Nachlese zur Buchmesse

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Franz Sternbald
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Nachlese zur Buchmesse

von Franz Sternbald (23.10.2019, 10:56)
Zunächst mußten die ignoblen Literaturbeilagen sämtlicher Großfeuilletonisten runter zur blauen Tonne geschleppt werden, um den Tisch wieder frei zu bekommen. Für die Erörterung der Frage, „Was gab’s Neues?“
Resummée: Zwei alte Hasen der Kugelkopfschreibmaschine – Stanisic vs. Handke
Ich gebe zu, von Keinem der Beiden jemals eine Zeile gelesen zu haben, und glaube dies in Nachhinein auch nicht bereuen zu brauchen. Würde ich aber unentrinnbar in einer Kammer eingeschlossen, nur mit jeweils einem Titel dieser beiden Autoren zur Hand, so griffe ich spontan nach demjenigen, dessen Urheber sich in seiner Über-Reife noch nach Jahrzehnten mit dem Vorwurf einer Laudatio auf Milosevic konfrontiert sehen muß. Dies, während aktuell himmelschreiende Skandale kaum in der Morgenpost vermeldet, im Abendkurier des selben Tages schon generös für verjährt gelten dürfen.
Meine Sympathie lag noch nie bei den vom Feuilleton verhätschelten Zieraffen des Kulturbetriebs. Außerdem lassen mich derartige Buchtitel, wie „Wie der Soldat das Grammophon reparierte“ immer vollkommen uninspiriert.
Eigenartig, es sind stets solche Buchtitel, die mir jeweils ein nahezu unauslöschlich ungerechtes Vorurteil gegenüber der Geschichte einprägen (so geschehen mit „Zen, und die Kunst ein Motorrad zu warten“). Kurze und bündige zweisilbige Titel, wie „Macbeth!“, oder noch besser einsilbig („Er“, „Sie, und „Es“), gehören zu den genialsten Ausdrücke von Kunst der Zusammenfassung einer Erzählung in einen Begriff.
Vielleicht tue ich auch dieser Geschichte unrecht, aber der Titel „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“, haben mich definitiv davon abgehalten, mich näher damit zu befassen.
En gros gleicht ein Gang über die Buchmesse einem ermüdend auszehrendem Geschlurfe durch die Wüste ethnopluralistischer Kulturnivellierung. En detail schildern Shell und Esso ihren philanthropischen Betrieb von Brunnenbau-Projekten in Afrika (fast hätte ich von Brunnenvergiftung geschwiegen). Es handelt sich jeweils um High-Tech-Initiativen zur Anbindung lokaler Verwaltungsstrukturen an das Weltnetz der supranationalen Freihandels-Piraterie. Auf den Bucheinbänden sieht man Frauen am Ziehbrunnen, und Männer die auf Ziegen starren. Überhaupt finden sich reichlich Belehrungen über die Geburt des hybriden war on terror, nation building und terra forming aus dem Geist des Humanismus. Mir bleibt nur die Bestätigung meines Vorurteils, daß die größte Bedrohung der Sache des Menschen der Philanthro-Kapitalismus ist.
Indes unternehmen es Lehrmittelverlage den jungen Menschen wie von Ungefähr auf deren medial-präferenziellen Rezeptionsschienen zu begegnen, und bieten Online-Games zur Illustration der Schönheit der Mathematik an, ohne dabei die Grundlagenkompetenzen allzu überzubeanspruchen.
Im nächsten Gang sehen sich renommierte Wissenschaftsverlage veranlaßt, in mittelbare Konkurrenz mit den Parawissenschaften treten zu müssen, die ihrerseits den Fachchargon perfekt beherrschen, nur in weitaus illustreren Zusammenhängen. Hier ringt die Orbitaltheorie der Kernbausteine mit dem Vergleich eines elementarischen Tanz des Schiva im Tao der Physik. Quark & Co im Mikrokosmos korrespondiert mit dem Modell eines inflationären Universum als aufgehender Blaubeermuffin.
Die Abteilung Ökonomie der Neuen Weltordnung, Verwaltung der globalen Krisen, und allem Sonstigen was Recht ist, wird ästhetisch bestimmt von den Bürofarbtönen taupe-graubraun und reseda-grün (ohne weiter auf die jeweiligen Inhalte einzugehen, die diese Kartonagen umschließen). Vereinzelt behaupten Kleinstverlage tapfer die distinguierten Nischen ihrer handverlesenen, und an einer Hand abzählbaren Autoren, während ein Großverlag versucht, vom Nimbus Habermas und Sloterdijk zu zehren, um mit avataristischer Kunsttheorie und kybernetischem Transhumanismus in postfaktischen Relevanzräumen zu operieren, deren Anspruch kein geringerer ist, als ein Beitrag zur Debatte über das spekulative Ende des 21. Jhrds sein zu wollen, wenn nicht gar zum Ende of the world as we know it.
Rührend auch die Versuche einiger literarischer Eintagsfliegen, ihrer existentiellen Einsamkeit dadurch Authentizität zu verschaffen, indem diese gewiß niemals ihre würdige Leserschaft finden wird, weil diese ihrerseits die Einsamkeit einem Besuch auf der Buchmesse vorzieht. Das richtige Buch findet den einzigen ihm bestimmten Leser stets derart, wie das Brautpaar in der Erzählung „Es ist ein Zimmer und zugleich eine Wüste“ von Michael Ende aus dem Sammelband „Der Spiegel im Spiegel“. Sie begegnen sich im Durchgang einer Wüste der Publikationen, und gehen aneinander vorbei, ohne sich gegenseitig zu erkennen.
Haakon & Mette Marit waren übrigens auch vor Ort, fielen aber sonst nicht weiter auf, weil ihr Auftreten auf angenehme Weise unprätentiös ist, und sie damit wie Unseresgleichen anmuten. Irgendwie sind wir ja alle Kundschafts-Könige. Aber man täusche sich nicht; entweder man ist Händler oder man ist Ware – ein Drittes gibt es nicht.
Mit Norwegen als Gastland ward die Buchmesse zur nordisch lakonischen Literaturlandschaft. Wenn der skandinavische Lokalkrimi zwar nicht zu meinen Favoriten gehört, weil oft zu düster, so findet sich darin zuweilen eine profunde Menschenkenntnis. Der Mensch ist dem Menschen ein Monstrum, das mit dem Kopf im Hochnebel steckt, und mit den Stiefeln im Schlamm.
Im klebrig sumpfigen Dickicht der literarischen Publizistik versuchen penetrant parasitische Schwärme von Life-Coaches zur Seichtigkeit des Seins zu verführen. Wir haben aber inzwischen genug Prospektmaterial, um sie uns vom Hals zu wedeln und abzuwinken.
Zu Fuß sind wir in dem Gedränge zwar schneller, aber es gibt tatsächlich sogar schon die ersten E-Mobilitätsromane, rasch herausgebracht, bevor diese Thematik wieder aus unserem Bewußtsein gestrichen werden wird, weil die Akku-Technologie mehr Probleme schafft, als sie zu lösen vorgibt <erinnert sich übrigens noch jemand an die die sog. „Segway“-Kinofile (z.B. der Kaufhaus-Cop)? Nach einigen spektakulären Unfällen im realen Straßenverkehr flog das ‚trendige’ Thema aus der öffentlichen Wahrnehmung raus>
Am BoD-Stand habe ich es zuletzt dann doch weise vermieden, mich als Bestseller-Autor zu erkennen zu geben, und habe das Feld getrost den alert-agilen Skripteusen und Skripteuren überlassen

Wie hätte wohl Karl Kraus den Selbstverlag seiner „Fackel“ auf einer Messe präsentiert? Wenn überhaupt, dann würden wohl einige Ausgaben im roten Umschlag als Ansichtsexemplare ausgelegt (speziell die Jahrgänge der sog. ‚Kriegs-Fackel’, wegen ihrer analoghistorischen Relevanz), aber vor Allem seine Schrift vom „Untergang der Welt durch Schwarze Magie“ – gemeint ist die Druckerschwärze. Über allem hängt ein Karton mit der Motto „Wir wollen unseren Lesern nicht demonstrieren, was wir bringen, sondern was wir umbringen!“
Am ersten Tag nach der Eröffnung für den Publikumsverkehr kamen sie frühe nach Frankfurt, und siehe die Tore standen offen und die Hallen waren voll. Darin waren zwei Cherubim die zu ihnen sprachen, was sucht ihr die Kultur auf den Messen, sie ist nicht hier!
Nie fühlt man sich so fern der literarischen Kultur, als dort in der Gemeinde, wo man sich notorisch marktkonform auf sie beruft. Natürlich tun die schallende Selbstverstärkung in der Hallenakustik, die lieblose Verpflegung und die Protestrufe der Wohlgesinnten, Eumeniden, gegen rechte Publizisten und Verlage ein Übriges.
Unsere Lese-Kultur ist ein medial reanimierter Zombie. Die aufwallenden Zuckungen der allgemeinen Erregung unter künstlicher Beleuchtung täuschen in der Wahrnehmung über die Tatsache, daß sie bereits mausetot ist. Darin uns einig, wurde mir dann am Stand der „Identitären Bewegung“ in altschulischer Höflichkeit ein vollaromatischer Kaffee angeboten.


Franz Sternbald - "Das pyramidale Prinzip 2.0"

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