Erinnyen und Eumeniden

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Franz Sternbald
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Erinnyen und Eumeniden

von Franz Sternbald (26.11.2019, 10:32)
Erinnyen und Eumeniden

Der Kampf zwischen Geist und Materie – eine mythopsychologische Deutung des reptiloiden Typus

Aus einem Erdenkloß ward seine Gestalt gebildet, zum Geistwesen wird er vom göttlichen Odem bestimmt – um wahrhaft Mensch zu sein. Autochthon zu sein, der Scholle zu entstammen, auf der er lebt, galt den Menschen zu allen Zeiten von je her als besonderer Ehrentitel. Zwar stellt die ‚Große Mutter’ ihn hinaus ins freie Licht des klaren Himmels, doch gibt sie ihm mit, was ihres dunklen Wesens ist: das mütterliche Erbe, das in ihr selbst wirkt, als keimende oder wuchernde, duldende oder zerstörende, lastende oder beharrende Kraft. Friedlich trägt sie Blüten und Früchte, indessen daneben ihre Kinder in Verwesung zerfallen. Jäh öffnet sich gähnend ihr Leib, um Berge zu verschlingen und Myriaden von Geschöpfen in sich zu vernichten. Brüllend gibt sie Feuer und zähe glühenden Schlamm von sich, auf dem dann in verschwenderischer Fülle aufs Neue das Leben sich ansiedelt. Sie zersprengt ihre eigene Brust, den Fels, um ihren Kindern Quellen und Nahrung zu spenden, und begräbt sie dann wieder unter den Erschütterungen des Gerölls ihrer Eingeweide.
Was sie in wüster Zeugung mit dem Abgrund (wie die urtümliche Gaia mit dem Tartaros) hervorbringt, sind, im Wortsinne falsch ausgedrückt, einzigartig schreckliche Kreaturen. Laut der Theogonie des Hesiod, waren die Kinder der Gaia regellose Monstren, die in ihrer Fortpflanzung niemals wieder ihresgleichen, sondern allenfalls Hybriden von unaussprechlicher Gestaltkombination, einzig sonder Art, hervorbringen (bspw. den drachenartigen Typhon; die schlangenbehaarte Medusa; die berüchtigte Chimaira aus Ziege, Löwe und Schlange; die vielköpfige Hydra, ..).
Man kann bei ihnen nicht eigentlich von phantastischen Individualitäten sprechen, da ihnen zum Individuum die eigengesetzliche Bestimmtheit fehlt. Ihnen ist keine eigene Art zuzuordnen (non of a kind), da sie schon in der Erscheinung rein eklektisch, und damit auf schreckliche Weise wieder modern sind. Denn nunmehr bildet sich ein Menschentum heran, das gleichfalls ohne Rückbezüge irgendeiner religio existiert, als ein chtonischer ‚Auswurf’, entfremdet der eigenen Art, entwurzelt der eigenen Herkunft. Es handelt sich in seiner Erscheinung zunächst sämtlich um monströse Einzelwesen, in ihren Taten grauenerregende soziopathische Einzeltäter, die keiner gleichwie gearteter ‚Familientradition’ folgen, nicht in ihrer Erscheinung, noch im Gebaren.
Ohne Vorliebe bringt Gaia hervor, ohne Groll vernichtet sie. Aus dieser wahllosen Willkür leitet sich der einzige Wertmaßstab ab, der im irdischen Bereich gilt: höchster Wert ist die natürliche Lebenskraft, die biologische Kraft sich dynamisch durchzusetzen, gegen die mineralische Erstarrung und metallische Gediegenheit. Aber Beständigkeit des materiellen Seins, die auch als eine ethische Kraft gelten kann, die sich unter Umständen erst im Untergang, ja sich als Prinzipientreue gerade durch die Annahme ihres Unterganges bewähren kann, gilt im Bereich des erdhaften so wenig wie überhaupt alle seelischen Werte, die von einem Ethos, einem zielbewußten Schicksals-Willen gesetzt werden.
Blind und gewalttätig, weil zwecklos, ist vielmehr das Wesen der Erde. Sie gebiert ihre Früchte nicht, sie wirft sie aus. In der Unerschöpflichkeit ihrer Zeugungen, nicht durch Schonungen, nicht durch zielbewußte Auslese wird das Fortbestehen des natürlichen Lebens gesichert. Das Leben pflanzt sich fort, wo immer es nicht von stärkerem Leben ausgelöscht und verschlungen wird, und selbst dann dient es noch als Baustein für neue Geschöpfe. Das „Hinaufpflanzen“ (Nietzsche sagt: „Nicht nur fort sollst Du Dich pflanzen, sondern hinauf!“) – das verfeinerte Differenzieren, das Hochzüchten auf ein anderes Ziel hin als auf das der biologischen Kraft und der vitalen Anpassung – das Hinaufpflanzen ist nie Sache der Erdsphäre gewesen.
Die biblische Schöpfungsgeschichte berichtet von der Erschaffung des Menschen: „Gott der Herr machte den Menschen aus einem Erdenkloß, und blies ihm ein den lebendigen Odem in seine Nase. Und also ward der Mensch eine lebendige Seele“. In diesen kurzen Sätzen liegt, wie auch in den Schöpfungsmythen anderer Völker, das Wissen um den doppelten Ursprung des Menschengeschlechtes; es stammt aus dem Schoß der Erde und hat zugleich Teil am göttlichen ‚Hauche’ (griech.= pneuma).
Solange der Mensch noch nichts weiß von seiner zweiten Heimat, dem pneumatischen Reich, lebt er im Unbewußten, im Paradies der Kindheit, wo die Gesetze des naturhaften Lebens sein Dasein bestimmen. Aber so wie im Leben des Einzelnen auf die Zeit des selig-un-(vor-)bewußten Wachsens und Gedeihens im Schoß der Mutter einmal das Erwachen zum Ich-Bewußtsein folgt, wie neben dem animalischen Lebenswillen im Kinde sich alsbald ein anderer Impuls, die seelisch-geistige Bildekraft regt und oftmals ein Gegenregiment gegen das animalische Prinzip aufrichtet – wie der heranwachsende Mensch frühzeitig schon erfährt, daß er zwei Welten angehört, daß ihm in dieser seiner Doppelbedingtheit sein Schicksal gegeben ist, so tritt auch in der Geschichte der Menschheit überall, wo sie aus dem Dunkel ‚primitiver’, d.h. unbewußter Lebensstufe heraustrat, der Augenblick ein, wo das Geistige, das Vatererbe erkannt und erkoren, die alte mütterliche Erdkraft aber überwunden, bezwungen und zurückge-setzt werden mußte. Dieser bedeutsame Schritt der Bewußtwerdung der Menschheit, der Befreiungskampf der Einzelseele aus der Umklammerung mütterlich-naturhafter Zusammengehörigkeit und Geborgenheit, der Befreiungskampf der schöpferischen Phantasie aus der zähen Einförmigkeit des dumpf tribalen Kollektivismus, ist die Voraussetzung für jede zielbewußte Einzeltat, jedes bewußtes Opfer und jede geistige Gestaltung, für die prometheische Haltung schlechthin. Eine Umwertung der Werte, manchmal die Entwertung des Lebens als Selbstzweck um seiner selbst wegen, ist damit verbunden. Der höchste Wert wird fortan jenseits des natürlichen Lebens gesucht.
Wenn man jenen Befreiungskampf ‚titanisch’ nennen wollte, so bedienen wir uns dabei einer Metapher, die den mythischen Kampf der Göttersöhne und Giganten heraufbeschwört, in dem der griechische Mythos für einen Wendepunkt der menschlichen Entwicklung steht: Die schlangenfüßigen Dämonen, Söhne der Mutter Gäa, müssen nach furchtbarem Ringen schließlich den ätherischen „himmlischen“ Mächten, den olympischen Göttern die Herrschaft überlassen. Bei diesem Kampf trafen zwei gegensätzliche Prinzipien aufeinander: das dumpf Dunkle, und das klare Helle – chtonische Erdkraft und ätherische Himmelsmacht, die auch mit der Symbolik des Ringens der Schlange mit dem Adler beschrieben worden ist (vgl. hierzu die Symbolik in Darstellungen des Zarathustra). Der Mensch ist das mediokre Wesen in der Mitte, das ein Erbteil an beiden hat. Wehe aber, wenn sein Blut nicht mehr die Polaritäten zu binden vermag, wenn er der einen Seite jeweils ganz verfällt.. Dann greift die ‚kalte Erde’ mit reptiliengleichen Schlangenarmen nach ihrem abtrünnigen Kind, es fällt der Mutter anheim, dem Erdgesetz der Trägheit gehorchend. Der blinde Trieb, die dumpfe Urverbundenheit, bestimmen wieder sein Verhalten. Zurückgeworfen ins Dunkel ungeschlachter Vitalität., muß er von Neuem den mühevollen Anstieg zur helleren Bestimmung beginnen, wenn er hierfür noch einen Impuls verspürt. Dies kann dem Einzelnen, aber auch ganzen Völkern widerfahren, deren Geistkraft müde geworden ist. Der Abstieg so mancher hochentwickelter Kulturen, die in einen mehr oder weniger feinen oder groben Materialismus verfielen, bieten ein Beispiel für einen solchen Prozeß der Degeneration.
Dort, wo das Stoffliche die Lebensformen zur trägen Erstarrung, wo der Verlust des Vertrauens in die eigene Vitalkraft die Gesellschaften Zuflucht in die Verheißung einer technologischen Prothetik suchen läßt, und in der Virtualisierung der Realität die Surrogate des Geistigen, weil die Realität keinen Anhalt für dessen Sein mehr bietet, hat die ‚Große Mutter’ wiederum ihre Herrschaft angetreten. Nicht von Ungefähr genießt etwa „Mutter Merkel“ nahezu global eine fast kultische Verehrung, die inzwischen für jedwede Kritik tabuisiert worden ist – denn diese ist das biblische „Tier aus der Erde“.
Die Kennzeichen einer solchen Epoche ist Besitz und Genuß als höchst denkbare Werte, ebenso wie die die Versprechungen auf die letzte Beherrschung der Materie, in der Ausbeutung von Rohstoffen, im Kampf gegen irgendwelche ‚bösartigen’ Krankheiten, im Streben nach der Einbindung sämtlicher Lebensformen und –bereiche in den umfassenden Verwertungszirkel. Die moderne Technik scheint nur die erdverhafteten Kräfte zu überwinden, sie binden dennoch die menschliche Existenz umso mehr an das bloß hoffnungslos zufällig Irdische, ohne Gedanken der Erinnerungen an die Herkunft, und die der Hoffnung auf Erlösung aus dem Kreislauf der Inkarnationen für die Zukunft.
In Wahrheit ist der moderne Mensch wie keiner je zuvor in Faszination gebunden an die Materie. Aber erst wenn er an seine Entdeckungen und Eroberungen den geistigen Maßstab eines Ethos legte, würde das große Gleichgewicht wieder hergestellt.
Doch wird dem Menschen auch der andere Weltenpol zum Verhängnis, wenn nämlich die erdenflüchtige Kraft der ‚oberen Mächte’ ihn ganz dem mütterlichen Grund entreißt, so daß er entwurzelt, ein Schicksalsgenosse des Antaios, in der dünnen Luft der gedanklichen Spekulation verkümmern muß. Auch diese Entartung menschlichen Wesens begegnet uns in Geschichte und Einzelschicksal. ‚Kalte Erde’ und ‚kalter Verstand’ sind beide gleich fern von der Quelle in der Lebensmitte. Ihre Äußerungsformen sind die analog: Blindheit und Härte.
Wenn wir des Mütterlichen gedenken, so verbinden wir damit im Allgemeinen die Vorstellung einer warmen, weiblich nährenden Potenz. Wir erleben diese Kraftquelle in ihrem positiven Aspekt, weil sie nunmehr kulturgeschichtlich als eine Komponente eingebunden ist.
Eingeordnet in die waagehaltende Spannung der Polaritäten, entfaltet diese Potenz ihren Segen in der Bewußtheit einer hellen Wachheit des Menschen (vornehmlich des westlichen Kulturraumes). Sie durchdringt das Ganze, in der zivilisatorischen Assimilation.
Wollten wir aber dieser chtonischen Urkraft in Absolutheit begegnen, dann müßten wir uns zurückbegeben in das Zeitalter der ‚Schlangenfüßigen’, da die Mutter noch ungebändigt vom Himmelsvater ihre nächtliche Herrschaft, in kultureller Dunkelheit übte; müssen ihr ins unverhüllte Gorgonen-Antlitz schauen. Was bedeuten die Schlangenleiber, die Schlangenhaare und –füße? Es ist der Charakter des Kaltblütigen, worin sich die starre Gebundenheit, die lauernde Schnell-Kraft, der blinde Drang, der kalte Zorn, die ohnmächtige Schwerkraft symbolisch verkörpern. Vor aller höheren Gemeinschaftsbildung, vor jedem Begriff des Staates und Kultur als geistbestimmte Lebensäußerung.
Hierfür müssen wir uns weit in archaische Zustände zurückwenden an die Schwelle der europäischen Kultur. Dort vollzog sich die Auseinandersetzung des nächtlichen Urwesens mit dem solaren Geistprinzip. Beispielhaft haben die Hellenen diese Kämpfe an sich selbst ausgefochten, und in die Schatten davon in die Mythen verbannt. Darin wurde fortan symbolistisch erzählt, was einst wahrhaftig überwunden worden ist. Wenn auch die Mythologie der Griechen schon mit ihren Begrifflichkeiten und Heldennamen als ein konstituierender Faktor für die Selbstwahrnehmung der europäischen Kultur gelten kann, so hat ebenfalls die nordischen Sagenwelt ihren Anteil daran, mit ihren analogen Bildern. In alter Zeit versuchte jede Landschaft, Stadt oder Sippe ihren Anschluß an die mythologische Vorstellung von ihrem Ursprung, zur Legitimation und Begründung ihrer Genealogie. Zwar haben die ‚Götter’ über lange Zeiten ihre einheitlichen Namen und Attribute beibehalten, jedoch für jede Region unterschiedliche Beinamen in Nebenerzählsträngen der Überlieferung erhalten. Dies zeugt von der frischen Lebendigkeit, mit der diese volkstümlichen Erinnerungen durch die Zeit getragen worden sind, zum Teil bis in die Gegenwart hinein.
Beispielweise gibt es allein von Hermes -zig verschiedene Beinamen, wovon der Trismegistos (unter dem Einfluß der ägyptischen Hermetik) der schillerndste ist. Die ‚Götter’ selbst und deren Göttersöhne begaben sich einst in die Sphäre der Sterblichen (vgl. Anunaki-Mythen), und begründeten im prometheischen Sinne die Kulturen. Sie fanden zuweilen ein ‚Wohlgefallen an den Menschentöchtern’, wie im Alten Testament der Bibel bekundet, und zeugten die Geschlechter von sagenhaften Helden, und begründeten die einflußreichen Blutlinien.
Die kultischen Handlungen stellen in ritualisierten Wiederholungen ein einmal stattgefundenes seelisch-religiöses Geschehen und tatsächliches Erleben dar. Sämtlichen Kämpfe, Opfer und Verwandlungen werden im Sakrament festgemacht und dabei in lebendiger Erinnerung gehalten. Im gegenwärtigen Ritus bewahren und offenbaren sich die Erkenntnisse einer erreichten Bewußtseinsstufe. In der Darstellung der attischen Tragödie im Amphitheater vollzieht sich für den antiken Menschen gleichsam eine gottesdienstliche Handlung, an der er auch als Zuschauer ein Teilnehmer wird. Am Beispiel des Erinnyenkultes in Athen lassen sich die Spuren des Kampfes zwischen den polaren Gegenkräfte des Chtonischen und Ätherischen darlegen. Zwischen der Akropolis und dem Aeropag, wo vormals das Gericht über kapitale Verbrechen, wie Mord, nicht etwa ‚tagte’, sondern des Nachts zu Motiv und Sühne der Tat sich beriet, wie als ob es mit dem äußeren Rahmen gleichsam auch im Dunklen der Seele forschen wollte, stand einst das Heiligtum der hochehrwürdigen Göttinnen der Rache für schweren Frevel und Blutschuld (insbesondere innerhalb einer Familie). Die Symbolik des nächtlichen Gerichts weist auf den Bezug der Rachegeister ihrem Wesen nach darauf hin, daß sie Töchter der nachtseitigen Abgründe der Erde waren; sie gehörten zur Erdmutter Demeter mit dem Beinamen Erinys, oder sind auch als ‚Schergen der Dike’ bekannt. Den Erinnyen waren gleichfalls Beinamen zugeordnet, als die vielgestaltigen dunklen furchtbaren Fluchgeister, aber auch die mit gutem Gedächtnis Begabten. An diese Eigenschaft, nicht vergessen zu können, knüpft sich ihr schrecklicher Ruf, unbarmherzig rachsüchtig zu sein. So hausen sie in der Tiefe der Erde und lauern auf die Rache für verletzte Bande des Blutes durch Mutterfluch und Muttermord. Über das väterliche Erbe war der Sproß nicht durch das Blut, sondern die Ehre und Besitz verbunden, sofern dieser bewegliche Güter umfaßte, denn immobiler Grund und Boden ist an die Erde gebunden. So rächen die Erinnyen auch die Verletzung des Gastrecht auf dem angestammten Boden und am heimischen Herd, der gleichfalls von der Muttergottheit gehütet wird.
Der Kult dieser Göttinnen vollzieht sich jeweils in der Nacht, wie auch das Blutgericht. Aber sie gelten auch als Schutzgöttinnen für unschuldig Verfolgte, sogar für entlaufene Sklaven. Schutzflehende opfern ihnen Milch und Honig. Plötzlich zeigen die furchtbar zürnenden Erinnyen auch ihr menschenfreundliches Gesicht als Eumeniden (die Wohlgesinnten). Sie sind ebenso unbarmherzig hart wie überströmend freigiebig wie die Erd-Natur selbst. Doch die Ordnung, der sie angehören, ist das Reich der ‚Mutter Erde’, die in ihrem Wesen dumpf und vorbewußt triebhaft ist. Mit dem patriarchalischen Prinzip, das das matriarchalische ablöst hebt eine neue sittliche Ordnung der menschlichen Gesellschaft an. Diese Ablösung und Überwindung kommt dramatisch in den Eumeniden des Aischylos zu Ausdruck.
Das griechische Drama erwuchs ursprünglich aus den Kulthandlungen des Dionysos, denen besonders die Frauen zugetan waren. Anläßlich von Dionysien kam es regelmäßig auch zu orgiastischen Blutritualen, begangen von berauschten Bacchantinnen (den Bacchen). In zivilisierter Ordnung der Kulte bildeten später theatralische Weihespiele mit Wechselgesang von Chören den kultischen Kern. In Form liturgischer Handlungen auf der Bühne, fühlte sich auch der Zuschauer als Teilhaber an der Tiefendimension ihrer Bedeutsamkeit.
Welche bindende Kraft von diesen Spielen ausging, beweist die Tatsache, daß das Volk bereit war solchen Veranstaltungen über mehrere Stunde (bis zu acht!) beizuwohnen. Zwar wurden im und vor dem Tempel, oder im Amphitheater, keine Bluttaten mehr begangen, aber die Mordschuld und deren Sühne bildete immer noch in symbolischer Bedeutung den Ausgang und Hauptteil eines dargebrachten Drama. Während in der Tragödie der Held zur Erfüllung seines oft grausamen Schicksals durch Verstrickung und Fall in ‚schuldlose Schuld’ fällt, wie Ödipus), behandelt das Drama Tat und Fluch als konsequenten Folgegrund, wie bei Agamemnon.
In der Orestie des Aeschylos entrollt sich das Schicksal des Geschlecht der Tantaliden, deren Abkömmlinge sämtlich dem Fluch der Tat des Tantalos anheimfallen. Da Agamemnon die Tochter Iphigenie für den Sieg gegen Troja geopfert hatte, sinnt die Gattin Klytemnästra, die ihrerseits Ehebruch mit dem ruchlosen Aegisthos beginn, auf tödliche Rache. Dieser fällt nicht nur Agamemnon zum Opfer, sondern auch Kassandra, die ihm im trojanischen Kampf als Beute zugefallen war. Agamemnons Leiche wird frevelhaft zerstückelt und ehrlos verscharrt.
Schon im Kampf um Troja ist ein Niederschlag des kollektiven Ringens in der Auseinandersetzung zwischen dem väterlich-solaren Prinzip und dem orientalisch matriarchalischen Wesen zu erkennen. Wir finden in der Berufung des Orestes zur Rache der Vaterehre durch den solaren Appolon, im Mord an der Mutter Klytemnästra und deren Buhlen Aegisthos wiederum ein Gleiches. Diesem gegenüber stehen, durch den Mutterfluch berufen, die bluträchenden Erinnyen entgegen. Von diesen gehetzt findet Orestes Zuflucht im Tempel des Apollon, der ihm mit Hermes Geleitschutz nach Athen gewährt, wo unter Athenes Leitung Gericht gehalten werden soll. Zunächst lautet die Anklage auf Verletzung des urtümlichen Naturrechts durch Muttermord. Um die Reinigung seiner Seelenschuld ringen um das Vaterrecht auf Ehrenrettung, Apollon, und um die Sühne für das vergossene Mutterblut, die Erinnyen. Es ist schließlich Athene, die den Streit mit einem Freispruch für Orestes entscheidet, denn sie neigte dem Vaterprinzip zu, da sie selbst mutterlos eine Kopfgeburt des Zeus war. Um die erzürnten Erinnyen zu beschwichtigen, sollte fortan ein Tempel der Huldigung für sie eingerichtet werden. Auf dem Wege solcher sakralen Würdigung sollten diese in ihrer naturwüchsigen Wildheit, dadurch in freundlicher Ritualisierung zivilisiert werden, und so zu den Eumeniden zu werden. In der Gerichtsbarkeit sollte fortan der Rachegedanke keinen Raum mehr erhalten, sondern der staatssichernden Gesittung Genüge getan werden, die über den Banden des Blutrechts stehen soll. Dies ist die blutleere Tagesperspektive einer ‚maskulinen’ Rechtsauffassung, die von der Bi-Polariät des Lebens nichts mehr wissen will. Aber was bedeutet es, die Nachtaspekte des Femininen unversöhnt zu verbannen? Es führt dazu, daß die heutige Gerichtsprozeßordnung allein ihre Verfahrensabläufe unanfechtbar aufrechtzuerhalten unternimmt, nötigenfalls unter Verzicht auf jede Relevanz zum konkreten Fall der Verhandlung. In der Folge fallen somit gemeinhin Urteile, die den Täter dem Sühnegedanken entfremden, und dem Opfer keine Gerechtigkeit widerfahren lassen.
Bei Aischylos geben sich die Erinnyen schließlich zufrieden, da der androgynen Athene neben dem lichten Verständnis der Vernunft auch die Eule beigeordnet ist, die ihren Flug ja erst in der Abenddämmerung beginnt.
Aber werden sich die chtonischen Rachegeister auf Dauer mit einer befriedenden Vereinbarung auf ihre Wohlgesinnung festlegen lassen, ohne nicht auch der Doppelnatur ihrem Wesen nach Ausdruck geben zu können. Wiewohl dem erdigen Muttergrund zugeordnet, sind die Erinnyen/Eumeniden selbst steril. Sie werden oft auch mit den medusenhaften Furien gleichgesetzt (obwohl die mythische Medusa selbst eine andere Herkunft hat), die mit Schlangen ‚behaart’, oder schlangenhäuptig, alt und jungfräulich zugleich, insgesamt einen schrecklichen Eindruck machen. Altjungferlich tritt uns auch das Gutmenschentum entgegen, vergiftet von uneingestandener Libido durch die Unaufrichtigkeit sozialpolitischer Korrektheit. Hingabe- und Unterwerfungswünsche werden indes auf die Kreaturen projiziert, die die Erde selbst in unerschöpflicher Masse auszuspucken scheint, um die Welt mit ihrem Abhub und der gärenden Hefe verkommener Zivilisationen zu überfluten.
Die Zwie-Gesichtigkeit des Gutmenschen, der den ‚Schutzsuchenden’ mit Willkommen! empfängt, wird sich in seinem Rachedurst an jeder differenzierenden Kritik gleichermaßen rücksichtslos offenbaren. Dies entspricht auch der Bipolarität des Masochismus und Sadismus innerhalb eines Borderline-Charakters, den sie in ihrer psychischen Verfassung aufweisen. Die Wohlgesinnten hinterlassen dauerhaft eine Wüste der Beziehungsunfähigkeit. Ihnen fehlt sowohl der Bezug zum Gegenstand ihres Wohlwollens, da es ihnen einzig um den Ausdruck ihres affektiven Überschwanges zu tun ist. Ihre atemlose Hatz auf den Gegenstand ihrer Rachsucht wiederum, läßt ebenso wenig auf eine grundsätzliche Gesinnung schließen, als vielmehr auf ihre Auslieferung an die eigene launische Affektiertheit.
Aber auch ihrer chtonischen Abkunft schließlich entfremdet, ihrer Herkunft vergessen, verraten sie auch den Mutterboden ihres Vaterlandes
Die ‚Eumeniden’ sind der lichten väterlichen Rechtsordnung, der „Patria“ wesenhaft feindlich gesinnt. Ihre Herkunft schon bindet sie an die dunklen Abgründe der vorbewußten Triebhaftigkeit. Wer immer glaubt, sie je durch vernünftigen Vertrag binden zu können, wird grausam enttäuscht, denn sie fordern doch immer Blut für das reptiloide Blutrecht. Schon ihre vermeintliche Wohlgesinntheit ist eine subtile Rache an denen, die dieses urtümliche Recht einzudämmen versuchen. Im öffentlichen Raum formieren sich soziale Bewegungen, die sich aus der virtuellen Nihilismus des Weltnetzes heraus in die Wirklichkeit konkretisieren. Hier drängt die Lebensfeindlichkeit der ‚Künstlichen Intelligenz’ (KI/ AI) unter dem vorgeblichen Motto der ‚Rettung des Planeten’ Gestalt in Form von Extinction Rebellion (XR) vehement zum Ausdruck als anthropofugale Exekutive der Agenda einer Auslöschung des Menschen zur Rettung der Welt. Als finsteres Geschlecht der Nacht , hegen die Erinnyen eine tiefe Verachtung für die Wesen des rationalen Tageslichts. Aber Verachtung herrscht stets in einem grundlegend verächtlichen Charakter, der in seiner Stellung zu sich selbst keine andere Haltung als letztlich die der Selbstverachtung pflegen kann.
Und dies ist es, was uns die wohlgesinnten Gutmenschen, die taubenfüßigen Eumeniden, die immer zugleich auch die schlangenfüßigen Erinnyen waren, zum Fürchten lehren wollen.
In ihrer Absicht entsprechen sie im Übrigen einer Global-Agenda, die als sog. Millenniumsziele für jeden, in vielen Weltsprachen deutlich lesbar auf den Georgia-Guidestones gemeißelt steht: Der Mensch sei ein Schädling, der auf einen Umfang der Weltbevölkerung von wenigen Millionen dezimiert werden müsse (eben so viel, als für herrschaftliche Dienstleistungen gerade benötigt würden), um die Welt als einen Lebensraum für die happy few eines elitären Kreises zu erhalten.
Es hebt nunmehr ein finsteres Zeitalter an, das ein atavistischer Rückgriff auf den Ursprung des Menschen in chtonischer Sumpfzeugung sein wird, unter der Herrschaft reptilischer Blutlinien. Ihre Früchte werden wiederum die schrecklich chimärisch hybriden Einzeltäter sonder Art sein (ones of an un-kind), die unableitbar aus dem Abgrund hervorbrechen, um anschließend wieder im Nichts der Bedeutungslosigkeit zu verlöschen. Aber es werden keine Individuen mehr sein, mit bestimmbarer Herkunft und künftiger Fortbildung, die aus den Abgründigen des Unter-Irdischen hervordrängen, zu dem der Engel Apollyon nach der Offenbarung auf Tag und Stunde den Schlüssel hält. ...


Ankündigung für ein Künftiges aus meiner Werkstatt - Franz Sternbald

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