Buch schreiben (Teil 1/3): Handlung oder Hauptfigur?

Buch schreiben (Teil 1/3): Handlung oder Hauptfigur?

Was ist wichtiger beim Verfassen eines Manuskripts – Handlung oder Hauptfigur? Karla Schmidt, Autorin und Studienleiterin der Schule des Schreibens, geht im ersten Teil der Artikelreihe dieser Frage nach und gibt Tipps zur richtigen Herangehensweise beim Schreiben.

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Gastbeitrag von Karla Schmidt

Was ist wichtiger – Handlung oder Hauptfigur?

Nehmen wir an, Sie haben eine Idee für einen Roman, und jetzt wollen Sie mehr darüber herausfinden und die Idee weiterentwickeln. Womit fangen Sie an? Kümmern Sie sich zuerst darum, Ihre Hauptfigur kennenzulernen, führen Sie imaginäre Gespräche mit ihr oder entwerfen Sie eine Biografie? Oder beginnen Sie damit, sich einen Plot auszudenken? Was ist zuerst da und was ist wichtiger, Handlung oder Hauptfigur?

Diese Frage konnte, seit der griechische Philosoph Aristoteles darüber nachgedacht hat, nicht abschließend geklärt werden. Die Praxis zeigt: AutorInnen gehen – je nach Typ und Genre – entweder stärker vom Plot aus oder von den Figuren. Beides funktioniert prima, weil Hauptfigur und Handlung einander brauchen. Ohne Hauptfigur haben wir niemanden, der etwas erlebt, und ohne Handlung können wir der Hauptfigur lediglich dabei zusehen, wie alles beim alten bleibt. Beides ist sehr langweilig.

Die Hauptfigur als Ausgangspunkt

Wenn wir eine Geschichte von der Hauptfigur her angehen, stellt sie sich so dar: Da ist ein Mensch mit einem Alltag, in dem etwas mächtig schiefläuft. Ein Problem drängt auf Lösung, ein Ziel will erreicht werden. Die Hauptfigur wird dadurch gezwungen, ihre Routinen aufzugeben und Ungewohntes zu tun, das ihr Ich-Gefühl herausfordert und verändert. Sie gerät im Verlauf der Geschichte immer mehr unter Druck und muss eine Menge lernen, um ihr Problem zu lösen und ihr Ziel zu erreichen.
Dadurch verändert sie sich als Mensch, sie wächst an ihren Problemen. Wenn Sie den Hobbit im Kino gesehen haben, erinnern Sie sich vielleicht an folgenden Dialog, in dem Bilbo und Gandalf darüber streiten, ob Bilbo weiter zu Hause in seinem Sessel sitzen und lesen oder besser auf ein Abenteuer gehen sollte:

Bilbo: Kannst du denn versprechen, dass ich zurückkehren werde?
Gandalf: Nein. … Und wenn doch, dann wirst du nicht mehr derselbe sein.

Diese Zeilen fassen zusammen, worum es in Geschichten immer geht: Sie handeln davon, wie Menschen sich unter dem Druck der Ereignisse verändern und wachsen.

Wenn wir eine Geschichte von der Figur her erkunden, können wir uns also ein paar nützliche Frage stellen:

  • Wer ist die Hauptfigur, wenn sie aufbricht?
  • Was ist ihr Ziel, was ihr tiefstes emotionales Bedürfnis?
  • Welchen Schmerz oder welche Angst muss sie überwinden, um ihr Ziel zu erreichen?
  • Und wie wird dieser Mensch sich am Ende verändert haben?
Karla Schmidt

Karla Schmidt

geboren 1974 in Göttingen, lebt mit ihrer Familie in Berlin. Sie hat Kultur-, Theater- und Filmwissenschaft studiert und veröffentlicht unter den Namen Karla Schmidt und Charlotte Freise. Ihre Genres sind Thriller, Science Fiction, Historischer Roman und verschiedene Mischformen. Sie gehört zu den Mitgründern des Verlags "Das Beben". Sie ist als Autorin und Studienleiterin für die Schule des Schreibens, Deutschlands größter Autorenschule, tätig.
www.karla-schmidt.de

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Beide Seiten der Gleichung kennen

Von welcher Seite man eine Geschichte auch angeht: Wenn man sich in eine Sackgasse hineingeschrieben hat, ist es hilfreich, sich daran zu erinnern, dass es keinen Plot gibt ohne Hauptfigur, die handelt und anders herum die Hauptfigur sich nicht bewegt, wenn der Plot sie nicht dazu zwingt.


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Wenn Figuren sich sperren

Wer weiß, wie seine Figuren denken, fühlen und sich unter Druck verhalten, stellt beim Schreiben manchmal fest, dass sie sich dem Plot nicht fügen wollen. Sie müssten dafür Dinge tun, die nicht zu ihnen passen und streben in eine ganz andere Richtung.
In diesem Fall kann man sich fragen, was die Hauptfigur denn tun würde, wenn man sie lässt. Will sie ihren Problemen nur ausweichen? Oder kennt Sie einen besseren Weg? Wenn man den Figuren folgt, ergeben sich dadurch oft spannende neue Möglichkeiten für den Plot, an die man bisher nicht gedacht hat.

Die Handlung als Ausgangspunkt

Wenn wir eine Geschichte von der Handlung her angehen, stellt sie sich etwas anders dar. Dann brauchen wir einen Plot, und ein Plot ist mehr als ein schlichtes Aufeinanderfolgen von Ereignissen, die man nach dem Prinzip erst passiert dies, und dann das, und dann jenes, und dann … aneinanderreiht.
Ein Plot entsteht, wenn man die Ereignisse nach dem Prinzip von Ursache und Wirkung miteinander verbindet: Erst passiert das, darum passiert dann dies, daraus folgt jenes, was wiederum Ursache für das Nächste ist,
Nichts, was geschieht, soll aus dem Hut gezaubert oder wie ein allzu praktischer Zufall wirken. Alles soll glaubwürdig sein und zwingend zum nächsten Ereignis führen, das den Plot voran bringt.

Wer vom Plot her auf eine Geschichte zugeht, wird also eher solche Fragen stellen:

  • Welches Ereignis führt dazu, dass die Hauptfigur sich ins Abenteuer stürzen muss?
  • Welche Hürden und Gegner stellen sich ihr in den Weg?
  • Wer hilft ihr und warum?
  • An welchem Punkt weiß sie nicht mehr weiter, und was kann passieren, damit sie neuen Mut und Kraft gewinnt? …?

Wenn der Plot nicht weitergeht

Wenn man einen Roman von der Hauptfigur her denkt, entsteht manchmal das gegenteilige Problem: Sie will sich am liebsten gar nicht mehr bewegen, sie handelt nicht – und darum kann die Geschichte nicht weitergehen.
In diesem Fall lohnt es sich, auf den Plot zu schauen. Wenn Figuren sich nicht bewegen, liegt das häufig daran, dass sie durch die Ereignisse noch nicht genügend unter Druck gesetzt werden. Hier gilt, genau wie im richtigen Leben: Menschen handeln meist erst dann, wenn sie unbedingt müssen.

Teil 2 der Artikelreihe

Im zweiten Artikel der Reihe schauen wir uns genauer an, wie äußere Handlung (= Plot) und innere Story (= Hauptfigur) miteinander in Wechselwirkung treten.

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