bionischen Auge und der halbmondförmigen Brandnarbe, die offensichtlich von einem Vektorgeschoss stammte, rotzte auf den Boden.
"Hör zu, Jack! Wenn du es jemals nach oben schaffst, dann blick nie wieder zurück, kapiert? Werd bloß nicht wie dieser Wandschrank im Anzug."
"Wenn ich es jemals nach oben schaffe, wache ich im nächsten Moment verkatert in meiner Bude auf."
Meine Bude. Ein vier Quadratmeter großes Loch, gerade groß genug um zu schlafen und seine Notdurft zu verrichten. Mehr ging nicht. Zumindest nicht hier unten. Entweder gab man sich der Prostitution hin oder man gehörte zum Inventar, ansonsten landete man in den tiefsten Slums der Stadt. Oder man wurde als eines der Silberlöffel leckenden Inzestkindern der Oberen Eintausend geboren. In dem Fall musste man den ganzen Tag nur fressen, saufen, ziehen und f**** um dazu zu gehören. Über die Runden zu kommen, indem man unliebsamen Schuldnern eine Kugel durch den Kopf jagt, stand eher mir zu Gesicht. Mit der Magnum in der einen Hand und einem Glas voll Spülwasser, das sie Whiskey nennen, in der anderen, wartete ich nur auf mein nächstes Gehalt. Irgend ein halbirrer Krocjunkie, der seine Schulden nicht zahlt. Angeblich ein Kinderschänder dazu, aber wegen sowas wurde ich noch nie geschickt. Wenn es nicht um Geld geht, muss in dieser Stadt kein Auftragskiller den Finger krumm machen, das steht fest.
"Hey Jack, hab ich dir je erzählt, wie ich David Cameron das Nasenbein gebrochen habe? Pass auf es war so..."
Immerzu die gleiche Geschichte über David Camerons Nasenbein. Er erzählte garantiert nur Müll, wie jeder hier, der versucht sich wichtig zu machen.
Ich blickte zur Tür und sah einen fetten Geldsack, wie er mit zwei Huren, die nur noch ihre Schuhe anhatten, die Bar verließ. Sie lachten gekünstelt und taten so als könnten sie diesen übergroßen Haufen Scheiße leiden. Als sie in die Neon verqualmte Dunkelheit hinaustraten, passierte sie mein nächster Gehaltsscheck. Der Schuldner. Verfilzte Haare und eine schiefe Nase. Ein paar klare Blicke meinerseits und die anwesende Menge wusste Bescheid. Der Raum entleerte sich in die kalte Finsternis nach draußen. Der senile Barmann war Zeuge als sich das Innere dieses fettigen Hohlkopfs auf das Interieur des Xenon Inn verteilte.
Eine Minute später hatte ich eintausend Credits mehr auf dem Konto.

Der Alkohol drang in meinen Schädel und hämmerte unnachgiebig wie eine Dampframme gegen die Schläfen. Die Leuchtreklame des Triple X vor meinem Fenster brannte wie Salz in meinen Augen. Die restlichen Credits standen neben meinem Bett in Form eines zwanzig Jahre alten Single Malts, den mir ein Besuch auf dem Schwarzmarkt eingebracht hatte. Abgesehen davon hatte ich mir meinen Gehaltsscheck nochmals durch den Kopf gehen lassen. Es war ein weiterer Tag in der Stadt und der Regen prasselte an die Scheibe. Wie eine Maschinenpistole schnitt er mir ins Trommelfell. Was war passiert? Lebe ich noch? Die Tür war verschlossen und die Magnum lag in Griffweite. Alles in Ordnung. Die Lüftung setzte ein und zog den Gestank von Erbrochenem aus dem Raum. Ich war wie festgenagelt auf das Bett, jede Bewegung schnitt ins Gehirn. Aspirin! Den Arsch einer Hure für eine Aspirin! Im Nachttisch lag der Fels in der Brandung und ich spülte ihn mit dem Geschenk der Highlands runter. Dann schlief ich ein.

Ich erwachte und die Nachwirkungen des Vergessens wichen erneut der Lethargie. Was nun? Wann kommt der nächste Auftrag? Ich brauch ihn gar nicht zu suchen, er wird mich schon finden. Letztes mal am Bahnhof, vielleicht wieder, kann sein.
Die Luft wurde mir zu dick, also beschloss ich, draußen zu warten. Irgendwohin, wo nicht so viele Menschen sind. Aber es sind überall Leute. Immer. Ich trat auf die Straße und wurde erschlagen.
Eine Panikattacke.
Was ist wenn das der letzte Auftrag war?
Ich hab kein Geld mehr, was nun?
Wohin?
Alle Augen waren auf mich gerichtet.
Meine Waffe, wo ist sie?
Ich hab sie, wenigstens.
Oh Gott, was jetzt? Was mach ich?
Mir rannten Tränen in die Augen, eine verdammte Ewigkeit stand ich da rum und die Leute liefen an mir vorbei, hunderte von ihnen. Keinen interessierte es und diese...diese Hüllen, die die ganze Zeit da rumlaufen und ich stand da rum. Ich stand da rum und zitterte wegen nichts. Fast fünfzehn Jahre hab ich Leute umgebracht für Geld, immer und immer wieder. Andauernd will jemand irgendwen tot sehen, so sind die Menschen. Warum sollte sich das also ändern? Und trotzdem, ich gab nach. Hatte Angst. Das war's, dachte ich und...wollte Schluss machen. Auf offener Straße. Es hätte sich niemand nach mir umgedreht.
Geschafft hab ich es aber nicht.
Da war diese Hand, die nach meiner griff. Ich sah sie an. Älter als ich. Dieser Blick. Mir lief eine Träne am Gesicht runter. Keine Prostituierte, sondern ein Mensch. Der Blick, ihre Augen. Sie war viel älter aber für mich war sie so schön in dem Moment. Ich brachte keinen Ton heraus aber das war egal. Ich glaube sie verstand. Sie hatte immer noch meine Hand und ich lies mich ziehen, begriff nicht wirklich was passierte, warum sie da stand und mich davon abhielt, den Abzug zu drücken.
Ihr Apartment war genauso klein wie meins, nur das Bett war weicher und sie hatte keine Neonreklame vor dem Fenster. Sie roch so gut und ihre Haare waren so fein. Sie war einfach nur ein Mensch. Und sie war warm. Keine Hure in dieser Stadt war so warm wie sie. In diesem Augenblick war alles andere einfach nur eiskalt und hässlich. Ihre schwarzen Haare, ihre Augen, alles an ihr war so schön. So unglaublich schön.

Als wir fertig waren und ich mich anzog, sprach sie das erste mal zu mir.
"Kommst du wieder zurück?"
In ihrer Stimme lag der Rauch von Zigaretten. Nicht viel aber man hörte es.
"Ich weiß es nicht", sagte ich nach langem Zögern ohne mich umzudrehen.
Ein Moment der Stille verging und als ich meine Magnum in den Halfter steckte, traf mich ihre Stimme erneut.
"Du bist ein Killer, oder?"
Ich fuhr langsam herum und sah ihr direkt in ihre blassen Augen.
"Ja", ohne Regung.
Ich kannte ihren Namen nicht, wusste nicht wer sie war. Ich wusste nur, dass dies ein Moment der Entscheidung sein würde. Es gab nur eine Chance, sonst wäre ich für immer verdammt. Meine ganze Kraft für eine kleine Emotion und einen Ausdruck in meinem Gesicht zusammenfassend, stand ich mit der Hand am Türknauf da und antwortete: "Ich komme wieder."

Als ich mir, benommen wie ich war, einen Weg aus dem Apartment-Komplex gebahnt hatte und wieder an die Luft kam, fielen meine Innereien über mich her. Bevor ich realisieren konnte, was gerade für ein Film abgelaufen war, kotzte ich an die nächste Laterne.
Diese Frau...was zur Hölle?
Alle Emotionen und Gefühle, die ich all die Jahre in meiner alkoholkranken Depression ertränkte, fielen über mich her wie eine Meute Hyänen. Wie der letzte Vollidiot ging ich umher und lachte und weinte zugleich und wäre fast zusammengebrochen, als sich mein Kreislauf ins bodenlose verabschiedete. Eine Diät aus Schnaps und Painkillern war nichts, was einen lange aufrecht hält.
Als ich wieder halbwegs normal funktionierte, kamen erneut Zweifel in mir auf.
Wohin jetzt?
Wann kriege ich wieder Arbeit?
Die Frage, ob ich einfach wieder zu ihr zurück gehen sollte stellte sich mir nicht.
Natürlich würde ich das.
Ich hatte keine Lust mehr, mir das Hirn weg zu saufen, nur um den Mangel an Wärme wett zu machen. So jemanden wie sie findet man nicht einfach in diesem Loch. Egal wer sie war oder was sie wirklich wollte, ich hatte eine Chance und musste sie nutzen.
Trotzdem kam für mich die Arbeit vor dem Vergnügen.

"Kennst du den Muffin Man?"
Als ich in eine Gasse Richtung Downtown einbog, hörte ich die krächzende Stimme eines Typen, dessen Gesichtshälfte aus verstärktem Lithium mit einem bionischen Auge bestand.
"Der Muffin Man? Ja, ich kenne den Muffin Man, er wohnt in der Drury Lane", gab ich zu verstehen.
Er wandte das Lithiumgesicht ab und ging ein paar Schritte von mir weg.
"Der Muffin Man ist heute Abend um 8 Uhr im 'Cyberspace' in Downtown. Du weißt Bescheid."
Ich atmete erleichtert auf und der Unbekannte und ich trennten uns.
Das war eine Losung. In Wirklichkeit kennt man den Muffin Man als den 'Broker'. Niemand weiß, wer oder was er ist und man trifft ihn auch nie persönlich.
Alles was man weiß ist, dass er die Aufträge an Killer verteilt und man von ihm seinen Lohn für erledigte Arbeit erhält. In meinem Fall wohl nicht viel, trotzdem wollte ich das Geld für etwas sinnvolleres ausgeben. Zumindest wenn sie noch auf mich wartete.

Das 'Cyberspace' in Downtown war, wie ich feststellen musste, ein Puff der schlimmsten Sorte. In einer abgelegenen Seitenstraße, voller Ratten und anderem Ungeziefer, war eine kleine Tür mit einem Neonschild darüber. Davor tummelte sich die Ausschußware der Gesellschaft. Stinkend und verkommen wie eh und je. Irgend ein Penner in den letzten Zügen versuchte bei einer ähnlich unnansehligen Hure was umsonst rauszuschlagen. Vor einem Müllcontainer hatte sich ein Kreis aus notgeilen Freiern gebildet, in dessen Mitte eine andere auf Knien ihrer Arbeit nachging. Ich wollte schon wieder umdrehen, da ich dachte, der Typ mit dem Lithiumgesicht hätte mich verarscht, als ein Mädchen auf mich zukam. Ob sie schon volljährig war, sei dahingestellt. Immerhin trug sie mehr am Leib als ein paar Nylonfäden. Sie fragte mich nach dem Muffin Man und meinte, ich solle einfach reingehen.
Hinter dieser neonbeleuchteten Tür lag ein riesiger, stinkender, verfickter Kaninchenstall. Man würde unter Garantie erblinden, wenn man da eine Schwarzlichtlampe reinhält. Ein paar Ledersofas und ein Boden, der klebriger war, als nasser Beton. Dazu eine Soundkulisse, die man sich nicht ausmalen will.
Wie dem auch sei, das Mädchen, das vermutlich keine Prostituierte war, nahm mich bei der Hand und führte mich durch die Sauerei in ein kleines, tatsächlich halbwegs sauberes Büro. Hinter einem Schreibtisch voller Geldbündel, Kondome und ein paar Federboas saß der Broker...in Form einer Puffmutter. Meinen letzten Auftrag bekam ich vom Vorsteher einer Obdachlosensiedlung und den davor vom Hausmeister eines Stundenhotels. Es ist immer ein völlig anderer, an einem völlig anderen Ort, zu einer völlig anderen Zeit. Die einzige Gemeinsamkeit war, dass jeder von ihnen alles wusste, was ihr Vorgänger auch wusste. Keine Ahnung, wie der Broker das macht. Es gab Gerüchte, es sei nur eine KI der Konzerne, die den Leuten in die Neuro-Module geladen wird. Andere sagen, der Broker verändere nach jedem Treffen sein komplettes Aussehen mithilfe von Implantaten. Was auch immer davon stimmte und was nicht, mir war es scheißegal. Ich wollte meinen Auftrag und mein Geld.
Die Puffmutter grinste mich lüstern an und ich bekam es mit der Angst zu tun. Müsste ich ihr vielleicht einen 'Gefallen' tun um aus dieser Kloake wieder zu entkommen?

"Hey, Sugar! Wie läuft's? Bock zu f****?"
Die Puffmutter lachte schäbig, wobei ihr fast die Zigarette aus dem Mund gefallen wäre. Wie man sich vorstellen kann, war ich weder zu Späßen aufgelegt, noch besonders scharf darauf, meinen Schwanz in die Büchse der Pandora zu stecken.
"Sagt dir der Muffin Man irgendetwas?"
Ich bemühte mich, nicht zu schreien. Das war aber nicht leicht, da die alte Schabracke etwas zu lange brauchte, um ihr nikotinverseuchtes Lachen einzustellen.
"Beruhig dich, Baby! Du wirkst etwas angespannt, sicher, dass du nicht erstmal einen wegstecken willst?"
"Ich hab keine Zeit für die Scheiße hier! Hast du was oder nicht? Ich kann auch einfach gehn, dann kannst du dein Zeug alleine regeln!"
Sie drückte die Zigarette aus und beugte sich zu mir. Die Zeit verging und wir starrten uns einfach nur an. Ich schätzte ab, wie schnell ich meine Magnum aus dem Halfter ziehen konnte, da ich damit rechnete, dass sie mich jede Sekunde erschießt. Um ehrlich zu sein...das war der zweitgrößte Bluff meines Lebens. Meine Waffe war nicht einmal geladen.
Als unser Staredown vorbei war, lehnte sie sich zurück und sagte entspannt: "Passt bloß auf, Leute. Wir haben einen Bad Boy im Raum und du bist es garantiert nicht. Wenn ich jemanden tot sehen will, dann stirbt er auch. Durch deine Hand, meine, oder die eines halbtoten Obdachlosen."
Das war eine Warnung, die nicht nur mir galt. Jeder der den Broker anpisst, steht im Scheinwerferlicht des Sensenmanns.
"Du suchst Arbeit? Dann hör zu. Heute um Mitternacht zeigt Dominic van Dousen in seinem Filmclub im Ostviertel einen von diesen uralten Western. Kennst du Dominic van Dousen?"
"Hab schon von ihm gehört. Er sammelt alle möglichen Filme und zeigt sie für viel Geld in seinem Theater."
"Sehr gut. Ich sehe wir verstehen uns. Nun ist es so, Dominic van Dousen ist mir vollkommen egal. Die Person um die es geht, ist ein Schleimscheißer namens Joseph Calhoun. Das Wiesel hat sich Geld für sein Kredithai Büro geliehen und ist mit der Rückzahlung im Verzug."
"Welch Ironie."
"Meine Augen und Ohren sagen mir, dass er ein alter Filmfan ist. Dieser Pisser hat kein Geld um seine Schulden zu tilgen aber um sich auf Zelluloid einen runterzuholen. Es ist mir gleich wie aber er stirbt heute Nacht, klar?"
"Und wie erkenne ich Calhoun?"
"Sagen wir so, er hat Waden aus Stahl und eiskalte Hände."
"Eiskalte Hände haben deine Mädchen wahrscheinlich auch, ich erschieß sie deswegen aber nicht."
"Du hast doch was in der Birne, oder? Wenn du dir das letzte bisschen Verstand noch nicht weggespült hast, kommst du schon drauf."
"Wenn du meinst."
"Du kriegst dafür auch das doppelte, Sugar."
Sie zwinkerte mir zu ohne die Miene zu verziehen. Ich wollte schon gehen, als sie mir noch etwas hinterher warf.
"Und noch etwas! Dieser Dominic van Dousen ist kein Fan von Schießereien in seinem Theater. Du musst kreativ werden. Der richtige Zeitpunkt und so...du verstehst?"
"Ich werd schon überleben."
Aus dem Büro des Brokers raus, wurde ich von der Nicht-Prostituierten durch die Orgie wieder nach draußen geführt. Frische Luft, verdammt tat das gut.
"Hier, ich soll dir das geben."
Das Mädchen kam mir zu nahe und steckte mir etwas in die Tasche. Es war ein Ticket für van Dousens Theater, wie ich später herausfand.
"Schade, dass du nur geschäftlich hier bist, Hengst."
Sie fasste mich an.
"Ne, lass mal lieber. Das muss ich nicht haben."
Ich drehte mich um und machte mich auf den Weg ins Ostviertel.

Das Ostviertel. Ein Paradies für alle, die mehr Credits auf dem Konto haben als sie versaufen können. Die High Society der oberen eintausend ging hier ein und aus und alles machte den Anschein einer halbwegs funktionierenden Gesellschaft. Jemand wie ich, der aus den tiefsten Slums empor gekrochen kam, um jemandem das Leben zu nehmen, fiel nur auf den ersten Blick auf wie ein bunter Hund. Auf den zweiten merkte man, dass ein Auftragskiller auch hier ein zuhause finden konnte. Nur waren die Waffen der Wahl hier eher Zyanid und Garotte als eine Pistole oder ein rostiges Messer.
Egal, ich brauchte Geld und hatte Arbeit. Das Theater zu finden war einfach. Überall hatte dieser van Dousen Neonreklame und Werbemonitore hängen. Der Vordereingang war pompös und zeugte von der tiefen Überheblichkeit dieses glatten Aals, der sich selbst wie ein Erretter des Kinos inszenierte. Der Türsteher war der gleiche zwei Meter große Anzug mit dem Allzweckarm aus dem Xenon Inn. Er sah mich misstrauisch an. Ob er sich an mich erinnerte oder nur stutzig war, wie sich ein Slumdog den Eintrittspreis überhaupt leisten konnte. Fünftausend verdammte Credits. Wenn der Broker Wort hielt, würde ich gerade mal zweitausend für die Aktion kriegen. Im Foyer wimmelte es nur so vor Geldsäcken. Einer fetter als der andere. Dazu hatte jeder mindestens eine Hostesse im Arm. Für Geld lachten sie. Für Geld tanzten sie. Und für Geld polierten sie diesen Speckmänteln die Murmel. Ich glaube ich war der einzige der nicht so aussah, als wollte er sich zu Tode fressen, was diverse Blicke anlockte. Das einzig gute an dieser Farce war der Scotch. Ich külte meine Aufregung mit einem Glas und hielt die Augen nach Calhoun auf. Waden aus Stahl und eiskalte Hände. Auf einem uralten Plakat, noch aus Papier und leicht vergilbt, wurde der Film beworben, den van Dousen zeigen wollte. Waden aus Stahl und eiskalte Hände. Ein Film namens 'El Dorado'. Auf dem Plakat waren zwei Männer mit Cowboyhüten, einer hatte einen Revolver.
"Einen so alten Film habe ich noch nie gesehen, Darling. 1966, das sind ja mehr als hundert Jahre, oder?"
Eine vollbusige Hostesse tat so als würde sie sich für den Streifen interessieren und lachte gekünstelt, als ihr der Geldsack im weißen Smoking wenig diskret unter den Rock fasste. Waden aus Stahl und eiskalte Hände. Wo bist du, Calhoun? Ich ging im überfüllten Foyer auf und ab und versuchte mir einen Reim auf den Tipp des Brokers zu machen. Waden aus Stahl und eiskalte Hände. Waden aus Stahl. Eiskalte Hände.
Und dann sah ich ihn.
Einen Mann. Halbglatze. Ungefähr meine Größe. Sein Schnurrbart sagte jedem 'Ich bin ein beschissener Kredithai und würde im Zweifelsfall meine Mutter verkaufen'. Des Rätsels Lösung war etwas unauffälliger. Seine Beine waren unterhalb der Knie durch Prothesen ersetzt worden. Seine Hände ebenso. Mattes Lithium, das aussah wie Handschuhe. Ich atmete nervös ein und aus. Er durfte mir nicht entwischen. Bevor ich mir einen Plan zurechtlegen konnte, ertönte eine Stimme über Lautsprecher und brachte die Meute dazu, sich in den Vorführsaal zu begeben.
Ich saß in der letzten Reihe und sah Dominic van Dousen, wie er auf der Bühne umher stolzierte in einem karierten Anzug und einem Gehstock, als gehörte ihm diese Welt. Er prahlte mit seinem Reichtum und seiner Filmsammlung. Ein verdammter Gott, so sagte er. Gefühlte Ewigkeiten später kam er auch mal dazu, den Film, wegen dem alle hier waren, anzukündigen. Das älteste Stück seiner Sammlung, über hundert Jahre alt. John Waynes bester Film, seiner Meinung nach. Ich hatte keine Ahnung von dem Kram und es war mir auch egal. Meine Aufmerksamkeit galt Calhoun, der auf dem Platz vor mir saß. Einfach warten bis die Show vorbei ist und ihn auf dem Weg nach hause abfangen, war mein Plan. Zwei Stunden musste ich ausharren. Van Dousen gab an, er würde eine restaurierte Fassung auf Blu-Ray zeigen. Angeblich schwer zu kriegen. Ein erstauntes Raunen ging durch die Menge, ich hatte von nichts eine Ahnung.
Der Film selbst war ganz gut. Bis auf die Gewalt erinnerte darin aber nichts an unsere Zeit. Der Sheriff, gespielt von einem Typen namens Robert Mitchum, erinnerte mich an mich selbst. Er war die meiste Zeit besoffen, allem Anschein nach schwer depressiv. Nur am Whiskey trinken und rumheulen. Ich wusste genau, wie er sich fühlte. Dann war da noch dieser andere. Ein junger Kerl, der zu blöd war mit dem Revolver was zu treffen und sich deshalb eine abgesägte Schrotflinte zulegte. An viel erinnere ich mich nicht mehr aber ich konnte mich wenigstens für ein paar Stunden ablenken. Doch irgendwann war der Spuk vorbei und ich immer noch um Joseph Calhoun kümmern. Fast hätte ich ihn verloren in der Herde von Geldsäcken, die hirnlos aus dem Kino strömten. Ich folgte ihm unauffällig durch das Ostviertel. Vorbei an Herrenausstattern und Edelbordellen, Augmentierungskliniken und Schönheitsärzten. Immer weiter ohne Pause. Jede Straße war hell erleuchtet und voller Menschen. Es hätte zu viel Aufsehen erregt, ich musste auf eine Gelegenheit warten. Eine dunkle Gasse, eine Unterführung, was auch immer. An der Grenze zu Downtown bog er in eine Seitenstraße. Rauchverhangen durch die Lüftungsschächte der Häuser. Ein paar Neonschilder hier und da. Schnell handeln. Nicht lange fackeln.
"Entschuldigen Sie! Sind Sie der Joseph Calhoun?"
Er drehte sich um als hätte er einen Geist gesehen.
"Was? Wer sind Sie? Was wollen Sie von mir?"
"Ich habe gehört Sie geben bedürftigen Leuten Kredite. Sehen Sie, meiner Familie und mir geht es ganz schlecht. Ich brauche ihre Hilfe."
Er atmete erleichtert auf und grinste wie eine Schlange.
"Nun, da haben sie Glück. Ich helfe ihnen und ihrer Familie nur zu gern. Wenn Sie mir ihre Nummer geben dann könnten wir einen Termin ausmachen und..."
Angebissen. Er kam auf mich zu ohne nachzudenken. Wie ein Topf voller Gold. Ich tat so, als würde ich meine ID-Karte aus der Tasche holen und in dem Moment als er nahe genug war, packte ich ihn und brach ihm das Genick. Ein verwirrtes Stöhnen und ein lautes Knacken waren die einzigen Geräusche, die man in der verrauchten Seitenstraße hörte. Seine Hände und Beine waren mit Metall verstärkt. Sein Hals nicht. Genau eine Minute später gehörten Zweitausend Credits mir. Dazu das, was ich in den Taschen dieses Schmierlappens fand. Eine angebrochene Schachtel Nico-Time samt Feuerzeug, ein Foto mit ihm und irgend einer Frau und ein unbenutztes Kondom, Größe XXL Hochmut kommt vor dem Fall.
Ich zündete mir eine an und machte mich auf den Heimweg. Zu ihr. Das Kondom warf ich in den Gulli. Selbstüberschätzung lag mir nicht.

Da stand ich nun. Das große Apartmentgebäude glich einem Bienstock. Seelenlose Drohnen, die tag ein tag aus umher wanderten. Roboter in Menschengestalt. Aber ein Apartment war außergewöhnlich. Eines mit der Nummer 2077. Es glich jedem anderen und war genauso billig zu haben. Nur ein kleines Detail war anders. Sie wohnte darin. Ich sagte ihr, dass ich wiederkomme und hier bin ich. Meine Gedanken kreisten wie die Geier um mich herum.
Wartet sie auf mich?
Was, wenn sie nicht mehr da ist?
Nur sie oder noch jemanden?
Mit jeder Stufe, die ich zu ihrem Stockwerk empor ging, zitterte ich mehr und mehr. Jede weitere Etage erschwerte mir das Atmen, nicht nur weil Sie im 25. Stock wohnte und es keinen Aufzug gab.
Oben angekommen, versuchte ich meine Übelkeit zu unterdrücken. Gefühlt brachte mich mein Blutdruck fast zum kollabieren und mein Herz war einem Maschinengewehr gleich. Der Gang mit den hunderten von Türen schien endlos. Jeder Schritt wie ein Marathon. Ich habe keine Ahnung wie lange ich brauchte, bis ich vor ihrer Tür stand. Für mich waren es Stunden.
2077. Ihr Apartment.
Mein Mund war trocken. Meine Zähne klapperten. Mir stand der kalte Schweiß auf der Stirn. Jeder Arzt hätte mich mit Paracetamol vollgestopft und ins Bett gesteckt. Meine Hände haben so dermaßen gezittert, dass ich die Klingel erst beim dritten Versuch erwischte.
Stille.
War sie zuhause?
War die ganze Mühe umsonst?
Bitte sei da, dachte ich.
Mir kamen schon wieder die Tränen.
Quälende Sekunden später ging die Tür auf.
Da stand sie.
Zerzauste Haare.
Ein graues, abgerissenes T-Shirt.
Ihre Augen. Ihre wunderschönen, blassen Augen. Sie hatte geweint.
Die Sehnsucht stand ihr ins Gesicht geschrieben.
Ich spürte eine Träne auf der Wange und sofort fiel sie mir um den Hals. Ohne darüber nachzudenken, umarmte ich sie als wäre sie der einzige Mensch auf der Welt.
Da war sie wieder, die Wärme die nur sie hatte. Ich schloss die Tür und wir...
Ihre langen, schwarzen Haare fielen auf mich herab. Ihr Duft umfing mich. Die Kälte der Stadt konnte uns nichts anhaben. Sie küsste mich das erste mal.
Wer war sie?
Warum ich?
Sie lies mich vergessen wer ich war und nahm mich so wie ich bin.
Bis heute.

"Willst du wieder gehen?"
"Nein. Diesmal nicht."
Sie lag auf mir, so als wollte sie um jeden Preis verhindern, dass ich das Bett verlasse.
"Warum bist du weggegangen?"
"Du weißt wieso, oder?"
Ja, das wusste sie. Ich sah es ihr an.
"Bitte, geh nicht mehr weg. Ich würde dich nicht mehr finden in dieser Stadt. Ich kenne nicht einmal deinen Namen."
Ich versuchte das, was ich fühlte, in meine Stimme zu legen.
"Ich heiße Jack...nein, eigentlich Shawn. Und wer bist du?"
"Irene", hauchte sie mit ihrer dunklen Stimme direkt in mein Ohr.
Die Lichter der Stadt sahen uns durch das Fenster des Apartments zu, während wir uns küssten.

Ich erwachte und sie hatte immer noch meinen Arm umklammert. Zur Abwechslung hatte ich keinen Kater und ich wusste wieder, wie es ist, nüchtern aufzuwachen. Ich wollte nicht mehr gehen. Dieser Moment sollte für immer anhalten. Zum ersten mal konnte ich einen Blick durch ihr Apartment werfen. Vollgestopft mit irgend welchen Vorkriegsantiquitäten. Auf dem Nachttisch stand so eine komische Plastikfigur mit nach oben abstehenden Haaren. Eine Wand war voller Plakate aus Papier. Auf einem waren merkwürdige, grüne Kerle, die aussahen wie diese Tiere, die mit der Schale auf dem Rücken. Schildkröten heißen die, glaube ich. Darüber waren die Buchstaben 'TMNT' zu lesen.
"Ist das eine Band?", murmelte ich.
"Keine Ahnung. Ich fand das Bild einfach cool."
Sie war aufgewacht und legte den Arm um mich.
"Wieso hängst du dir sowas ins Zimmer, wenn du nichtmal weißt, was es bedeutet?"
"Es lenkt mich ab. Hast du nichts, was dir die Zeit hier erträglicher macht?"
Sie fing an meinen Hals zu küssen.
"Außer dir? Nur den Whiskey. Das reicht mir."
Sie setzte sich auf mich und strich sich ihre langen, schwarzen Haare zurück. Sie war so schön. Für mich war das alles immer noch wie in einem kruden Fiebertraum.
"Ich glaube ich zeige dir heute was mich immer glücklich macht. Vielleicht verstehst du dann, was ich meine."
"Ja, das wäre schön."
Ich hatte ihr nicht wirklich zugehört sondern war immer noch wie in Trance, während sie auf mir saß und sich bewegte.

Das, was sie meinte, war ein kleiner Raum, den sie gemietet hatte. In einer finsteren Gegend voller Kroc und Nutten, Spielsüchtigen und Junkies aller Art. Ihr eigener kleiner Hafen der Ablenkung. Größer als ihre Wohnung und voller Tonträger. CDs, MCs, Vinyl und Magnetbänder. Schallgedämmt und warm.
So warm wie sie selbst.
Das war alles vollkommen neu für mich.
Musik.
Richtige Musik. Aus längst vergangener Zeit. Musiker von denen ich noch nie gehört hatte.
An einer Wand stand eine Werkbank mit einer riesigen Soundanlage. Und daneben ein kleines Sofa.
"Falls ich hier mal übernachten muss", sagte sie.
Sie zog mir die Jacke aus und warf sie auf die Armlehne.
Ich sah sie das erste mal lächeln.
"Also, was willst du zuerst hören?"
"Ich? Ich habe doch keine Ahnung davon."
"Wähl einfach irgendwas. Egal was."
"Na schön...dein Lieblingslied!"
Sie lächelte mich mit ihren blassen Augen an und griff nach der LP direkt neben der Anlage. 'The best of Rock and Metal' stand auf dem Cover.
"Es ist das erste Lied"
Sie legte die schwarze Platte auf den Drehteller und der Raum erfüllte sich mit Musik. Erst hörten wir merkwürdige Geräusche und Alarmsirenen. Und dann begann es.
Generals gathered in their masses
Eine hohe Stimme ertönte. Ich sah sie an.
just like witches at black masses
Sie kam zu mir und umarmte mich. Ich strich ihr durch das Haar.
Evil minds that plot destruction
Sie sah mir in die Augen und wir kamen uns näher.
sorcerer of death's construction
Wir berührten uns und ich hatte ein Gefühl von Leichtigkeit. Während das Lied weiterging und die Stimme uns umfangen hielt, öffnete sie meinen Gürtel und ich hatte ihr T-Shirt. Wir standen in der Musik und ließen nicht voneinander ab.
poisoning their brainwashed minds...
Oh lord yeah!
Wir küssten uns und der Rythmus wurde schneller. Meine Hose fiel zu Boden, direkt neben ihr T-Shirt. Sie trug nichts darunter.
Verzerrte Gitarren, wildes Getrommel.
Politicians hide themselves away
They only started the war
Ich hob sie auf die Werkbank, ihre Hose hatte sie soweit runter gezogen, wie es nötig war.
Yeah!
Wir waren eng umschlungen, während die Boxen neben uns dröhnten.
Treating people just like pawns in chess
Wait 'till their judgement day comes, yeah!
Eine rauschende Kakophonie aus Trommeln, Gitarren und unserem Stöhnen.
Das Lied ging immer weiter, ich nahm es nur noch am Rande wahr. Wie eine reißende Symbiose aus unserem Sex und der brachialen Gewalt über die die helle Stimme auf der Schallplatte sang, befüllte den mit Tonträgern vollgestopften Raum in der finsteren Gegend in dieser kalten Stadt. Und da war sie wieder, diese Wärme. Diese Wärme die nur sie hatte.
Begging mercy for their sins,
Satan, laughing, spreads his wings...

Das Lied war zu ende aber wir noch immer bei der Sache.
Die Platte drehte sich weiter, ein Song folgte dem nächsten.
"Das war dein Lieblingslied? Wie heißt es", flüsterte ich, betört von ihrem Geruch.
"Sie nennen es 'War Pigs'", hauchte sie lasziv.
Die Werkbank wurde uns zu unbequem und wir machten auf dem Sofa weiter. Das letzte bisschen an Klamotten landete auf dem Boden und die Musik begleitete uns auf Schritt und Tritt.
Als 'The best of Rock and Metal' zuende war, trennten wir uns kurz und sie holte eine neue Platte aus dem Regal. 'CASH' stand auf dem Cover.
"Der ist auch ganz gut."
Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn und setzte sich wieder auf mich.
Diesmal war die Stimme tiefer und es gab nur Gitarren.
Love is a burnin' thing
Wie wahr, dachte ich, wie wahr.

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