Berge können nicht Kanu fahren - Yukon Rundmails Teil I

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Baumjoe
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Berge können nicht Kanu fahren - Yukon Rundmails Teil I

von Baumjoe (13.02.2010, 15:53)
Titel: Berge können nicht Kanu fahren - Yukon Rundmails Teil I
Autor: Berthold Baumann

Verlag: Books on Demand
ISBN: 978-3831115426
Seiten: 148
Preis: 15,90 €

Der Autor über das Buch:

Wie ich schon bei meiner Vorstellung schrieb, entstand die Idee aus meinen "Rundmails" ein Buch zu machen erst nach der Rückkehr von meiner über fünfmonatigen Tour durch die Wildnis des Yukons (Kanada) und Alaskas in 1999. Dort hat von 1896-98 der größte Goldrausch der Geschichte am Klondike statt gefunden und natürlich besuchte ich auf meinen Touren u.a. auch Orte wie Skagway und Dason City. Wer kennt nicht die Abenteuergeschichten von Jack London, der die Region weltbekannt gemacht hat (und sie ihn).

Erst 2001 brachte ich dann die Reiseerzählungen meiner Touren - mit dem Auto, aber vor allem mit dem Kanu und zu Fuß durch die nordische Wildnis - als Buch heraus. Anfang diesen Jahres habe ich es dann komplett überarbeitet, Fehler ausgemerzt und endlich Farbbilder eingebettet (was 2001 bei BoD noch nicht möglich war.

Neben Schilderungen der wunderschönen Natur, Begegenungen mit Tieren und Informationen über Land, Leute und Geschichte geht es hauptsächlich um meine kleinen Abenteuer sowie meinen kleinen Missgeschicke, an denen ich natürlich vollkommen schuldlos bin. Dabei geht es natürlich nicht bierernst zu, denn ich bin weder ein Held, der jedem Bären furchtlos entgegen tritt, noch habe ich Rüdiger Nehberg das Überleben in der Wildnis beigebracht.



Klappentext:

Mehr als fünf Monate reiste Berthold Baumann mit Bus, Bahn, Auto, aber vor allem mit dem Kanu sowie zu Fuß kreuz und quer durch die Wildnis des Yukon Territoriums in Kanadas Nordwesten. Heiter-ironisch und mit knorrigen Kommentaren versehen, schildert er äußerst lebhaft seine Eindrücke von Land und Leuten. Spannende Erzählungen von abenteuerlichen Begegnungen mit Bären, Wölfen und Elchen, einsamen Kanufahrten fernab jedweder Zivilisation und schweißtreibenden Wanderungen in den entlegensten Regionen wechseln sich mit witzigen Begebenheiten ab, wie etwa dem nächtlichen Kampf mit einer Mäusehorde im Auto.

Die Wanderungen führten ihn hauptsächlich durch den Kluane Nationalpark und den Silver Trail, während die Kanutouren über den Teslin, Yukon, Ross, Pelly und McQuesten River gingen. Mit dem Auto nahm er jeden Highway des Yukons und einige Straßen in Alaska unter die Räder sowie zahlreiche Nebenstraßen. Dabei verbrauchte er drei Autos. Mehr oder weniger durch Zufall kam Baumann dabei an ein Grundstück und eine Hütte - wobei die beiden zuerst über 500 Kilometer von einander entfernt lagen.

Der Clou: Die Geschichten, die er Verwandten, Freunden und Bekannten per E-Mail aus Kanada geschickt hat, wurden um deren lustigste und interessanteste Antworten ergänzt. Ein quasi interaktives Buch.

Inhalt:

Eine witzige Reiseerzählung über Abenteuer mit Kanu und per pedes in der Wildnis Nordkanadas und Alaskas. Informationen über die Menschen, die Geschichte und das Land.


Hier der Link zu amazon mit den durchweg positiven Rezensionen:

Berge können nicht Kanu fahren


Fragen zur Region und den Büchern beantworte ich natürlich gerne.


Gruß

Baumjoe
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Cover "Berge können nicht Kanu fahren"

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MarleneGeselle
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Re:

von MarleneGeselle (15.02.2010, 09:47)
Meinen Glückwunsch, das Cover sorgt für Fernweh. thumbbup thumbbup thumbbup
Es gibt kein größeres Laster als Tugend im Übermaß.
www.marlenegeselle.de

Baumjoe
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Re:

von Baumjoe (15.02.2010, 10:50)
Hallo Marlene,

besten Dank, im Original ist es sogar scharf :wink:


Gruß

Baumjoe

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Birgit Fabich
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Re:

von Birgit Fabich (19.02.2010, 10:47)
cheezygrin thumbbup
Mimi und der große Brand
Geschichten für ....
www.blix-derneueselbstverlag.de
www.geschichtenfuer.blogspot.com

Baumjoe
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Re:

von Baumjoe (02.03.2010, 16:41)
Hallo,

nachfolgend einige Leseproben:


Yukon Rundmail 4.1

Hey Leute,

eigentlich müsste ich ja ein ganzes Buch (!) über das schreiben, was ich erlebt habe. Ihr erhaltet erst mal einen kleinen Einblick und dieses Mal vor dem Wochenende.

Sorry übrigens, falls ich einigen nicht geantwortet habe, aber die Unicums – da habe ich meine kostenfreie E-Mail-Adresse – hatten vor einigen Wochen massive Probleme mit ihren Internetseiten, so dass einige Mails verloren gingen. Ansonsten werden Leute, die mir nicht über sich, Verwandte, Freunde und andere Ärgernisse schreiben demnächst ausgelistet. Ich brauch' ja nur so ganz allgemeine Informationen wie Kontostand, Abbuchungserlaubnis, Gewicht, Sexualleben und so weiter.

Jetzt aber los: Kurz vor Dawson City biegt der Dempster Highway vom Klondike Highway nach Inuvik ab. Schon weit vorher wurde ich jedoch sehr müde – ist ja schließlich anstrengend, was ich hier treibe – fuhr an die Seite an einen See und pennte ein Stündchen. Beim Aussteigen und Gucken auf den See entdeckte ich einen Elch. Zum Auto zurück, entdeckte ich, dass ich mal wieder das Licht angelassen hatte. Aber erst mal die Kamera raus und auf den Elch halten. Dann kam ein Pick-up mit Wohnwagen zu dieser entlegenen Stelle und die Jungs überbrückten schnell, so dass ich wieder mobil war. Beim Überbrücken – das mit dem Licht passierte mir öfter, da man es hier auch am Tage einschaltet – lernte ich oft nette Leute kennen und es war damit ein guter Ersatz für das Trampen.

Der Dempster Highway ist etwa 750 Kilometer lang, fast nur Schotter und soll ziemlich reifenmordend sein. Egal. Die ersten Kilometer und schon war ich von der Landschaft entzückt. So Schottland- und Norwegenähnlich: Mit Gras bewachsene Berge, enge und breite Täler, Seen und Flüsse. Es dämmert und ich suchte mir einen schönen Schlafplatz. An irgendeinem Fluss Isomatte und Schlafsack raus, Moskitonetz über die Kopföffnung und anfangen mit Schlafen. War nicht. Nach 15 Minuten briet ich im eigenen Saft. Verdammt, wie weit nördlich musste ich denn noch fahren, um vernünftige Temperaturen zu bekommen? Also wieder raus, ins Auto und los.

Es war dunkel, kein Verkehr mehr. Das bedeutet: Topspeed. Im Kassettenrecorder liefen Deep Purples „Highway Star” und „Speed King”. Sie mussten einfach mich meinen. Ich hatte mir noch vier andere Kassetten gekauft, die ich mittlerweile – nach Zigtausenden von Highwaykilometern – vorwärts, rückwärts und seitwärts mitsingen kann. Die Landschaft konnte ich mir auf dem Rückweg ja angucken. Irgendwann in der Nacht wurde es doch kühler und ich konnte pennen. Nach 370 Kilometern erreichte ich Eagle Plains (Tankstelle, Hotel, Restaurant, Bar – also alles was die Amis zum Leben brauchen): Tanken, waschen, futtern! Ach ja, die Scheiben machte ich sauber, auch von innen. Der Tankwart lachte sich halbtot, als ich ihm erklärte, dass das alles getötete Mücken – noch vom Sheldon Lake – waren. Die Landschaft variierte stark: Höhe und Form der Berge, Flora. Teilweise konnte ich kilometerweit den Highway einsehen. Schon beeindruckend.

Nach 'ner Weile kam auch der alte Polarkreis. Endlich überquerte ich ihn, nachdem früher immer in Dawson Schluss gewesen war. Eine Reisegruppe schoss Fotos vor dem Schild, das den Polarkreis anzeigte: In Bikini beziehungsweise Badehose, nein, wie witzig. Heute war es angenehm kühl und der Anblick der Natur machte doppelt Spaß. Fort McPherson war so ein aufgepumptes Dorf: Potthässlich. Per Fähre (wie in Norwegen, nur umsonst) ging es über Red und Mackenzie River. Landschaftlich war es rechts und links jetzt hauptsächlich grün und flach.

So erreichte ich recht flott Inuvik, die „Stadt der Menschen”. Die Retortenstadt war gar nicht so hässlich, wie ich befürchtet hatte. Sie wurde erst in den 50ern von den Kanadiern erbaut, um die Eskimos – Tschuldigung, Inuit, was „Menschen” heißt – besser erreichen zu können. Eskimos ist nämlich politisch nicht mehr korrekt, weil es „Rohfleischfresser” bedeutet. Den Namen bekamen sie von den Indianern, die auch nicht mehr Indianer sondern First Nations oder Natives heißen. Kann ich irgendwie nachvollziehen. Alles nur, weil sich so ein blöder italienischer Wassersportler in spanischen Diensten verfahren hat. Wie dem auch immer sei, nun leben rund 3.200 Inuit, Natives vom Stamm der Gwich’in Dene und Bleichgesichter – wir heißen immer noch so – hier mehr oder weniger gesellig beisammen. Ganz schnuckelig. Ach ja, so eine Kirche in Iglu-Form gab es auch noch. Man muss den Touris ja was zum Fotografieren anbieten. Ich bin Touri, also fotografierte ich sie.

Entgegen meiner ursprünglichen Absichten, direkt wieder zurück zu fahren, blieb ich. Am nächsten Tag: Blauer Himmel, Sonnenschein und Hitze. Ich kriegte ’nen Koller. So, ich stiefelte ins nächste Adventure-Tours-Büro und buchte einen Flug nach Herschel Island – auf eskimoisch oder besser innuitisch heißt es Qikiqtaruk, was bedeutet „Es ist eine Insel“. Aha! Das Inselchen gehört wieder zum Yukon Territorium und viel weiter gen Norden geht es im Yukon nicht mehr. Zu viert – zwei Engländer, ein Kanadier und meinereiner – in so ein kleines Wasserflugzeug, wie gehabt. Ganz klasse: Wir flogen über das Mackenzie-Delta. Irrsinnig viele Arme (Fluss), Sümpfe und Seen. Die aktuellen Flussarme konnte man an der kakaoähnlichen Farbe des mitgeführten Schlamms erkennen. Die Seen variierten in zahlreichen Schattierungen von grün bis blau. Ach ja, da trabte auch so ein komischer Moschusochse rum, aber vom Flugzeug aus, zählte das nicht richtig.

Außerdem hielt ich Ausschau nach einer Arche. Ich höre schon wie ihr sagt „Jetzt ist er total durchgedreht”. Aber nein. Ich hatte in Schimmel einen Deutschen getroffen, der mit ein paar Kumpels eben jene Arche bauen wollte, als Kunstwerk. Sah sie aber nicht. Kein Wunder bei der Ausdehnung des Deltas. Mittlerweile ist sie fertig und ich habe mir die Bilder im Internet angeguckt. Echt durchgeknallt.

Herschel Island war um 1900 rum eine Walfangstation der Amis. Da stehen jetzt nur noch ein paar Hüttkes (Nein Suse, keine Schlösserkes). Aus dem Flugzeug und Wind. Herrlich erfrischend. Da die Insel ein Territoriumspark ist, erklärte uns ein Ranger, was hier damals so abgegangen war. Ganz lustig Männeken, vor allem konnte er gut erzählen. Er war Inuit und seine Großeltern lebten schon hier. Er erzählte ein paar witzige Geschichtchen aus Herschels Vergangenheit.

Noch eben den Friedhof besucht – finde ich ja immer ganz interessant mit den verwitterten weißen Holzkreuzen, ist wohl eine morbide Ader in mir; die Inuit begruben früher übrigens nur die „bösen” Menschen, die guten wurden mit guter Aussicht auf eine von ihnen gewünschte überirdische Position gesetzt – und einen Hügel hoch. Erstens sah ich immer noch keine Karibus – die sollten sich in dieser Jahreszeit eigentlich hier tummeln – und zweitens schwitzte ich wie ein Husky im griechischen Sommer. Ich fragte unseren Piloten, ob noch ein wenig Zeit für einen kurzen Sprung ins Meer bliebe. Er grummelte irgend etwas von „crazy Germans” und ich nahm das als Zustimmung. Also rein in den Pool, der sich hier arktisches Meer nennt. Angenehme Schwimmtemperatur. Der Ross war kälter.

Tja, den Karibus habe ich es schließlich gegeben. Erst in der Kari(bu)bik – da war ich im vergangenen Winter – keine und hier auch nicht. In einem Restaurant in Inuvik ein Karibu-Steak bestellt. War ganz lecker, halt der typische Wildgeschmack. Nach meinen weiteren Beobachtungen arbeiten in Inuvik mindestens drei Taxiunternehmen mit zusammen bestimmt 20 Taxen. Das gibt es auch nur in Nordamerika. In Deutschland würden die sofort Pleite machen.

Während des Rückwegs zum Klondike Highway legte ich einen ausgedehnten Stop im Dorf Arctic Red River ein. Es liegt etwa 15 Meter über dem Red River und bietet eine fantastische Aussicht auf eben jenen. Darüber hinaus versprüht es weit mehr Charme als Fort McPherson. Und wieder ein herrlicher Friedhof mit einem Kirchlein. Oben auf dem Kreuz saß ein dicker Rabe. Da hatten wir ja die christliche Religion und die hiesige indianische Mythologie vereint. Danach war nämlich der Rabe der Erschaffer der Welt.

Auf der Fähre gab ich dem einweisenden Indianer zwei Dollar, damit er mich als ersten raus lassen würde. Also freie Bahn, Deep Purple, Topspeed, wie gehabt. Nach 70 Kilometern stieß ich auf eine Baustelle. Das Stop/Go Girl –Baustellenampeln kennen die hier nicht – hielt mich an und fragte, ob ich denn allein auf der Fähre gewesen wäre. „Die anderen kommen in zehn Minuten”, antwortete ich. Mit einem Grinsen winkte sie mich durch und sagte, dass ich wenigstens in der Baustelle langsam fahren solle.

Ich übernachtete genau auf dem Polarkreis. War nicht anders als sonst. Am nächsten Morgen hielt ich beim ersten Berg, der da rum stand und dackelte rauf. Natürlich im Sonnenschein, aber für die Bilder war das ganz gut. Auch mal wieder die Beine bewegen. Positiv: Es gab keine Mücken. Negativ: Jede Menge Black Flies. Die stechen nicht, sondern beißen – winzig kleine – Stückchen aus der Haut. Das macht sie nicht unbedingt sympathischer. Die Aussicht war auf jeden Fall super. Ich bin halt ein richtig schlaues, einheimisches Waldtier mit drei Buchstaben (Auflösung: Vux), dass ich den ersten Berg genommen hatte. So konnte ich weit in Richtung Norden gucken.

Am nächsten Tag stand eine längere Wanderung an. Zuerst tickste ich einen Hügel hoch, sah mir die Landschaft an und beschloss hier zu wandern. So hätte ich es zumindest gerne gehabt. In Wahrheit hatte ich das Stativ und das große Tele mit, aber die Kamera vergessen und dachte, wenn ich schon zurück muss, dann richtig. Ich suchte mir eine tolle Route aus, einen richtigen Rundwanderweg mit neun Bergspitzen nahe der Tombstone Mountains. Schade, dass das, was ich als kleine Büsche ausgemacht hatte, mannshoch war. Eine irre Schinderei und dazu die Black Flies. Mörderisch. Ich konnte mich überhaupt nicht ausruhen, weil sie dann immer verstärkt angriffen. Beliebteste Ziele: Augen, Nase, Mund und Ohren.

Wettermäßig zog es sich stark zu. Die Berge drum herum wurden immer dunkler, kein Laut zu hören, kein Tier zu sehen. Plötzlich wusste ich, wo ich war: Auf dem Weg nach Mordor (Hallo Bilbo, besten Dank für die ausführliche Mail). Genauso hatte ich es mir immer vorgestellt. Auf dem Berg gegenüber der Weg zum schwarzen Tor und unten auf der Heerstraße die Orks (in diesem Falle Wohnmobile). Dann doch Tiere: Diese blöden Schneehühner. Eine Begegnung mit ihnen läuft folgendermaßen ab: Ich wandere fröhlich und nichts Böses ahnend vor mich hin und sehe nichts. Die Viecher sind durch ihr Federkleid nämlich hervorragend getarnt. So ungefähr einen Meter bevor ich drauf trete, fällt den Hühnern ein „Mensch, ich kann doch fliegen; nichts wie weg.” Und schon flattert ein Rudel durch die Gegend und ich bekomme einen Riesenschrecken.

Die Wanderung war klasse, aber ganz schön anstrengend. Trotzdem fielen mir noch einige witzige Sachen ein, die man mit abgeworfenen Karibugeweihen anstellen kann. Zurück über die Stichstraße gab ich wohl ein bisschen zu viel Gas. Pia hörte sich nach dreimaligen Aufsetzen wie ein röhrender Hirsch an. Das ging später über röhrenden Elch, Panzer bis zu Hubschrauber. Gestern fiel der Auspuff ganz ab. Seitdem ähnelte der Sound einem startenden Hubschraubergeschwader im Tunnel. Endlich zufriedenstellend. In Deutschland würde ich so keinen Kilometer schaffen, ohne eine Hundertschaft Polizei auf den Plan zu rufen.


Yukon Rundmail 4.2

In Dawson City hatte ich dieses Mal keine richtige Lust auf Party. Ausführliche Säuberungsaktionen und hier und da ein bisschen gucken. Okay, noch mal eben ins Midnight Sun. Immerhin hatte ich zum ersten Mal am nächsten Morgen in Dawson keine Kopfschmerzen. Ich ging ins Visitor Centre der Nordwest Territorien – Inuvik und die Hälfte des Dempster gehören dazu. Die Mädels waren gut drauf. Ich sollte irgendetwas über den Dempster ins Gästebuch schreiben, ruhig auf deutsch. Da steht jetzt folgendes drin: „Der Dempster ist halb so wild. Man muss nur schnell genug fahren, damit die Steine keine Zeit haben die Reifen aufzuschlitzen.”

Und weiter gen Norden auf einem Highway, den die Amis in all ihrer Bescheidenheit „Top of the world Highway” nannten. Auch hier wieder traumhafte Aussichten bei sonnigem Wetter. Direkt hinter der alaskanischen Grenze hatte Pia starken Durst. An der Tanke spielte sich folgender Dialog zwischen mir und dem Tankwart ab:

T: „There is a free coffee with a gas fill.”
B: „I don’t drink any coffee!”
T: „Every German drinks coffee.”
B: „No, every German drinks beer.”
T: „No free beer with a gas fill!”
Schade eigentlich.

Ein Abstecher nach Eagle. Geile Kurvenstrecke auf Schotter und landschaftlich sehr schön: Ein großer Teil des Weges führt durch einen engen Canyon und immer wieder wechselte ich per Brücke von einem auf das andere Ufer des gleichen Flusses. Das Dörfchen selbst war ganz nett. Vor allem der Hinweis auf dem Campingplatz, dass man auf niedrig fliegende Flugzeuge achten sollte, da direkt dahinter der Flugplatz lag. Auch den Yukon sah ich wieder. Ich dachte, hier wäre schon alles flach, aber das Gegenteil war der Fall. Muss ich doch irgendwann weiter Paddeln als bis Dawson.

Leider machte Pia Schwierigkeiten. Der Kühler war gerissen. Bo baute ihn aus, schweißte ihn, baute ihn wieder ein und kassierte 80 Dollar. Wieder ein richtiges Abenteuer, wobei die Betonung auf den letzten beiden Silben des Wortes lag. Das ganze dauerte vier Stunden, während derer Bo mir seine Auto- (unter anderem ein Cadillac Eldorado mit sieben Litern Hubraum) und Waffensammlung („Makarov – KGB-Weapon”) zeigte. Außerdem war er der Überzeugung, dass die deutsche Regierung zu liberal sei, Alaska nicht zu den Staaten gehöre und die Leute hier Waffen trugen, damit die Politiker nicht machen könnten, was sie wollten.

Nach diesem staatsbürgerlichen Unterricht landete ich endlich in ... halt, da muss ich ja erst ein Geschichtchen erzählen. Einige kennen es vielleicht schon, weil ich es so typisch für die pragmatische Art der Amis finde, dass ich es immer wieder gerne zum Besten gebe. Also die Bewohner dieses kleinen Ortes kamen zusammen, um eben jenem einen Namen zu geben. Er sollte Schneehuhn – englisch Ptarmigan; hört sich ja wirklich sehr englisch an – heißen. Man war sich jedoch über die richtige Schreibweise nicht einig. So kam es, dass ich in Chicken eintraf. War aber nichts Besonderes.

Kurz vor Tok bog ich südlich zum Kluane Park ein. Ich schlief direkt am Strand von Destruction Bay (schöner Name), einem kleinen Dörfchen am Kluane Lake. Nachts wurde ich wach, sah den See, die Silhouetten der Berge und das Nordlicht. Zwar noch kein buntes, sondern lediglich weiße Schleier, aber trotzdem schön anzusehen. Einige Lichtfinger ragten bis in den See hinein. Ich lehnte mich zurück, genoss das Naturschauspiel und – schlief wieder ein. Im Sheep-Mountain-Gebiet des Kluane Parks war richtiges Wandern angesagt. Zuerst eine kurze, mehrstündige Tour am Williscroft Creek entlang und eine Schlucht hoch. Das Hochkraxeln war ja schon schwierig, aber runter war der Hammer. An einer Stelle fand ich erst nach 20 Minuten den am wenigsten gefährlichen Weg.

Dann eine mittlere Tour, zwei Tage. Auch diese Tour führte an einem Bach – dem Congdon Creek – entlang, den ich dabei jedoch mindestens 15 Mal überquerte. Wanderschuhe aus, über den Bach schmeißen, Sandalen an, durch den Bach, Sandalen aus, Wanderschuhe an. Irgendwann hatte ich die Schnauze davon voll und behielt die Sandalen direkt an. Nach rund zwei Stunden fing es an zu regnen und hörte für sieben Stunden nicht mehr auf. Ich befand mich übrigens auf einer „Route“, bei der man sich im Gegensatz zum markierten „Trail“ seinen Weg selber sucht. Mit ein bisschen Glück und genauem Kartenstudium klappte das sogar. Ich war total stolz auf mich und noch viel überraschter. Reichlich durchgefroren schlug ich auf einem Mäusehügel – total untertunnelt – mein Zelt auf und legte mich zum Aufwärmen in den Schlafsack. Das dauerte rund zwei Stunden. Ja, ich weiß, geschieht mir recht, weil ich immer über die Hitze meckere.

Am nächsten Morgen Sonnenschein, blauer Himmel und aus dem Zelt hatte ich einen fantastischen Ausblick. Alpine Wiesen, von schwarzen, braunen, grauen, dunkelgrünen und weißen Bergen eingerahmt. Ich zog weiter auf einen Hügel von dem ich auf einen kleinen See blickte. Dort tummelten sich ein paar Enten. Plötzlich bewegte sich am Ufer ein großer brauner Punkt: Ein Ursus arctos horribilis – ein Grizzly. Da kam bei mir aber Hektik auf. Fotoapparat raus, dickes Tele dran, auf Stativ stellen – endlich weiß ich, warum ich euch die ganze Zeit mitgeschleppt habe –, Fernzünder montieren und drauf halten. Ein Riesengrizzly – hat jemals jemand einen Touristen von einem kleinen Grizzly sprechen hören, es sei denn es war ein Junges?

Ich verfüge jetzt also über die Fotoserie Bär vor Wasser, Bär zu einem Viertel im Wasser, Bär zu Hälfte im Wasser, Bär zu drei Vierteln im Wasser, Bär ganz im Wasser, Bär weg, Bär wieder zu drei Vierteln im Wasser und so weiter. Dann Bär zu Hügel laufend, Bär auf Hügel, Bär gräbt Hügel nach Erdhörnchen um, also Bär auf Suche nach Fleisch. Ich dachte „es wird Zeit für mich zu gehen, auch ohne eine letzte Zigarette und ein kleines Bier im stehen”. Abrupter Abbruch der Fotoserie, schnell einpacken und in Gegenrichtung verpissen. Ziemlich spät abends erreichte ich den Endpunkt der Route und schaffte es sogar noch, in Richtung meines Wagens zu trampen.

Jetzt rächte es sich, dass ich den Wagen an dem Flussbett entlang so weit wie möglich den Weg hochgefahren hatte. Ich versteckte den Rucksack im Gebüsch am Highway, lief los und hatte drei Gedanken:

1. Ist der Wagen noch da? Ich hatte den Schlüssel stecken lassen!
2. Ist der Wagen unversehrt? Im Wagen lagerten noch Lebensmittel
und Bären knacken Autobleche, wie Büchsenöffner die Büchsen!
3. Springt der Hobel an? Die guten, alten Batterieprobleme!

Doch ich hatte Glück und fuhr bis zum Kluane Lake, wo ich Pia an den Strand setzte, um nicht zu sagen, im Sand festfuhr. Aber das war ein Problem für den nächsten Tag. Über dem See hing ein toller Mond- und Sternenhimmel.

Am nächsten Morgen zog mich so ein amerikanischer Wohnmobilfritze aus dem Sand, jedoch erst nach mehreren Versuchen, viel ausgraben und reichlich Schweiß. Blauer Himmel, Sonnenschein, also auf nach Haines Junction, um von dort über die Eisfelder zu fliegen. Am Flugplatz war niemand, bis die beiden Wahlmünchener Stefan und Manuel eintrafen. Sie wollten auch fliegen. Wir waren uns schnell über die Route einig und ab drei Personen heben die Aussichtsflieger ab. Der Pilot kam, die Sache war schnell gebongt und schon waren wir in der Luft (da fällt mir gerade ein: Jupp, unverzüglich Aggi von der neuen Bärengeschichte erzählen).

Wir flogen über den Slim’s River zum Kaskawulsh Glacier, einen Trek, den ich 1995 gemacht hatte. Weiter ging es zum größten nonpolaren Eisfeld außerhalb der Pole (nein, nicht Polen) mit dem höchsten Berg Kanadas, dem 5.959 Meter hohen Mount Logan. Atemberaubend ist das einzige Wort, das die Sache im Kern trifft. So viele verschiedene Gletscherarten, -formen und -farben, mit Tausenden, kleinster Seen von einem fast künstlich wirkenden Blau und, und, und. Ihr werdet eh nicht drum herum kommen, die Bilder zu gucken. Als Otto Normalwanderer kommt man hier überhaupt nicht hin.

Abends in Haines Junction mit Stefan und Manuel einen trinken gegangen, anschließend in deren gemieteter Blockhütte übernachtet sowie Reise- und Angelerfahrungen (hmpf!) ausgetauscht. Sie hatten aber ebenfalls noch nichts gefangen. Die beiden brachten mich am folgenden Tag zum Ausgangspunkt des etwa fünftägigen Cottonwood Trails. Der Weg soll besonders einfach zu finden sein, also idiotensicher. Leider stellte ich fest, dass idiotensicher nicht gleich bertisicher ist. Aber dazu später mehr. Mein Auto platzierte ich vorher am Endpunkt der Wanderung.


Gruß

Berthold

Baumjoe
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Re:

von Baumjoe (15.03.2010, 14:08)
Hallo zusammen,

für weitere Leseproben aus meinem ersten Buch "Berge können nicht Kanu fahren" verweise ich auf http://www.pervan.de/reiseberichte/bild ... ?s=1&i=745 .

Übrigens ist www.pervan.de eine gute Adresse für alle Reisebuchautoren, um Auszüge aus ihren Büchern und ein paar Fotos einzustellen und damit ein bisschen Werbung zu betreiben.


Gruß

Berthold

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David Damm
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Re:

von David Damm (15.03.2010, 15:45)
Hallo Berthold,

der Link zu deinem Reisebericht funktioniert leider nicht.

Gruß, David.

Baumjoe
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Re:

von Baumjoe (15.03.2010, 16:02)
Hallo David,

besten Dank für die Benachrichtigung. Aus irgendeinem Grund hat die Leseprobe jetzt bei Pervan Offline-Status, ich konnte sie aber mit dem Login abrufen. Ich arbeite dran und werde noch mal schreiben, wenn es wieder funzt!


Gruß

Berthold

Baumjoe
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Re:

von Baumjoe (15.03.2010, 19:36)
So,

nun klappt's wieder mit dem Link: http://www.pervan.de/reiseberichte/bild ... ?s=1&i=745 .


Gruß

Berthold

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