Zeitproblem

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Judith
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Zeitproblem

von Judith (27.01.2008, 19:08)
Liebe Leute,

ich bin mir mit einem Zeitproblem nicht ganz sicher. In einem anderen Forum meinte ich, dass eine allgemeingültige Aussage, die noch zutrifft, im Präsens geschrieben werden müsse, auch wenn das Buch in der Vergangenheit geschrieben ist. Eine Forenteilnehmerin meinte, das sei falsch. Ich bin mir da nie sicher. Nehmen wir mal ein Beispiel aus meinem Tanzroman. Er ist in der ersten Person geschrieben, endet in der Gegenwart. Ich gehe davon aus, was in der Gegenwart noch gilt:

Tanja ließ die Musik wieder laufen und alle versuchten es nochmal. Die meisten schoben immer noch recht lasch ihre Fäuste nach oben. Black war nach wie vor zu spät dran. Nur bei Carina sah es aus, als wolle sie ein Loch in die Decke schlagen. Sie tanzt immer mit vollem Einsatz. In einigen Wochen sollte sie die Aufnahmeprüfung für eine Musicalschule in Essen machen. Die Konkurrenz schläft nicht, und Carina steckte ihre ganze Freizeit in die Vorbereitung. In Leos Tanzstudio ist sie für viele ein Idol. Vor allem jüngere Mädchen stehen oft an der Glastüre und sehen ihr voll Bewunderung zu, wollen gern tanzen können wie sie. Doch bei der Audition musste Carina gegen andere ebenso begabte Bewerber antanzen, die in derem Studio der „Star“ waren.

Anderes Beispiel ist mein letztes Manuskript vom Außerirdischen Bobo. Hier der Anfang:

Endlich Ferien!
Barobobo42036zet-vau war schrecklich aufgeregt. Nervös zappelte er mit seinen vier Händen. Sein Hauptauge, das wie bei allen Blubianern oben aus dem Kopf ragte, drehte er verwirrt in alle Richtungen. Seine gelbe Haut wirkte blass und bekam grüne Pickelchen. Bisher war er noch nie auf einem Transpusterhafen gewesen, hatte Blub noch kein einziges Mal verlassen. Ein wenig hilflos beobachtete er das ungewohnte Treiben.

Sein Planet Blub ist der beliebteste des Sonnensystems AlphaGamma17und4. Die Luft ist hier besonders gut und die Temperatur angenehm. Es gibt sogar acht Bäume auf Blub, die einzigen der Galaxis. Sie werden gerne von Reisenden der umliegenden Planeten besichtigt, doch die Eintrittskarten sind teuer und immer schnell ausverkauft. Im Übrigen gibt es so viel Wasser auf Blub, dass man an einigen Stellen sogar darin baden kann. Das ist eine großartige Besonderheit, denn auf Plop, Trit, Klek und Gwag ist das Wasser äußerst knapp und reicht gerade für die staatliche Trinkwasserzuteilung.

Unzählige verschiedene Lebewesen in allerlei Farben und Größen hasteten auf dem Transpusterhafen hin und her. (...)


Weiß jemand eine Regel, wie das gehandhabt wird?

Grüßle,
Judith
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roland_lange

Re:

von roland_lange (27.01.2008, 19:50)
Hallo Judith,

Reglen habe ich ebenso wenig im Kopf, wie Namen oder Geburtstage. Ich bin auch in der Schriftstellerei eher ein Bauchmensch. Daher mal kurz mein "Bauchgefühl":

Im ersten Beispiel würde ich nicht die Gegenwartsform anwenden, sondern es in der Vergangenheit weiterlaufen lassen. Es führt sonst irgendwie zu einem Bruch im Erzählfluss.
Außerdem mischt du in dem blau geschreibenen Teil Gegenwarts- und Vergangenheitsform durcheinander, was m. E. definitiv nicht geht.

Im zweiten Beispiel passt die Gegenwartsform, da sie, quasi als Einschub, die Zustandsbeschreibung eines Gegenstandes liefert, die unabhängig von einer dynamischen Handlung/Entwicklung ist.

Ich hoffe, jemand in diesem Forum kann dir zu meinen Ausführungen noch die passenden Regeln liefern - falls ich richtig liegen sollte. Liege ich falsch, wirst du auch das sicher in Kürze von jemand erfahren cheezygrin

Gruß
Roland

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Judith
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Re:

von Judith (29.01.2008, 00:17)
Danke, Roland.

Schade, dass mir anscheinend sonst niemand weiterhelfen kann.

Grüßle,
Judith
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Bärentante
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Re:

von Bärentante (29.01.2008, 00:55)
Huhu Judith,

einen grammatikalischen Hintergrund weiß ich leider auch nicht. Aber das Problem hatte ich auch schon öfter, habe es mit separaten Absätzen gelöst, so wie du bei dem Planeten. :wink: Sich nicht (oder nur langsam) verändernde Fakten in der Gegenwart.

Die Tanzstory hätte ich komplett in der Vergangenheit geschrieben.
"Sie tanzte immer mit vollem Einsatz. Ein einigen Wochen ..." Das ist zum Zeitpunkt der Erzählung, wie alle anderen Schilderungen auch, abgeschlossen. Entweder sie hat die Prüfung bestanden und steht auf der Bühne oder sie hat aufgegeben bzw. gibt nicht mehr alles. (Der mögliche negative Klang, dass sie vielleicht nicht mehr leben könnte, entfällt in diesem Fall, denke ich.)
Liebe Grüße
Christel

dbs

Re:

von dbs (29.01.2008, 01:31)
Judith hat geschrieben:
Schade, dass mir anscheinend sonst niemand weiterhelfen kann.


Ja, wundert mich auch!

LG
Siegfried

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Birgit Fabich
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Re:

von Birgit Fabich (29.01.2008, 07:37)
Hallo Judith,
muß Bärentante Recht geben. Im Original gelesen (geimpft von Deiner Anfrage hier) fiel mir die Stelle ins Auge.
Ich bin auch für durchgehend...
Dein Buch hat mir sehr gefallen, später mehr, muß jetzt los.
Einen schöne Tag und weiterhin gute Ideen für Tanzaufführungen und Geschichten.
Viele Grüße
Birgit

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Judith
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Re:

von Judith (29.01.2008, 12:19)
Hallo Christel,

es geht nicht darum, dass sie gestorben ist, sondern immer noch in dem Studio tanzt (zum Gegenwartszeitpunkt, denn, wie gesagt, das Buch endet in der Gegenwart). Aber es in einem Abschnitt zu mischen stört wohl wirklich den Lesefluss. Ich bin selbst immer wieder "geholpert", war aber vielleicht zu pingelig, was die "reale Zeit" betrifft.

Solche Dinge sind natürlich ein Problem, wenn man kein Lektorat hat. Beklagt hat sich bisher niemand, aber ich schätze mal, es melden sich nur die Leute bei mir, die das Buch gut fanden. Die anderen sagen einfach nix. :wink:

Danke schon mal für die bisherigen Antworten.

Schönen Tag wünscht
Judith
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matthiasgerschwitz

Re:

von matthiasgerschwitz (29.01.2008, 12:20)
Hallo Judith,

ich habe hin und her überlegt und die Texte in allen möglichen Tempi laut gelesen - vom Klang her und von der Verständlichkeit (Regeln habe ich da jetzt auch nicht) solltest Du in der Vergangenheit bleiben. Denn das, was Du im Präsens schreibst, galt ja auch schon in der Vergangenheit. Z. B. tanzt Carina ja nicht erst jetzt mit vollem Einsatz, sondern tat es auch schon, als Deine Handlung geschah. Und auch die Beschreibung des Planeten (?) war zu der Zeit, als die Geschichte spielt, schon gültig. Deshalb mein Vorschlag - wie immer ohne Gewähr: Zwei Mal Vergangenheit!

Tempi passati! cheezygrin

Matthias

Melissa
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Re:

von Melissa (29.01.2008, 13:39)
[vom Verfasser entfernt]
Zuletzt geändert von Melissa am 18.07.2015, 20:33, insgesamt 1-mal geändert.

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Vera Wolf
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Re:

von Vera Wolf (29.01.2008, 14:28)
Judith,

das Stichwort heißt "episches Präteritum", und vielleicht findest Du hier http://www.fernuni-hagen.de/EUROL/termi ... i/9270.htm das, was Du suchst.

Rein gefühlsmäßig stört mich der Präsens in beiden Beispielen!

Vera Wolf
www.verawolf.liebe-lebenslust.de

Über Eintragungen der geneigten Leser in mein (neues) Gästebuch würde ich mich sehr freuen!

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Judith
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Re:

von Judith (30.01.2008, 01:16)
Hallo Vera,

vielen Dank für den tollen Link! Zwar bin ich dadurch noch zu keinem endgültigen Ergebnis gekommen, aber das Lexikon ist toll! Und ich weiß jetzt, wonach ich suchen muss.

Beim Tanzroman sehe ich ein, dass durchgehende Vergangenheit besser gewesen wäre. Beim Außerirdischen bin ich mir nicht so sicher, und auch andere Leute, die ich gefragt hatte, würden es in meiner Form lassen.

Stellt euch vor, ihr schreibt einen Roman in der heutigen Zeit. in Deutschland. Die Geschichte soll irgendwann vor ein paar Wochen passiert sein. Da kommt dann vielleicht W. aus München vor. "Auf dem Land war es ihm zu ruhig. Schließlich lebte er in München, dort war immer was los.
München war eine Stadt mit 1,3 Mio. EW."

Ich würde eher "ist" schreiben.

Grüßle,
Judith
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roland_lange

Re:

von roland_lange (30.01.2008, 05:49)
"Auf dem Land war es ihm zu ruhig. Schließlich lebte er in München, dort war immer was los.
München war eine Stadt mit 1,3 Mio. EW."


Hallo Judith,

ich würde es (vom Gefühl her) so schreiben: "Auf dem Land war es ihm zu ruhig. Schließlich siedelte er nach München um. München ist eine Stadt mit 1,3 Mio. EW. und dort ist immer etwas los."

Gruß
Roland

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hawepe
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Re:

von hawepe (30.01.2008, 07:30)
Hallo,

Vera Wolf hat geschrieben:
das Stichwort heißt "episches Präteritum", und vielleicht findest Du hier http://www.fernuni-hagen.de/EUROL/termi ... i/9270.htm das, was Du suchst.


Danke fuer den Link. Eine interessante Seite. Und wenn die Autoren es nun noch lernen, ein verstaendliches Deutsch zu schreiben ..., aber das ist wohl zuviel verlangt von Wissenschaftlern.

Beste Gruesse,

Heinz.

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hawepe
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Re:

von hawepe (30.01.2008, 07:44)
Hallo Roland,

roland_lange hat geschrieben:
ich würde es (vom Gefühl her) so schreiben:


Das ist oft das Problem: das eigene Gefuehl und die Regeln muessen nicht immer uebereinstimmen.

Ich lasse mich da eher von meinem Sprachgefuehl leiten, als das ich jedesmal nach den Regeln suche.

Habe ich das Gefuehl, dass eine Formulierung zwar richtig klingt, aber nicht der Grammatik entspricht, versuche ich es mit Umformulieren. Auf keinen Fall darf es grammatikalisch korrekt sein, aber verkehrt klingen. Aber umgekehrt mag ich es auch nicht.

"Auf dem Land war es ihm zu ruhig. Schließlich siedelte er nach München um. München ist eine Stadt mit 1,3 Mio. EW. und dort ist immer etwas los."


Das ist so ein Fall fuer eine Umformulierung. Wenn der Text heute gelesen wird, ist fuer mein Sprachgefuehl die Gegenwart korrekt. Aber wie liest es sich in zwanzig Jahren? Vielleicht hat Muenchen dann 2 Millionen Einwohner?

Oder der Roman waere vor 100 Jahren geschrieben worden und es hiesse "mit 300.000 Einwohnern"? Liest man die ganze Passage mit dieser Zahl laut, hoert man direkt, wie falsch es klingt.

Beste Gruesse,

Heinz.

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Claire
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Re:

von Claire (30.01.2008, 09:35)
Sie tanzt immer mit vollem Einsatz.

Liebe Judith,

mit dem Präsens drückt man
- ein gegenwärtiges Geschehen;
- eine allgemeine Gültigkeit;
- ein zukünftiges geschehen (mit Zeitangabe);
oder ein vergangenes Geschehen (historisches Präsens) aus.

Also völlig falsch ist es nicht.

Im Zusammenhang mit dem obigen Satz und dem Gesamttext, würde ich das Perfekt benutzen, also "Sie hat immer mit vollem Einsatz getanzt". Damit würdest du ausdrücken, dass sie das in der Vergangenheit getan hat, in der Gegenwart tut und voraussichtlich in der Zukunft auch noch. Somit wäre es dann "politisch" korrekt. Gegenwart und Vergangenheit in einem Absatz mischt man nicht.

In dem anderen Fall kannst du es so machen, weil es ein Absatz für sich, im Prinzip ein Einschub ist.

Ich hoffe, ich konnte dir helfen.

LG Claudia
LG Claudia
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