wgbajohr: Probleme mit der Zeichensetzung

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wgbajohr
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wgbajohr: Probleme mit der Zeichensetzung

von wgbajohr (19.06.2009, 11:14)
Hallo Kolleginnen und Kollegen!

hawepe schrieb:
… nehme ich an, dass die zahlreichen Fehler die alte Rechtschreibung sind.

hawepe wies indirekt auf ein wirkliches Problem hin, das Autoren mit der Rechtschreibreform haben.

Bei der Zeichensetzung gab es seit eh und je eine gewisse Freiheit. Sie war auch erforderlich, und Meister der Sprache – wie Thomas Mann – wussten diese Freiheit auch zu nutzen. Die Rechtschreibreform hat diese Freiheit vergrößert und damit leider auch die Unsicherheit. Besonders unangenehm wird es, wenn der Leser über vermeintliche oder tatsächliche Fehler in der Zeichensetzung stolpert. Der Normalleser wird sich kaum die Mühe machen und nachschlagen, ob die Version des Autors erlaubt ist oder nicht. Er stellt fest, dass er das Komma anders setzen würde, und schon ist es in seinen Augen ein Fehler.

Was bleibt dem Autor zu tun? – Er setzt das Komma zunächst so, wie es seine Absicht unterstützt. Im nächsten Schritt prüft er, ob es sich um einen exotischen Fall der Kommasetzung handelt, sodass er davon ausgehen muss, dass der Normalleser das Komma als falsch interpretiert. Sollte das der Fall sein, kommt für ihn die Gewissensentscheidung: Richtet er sich nach seinen eigenen Vorstellungen oder nach dem unbekannten Leser?

Vielleicht fallt ihr einmal über den folgenden Text her, und legt den Finger auf Fehler in der Zeichensetzung.

Da ein verantwortungsbewusster Mensch die Regel 1 verinnerlicht hat, weiß er, dass er auch für die Ausgestaltung seiner Gesellschaft verantwortlich ist. Er kommt folglich nicht darum herum, sich Gedanken über mögliche Gesellschaftsformen zu machen.

Darüber nachzudenken macht ihm bewusst, dass es vermutlich ebenso viele Gesellschaftsformen wie darüber nachdenkende Menschen gibt. Wie soll er aus dieser Vielzahl die richtige Gesellschaft herausfinden? Überdies kann er nicht übersehen, dass es eine für alle richtige Gesellschaft gar nicht gibt.

Dann kommt ihm die Erleuchtung. Ihm wird klar, dass sich alle Gesellschaftsformen auf zwei Grundformen zurückführen lassen: Jede Gesellschaft gehört entweder zu den offenen oder den geschlossenen Systemen. Diese Zugehörigkeit sagt etwas über die soziale Gerechtigkeit aus.

In einigen Tagen werde ich mich zu euren Vorschlägen äußern.

Viele Grüße
Wolf-Gero
Die Veränderung der Welt beginnt bei jedem Einzelnen
Etwas beeinflussen zu können heißt, dafür verantwortlich zu sein
http://www.leistung-und-gesellschaft.de/

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hawepe
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Re: wgbajohr: Probleme mit der Zeichensetzung

von hawepe (19.06.2009, 11:22)
Hallo Wolf-Gero,

wgbajohr (Moderator) hat geschrieben:
In einigen Tagen werde ich mich zu euren Vorschlägen äußern.


Da bin ich ja sehr gespannt. Ich würde die Zeichen genau so setzen, wie sie gesetzt sind :-)

Beste Grüße,

Heinz.

Maya

Re:

von Maya (19.06.2009, 12:21)
Hallo zusammen,

ich schließe mich Heinz Meinung an. Ich würde die Kommata genauso setzten, wie es dasteht.

Ich zähle mich mal ganz ungeniert zu denen, die "nach Gefühl" Satzzeichen setzten und damit richtig liegen. In der Schule ist mein Deutschlehrer regelmäßig an mir verzweifelt, weil er wissen wollte, warum ich hier und da ein Komma gesetzt habe. Sie waren schon richtig, aber er wollte eine Erklärung und Begründung von mir. Jedes Mal, wenn ich ihm dann gesagt habe, dass ich es "nach Gefühl" gemacht habe, hat er verächtlich den Mund verzogen und gemeint: "Das geht auch nicht immer gut." dozey:

Naja, ich kann damit leben...
cheezygrin

Grüße
Maya

Weasel

Re:

von Weasel (19.06.2009, 12:38)
Da bin ich ja sehr gespannt. Ich würde die Zeichen genau so setzen, wie sie gesetzt sind Smile



Dito.

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wgbajohr
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Re:

von wgbajohr (19.06.2009, 12:45)
Hallo Heinz, Maya und alle weiteren Kolleginnen und Kollegen!

Dieses soll noch nicht meine Abschlussmeldung sein, sie kommt in wenigen Tagen.

Ich möchte euer Augenmerk auf den folgenden Satz lenken. Er enthält einen erweiterten Infinitiv (Darüber nachzudenken ), der für gewöhnlich durch ein Komma vom Rest des Satzes abgetrennt wird. Hier steht kein Komma. Ist das richtig oder falsch? Warum?

Darüber nachzudenken macht ihm bewusst, dass es vermutlich ebenso viele Gesellschaftsformen wie darüber nachdenkende Menschen gibt.

Viele Grüße
Wolf-Gero
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idebe
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Re:

von idebe (19.06.2009, 12:54)
Hallo Wolf-Gero,

meinen lange zurückliegenden Schulkenntnissen zufolge nimmt der Infinitiv hier die Funktion des Subjekts ein und benötigt deswegen kein Komma.

Viele Grüße
Ina

(Edit: Tippfehler korrigiert)
Zuletzt geändert von idebe am 20.06.2009, 08:32, insgesamt 1-mal geändert.

Myra
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Re:

von Myra (19.06.2009, 16:08)
Hallo zusammen! cheezygrin

Meinen zwar ganz präsenten, aber dennoch löchrigen Schulkenntnissen zufolge liegt idebe mit ihrer Meinung richtig.
Ehrlich gesagt finde ich aber "Darüber nachzudenken" an dieser Stelle etwas komisch... blink3
Trotzdem: Kein Komma!

LG Myra

Rita Hajak

Re:

von Rita Hajak (19.06.2009, 16:47)
Hallo Wolf-Gero,

deine Kommasetzungen sind, für meine Begriffe, völlig richtig.

Ich habe über mein fertiges Manuskript den Duden Korrektor
laufenlassen und musste feststellen, dass dieser Kommatas setzten will, die ich nicht akzeptiere.

Ob das nun richtig oder falsch ist, kann ich nicht sagen.

LG.Rita

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wgbajohr
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Re:

von wgbajohr (19.06.2009, 20:46)
Verehrte Kolleginnen und Kollegen!

Nun komme ich doch schon früher dazu, meine Antwort zu verfassen. Nachdem sich die Koryphäen (das ist nicht ironisch gemeint) bereits geäußert haben, ist nicht mehr mit allzu vielen Antworten zu rechnen. Vermutlich habt ihr ohnehin gemerkt, dass es vordergründig nicht um richtige oder falsche Kommasetzung ging. Trotzdem wende ich mich als Erstes ihr zu.

Der einzige Zweifelsfall war eigentlich nur Darüber nachzudenken macht ihm bewusst. Man könnte auf nachzudenken ein Komma folgen lassen, aber man kann es auch weglassen, weil – wie Ina völlig richtig begründet – hier der Infinitiv die Funktion des Subjekts einnimmt, und das trennt man nicht gern vom Prädikat.

Zunächst hatte ich überlegt, dem Text alle Kommas (man kann natürlich auch Kommata sagen) zu rauben, doch dann entschied ich mich, sie so zu setzen, wie es meiner Absicht entspricht. Ich bemühe mich, mithilfe der Kommas die Satzstruktur sichtbar zu machen, weil ich meine, dass die Lesbarkeit dadurch erhöht wird. Es gibt auch die gegenteilige Auffassung, nämlich nur die Kommas zu setzen, die nicht weggelassen werden dürfen, weil jedes zusätzliche Komma den Lesefluss behindert. Manche Schreiber, die Kommas nach Gefühl setzen und erstaunlicherweise meistens richtig liegen, haben möglicherweise ihr Gefühl an die Regeln angepasst, vielleicht einem erfahrenen Autofahrer ähnlich, der auch nicht mehr überlegen muss, wie das Zusammenspiel von Gang, Kupplung und Gas zu sein hat.

Ich habe mich hier auf drei unterschiedliche Absichten, die mit der Kommasetzung verfolgt werden, beschränkt. Sie zeigen bereits, dass die Ergebnisse unterschiedlich und dennoch richtig sein können. Deshalb ist es für mich unverständlich, dass jemand, der für sich beansprucht, die Zeichensetzung zu beherrschen, zu dem folgenden Pauschalurteil kommen kann:

Was mich leider gestört und eine Höchstbewertung dieses ambitionierten Werkes verhindert hat, sind die zahlreichen Rechtschreib- und Grammatikfehler (selbst im Inhaltsverzeichnis!), die gerade in einer solcherart gestalteten Publikation völlig fehl am Platze sind und auch durch sorgfältiges Gegenlesen eines als Korrektor Fungierenden sicherlich zu vermeiden gewesen wären.

Was soll der Kritisierte, hier Heinz W. Pahlke, damit anfangen? Erst wenn der Rezensent angibt, wo und wie er die Zeichen anders setzen würde, könnte Heinz prüfen, ob ihm dort tatsächlich Fehler unterlaufen sind oder ob es sich nur um Abweichungen zwischen verschiedenen Möglichkeiten handelt.

Was ist die Moral von der Geschicht'? – Autoren setzen ihre Satzzeichen im Rahmen des Erlaubten so, wie es ihrer Absicht entspricht. Ob tatsächlich jeder Leser der gleichen Meinung ist, sollte die Autoren nicht berühren, zumal auch bei den Lesern unterschiedliche Auffassungen gegeben sind. Für konstruktive Kritik sind sie natürlich offen, aber Rundumschläge ignorieren sie nach Möglichkeit.

@ Heinz: Für dich kann die Spannung nicht allzu groß gewesen sein, da wir – was die Zeichensetzung in diesem Text betrifft – gleicher Meinung sind.

@ Maya: Zum Setzen der Satzzeichen nach Gefühl habe ich mich im Text geäußert.

@ Ina: Dass das Komma weggelassen werden kann, wenn der Infinitiv die Funktion des Subjekts übernimmt, wissen meiner Erfahrung nach nicht allzu viele Schreiber.

@ Myra:
Myra schreibt: Ehrlich gesagt finde ich aber "Darüber nachzudenken" an dieser Stelle etwas komisch...

Über mögliche Gesellschaftsformen nachzudenken macht ihm bewusst, dass es vermutlich ebenso viele Gesellschaftsformen wie darüber nachdenkende Menschen gibt.

Gefällt es dir so besser?

@Rita:
Rita schreibt: Ich habe über mein fertiges Manuskript den Duden Korrektor laufenlassen und musste feststellen, dass dieser Kommatas setzten will, die ich nicht akzeptiere.

Damit gibst du mir ein gutes Stichwort. Der Duden Korrektor wird manchmal als Allheilmittel gepriesen. Meines Erachtens sollte seine Funktion auf das Auffinden von Zweifelsfällen beschränkt bleiben. Zeigt der Korrektor auf eine Abweichung von meiner Vorgabe, nehme ich es zum Anlass, den Fall zu prüfen. Das Endergebnis muss aus dem Kopf des Autors kommen oder einem schlauen Buch.

Zum Schluss danke ich allen, die sich geäußert haben, auch denen, die ich nicht explizit angesprochen habe.

Viele Grüße
Wolf-Gero
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